Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 71 (2023), 4

Titel der Ausgabe 
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 71 (2023), 4

Erschienen
München 2023: De Gruyter Oldenbourg
Preis
Jahresabo: € 59,80; Stud.abo: € 34,80; Mitgl.abo. hist. u. pol. Fachverbände: € 49,80; Online-Zugang: € 49,00; Print+Online-Abo: € 72,00

 

Kontakt

Institution
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin
Abteilung
Redaktion Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Land
Deutschland
PLZ
80636
Ort
München
Straße
Leonrodstraße 46 B
Von
Florian Hoppe, Geisteswissenschaften, De Gruyter Oldenbourg

Die Oktoberausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ist erschienen; der Aufsatz von Kristina Milz zu Max Süßheim und seinen Feinden ist für drei Monate frei zugänglich. Wir wünschen anregende Lektüre!

Inhaltsverzeichnis

Aufsätze

Kristina Milz, Genese eines Feindbilds. Der jüdische Sozialdemokrat Max Süßheim und seine Gegner
Im frühen Stürmer ist der Nürnberger Max Süßheim (1876–1933) omnipräsent: Mitte der 1920er Jahre kam kaum eine Ausgabe des Hetzblatts ohne den Sozialdemokraten als Motiv aus, der als Anwalt zu den frühen Gegnern des Nationalsozialismus gehörte. Als Politiker hatte Süßheim zuvor eine wichtige Rolle in der Revolution von 1918/19 gespielt; bis heute ist er der letzte jüdische Landtagsabgeordnete Bayerns geblieben. Wie konnte eine solche Figur sogar in ihrer eigenen Partei in Vergessenheit geraten? Kristina Milz verortet den jüdischen Sozialdemokraten bürgerlicher Herkunft im vor- und frühdemokratischen Bayern und legt dabei die identitätszentrierte Argumentationslogik seiner Gegner offen, die Süßheim von links wie rechts stets auf seine Herkunft zurückwarf.

Kristina Milz, The Genesis of a Concept of the Enemy. The Jewish Social Democrat Max Süßheim and His Opponents
In the early Stürmer, Max Süßheim (1876–1933) from Nuremberg is omnipresent: During the mid-1920s there was hardly a single issue of the smear sheet which neglected to refer to the Social Democrat, who as a lawyer was among the early opponents of National Socialism. As a politician Süßheim had played an important role during the revolution of 1918/19; to date he remains the last Jewish member of the Bavarian parliament. How could such a figure be forgotten even within his own political party? Kristina Milz places the Jewish Social Democrat with a bourgeois background into the context of pre-democratic and early democratic Bavaria and exposes his enemies’ identity-centred line of argumentation, which, whether coming from the left or the right, always reduced Süßheim to his heritage.

Julika Badstieber-Waldt, Zwischen Wehrmachtgemeinde und Gefängniszelle. Der Wehrmachtpfarrer Otto Gramann im besetzten Belgien/Nordfrankreich 1940 bis 1944
Obwohl die Geschichte der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg intensiv erforscht worden ist, gibt es immer noch weiße Flecken, zu denen auch die Rolle der Wehrmachtseelsorger im deutsch besetzten Europa gehört. Julika Badstieber-Waldt nimmt sich dieses Themas am Beispiel des österreichischen Wehrmachtoberpfarrers Otto Gramann an, der zwischen 1940 und 1944 in Belgien/Nordfrankreich eingesetzt war. Ihr Aufsatz zeigt, wie sich die Rolle der Wehrmachtpfarrer mit zunehmender Dauer der Besatzung veränderte und immer mehr an Komplexität gewann. Während die Wehrmachtseelsorge ursprünglich ausschließlich für deutsche Soldaten gedacht war, waren in den westlichen Besatzungsgebieten rasch auch Häftlinge und zum Tode Verurteilte zu betreuen. Anhand von eindrucksvollen Quellen aus Gramanns Nachlass zeichnet Julika Badstieber-Waldt dessen Tätigkeit zwischen Militärgemeinde und Gefängniszelle nach, die in der Nachkriegszeit erstaunliche Beachtung fand.

