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Neueste Geschichte

H. W. Frohn u.a. (Hrsg.): Natur und Staat

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Irmgard Zündorf <zuendorfzzf-pdm.de>
Titel:Natur und Staat. Staatlicher Naturschutz in Deutschland 1906-2006
Reihe:Naturschutz und Biologische Vielfalt
Herausgeber:Frohn, Hans W.; Schmoll, Friedmann
Ort:Münster
Verlag:Landwirtschaftsverlag
Jahr:
ISBN:3-7843-3935-2
Umfang/Preis:748 S.; 36,00 €

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Johannes Zechner, Deutsches Historisches Museum, Projekt LeMO, Berlin
E-Mail: <johannes.zechnergmx.de>

‘Naturschutz hat Geschichte’: Unter dieses Motto stellen die Herausgeber Hans-Werner Frohn und Friedemann Schmoll ihren umfänglichen Sammelband zur Geschichte des staatlichen Naturschutzes in Deutschland, der anlässlich des hundertsten Gründungstages der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege Preußen erschien. Lange Zeit kam diese Thematik nur in meist autobiographisch und nicht selten auch hagiographisch gefärbten Schriften der Akteure selbst zur Darstellung. [1] Im Rahmen des wachsenden historiographischen Interesses an der Umwelt- und Naturschutzgeschichte [2] erschienen seit den 1990er-Jahren in schneller Folge wissenschaftliche Darstellungen zur Geschichte des deutschen Naturschutzes im Kaiserreich und in der Bundesrepublik Deutschland. [3] Weitere Publikationen widmeten sich vor allem anhand der problematischen Geschichte des Naturschutzes im Nationalsozialismus der Frage nach dem normativen Verhältnis von Naturschutz und Demokratie. [4]

Ihre Einleitung beginnen die beiden Herausgeber mit dem Hinweis, dass der Sammelband aus einem vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Forschungsprojekt der Stiftung Naturschutzgeschichte hervorging. Sie betonen in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, mittels eines kritischen Blickes „von außen“ (S. 3) die Geschichte des Naturschutzes in den breiteren historischen und gesellschaftlichen Kontext von Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, BRD und DDR einzuordnen. Als epochenübergreifende Phänomene ließen sich verschiedene Charakteristika ausmachen: Neben der bis in die 1970er-Jahre dominierenden „Staatsnähe“ (S. 6) des Naturschutzes habe es immer ein breites gesellschaftliches Vorfeld von Einzelpersonen und Verbänden gegeben. Weitere Merkmale seien die personellen und programmatischen Kontinuitäten über die politischen Systemwechsel hinweg sowie das Konglomerat wenig stringenter, teilweise sogar widersprüchlicher Begründungen naturschützerischen Handelns. Kritisch machen die Herausgeber auch auf die „nationalistische Verengung“ (S. 9) in den Jahren nach 1918 aufmerksam, als schon vor der nationalsozialistischen Machtübernahme anstelle einer universalen die ‚deutsche’ Natur zum Schutzsubjekt wurde.

Im ersten Beitrag widmet sich Friedemann Schmoll in einer Kombination aus Ideen- und Organisationsgeschichte den Anfängen des Naturschutzes, als sich um 1900 eine Vielzahl von Vereinen für Vogelschutz, Heimatschutz und Naturdenkmalpflege gründete. [5] Diese überwiegend bildungsbürgerlichen Gruppierungen einte unter den Schlagworten von ‚Ursprünglichkeit’ und ‚Eigenart’ ein Unbehagen an der als entzaubert empfundenen Moderne. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und den USA zeigen sich für Schmoll im deutschen Fall „unzweideutige Sondermerkmale“ (S. 73): zum einen die schnelle Institutionalisierung des Naturschutzes und zum anderen seine dezidiert modernitätskritische Grundhaltung.

Daran anschließend untersucht Hans-Werner Frohn detailliert die institutionelle Entwicklung des Naturschutzes, der auch nach der staatlichen Anerkennung in Preußen nur über beschränkte finanzielle Ressourcen und exekutive Befugnisse verfügte. In der NS-Zeit führten ideologische „Schnittmengen“ (S. 157) zwar zur formalen Aufwertung des Naturschutzes, jedoch hatte dieser trotz seiner weitgehenden Kollaborationsbereitschaft das Nachsehen gegenüber den Interessen von Autarkiepolitik und Kriegswirtschaft. In den Jahren nach 1945 dominierte bei weitgehender personeller Kontinuität diesbezüglich die apolitische „Autosuggestion“ (S. 198), ein idealistisches Anliegen sei von einem verbrecherischen Regime missbraucht worden. Das autoritäre und staatszentrierte Selbstverständnis wandelte sich erst mit dem Aufkommen der Umweltbewegung und den Verwissenschaftlichungstendenzen der 1970er-Jahre.

