1 / 1 Zeitschrift

Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt 30 (2010), 3

 
Zeitschrift:Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt
Herausgeber:Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
ISSN:0173-184X
Verlag,
Erscheinungsort:
Westfälisches Dampfboot,
Münster (Westf.)
Preis:Einzelheft 10,50 EUR, Doppelheft 21,00 EUR, Abo 30,10 EUR, Abo für Institutionen 55,20 EUR
Weitere Angaben:4 Nummern in 3 Ausgaben
Ausgabe:120, 30. Jg. (2010), 3 - Postkoloniale Perspektiven auf „Entwicklung“
ISBN:978-3-89691-826-0

PERIPHERIE Nr. 120 bietet ein Forum für postkolonial orientierte Arbeiten, die sich mit dem Themenkomplex „Entwicklung“, Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik befassen. Das Heft erscheint in Kooperation mit der PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, die sich in Heft 158 mit postkolonialen sozialwissenschaftlichen Ansätzen außerhalb des genannten Gegenstandsbereichs befasst hat.

Editorial

Postkoloniale Perspektiven auf "Entwicklung"

Mit dem Aufruf zur Dekolonisierung von Wissen und der Infragestellung epistemologischer Gewaltverhältnisse haben postkoloniale Ansätze in vielen Bereichen zu einem neuen Verständnis des Kolonialismus und seiner Fortdauer beigetragen. Sie haben auf die Bedeutung der Herstellung kolonialer Differenz für die Aufrechterhaltung von Herrschaft hingewiesen und damit auch neue Perspektiven auf Kolonialität eröffnet. Gerade in den Ausprägungen von Kontinuitäten im Sinne einer kolonialen longue durée rücken auch das Feld "Entwicklung" sowie die damit verbundenen Diskurse, Praktiken und Institutionen ins Blickfeld postkolonialer Studien. Auch wenn der Mainstream der deutschsprachigen Entwicklungsforschung den disziplinären Horizont auf die Nachkriegszeit zu begrenzen versucht, zeigt ein Blick, der größere Zeiträume umfasst: Die "Entwicklung der Unterentwickelten" machte dort weiter, wo die "Zivilisierung der Unzivilisierten" aufhörte. Die koloniale Erbschaft der Entwicklungspolitik ist unübersehbar. Varianten dieser Argumentation bilden die Ausgangspunkte der im vorliegenden Heft versammelten Artikel. Gemeinsam gehen sie der Frage nach, welchen Beitrag postkoloniale Perspektiven auf "Entwicklung" und Entwicklungspolitik leisten (können), um eben diese Kontinuität zu erfassen und zu konzeptionalisieren.

Wie man sich dieser Frage nähert, hängt nicht zuletzt von dem zugrunde gelegten Begriffsverständnis postkolonialer Studien ab. Häufig werden sie über ihr Erkenntnisinteresse und ihren Gegenstandsbereich in einem weiten Sinn definiert: So sei es ihr Anliegen, das Fortbestehen und Nachwirken einer Vielzahl von Beziehungsmustern und Effekten kolonialer Herrschaft zu thematisieren. Versteht man postkoloniale Theorie hingegen primär als Kritik der Wissensproduktion über das Andere, wird ein engeres Verständnis angelegt: Damit sind in erster Linie Ansätze bezeichnet, welche die koloniale Prägung von Repräsentationen und Identitäten auch nach der formellen Dekolonisierung untersuchen. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich darauf, wie auch in gegenwärtigen Diskursen Herrschaftswissen über "die Anderen" produziert wird, und wie weniger eurozentrische Wissensformen aussehen könnten.

