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Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts / 20th Century History
Datum, Ort:17.01.2013–19.01.2013, Jena

Bericht von:
Edgar Liebmann, Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität Hagen
E-Mail: <Edgar.LiebmannFernUni-Hagen.de>

Dem Umgang mit der Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland widmet sich seit einigen Jahren ein von der DFG gefördertes und am Jena Center angesiedeltes Forschungsprojekt. Eine dreitägige Tagung in den stilvollen Rosensälen der Friedrich-Schiller-Universität diente nun der eigenen kritischen Standortbestimmung, wobei aufgrund zahlreicher krankheits- und witterungsbedingter Absagen das ursprüngliche Programm erheblich umgestellt werden musste: So entfiel die geplante Sektion zu den „deutsch-deutschen Lehren aus der Novemberrevolution und der Weimarer Republik“ komplett; auch mussten die Historiker- und Zeitzeugengespräche auf dem Podium z.T. gestrafft und zusammengelegt werden. Um es vorweg zu nehmen: Trotz dieser Einschränkungen waren es aus Sicht des Berichterstatters gerade die bisweilen so gescholtenen und manchmal auch belächelten Zeitzeugen, deren – subjektiv verformte – Erinnerung das „Salz in der Suppe“ und die Höhepunkte einer sehr gelungenen Tagung waren.

Im Anschluss an die Begrüßung durch NORBERT FREI (Jena) gaben die beiden Projektleiterinnen und Tagungsorganisatorinnen FRANKA MAUBACH (Jena/ Braunschweig) und CHRISTINA MORINA (Jena/ Amsterdam) den etwa 70 Zuhörern zunächst einen thematischen Einblick in bisherige (Zwischen-)Ergebnisse und offene Fragen. Vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz standen dabei nicht nur die Interdependenzen zwischen Zeitzeugenschaft und wissenschaftlicher Zeitgeschichtsschreibung auf dem Prüfstand, ohnehin eine Herausforderung gerade zeitgeschichtlicher Forschung. Für zusätzliche Spannung sorgten zudem Fragen nach der individuellen Verarbeitung von Vergangenheit durch Zeithistoriker – etwa im Spiegel autobiographischer Selbstzeugnisse, die in den letzten Jahren zahlreich zu beobachten sind und damit einen zusätzlichen Quellenfundus (wenn auch mit der Erfordernis spezifischer Fragestellungen) bieten.

Anknüpfend an Überlegungen Reinhart Kosellecks zur Verflechtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigte sich STEFAN BERGER (Bochum) in seinem Eröffnungsvortrag zunächst mit der Nationalgeschichtsschreibung in der Bundesrepublik wie der DDR. Der einheitliche Diskussionsraum der deutschen Historiker wurde dabei ab Mitte der 1950er-Jahre abgelöst von separaten Entwicklungssträngen in Ost wie West. Die marxistische Geschichtswissenschaft in der DDR definierte sich vor allem über die Auseinandersetzung mit den bürgerlichen westdeutschen Historikern. Diese wiederum traten nach einer Phase überwiegend nationalapologetischer Geschichtsschreibung seit den 1960er-Jahren in einen zunehmend kritischeren Diskurs untereinander, wie sich an verschiedenen, auch in der Öffentlichkeit ausgetragenen Debatten (beginnend mit der „Fischer-Kontroverse“) zeigte, die Berger bis zur Wiedervereinigung skizzierte.

Die Fischer-Kontroverse bildete anschließend den thematischen Bezugspunkt für MATTHEW STIBBE (Sheffield), der unter biographischen und rezeptionsgeschichtlichen Aspekten die beiden westdeutschen Historiker Gerhard Ritter und Fritz Fischer und den ostdeutschen Historiker Willibald Gutsche näher in den Blick nahm. Trotz ideologischer Vorbehalte auf beiden Seiten war für den Kreis der „Fischer-Schule“ Gutsche seit Mitte der 1960er-Jahre einer der wichtigsten Ansprechpartner unter den DDR-Historikern. Die in der individuellen Perspektive als „Katastrophe“ wahrgenommene Zäsur von 1945 und den sich anschließenden Ost-West-Konflikt bewertete Stibbe als Möglichkeit für die ost- wie westdeutschen Historiker, sich ideologisch neu zu positionieren bzw. veränderte Akzentuierungen vorzunehmen. Letztlich, so Stibbe, sei die Fischer-Kontroverse auch als deutsch-deutsche Geschichtsdiskussion und -erfahrung zu begreifen, mit Tendenzen der Verflechtung ebenso wie der Abgrenzung.

