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'Mehr als Koggen und Kaufleute' II - Die städtische Überlieferung als Basis hansischer Konstruktion, ihre Edition in Urkundenbüchern und ihre Rolle für aktuelle Projekte der Spätmittelalterforschung

 

Informationen zu diesem Beitrag

Veranstalter:Jeanine Marquard / Nico Nolden
Datum, Ort:27.05.2012-28.05.2012, Lüneburg

Bericht von:
Nico Nolden, Historisches Seminar, Universität Hamburg
Email: <nico.noldenuni-hamburg.de>

Der zweitägige Nachwuchsworkshop in Lüneburg befasste sich mit Überlieferungen und Editionen von für die Hanseforschung bedeutsamen historischen Quellen. Thematischer Kern der Veranstaltung dieses Jahr war, gemeinsam die spätmittelalterliche, städtische Überlieferung auf hansische Geschichts- und Begriffskonstruktionen zu untersuchen und deren Folgen für die Spätmittelalterforschung zu klären[1]. Zudem diente der Workshop dazu, junge Forschende europäisch besser bekannt zu machen und zu vernetzen. Er richtete sich gezielt an Promovierende und Studierende der Geschichtswissenschaft und der Nachbardisziplinen. Am ersten Tag wurden daher gegenseitig laufende oder geplante Dissertationsprojekte, Magisterarbeiten oder Forschungsvorhaben der Teilnehmer vorgestellt. Am zweiten Tag führte ein Impulsvortrag in die ganztägige Quellenarbeit ein.

Inhaltlich wie strukturell verstand sich der Workshop als ausdrückliche Fortführung der Nachwuchsveranstaltung des Jahres 2010 in Halle.[2] Damals arbeiteten die Teilnehmer in gemeinsamer Quellenarbeit eine suggestive Kraft in der Edition der Hanserezesse[3] heraus, welche den Eindruck einer gesamthansischen Beschlussmacht erweckt, weit bevor sie historisch in den Quellen zu belegen wäre. Diese Erkenntnisse sind von großer Bedeutung, weil die meisten historischen Arbeiten zu Themen des hansischen Raumes sich nicht zentral mit der Hanse befassen, sondern sie lediglich tangieren. Hansische Kaufleute können als politische oder wirtschaftliche Akteure auftreten, Garanten für ökonomische oder rechtliche Infrastruktur sein, relevant für spätmittelalterliche Verfassungsentwicklungen, Genossenschaften und andere Netzwerke prägen oder die Entstehung transeuropäischer Strukturen beeinflussen. Untersuchungen aber, die sich nur untergeordnet mit der komplexen Organisation befassen, laufen Gefahr, traditionelle Ansichten über die Hanse als eine hierarchisch organisierte, geschlossene Wirtschaftsorganisation mit klarem politischen Willen nicht zu hinterfragen. Die aktuelle Hanseforschung wird aus arbeitsökonomischen Gründen nur begrenzt rezipiert. Umgekehrt muss sich jedoch die Hanseforschung auch neueren Denkanstößen, theoretischen Impulsen und innovativen Modellen aus verwandten Disziplinen öffnen, um Vorstellungen über die Hanse zu modifizieren.