Mit Blick auf das Feld "Entwicklung" wirft eine enge Definition von postkolonialen Studien die Frage auf, wie sich Machtverhältnisse, die hauptsächlich durch kolonial geprägte Repräsentationen und Macht-Wissens-Strukturen aufrechterhalten werden, zu materiellen Praktiken von Herrschaft, Abhängigkeit und Ausbeutung verhalten. Dies wird besonders deutlich im Kontext der Kritik, die marxistische Theoretiker wie Arif Dirlik an so verstandener postkolonialer Theorie äußern: Mit ihrem diskursanalytischen Fokus vernachlässige sie eben letztere Dimensionen der Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Nord und Süd. Eine breitere Definition postkolonialer Studien über den Gegenstand "Effekte kolonialer Herrschaft" nimmt hingegen das gemeinsame Anliegen der unterschiedlichen Ansätze in den Blick. Aber auch Arbeiten, die an dieses Verständnis anknüpfen, müssen mit den meta-theoretischen Differenzen verschiedener Konzeptionalisierungen postkolonialer Abhängigkeit umgehen. Wie produktiv Verbindungen zwischen der Untersuchung von kolonialen Diskursen und Macht-Wissens-Strukturen sowie von neokolonialen Herrschaftsverhältnissen sein können, zeigen postkolonial geprägte Ansätze aus anderen Teilen der Welt, so beispielsweise die vorrangig im angloamerikanischen Sprachraum verankerte New Imperial History oder Arbeiten der lateinamerikanischen Grupo Modernidad/Colonialidad, welche an die Dependenztheorie und an den Weltsystemansatz anschließen und diese zu einer Kritik einer globalen "Kolonialität der Macht" fortführen. Vor diesem Hintergrund erscheint das Ausbleiben einer Rezeption postkolonialer Studien in der deutschsprachigen kritischen Entwicklungsforschung als ein Defizit, das es durch empirische Arbeiten zu beheben gilt. Bislang stellen sich jedoch nur wenige Forscher_innen der Herausforderung, wissens- und diskursorientierte Analysen systematisch mit der Untersuchung politisch-ökonomischer Strukturen zu verknüpfen und Schritte im – umkämpften und unsicheren – Grenzgebiet von Poststrukturalismus und Marxismus zu wagen.

Der einleitende Artikel von Aram Ziai untersucht jüngere postkoloniale Studien in Hinblick auf ihren Erkenntniszuwachs für die Auseinandersetzung mit Fragen der Entwicklungsforschung. Ausgehend von Begriffsklärungen von "Entwicklung" und "Postkolonialismus" und der Herausarbeitung postkolonialer "Analysestrategien" diskutiert er ausgewählte Texte hinsichtlich ihrer Verbindung von Repräsentations- und Diskurskritik mit der Analyse materieller Herrschaftspraktiken. Er kommt zu dem Schluss, dass die schematische Dichotomie "repräsentationskritischer Postkolonialismus vs. materialitätskritische Entwicklungsforschung" in dieser Form nicht (mehr) tragfähig ist und zeigt auf, wie postkoloniale Perspektiven den Blick für koloniale Kontinuitäten im Feld der Entwicklungspolitik eröffnen.

In diesem Sinne zeigt der Beitrag von Patricia Deuser, in welcher Weise das Konzept der "sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte", welches als Bestandteil entwicklungspolitischer Diskurse planende Bevölkerungspolitik informiert, gegenwärtige neo-liberale Regierungsrationalitäten und koloniale Subjektivierungsformen zueinander in Beziehung setzt. Im Vergleich mit der kolonialen Reformpolitik Bernhard Dernburgs im Deutschen Kaiserreich treten geschlechterspezifische Kontinuitäten bis in die Gegenwart hervor: Obwohl der dominante Blick auf "Bevölkerung" im Kontext von "Entwicklung" und Entwicklungspolitik divergiert, waren Frauen sowohl zu Zeiten des Kolonialismus als auch heute die besonderen Objekte dieser Politik.