Julika Badstieber-Waldt, Between Wehrmacht Parish and Prison Cell. Wehrmacht Chaplain Otto Gramann in Occupied Belgium/Northern France, 1940 to 1944
Even though the history of the Wehrmacht during the Second World War has been intensively explored, there still are gaps, including the role of Wehrmacht chaplains in German-occupied Europe. Julika Badstieber-Waldt deals with the topic using the example of the Austrian Wehrmacht Senior Chaplain Otto Gramann, who was deployed in Belgium and Northern France between 1940 and 1944. Her article demonstrates how the role of Wehrmacht chaplains changed and became progressively complex over time. While the Wehrmacht chaplain service was originally only designed for German soldiers, prisoners and convicts on death row in the western occupied territories were soon placed in their care as well. Using impressive sources from Gramann’s papers, Julika Badstieber-Waldt depicts his activities between military congregation and prison cell, which drew an extraordinary degree of attention during the post-war period.

Patrick Bernhard, Die ausgebliebene Ahndung. Nationalsozialistische Verbrechen an Tuberkulosekranken, westdeutsche Strafverfolgung und die Konstruktion von „Normalität“ nach 1945
Zu den wenig beachteten Opfern der NS-Diktatur gehören tuberkulosekranke Menschen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Fälle von gezielter Patientenvernachlässigung, physischer Gewalt und schließlich Mord nach 1945 juristisch nicht belangt wurden, soweit es deutsche Opfer betraf. Patrick Bernhard fragt nach den Gründen dafür und zeigt auf der Basis neu erschlossener Quellen, dass dies mit dem Unwillen zusammenhing, Verbrechen zu ahnden, die nicht in Konzentrationslagern oder als genuin nationalsozialistisch begriffenen Institutionen begangen worden waren. So kann man das Vorgehen der beteiligten Juristen als erfolgreichen Versuch begreifen, den Nationalsozialismus und die in seinem Namen begangenen Verbrechen einzuhegen und sie auf bestimmte Tatkomplexe, Täter und Tatorte zu begrenzen. Der Aufsatz verweist damit auch darauf, wie in der westdeutschen Gesellschaft „Normalität“ konstruiert wurde.

Patrick Bernhard, The Punishment That Never Came. National Socialist Crimes against Tuberculosis Patients, West German Prosecutions and the Construction of “Normality” after 1945
Persons suffering from tuberculosis are among the forgotten victims of the Nazi dictatorship. One of the reasons for this was the fact that cases of intentional patient neglect, physical violence and finally murder were not prosecuted after 1945 insofar as they pertained to German victims. Patrick Bernhard inquires into the reasons for this and – by using newly treated sources – points to a lack of will to deal with crimes which did not take place in concentration camps or institutions understood to be genuinely National Socialist. Thus, the approach of the involved jurists can be interpreted as a successful attempt to enclose National Socialism and the crimes committed in its name by reducing them to certain criminal acts, perpetrators and crime scenes. The article thereby also describes how “normality” was constructed in West German society.

Philipp Glahé, NS-Kontinuitäten oder persönliche Mythenbildung? Der Physiker Léon Grünbaum und das Kernforschungszentrum Karlsruhe zwischen antifaschistischer Atomkritik und Erinnerungspolitik
2012 geriet das Karlsruher Institut für Technologie in die Schlagzeilen, als öffentlich bekannt wurde, dass der Jurist Rudolf Greifeld, von 1956 bis 1974 Geschäftsführer des Kernforschungszentrums Karlsruhe (KfK), als Ehrensenator der Universität geführt wurde. 1975 hatte es um Greifeld einen Skandal gegeben, als der ehemalige KfK-Mitarbeiter Léon Grünbaum mit Beate und Serge Klarsfeld einen antisemitischen Vermerk Greifelds aus dem Jahr 1941 öffentlich gemacht hatte. In einem nie publizierten Manuskript untersuchte Grünbaum die personellen Kontinuitäten der deutschen Kernforschung und warf Greifeld vor, ein untergetauchter NS-Verbrecher zu sein. Die Vorwürfe wurden wissenschaftlich mehrfach widerlegt, was in der öffentlichen Debatte in Karlsruhe jedoch nahezu unbeachtet blieb.