Einsetzend bereits mit der unmittelbaren Nachkriegszeit nahm FRANKA MAUBACH (Jena/ Braunschweig) in ihrem Vortrag ebenfalls wesentliche Deutungsmuster auf ost- wie westdeutscher Seite in den Blick und konzentrierte sich dabei vor allem auf die zeitgenössischen Analysen von Friedrich Meinecke und Alexander Abusch. Der anfängliche Konsens über die Katastrophen bzw. Irrwege der jüngeren deutschen Geschichte erodierte vor dem Hintergrund der sich immer stärker herauskristallisierenden Systemkonkurrenz. In der Folge kam es zu einem Rückzug auf ideologisch vorgeprägte Positionen: Während Meinecke seine unmittelbar nach 1945 geäußerte Skepsis an rankeanischen Auffassungen („Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott“) revidierte, geriet Abusch mit seiner vom Miseregedanken geleiteten Geschichtsdeutung seit Anfang der 1950er-Jahre in Gegensatz zu den programmatischen Vorgaben der SED, welche die deutsche Geschichte vor allem als „Erfolgsgeschichte der Arbeiterklasse“ verstanden wissen wollte.

Den zweiten Tagungstag eröffnete CHRISTINA MORINA (Jena/ Amsterdam) mit Betrachtungen über den Umgang der deutschen Historiker mit dem Zweiten Weltkrieg. Am Beispiel von Karl Dietrich Erdmann konnte sie Bezüge zwischen dem lebensgeschichtlichen Erfahrungshintergrund des ehemaligen Kriegsteilnehmers und den wissenschaftlichen Befunden des späteren Zeithistorikers herstellen. Generell kam Morina zu dem Ergebnis, dass in der Bundesrepublik eine im Wesentlichen „gedemütigte“ Perspektive bei der Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg und – nach anfänglicher Ausblendung – der Shoah dominierte. Für die DDR-Geschichtswissenschaft hingegen war von den Anfängen bis zu ihrem Ende ein „triumphales“ Narrativ konstitutiv, bei dem die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber kapitalistischen und faschistischen Gesellschaftssystemen hervorgehoben wurde.

NICOLAS BERG (Leipzig) konnte mit seinen Ausführungen zur Holocaustdeutung in der Geschichtswissenschaft von DDR und Bundesrepublik unmittelbar an Christina Morina anknüpfen. Ausgehend von einem Reisebericht des israelischen Journalisten Amos Elon, der 1965 sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR besucht hatte und seine Eindrücke in einem Buch mit dem Titel „In einem heimgesuchten Land“ verarbeitete, beleuchtete Berg den Zusammenhang von „Erfahrung“ und „Erkenntnis“. Berg stellte die weitgehende Abstinenz jüdischer Erfahrungen im geschichtswissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust in beiden deutschen Staaten heraus, die letztlich auch zu einer mangelnden Integration in die jeweilige Geschichtsschreibung führte. Andere Referenzpunkte waren demgegenüber wirkungsmächtiger, so etwa – mit teils unterschiedlichen Konnotationen – der Rekurs auf die „deutsche Kultur“ (Johannes R. Becher) bzw. die „Kulturnation“ (Friedrich Meinecke).