Im folgenden Beitrag stellt Willi Oberkrome einige knappe Überlegungen zur Theorie und Praxis des Naturschutzes während der NS-Zeit an. Im deutschen Naturschutz existierten seit seiner Gründungszeit weltanschaulich durchsetzte Konzepte von ‚Natur’ und ‚Landschaft’, die sich nach 1918 radikalisierten und zumindest rhetorisch durchaus anschlussfähig an das Ideenkonglomerat des Nationalsozialismus waren. Bedingt durch das „notorische Desinteresse“ (S. 318) Hitlers hatte der Naturschutz aber abgesehen von reiner Symbolpolitik und einzelnen landespflegerischen Ansätzen in den besetzten Ostgebieten realpolitisch hinter den manifesteren Interessen des NS-Regimes zurückzustehen.

Etwas aus dem thematischen Rahmen fällt der wissenschaftsgeschichtliche Beitrag von Thomas Potthast, der die widersprüchliche Gleichzeitigkeit von idealistischen und rationalen Naturschutzbegründungen zum Thema hat. Während der NS-Zeit versuchte eine neue „ideelle Gesamtwissenschaft“ (S. 394) vergeblich, diese Spaltung zwischen Kultur und Natur, zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu überwinden. Erst mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende habe dann, so Potthast, die wissenschaftliche Ökologie zu einer „Entnazifizierung durch Verwissenschaftlichung“ (S. 400) geführt.

Den chronologischen Faden wieder aufnehmend verortet Jens Ivo Engels in seinem Beitrag den bundesrepublikanischen Naturschutz in den Kontexten politischen und gesellschaftlichen Wandels. [6] Besonderes Interesse gilt dabei der „habituellen Gemeinschaft“ (S. 451) der westdeutschen Naturschützer, die trotz interner Kontroversen das Bild einer selbstlos hinter dem hohen Ideal geeinten Bewegung zu vermitteln suchten. In den 1950er-Jahren fügte sich die zivilisationskritische Tradition des Naturschutzes noch problemlos in die intellektuelle Großwetterlage ein, bevor sie mit dem allgemeinen soziokulturellen Wandel der 1970er-Jahre gegenüber der Umweltbewegung ins gesellschaftliche und mediale Hintertreffen geriet.

Mit dem noch wenig bearbeiteten Thema des DDR-Naturschutzes befassen sich Andreas Dix und Rita Gudermann in ihrem Beitrag. Zwar gab es nach Kriegsende geteilte Naturschutztraditionen und Problemlagen, die institutionelle und gesetzliche Neuausrichtung erfolgte aber in der zentralistischen DDR schneller als in der föderalen Bundesrepublik. Wirtschaft und Militär hatten hier jedoch „eindeutigen Vorrang“ (S. 564) vor einem institutionell schwachen Naturschutz, der zudem durch das Fehlen demokratischer Mechanismen keine Kontrollfunktion ausüben konnte. Zuletzt weisen Dix und Gudermann noch auf das Jahr 1990 hin, als die letzte DDR-Regierung kurz vor der Wiedervereinigung etwa 10% des DDR-Territoriums unter Naturschutz stellte.

Abschließend schildert Anna-Katharina Wöbse die internationalen Beziehungen des deutschen Naturschutzes. Preußen hatte in diesem Bereich auf internationaler Ebene eine „Vorreiterrolle“ (S. 633) für andere europäische Staaten inne, bevor in der NS-Zeit die internationale Kooperation einer aggressiven Expansions- und Annexionspolitik unter Beteiligung deutscher Naturschützer wich. Der Beitrag thematisiert auch die wenig bekannte „koloniale Tradition des Naturschutzes“ (S. 659): Als Teil einer universal verstandenen Zivilisierungsmission sollte Naturschutz auch in die Kolonien exportiert werden. In diesem Zusammenhang galt die indigene Bevölkerung entweder als Bedrohung der Natur oder als Teil der zu schützenden Wildnis.