Philipp Glahé, Nazi Continuities or Personal Mythmaking? The Physicist Léon Grünbaum and the Karlsruhe Nuclear Research Centre between Antifascist Nuclear Criticism and the Politics of Memory
In 2012 the Karlsruhe Nuclear Research Centre made the headlines when it became public knowledge that the jurist Rudolf Greifeld, managing director of the Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) between 1956 and 1974, was listed as honorary senator of the university. In 1975 there had been a scandal regarding Greifeld, when the former KfK employee Léon Grünbaum together with Beate and Serge Klarsfeld published an antisemitic memorandum written by Greifeld in 1941. In an unpublished manuscript Grünbaum investigated the continuities among the personnel in German nuclear research and accused Greifeld of being an unexposed Nazi criminal. The accusations were refuted repeatedly by research, which, however, was hardly noted in the public debate in Karlsruhe.

Dokumentation

Marco Caviglia/David Di Consiglio/Amedeo Osti Guerrazzi, Die „schwarze Pantherin“ vor Gericht. Kollaboration und Judenverfolgung in Rom im Spiegel italienischer Prozessakten
Celeste Di Porto erlangte als „schwarze Pantherin“ traurige Berühmtheit. Die junge Jüdin aus Rom hatte sich 1944 einer Gruppe italienischer Kollaborateure angeschlossen, die in der Ewigen Stadt untergetauchte Jüdinnen und Juden aufspürten, an die deutschen Besatzer verrieten und dafür Kopfgeld kassierten. Im Mittelpunkt der Dokumentation steht das Urteil, das ein Schwurgericht 1947 in Rom gegen Celeste Di Porto und ihre Spießgesellen gefällt hat. Aus diesem Urteil, das exemplarisch für einen in der deutschen Forschung weitgehend unbekannten Quellenbestand steht, lassen sich die Vorgehensweisen der Gruppe um die „schwarze Pantherin“ ebenso rekonstruieren wie die Mechanismen der Zusammenarbeit zwischen der deutschen Vernichtungsbürokratie und ihren willigen italienischen Helfern. Zudem wirft das Urteil ein Schlaglicht auf den Umgang der italienischen Nachkriegsgesellschaft mit Faschismus, Kollaboration und Judenverfolgung.

Marco Caviglia/David Di Consiglio/Amedeo Osti Guerrazzi, The “Black Panther” on Trial. Collaboration and Persecution of Jews in Rome in the Mirror of Italian Trial Records
Celeste Di Porto gained notoriety as the “Black Panther”. The young Jewess from Rome had joined a group of Italian collaborators in 1944, who tracked down hidden Jews in the Eternal City to betray them to the Germans and earn the bounty. At the centre of the documentation is the judgment passed by a jury court in Rome in 1947 against Celeste Di Porto and her accomplices. This opinion, which is an example of a source material hitherto mostly unknown to German historiography, allows for a reconstruction of the practices of the group around the “Black Panther” as well as the mechanisms of collaboration between the German bureaucracy of extermination and their willing Italian helpers. Additionally, the verdict highlights how post-war Italian society dealt with Fascism, collaboration and the persecution of the Jews.

Notiz
Christliche Parteien in Westdeutschland und der Bundesrepublik nach 1945
Die Überlieferung im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte

VfZ-Online
Neu: Eine weitere Folge von „Ins Heft gezoomt“, ergänzende Materialien zu Ute Elbrachts Notiz in dieser Ausgabe sowie ein Beitrag von Margit Szöllösi-Janze im „Forum“

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