Mit deutlichen Anleihen an eigene persönliche Erfahrungen befasste CHRISTOPH KLEßMANN (Potsdam) sich mit den (Un-)Möglichkeiten deutsch-deutscher Zeithistorikergespräche zwischen 1949 und 1989. Kleßmann ging zunächst auf generelle Entwicklungstendenzen der Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik wie der DDR ein. Er wies auf die zögernde Etablierung der Zeitgeschichte in der DDR hin, die als ideologisch hochgradig „vermint“ galt und somit für viele Historiker unattraktiv war. Nach dem Mauerbau 1961 kamen die letzten noch vorhandenen Kontakte zwischen Ost und West nahezu völlig zum Erliegen. Erst seit Mitte der 1980er-Jahre, so Kleßmann, wurde diese Funkstille unterbrochen, wobei die Untersuchung des Widerstandes gegen das NS-System als gemeinsamer thematischer Bezugspunkt diente. Aus Sicht der westdeutschen Historiker, so Kleßmann, dominierte Neugier im Umgang mit den Ost-Kollegen, deren ideologisch bedingte Grenzen man mit viel Fingerspitzengefühl berücksichtigte, um die Annäherungsversuche und die Möglichkeiten zu einer zumindest partiellen Konsensfindung nicht zu gefährden.

MARION DETJEN (Berlin) ging anschließend auf den Mauerbau als Thema der ost- und westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung ein. Während die DDR-Geschichtswissenschaft im Sinne der Parteivorgaben die Mauer als „antifaschistischen Schutzwall“ und „friedenssichernde Großtat“ zu würdigen wusste, konstatierte Detjen auf westdeutscher Seite ein kollektives Schweigen der Historiker, das sich nur durch die seit Mitte der 1950er-Jahre vollziehende Spaltung zwischen ost- und westdeutscher Historikerschaft erklären lasse. Bis weit in die 1980er-Jahre, so Detjen, hätte sich die bundesrepublikanische Zeitgeschichtsforschung nicht für den Mauerbau interessiert. Diese Feststellung müsste indes angesichts der üblichen archivalischen Sperrfristen relativiert bzw. mit Blick auf entsprechende Publikationen wie mediale Aktivitäten westdeutscher Historiker doch noch weiter empirisch überprüft werden. Gleichwohl, und hier ist Detjen zuzustimmen, war die zeithistorische Auseinandersetzung mit der DDR im Allgemeinen und mit dem Mauerbau im Speziellen nicht unbedingt ein bevorzugtes Thema westdeutscher Zeitgeschichtsforschung.

Die Umbruchsituation der Jahre 1989/90 mit ihren Wirkungen für die ost- wie westdeutschen Historiker nahm KRIJN THIJS (Amsterdam) im letzten Einzelvortrag der Tagung in den Blick. Er betrat damit ein Forschungsterrain, das noch weitgehend von den Eindrücken und Erfahrungen der Zeitzeugen geprägt ist und künftig sicherlich noch intensiver erforscht werden wird. Für die etablierten, systemkonformen DDR-Historiker konstatierte Thijs eine weitgehende Abstinenz im öffentlichen politischen Diskurs und eine wachsende Desillusionierung. Die „moralische und intellektuelle Degeneration“ (Stefan Wolle) der DDR-Geschichtswissenschaft ging einher mit öffentlichkeitswirksam ausgetragenen, häufig persönlich motivierten Konflikten, die zum Teil bis heute nachwirken. Aber auch die westdeutschen Historiker traf die Wende 1989/90 – wie viele Intellektuelle in der „alten“ Bundesrepublik – völlig unvorbereitet. So war gerade der Umgang mit den regimekritischen und seit Januar 1990 im unabhängigen Historikerverband organisierten DDR-Kollegen von Unsicherheit und Irritationen geprägt, wie sich nicht zuletzt anlässlich des Bochumer Historikertages Ende September 1990 zeigte.[1] Unter der Maßgabe der „Wissenschaftlichkeit“, so Thijs, vollzog sich dann die Abwicklung nahezu der kompletten ehemaligen DDR-Geschichtswissenschaft, wie sich auch an begrifflichen Veränderungen zeigen lässt: Anstelle der vor 1989/90 von den westdeutschen Historikern bemühten, systemübergreifenden „Ökumene der Historiker“ trat nun eine westlich geprägte „scientific community“, in der für die ostdeutschen Kollegen (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen) kein Platz war.