Um den aus einem weiten europäischen Einzugsbereich angereisten Tagungsteilnehmern einen Überblick zu verschaffen, widmete sich der erste Tag des Workshops den hansischen Berührungspunkten ihrer Projekte. In Kurzreferaten präsentiert, war jede der Arbeiten von einer reflektierten Auseinandersetzung mit mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen, edierten wie unedierten Dokumenten gekennzeichnet.[4] Ein großer Teil thematisierte Handelsnetzwerke und die Personen der Kaufleute. KILIAN BAUR (München) erläuterte sein Dissertationsprojekt über die Beziehungen von hansischen Kaufleuten zum dänischen Adel und dem Königtum. RÜTA BRUSBÄRDE (Riga) stellte die Kämmereiregister der Hansestadt Riga (1348-1361, 1405-1474) als historische Quelle zur Erforschung der mittelalterlichen Stadt heraus und in den Zusammenhang mit hansischen Entwicklungen. LENA MÜHLIG (Kopenhagen) schilderte die Rolle der Insel Bornholm für die spätmittelalterlichen Handelsnetzwerke. REINHARD PAULSEN (Hamburg) erläuterte die Muster von Seefahrtsaktivitäten und ihrer Befruchtung von städtischer Entwicklung am Beispiel Hamburgs. Eine Untersuchung am Kaufmannsbuch des Danzigers Johann Pyre (bislang Pisz) aus dem 15. Jahrhundert präsentierte ANNA PAULINA ORLOWSKA (Kiel). SABRINA STOCKHUSEN (Kiel) schilderte den Detailhandel in Lübeck anhand des Memorials von Krämer Hinrich Dunkelgud aus den Jahren 1479 bis 1517. Eine Edition des frühneuzeitlichen Berichts von Zacharias Meyer 1603 über seine Reise nach Moskau vorbereitend, wies IWAN IWANOW (Göttingen) auf die dort genannten hansischen und Lübecker Interessen hin, die Thematisierung aufgekündigter hansischer Privilegien und den Eingang des Berichtes in die Lübecker Rehbein-Chronik.

Weitere Arbeiten stellten sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte in den Vordergrund. Aus seinen Forschungen zur Wahrnehmung der Vitalienbrüder an der Wende des 14./15. Jahrhunderts berichtete HEIKO HILTMANN (Bamberg), wie hansische Akteure deren Bild bewusst konstruierten und wie dies adäquate Antworten auf das Phänomen konterkarierte. Aus ihrer Masterarbeit über die Führungsgruppe der Stadt Lübeck im 13./14. Jahrhundert stellte JULIA HOFFMANN (Kiel) ihre Fragestellung dar, welchen Stand die burgenses des Lübecker Privilegs zur Reichsfreiheit inne hatten. ANGELA HUANG (Kopenhagen) wies in ihrem Referat auf die unterschätzte Rolle der eigenständigen hansischen Produktion von Tuchen für die Fernhandelsmärkte des 15. Jahrhunderts hin. JEANINE MARQUARD (Hamburg) erläuterte ihr Dissertationsprojekt zur städtischen Sachkultur Hamburgs im Spätmittelalter, das archäologische Befunde, bildliche Quellen und Textzeugnisse kombiniert. MAIJA OJALA (Tampere) sprach über ihre Dissertation, die von der Stellung der Handwerkerwitwen in der Gewerbekultur mittelalterlicher Zünfte des Ostseeraumes zwischen 1350 und 1620 handelt.

Einen dritten Schwerpunkt bildeten politisch-diplomatischen Projekte. Norwegisch-vorhansische Verhandlungen des 13. Jahrhunderts präsentierte IAN PETER GROHSE (Trondheim) aus seinen Untersuchungen zum norwegischen Gesandtenwesen. In ihrem Promotionsprojekt behandelt FRANZISKA NEHRING (Kiel) die langfristigen Handlungsspielräume fürstlicher Politik am Beispiel der Herzöge von Sachsen-Lauenburg zwischen 1296 und 1689 anhand dynastischer, landesherrschaftlicher und auswärtiger Beziehungen. Welche Bestrebungen an der Wende vom 15./16. Jahrhundert hansische Akteure entwickelten, um sich zu reorganisieren und zu konsolidieren, trug MARIA SEIER(Lübeck) vor.

Dieses breite Spektrum an Sachthemen ergänzte NICO NOLDEN (Hamburg) um methodisch-theoretische Herausforderungen und Chancen der Editorik aus den Erfahrungen, die er in seiner Dissertation und einem laufenden DFG-Projektes in Hamburg zur Edition der Hamburger Ratsthrese gewann.