Der Beitrag von Franziska Dübgen nimmt den Slogan "Respect the Poor" zum Anlass, um den Beitrag postkolonialer Studien zum entwicklungspolitischen Armutsdiskurs aufzuzeigen. Die Autorin unterzieht unterschiedliche Konzepte zur Definition von Armut einer postkolonialen Kritik und analysiert das jeweilige Sprechen darüber sowie dessen materielle Effekte in ihrer psychologischen und gesellschaftspolitischen Dimension. Der Erkenntnisgewinn eines solchen Blickwinkels liegt der Autorin zufolge in seiner Fähigkeit aufzuzeigen, inwiefern international standardisierte Methoden der Armutsbemessung dazu führen können, ökonomische und politische Dominanzverhältnisse ideologisch zu verschleiern. Damit greift der Beitrag die postkoloniale Problematisierung von Repräsentation auf: Eine solche Perspektive verweise sowohl auf Machtverhältnisse, wie sie durch die Autor_innenschaft von Armutsdefinitionen hergestellt werden, als auch auf die symbolischen Abwertungsmechanismen, die mit der Zuschreibung einhergehen.

Dass postkoloniale Perspektiven nicht nur für die Analyse von Verhältnissen im globalen Süden instruktiv sind, sondern die Thematisierung kolonialer Kontinuitäten im globalen Norden leisten, zeigt ein Diskussionsbeitrag von Timo Kiesel und Daniel Bendix. Die Autoren untersuchen die entwicklungspolitische Plakatwerbung in Deutschland im Lichte einer postkolonialen, rassismuskritischen Analyse. Anhand einer Auswahl von Plakaten argumentieren sie, dass die Art und Weise der Darstellung von Schwarzen, People of Colour und weißen Personen auf den entsprechenden Plakaten die existierenden hierarchischen Repräsentationsverhältnisse zugunsten Letzterer bestärkt und zugleich das Verhältnis zwischen globalem Süden und globalem Norden entpolitisiert und enthistorisiert. Die Analyse zeigt in anschaulicher Weise, wie Konstruktionen des Selbst durch die Abgrenzung zum Anderen im Alltag reproduziert und wirkmächtig werden.

Dem Schwerpunkt entsprechend liefern Kwesi Aikins und Daniel Bendix mit dem Stichwort "post(-)kolonial" einen Überblick über die Bedeutungen dieses Begriffs im Kontext seiner historischen Entstehung und seiner unterschiedlichen Verwendungsweisen.

Dieses Heft erscheint in Kooperation mit der PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, die sich im Schwerpunkt ihrer Nummer 158 im Frühjahr dieses Jahres mit postkolonialen sozialwissenschaftlichen Ansätzen außerhalb des Gegenstandsbereichs "Entwicklung" befasst hat. Mit ihm schließen wir den 30. Jahrgang ab.

Für 2011 sind Hefte zu den Themen "Entwicklungspolitik und Eigensinn", "Sicherheit und Entwicklungspolitik" sowie "Landkonflikte" geplant. Die Calls for Papers für diese Ausgaben finden sich auf unserer Homepage. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge wie immer sehr willkommen.

Zum Abschluss des Jahrgangs möchten wir uns wieder herzlich bei den Gutachterinnen und Gutachtern bedanken, die durch ihre gründliche, engagierte und kritische Arbeit zum Gelingen der Hefte maßgeblich beigetragen haben. Ihre Namen sind in alphabetischer Reihenfolge im Jahresregister aufgeführt. Ferner gilt unser Dank Sarah Becklake, die als englische Muttersprachlerin auch für diesen Jahrgang die Summaries korrigiert hat. Schließlich bedanken wir uns auch bei allen Leserinnen und Lesern, Abonnentinnen und Abonnenten sowie bei den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V., die die PERIPHERIE herausgibt. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Besonders freuen wir uns über neue Abonnentinnen und Abonnenten. Wir wünschen Ihnen und Euch eine anregende Lektüre und einen guten Start ins neue Jahr 2011.