Eine unmittelbare lebensgeschichtliche Kolorierung erhielten Thijs´ Ausführungen dann im Rahmen seines sich anschließenden abendlichen Gespräches mit ILKO-SASCHA KOWALCZUK (Berlin), der gleichermaßen als zeitgenössischer Akteur der Revolution von 1989 wie heutiger intimer Kenner der DDR-Geschichte auf dem Podium saß. Ausgehend von seinem 2009 erschienenen Buch „Endspiel“ beschrieb Kowalczuk den universitären Umbruch in der DDR 1989/90 und erste Begegnungen mit westdeutschen Historikern, etwa im Rahmen einer Ringvorlesung an der Humboldt-Universität 1991. In der anschließenden Diskussion wurde dann – wie mehrfach im Laufe der Tagung – der spezifische Zusammenhang von individuellem Erfahrungshintergrund und professioneller Geschichtsschreibung erörtert, wobei insbesondere MARTIN SABROW (Berlin) Vorbehalte gegenüber einer allzu engen Verbindung von Erfahrung und Historiographie geltend machte.

Der letzte Tagungstag stand ganz im Zeichen eines weiteren Podiumsgespräches sowie der Abschlussdiskussion. Zunächst diskutierten die beiden Tagungsorganisatorinnen FRANKA MAUBACH und CHRISTINA MORINA zusammen mit HELGA GREBING (Berlin), WOLFGANG SCHIEDER (Göttingen) und MANFRED WEIßBECKER (Jena) die schwierigen Versuche der Annäherung zwischen west- und ostdeutschen Historikern, wobei die Bilanz letztlich ernüchternd ausfiel. Zwar erinnerte Schieder an thematische Schnittpunkte, etwa im Kontext der Arbeitergeschichte, und gelegentliche direkte persönliche Gespräche, häufig am Rande ausländischer Tagungen. In diesem Zusammenhang wies Grebing aber auf die parteioffiziellen ideologischen Vorgaben hin, in denen die marxistisch-leninistischen Historiker gefangen gewesen seien. Auch Weißbecker kam zu dem Ergebnis, dass es letztlich keine produktive wissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen Ost und West gegeben habe.

Das Podium der Abschlussdiskussion mit GEORG G. IGGERS (Buffalo), LUTZ NIETHAMMER (Jena), MARTIN SABROW(Berlin) und MATTHIAS MIDDELL (Leipzig), griff unter der Leitung von TOBIAS KAISER (Berlin) ebenfalls das Spannungsverhältnis von „Zeiterfahrung“ und „Zeiterforschung“ auf. Während Iggers die politische Legitimationsfunktion der offiziellen DDR-Geschichtswissenschaft betonte, widmete sich Niethammer grundlegenden methodischen Problemen einer deutsch-deutschen Historiographiegeschichte. Eine reine narratologische Analyse schien ihm dabei nicht ausreichend zu sein, vielmehr sprach Niethammer sich unter anderem für einen differenzierten generationellen Zugang aus, etwa in Form der Untersuchung spezifischer, kontextgebundener Fragestellungen. Sabrow wiederum stellte im Rückblick auf eine ähnlich gelagerte Tagung bereits im Dezember 1993 die seitdem eingetretenen Veränderungen heraus: Statt einer Delegitimierung bzw. Verdammung sei nun die Beschäftigung mit der deutsch-deutschen Zeitgeschichte (und ihren Protagonisten) in die Phase der Historisierung eingetreten, mit neuen Fragestellungen und begrifflichen Zugängen. Einmal mehr warnte Sabrow vor analytischen „Kurzschlüssen“ zwischen Biographie und Werk von Historikern sowie der Nutzung autobiographischer Quellen. Matthias Middell fragte resümierend, ob bereits alle Forschungspotentiale ausgeschöpft worden seien, und verwies in diesem Zusammenhang auf die Einbeziehung der außerdeutschen zeitgeschichtlichen Perspektive wie Metapher-Narrativen in der DDR-Geschichtshistorie: Beispielhaft ermögliche die Lektüre von DDR-Arbeiten zur Französischen Revolution subkutan auch Einsichten in zeitgeschichtliche Zusammenhänge.