Trotz des engen Tagesplans blieb jeweils Gelegenheit für klärende Nachfragen und knappe Diskussionen, in denen Schnittmengen der Forschungen identifiziert und Kontakte geknüpft wurden. Zwar konzentrierten sich die Projekte auf das späte Mittelalter, suchten aber den Übergang zur Frühen Neuzeit und fragten nach Veränderungen in langen historischen Zügen. Zudem warfen alle innovative Perspektiven auf bislang wenig beachtete, hansische Kontexte. Dies unterstreicht, wie gewinnbringend Impulse aus Arbeiten in Qualifizierungsprozessen für die etablierte Forschung sein können. Zudem widerlegt dieser Überblick gelegentliche Vorurteile, dem Nachwuchs wäre das Quellenstudium unbequem.

Am zweiten Tag knüpfte der Workshop von 2012 an die Ergebnisse der 2010 vorausgegangenen Veranstaltung an. Der Impulsvortrag von JOHANNES LUDWIG SCHIPMANN (Osnabrück) eröffnete die ganztägige gemeinsame Quellenarbeit. Sein Referat behandelte die hansischen Begriffe und Organisationsformen in der Frühen Neuzeit, wie sie Zeitgenossen und die neuzeitliche Forschung prägten. Angesichts der Klarheit von Begriffsinhalten der Frühen Neuzeit erstaune ihn stets, wie sehr die mittelalterliche Forschung vor Problemen stehe, den Charakter der „Hanse“ und ihrer Entstehung festzulegen. Nichts desto weniger sei es für die Frühneuzeitforschung grundlegend, auch den mittelalterlichen Charakter der Kaufleute und ihrer Organisationen präziser zu fassen. Begriffliche Ungenauigkeiten seien in der Frühneuzeit nicht entstanden, da Beobachter der Hanse vorwiegend deskriptive Erläuterungen verfassten. Verzerrungen hätten erst die Interpretationen des 19. und 20. Jahrhundert verursacht. Sein Vortrag schlug regelmäßig Bögen zurück zum Mittelalter und zu den editorischen Herausforderungen für diese Zeit. Besonders das Selbstverständnis der Kaufleute und dessen Wandel sei nicht hinreichend geklärt, weshalb die innerhansische Kommunikation durch Briefkorrespondenzen besser zu untersuchen sei. Um den inneren Zusammenhalt einer wie auch immer gearteten Organisation zu bewerten, sei der Umfang an kommunikativem Austausch zwischen den einzelnen Gliedern maßgeblich. Daraus ließe sich feststellen, ob und wann genau Bestrebungen einsetzen, eine hansische Gemeinschaft aktiv politisch fortzuentwickeln. Auch für die Frühe Neuzeit läge noch viel unerforschtes Archivmaterial vor, aus dem umwälzende Erkenntnisse zum hansischen Selbstbild zu erwarten seien. Dies beträfe auch den Übergang im 17. Jahrhundert von einer hansischen zu einer hanseatischen Geschichte, in der Hamburg, Bremen und Lübeck ihre Interessen durchsetzten. Die nähere Betrachtung der Kommunikationsprozesse in dieser Zeit wäre gewinnbringend. Zur Bewertung langfristiger Prozesse sei die hansische Geschichte wie die städtische Geschichte grundsätzlich miteinander und Epochen übergreifend zu behandeln. Zur Quellenarbeit überleitend, begrüßte Schipmann daher die Intention des Workshops, sich mit den langfristigen Veränderungen der Originalbegriffe historischer Quellen und ihrer editorischen Interpretationen zu befassen.

In Konsequenz aus den Befunden der Veranstaltung von 2010 befasste sich der zweite Tag mit dem genaueren Blick in städtische Quellendokumente als Kern einer hansischen Überlieferung. Die Urkundenbestände der Städte im hansischen Einflussbereich bilden den Ausgangspunkt, um die Vorstellungen über die hansischen Kaufleute und ihre Organisation aus zeitgenössischer Sicht zu beleuchten. Zahlreiche Editionen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert ermöglichen zudem Aufschluss über den Umgang der Editoren mit begrifflichen Interpretationen.