Summaries

Aram Ziai: Postcolonial perspectives on "development". This article engages with the relationship between postcolonial and development studies. After sketching the two fields and their differences, it identifies four analytical strategies typical to postcolonial studies and examines a number of postcolonial works which deal with "development". As postcolonial studies are often reproached for neglecting material practices, this aspect of the works in question is highlighted. While some of the works are not at all, or are only superficially concerned with material practices in development policy, others prove that postcolonial studies are most productive when taking them into account.

Patricia Deuser: Gender-oriented development policies and population discourses: The concept of "Sexual and Reproductive Health and Rights" in postcolonial perspective. The liberal colonial reforms of the Wilhelminian Reich marked the first appearance of the concept of "help" focussing explicitly on indigenous women and their reproductive abilities. This article discusses to what extent these reforms can serve as a departure point for a critical reading of present women-oriented development policies and practices, which have been formed in the aftermath of the 1994 International Conference on Population and Development (ICPD) in Cairo. Both reform events "discovered" women as a specific field of intervention, connecting demographic and developmental discourses. While exploring these two interrelated but historically separate incidents does not allow all the complexities of colonial and present politics to be taken into account, it does allow for certain continuities/transformations in (neo‑)colonial population politics to be highlighted. The article argues that an analysis of German development programs and discourses helps determine whether or not the ICPD’s core concept of "Sexual and Reproductive Health and Rights" (SRHR) represents a neo-liberal and neo-colonial instrument of governing the "other".

Franziska Dübgen: "Respect the Poor" – Postcolonial Perspectives on Poverty. In contrast to being empowering, modernity constructs "the poor" as low consuming individuals living in material scarcity without access to an adequate wage. This article presents a postcolonial and post-development critique of the discursive effects and normative grounds of the concept of poverty. It denounces the "state of nature" myth, which is inherent to the construction and blind to the social embedment of a basic needs subject. Making the poor an object of scientific inquiry furthers their disempowerment and undermines their self-esteem. Postcolonial theorists criticize the standardized methods of measuring poverty for their dismissal of the larger historical and social contexts from which marginalization in the postcolonial world has evolved. In contrast, post-development proponents challenge the economic definition of poverty by juxtaposing it with communitarian ethical conceptions of a good life. They stress discursive self-representation as a field of struggle. Both modes of critique challenge the moral premises of Sen’s capability theory. Moreover, they dispute the ethnocentrism of the operationalisation of Sen’s approach. Finally, the article discusses the Millennium Development Goals, which have put poverty reduction back on the development agenda, and sheds light on their inherent contradictions and blind spots.

INHALT

Editorial, S. 395

Aram Ziai: Postkoloniale Perspektiven auf "Entwicklung", S. 399

Patricia Deuser: Genderspezifische Entwicklungspolitiken und Bevölkerungsdiskurse: Das Konzept der "Sexuellen und Reproduktiven Gesundheit und Rechte" aus postkolonialer Perspektive, S. 427

Franziska Dübgen: "Respect the Poor"? Postkoloniale Perspektiven auf Armut, S. 452

Joshua Kwesi Aikins & Daniel Bendix: PERIPHERIE-Stichwort: post(-)colonial, S. 478

Timo Kiesel & Daniel Bendix: White Charity: Eine postkoloniale, rassismuskritische Analyse der entwicklungspolitischen Plakatwerbung in Deutschland, S. 482

Rezensionen, S. 496
Eingegangene Bücher, S. 524
Summaries, S. 526
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 527
Jahresregister, S. 528

Kontakt:

PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o
Michael Korbmacher
Stephanweg 24
48155 Münster
Telefon: +49-(0)251/38349643

URL:http://www.zeitschrift-peripherie.de
URL zur Zitation dieses Beitrageshttp://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/ausgabe=5914

Copyright (c) 2014 by H-Net and Clio-online, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational use if proper credit is given to the author and to the list. For other permission, please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Zeitschrift