Im Ergebnis zeigten die einzelnen Beiträge wie die Podiumsgespräche sowie die sich anschließenden Diskussionen die Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten einer integrierten Analyse deutsch-deutscher Zeitgeschichtsforschung. Es ist dabei meines Erachtens weniger eine vereinzelt vorgetragene Skepsis gegenüber autobiographischen Quellen an sich, die Anlass zum Nachdenken geben sollte, denn gerade zu dieser Quellengattung hat die Geschichtswissenschaft in jüngster Zeit überzeugende, theoretisch fundierte Untersuchungsmöglichkeiten aufgezeigt.[2] Ganz im Gegenteil dazu war es vielmehr das Veto der Zeitzeugen, das allzu optimistischen Annahmen einer integrierten Verflechtungsgeschichte deutsch-deutscher Zeitgeschichtsforschung wiederholt und eindrücklich die Grenzen aufzeigte: Mehrfach tauchte in diesem Zusammenhang der Begriff von der „Sprachlosigkeit“ zwischen west- und ostdeutschen Zeithistorikern auf, der während der Podiumsdiskussion besonders von Helga Grebing aufgegriffen und zugespitzt wurde. Richtung Manfred Weißbecker stellte sie fest, dass die linientreuen Historiker aus der DDR sich durch ihr ideologisches Korsett selbst sprachlos gemacht hätten – ein bemerkenswert deutlicher Hinweis, den Weißbecker im Übrigen letztlich auch nicht entkräften konnte. Überhaupt fiel auf, dass knapp ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Revolution von 1989/90 die „Sprachlosigkeit“ (oder Sprachunlust?) immer noch nachzuwirken scheint, wie man anhand der Reaktionen einiger unter den Zuhörern anwesenden ehemaligen DDR-(Zeit-) Historiker beobachten konnte. Viel mehr als ein gelegentliches Grummeln und leichtes Kopfschütteln war nicht vernehmbar, wo man sich doch jenseits bekannter autobiographischer Selbststilisierungen und -rechtfertigungen auch einmal kritischere Selbsteinsichten und -reflexionen zu ihrer Rolle und Erfahrung als Zeithistoriker im geteilten Deutschland gewünscht hätte.

So bestätigte sich auch in diesem Detail der generelle Eindruck, dass es im Kontext deutsch-deutscher Zeitgeschichtsforschung über weite Strecken nicht bzw. in nur sehr geringem Maße zu messbaren gegenseitigen Resonanzen gekommen ist. Zwar gab es in manchen Beiträgen und Kommentaren entsprechende Andeutungen, letztlich blieb vieles aber doch sehr vage. So wäre beispielsweise noch näher zu hinterfragen, inwieweit dem Marxismus (allerdings eben meist nicht in der orthodoxen Spielart der offiziellen DDR-Historie!) gegenüber durchaus aufgeschlossene West-Historiker, zum Beispiel Bielefelder Provenienz, sich in den 1970er- und 80er-Jahren mit ihren ostdeutschen Kollegen und deren Themen tatsächlich ernsthaft auseinandergesetzt haben? Wenn es überdies überhaupt einmal zu direkten Gesprächen kam, so waren diese meist von einer recht eigenartigen, artifiziellen Atmosphäre gekennzeichnet. Letztlich erwies sich – auch in der gegenseitigen Rezeption jenseits der seltenen direkten Kontakte – der ideologische Graben häufig doch als zu tief, als dass er durch etwaige gemeinsame generationelle Erfahrungen hätte überbrückt werden können. Wie sich insbesondere in der abschließenden Diskussion zeigte, dürften die größten Herausforderungen für die Jenaer Projektgruppe daher weiterhin darin liegen, die Spannungs- und Wechselverhältnisse zwischen individueller Erfahrung einerseits und den narrativen Strukturen zeitgeschichtlicher Forschung andererseits freizulegen, und im deutsch-deutschen Kontext zueinander in Beziehung zu setzen. Man darf daher schon jetzt gespannt sein auf die geplante Publikation der Forschungsergebnisse.