Die Quellendokumente waren nach zwei Themenfeldern zu beleuchten, die zwei getrennte Panels für die Quellenarbeit konstituierten. Das erste Panel verfolgte die Frage, wie sich die hansische Selbst- und Fremdwahrnehmung im zeitlichen Verlauf veränderte. Ein Workshop kann nicht die gesamten städtischen Editionen bearbeiten. Daher trafen die Organisatoren eine Vorauswahl, um immerhin 58 lateinische, mittelniederdeutsche und französische Quellen aus verschiedenen Urkundenbüchern gemeinsam zu bearbeiten. Aktuelle Forschungsliteratur erhielten die Teilnehmer im Vorfeld zur Lektüre, die den Zeitraum für eine hansische Bewusstseinsveränderung auf das späte 14. Jahrhundert eingrenzte. Quellen fanden daher aus einem Zeitraum zwischen 1232 und 1455 Eingang. Untersucht wurden einerseits Formulierungen aus der Perspektive hansischer Kaufleute und der zugehörigen Städte auf sich selbst. Andererseits gab es zahlreiche Urheber (z.B. Könige), die in äußerer Sicht auf Kaufleute und Städte blickten. Herauszuarbeiten waren dominante Muster für die Begrifflichkeiten aus beiden Perspektiven, welche Bedeutung diese haben könnten, und wie sie sich zeitlich veränderten.[5]

Je nach Fremd- und Selbstwahrnehmung ergaben sich unterschiedliche Befunde. Die in den Quellen gefundenen Eigenbezeichnungen waren sehr differenziert, folgten je nach ihrem Ursprung regionalen Vorlieben, ließen jedoch bei Weitem keine einheitlichen Begriffe erkennen. Zudem war über den beobachteten Zeitraum kaum eine Entwicklung erkennbar, die Quellenbasis allerdings war natürlich auf die gewählten Urkundenbücher beschränkt. Indizien deuteten jedoch darauf hin, dass Lübeck aktiv versucht haben könnte, innerhalb der hansischen Kommunikation neue Sprachregelungen zu etablieren. So könnten die Formulierungen im Ausschluss Braunschweigs 1375 aus dem Kreis der „Städte, die in der Deutschen Hanse inbegriffen sind“, darauf hinweisen. Auslöser für dieses Vorhaben könnten die Erfolge gegen den dänischen König in den 1370er-Jahren gewesen sein. Dazu könnte Lübeck die nach den militärisch-politischen Erfolgen dieser Zeit bemerkenswert veränderten Fremdbezeichnungen durch europäische Herrscher aufgegriffen haben. Zuvor hielten sich langlebige regionale Bezeichnungen insbesondere für die Kaufmannschaften mit direktem Bezug auf die Kaufleute vor Ort wie in England „mercatores alemanie“ oder „mercatores theutonici“ im Ostseeraum. Nun verwenden diese jedoch Begriffe wie „Seestädte der dem römischen Imperium untergeordneten Hanse“ (1376) oder „Städte der Gemeinschaft der Händler, genannt Hanse“ (1377). Eine direkte Verbindung mit dem Attribut des „Deutschen“ zu einer „Deutschen Hanse“ als Bezeichnung von Außen stellten die Teilnehmer allerdings an den Quellen erst zur Mitte des 15. Jahrhunderts fest. Wenn Lübeck versucht haben sollte, Sprachregelungen zu etablieren, fand sich kein Widerhall dessen in Quellen anderer Städte oder von Kaufleuten für die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sollte dies auch keine aktive Interessenpolitik gewesen sein, deuten die Indizien für die 1370er-Jahre doch an, dass Begriffe für hansische Organisationsformen entstehen, die das „Hansische“ nicht allein auf kaufmännische Vereinigungen in der Fremde oder in den Ursprungsstädten der Händler beziehen.