Das Kompendium bietet auf über 700 Seiten außerordentlich detaillierte Untersuchungen und 29 knappe Biographien zur Geschichte des Naturschutzes in Deutschland, überwiegend unter Einbezug der breiteren gesamtgeschichtlichen Entwicklung. Die Aufsätze einschlägig ausgewiesener Fachleute beruhen auf dem neuesten Forschungsstand und einer umfangreichen, teilweise erstmals ausgewerteten Quellenbasis. Dabei scheuen die Autoren auch nicht deutliche Worte, wenn sie ideologische Kontaminationen des Naturschutzes, die Kollaboration mit dem NS-Regime oder das Arrangieren mit dem SED-Staat beschreiben. Negativ fällt nur die äußere Aufmachung der Publikation ins Auge: Als Teil der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebenen und vom Landwirtschaftsverlag vertriebenen Schriftenreihe ‚Naturschutz und biologische Vielfalt’ kommt sie leider in der ästhetischen Anmutung einer Behördenschrift mit Pappeinband und fast ohne Abbildungen daher. [7] Hier ließe sich fragen, ob nicht durch einen anderen Veröffentlichungsort neben Naturschützern auch Historiker mit Interesse an der Umwelt- und Naturschutzgeschichte verstärkt hätten angesprochen werden können.

Nichtsdestotrotz liegt nun der Geschichtswissenschaft ein zuverlässiges Faktenfundament vor, um sich verbleibenden Desiderata in weiteren Untersuchungen zu widmen. Wie von den Autoren selbst angesprochen, ist beispielsweise über die regionale Naturschutzgeschichte mit Ausnahme Preußens oder die Position des deutschen Naturschutzes im internationalen Vergleich bisher wenig bekannt. Daneben wäre es lohnenswert, die in einigen Beiträgen angerissenen theoretischen Perspektiven einer Alltags-, Geschlechter- und Kolonialgeschichte des Naturschutzes noch weiter zu vertiefen. Und nicht zuletzt könnten weitere ideengeschichtliche Studien zum Naturbild der Naturschützer Aufschluss darüber geben, wie sehr materiale Natur immer auch Projektionsfläche für kulturelle Konstruktionen ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dafür paradigmatisch Schoenichen, Walther, Naturschutz – Heimatschutz. Ihre Begründung durch Ernst Rudorff, Hugo Conwentz und ihre Vorläufer, Stuttgart 1954 und Klose, Hans, Fünfzig Jahre staatlicher Naturschutz. Ein Rückblick auf den Weg der deutschen Naturschutzbewegung, Gießen 1957.
[2] Vgl. dafür den diesbezüglichen Clio-Online Guide unter www.clio-online.de/site/lang__de-DE/40208182/Default.aspx sowie das Internetangebot der Stiftung Naturschutzgeschichte unter www.naturschutzgeschichte.de.
[3] Vgl. dafür etwa die in der Reihe „Geschichte des Natur- und Umweltschutzes“ erschienenen Bände von Schmoll, Friedemann, Erinnerung an die Natur. Die Geschichte des Naturschutzes im deutschen Kaiserreich, Frankfurt am Main 2004 (Rezension unter hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-068) und Brüggemeier, Franz-Josef; Engels, Jens Ivo (Hrsg.), Natur- und Umweltschutz nach 1945. Konzepte, Konflikte, Kompetenzen, Frankfurt am Main 2005 (Rezension unter hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-222).
[4] Vgl. dazu Radkau, Joachim; Uekötter, Frank (Hrsg.), Naturschutz und Nationalsozialismus (Geschichte des Natur- und Umweltschutzes 1), Frankfurt am Main 2003 (Rezension unter hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=3201); Brüggemeier, Franz-Josef; Chioc, Mark; Zeller, Thomas (Hrsg.), How Green Were the Nazis? Nature, Environment, and Nation in the Third Reich, Athens/ Ohio 2005 (Rezension unter www.h-net.org/reviews/showrev.cgi?path=163701165517304); Uekötter, Frank, The Green and the Brown. A History of Conservation in Nazi Germany, Cambridge/ Massachusetts und New York 2006; Gröning, Gert; Wolschke-Bulmahn, Joachim (Hrsg.), Naturschutz und Demokratie?! (CGL-Studies des Zentrums für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur 3), München 2006.
[5] Vgl. dazu ausführlich Schmoll, Erinnerung an die Natur (siehe Anmerkung 3).
[6] Vgl. dazu ausführlich Engels, Jens Ivo, Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung 1950-1980, Paderborn 2006 (Rezension unter hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-008).
[7] Vgl. zu den eher naturschutzpraktisch orientierten weiteren Titeln der Schriftenreihe <www.lv-h.de/bfn>.

ZitierweiseJohannes Zechner: Rezension zu: Frohn, Hans W.; Schmoll, Friedmann (Hrsg.): Natur und Staat. Staatlicher Naturschutz in Deutschland 1906-2006. Münster 2006, in: H-Soz-Kult, 25.07.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-064>.

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