Konferenzübersicht

Begrüßung: Norbert Frei (Jena)

Thematische Einführung: Christina Morina (Jena / Amsterdam), Franka Maubach (Jena/ Braunschweig)

Eröffnungsvortrag: Stefan Berger (Bochum), Die Suche nach der Geschichte in extremen Zeiten. Erfahrung und historische Deutung(en) im geteilten Deutschland

I Der Historiker als Zeitzeuge. Zeiterfahrung und Zeiterforschung in der deutschen Geschichtsschreibung nach 1945
Moderation: Norbert Frei (Jena)

Matthew Stibbe (Sheffield): The First World War as Realm of Experience and Explanandum in the Historiographies of the two Germanys after 1945

Franka Maubach (Jena/ Braunschweig): „Wie es dazu kommen konnte...“. Der „deutsche Sonderweg“ und seine formative Phase um 1945

II Von Opfern und Tätern, Siegern und Besiegten. Vernichtungskrieg und Holocaust in der Geschichtsschreibung nach 1945
Moderation: Jörg Ganzenmüller (Jena)

Christina Morina (Jena / Amsterdam): Agitatio vs. Contemplatio? Der Weltkrieg in der deutsch-deutschen Historikerkonkurrenz

Nicolas Berg (Leipzig): Erfahrung - Zeugnis - Wissenschaft. Holocaustdeutung in der Wissenschaft von DDR und Bundesrepublik

III Auf den Schlachtfeldern des Kalten Krieges. Die Teilung begründen, das Ende erklären
Moderation: Silke Satjukow (Magdeburg)

Christoph Kleßmann (Potsdam): Über die Teilung der Nation und die (Un-)Möglichkeiten deutsch-deutscher Zeithistorikergespräche zwischen 1949 und 1989

Marion Detjen (Berlin): Der Mauerbau und die ost- und westdeutsche DDR-Erforschung

Krijn Thijs (Amsterdam): Revolution und Neubegegnung. Deutsche Historiker in den Jahren 1989 und 1990

Gesprächsabend: Über Ende und Anfang. Narrative und Deutungen nach 1989/90

Krijn Thijs (Amsterdam) im Gespräch mit Ilko-Sascha Kowalczuk (Berlin)

Zeitgeschichte als deutsch-deutsche Streitgeschichte
Franka Maubach und Christina Morina im Gespräch mit Helga Grebing (Berlin), Wolfgang Schieder (Göttingen) und Manfred Weißbecker (Jena)

Abschlussdiskussion
Gesprächsleitung: Tobias Kaiser (Berlin)

Martin Sabrow (Berlin), Matthias Middell (Leipzig), Georg G. Iggers (Buffalo), Lutz Niethammer (Jena)

Anmerkungen:
[1] Zum Bochumer Historikertag 1990 vgl. Karin Trieloff/ Meta Stephan/ Chris Vogelsänger: Tagungsbericht HT 2012: Die organisierte Disziplin als Forschungsproblem. Perspektiven auf eine Geschichte des Historikerverbandes. 25.09.2012-28.09.2012, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 22.11.2012, hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4504 (10.04.2013).
[2] Vgl. die Beiträge in BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, Jg. 23 (2010), Heft 2, mit dem Schwerpunkt „Autobiographie und Zeitgeschichte“, hrsg. und eingeleitet von Carsten Heinze und Arthur Schlegelmilch; außerdem beispielhaft der Hinweis auf die Monographien von Stephan Zahlmann, Autobiographische Verarbeitungen gesellschaftlichen Scheiterns. Die Eliten der amerikanischen Südstaaten nach 1865 und der DDR nach 1989, Köln u. a. 2009 und Volker Depkat, Lebenswenden und Zeitenwenden. Deutsche Politiker und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, München 2007.

ZitierweiseTagungsbericht Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland. 17.01.2013–19.01.2013, Jena, in: H-Soz-u-Kult, 13.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4816>.

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