Angesichts der zur Beurteilung vorliegenden Quellenbasis blieben die Hinweise jedoch in der Diskussion umstritten. Teilnehmer schlugen vor, in möglicherweise folgenden Untersuchungen die zeitgenössische Korrespondenz unter Kaufleuten und den Städten mit Schwerpunkt auf diese Zeitphase genauer zu untersuchen. Denn die Quellenarbeit sei bislang nur auf die reine Wortwahl eingegangen, mögliche Wirkrichtungen oder Zielsetzungen bestimmter Begriffsbildungen blieben im Dunkeln. Die Teilnehmer äußerten die Hoffnung, dass aus Korrespondenzen der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mehr darüber zu erfahren wäre.

Das zweite Panel berücksichtigte ein breites Spektrum an Editionen, einerseits in geografischer Hinsicht, andererseits bezüglich unterschiedlicher Entstehungszeiträume vom 19.-21. Jahrhundert. Die gemeinsame Quellenarbeit untersuchte, in welcher Art und wie wortgetreu die Editoren der Urkundenbücher die ursprünglichen Begriffe aus den Originaltexten in Worte ihrer Zeit kleideten und welche impliziten Bedeutungen diese damit den Bezeichnungen der Kaufleute, der Städte und hansischen Gemeinschaften zuwiesen. Den direkten Vergleich ermöglichten Regesten, die den Transkriptionen voranstehen. Zu klären war auch, ob eine Reifung des editorischen Arbeitens im Laufe der Jahrhunderte zu beobachten wäre und inwieweit die neuzeitlichen Übertragungen historischer Formulierungen den Forschungsdiskurs beeinflussten.

Grundsätzlich unterschieden die Teilnehmer zwischen reinen Regestenwerken und Urkundenbüchern, die einen Volltext mit einem vorangestellten Regest anbieten. Erstere, so die einhellige Meinung, müssten alle enthaltenen Aspekte einer Quelle möglichst ausführlich und orginialgetreu, im Zweifel auch mit Quellenzitaten ausformulieren. Dieser Zuschnitt entspräche einem Vollregest. Für längere Ausführungen in Archivalien jedoch sollte der Inhalt dann doch so weit verknappt werden, dass der Inhalt zügig zu erschließen ist. Im Vergleich der Begriffe in den transkribierten Volltexten und den Regestentexten überraschte, dass Editoren aus bestimmten Epochen nicht zwingend und pauschal eine Sensibilität für Hanse-Terminologie vermissen ließen. Das Problem existiert zeitübergreifend, also auch bei jüngsten Editionen, und ist stark von der Sorgfalt der Bearbeiter abhängig. Im Urkundenbuch Lübecks[6]aus dem 19. Jahrhundert werden vorwiegend die im Volltext verwendeten Begriffe in das Regest übernommen. Hingegen regestiert das Urkundenbuch Braunschweigs[7] häufig verallgemeinernd mit Begriffen wie „die Hansestädte“, auch wenn diese den Ausdruck des Volltextes verkürzen oder gar seinen Charakter verändern.

Zwar war dieser Befund eindeutig, an den Vorschlägen, wie diese Probleme zu beheben wären, entzündete sich aber eine kontroverse Diskussion. Auf der einen Seite stand die Position, dass eine größtmögliche Textnähe notwendig sei, weshalb Begriffe eines Originaltextes als Zitate in ein Regest zu übernehmen seien. Andere Teilnehmer forderten, abstrakte Hilfsbegriffe zu verwenden, die dann in den Editionsrichtlininen kenntlich zu machen wären. Die Diskussion verdeutlichte, dass die Positionen von unterschiedlichen Auffassungen über Zweck und Zielgruppe von Regesten herrührten. Sahen die Vertreter der abstrakten Hilfskonstruktionen sie nur als Findmittel für Quellen, wiesen die Verfechter größtmöglicher Textnähe diesem auch die Aufgabe zu, inhaltlich zu erschließen. Bei den Zielgruppen sah erstere Partei für Regesten vorwiegend einen akademischen Nutzerkreis, die zweite verlangte, durch die Textnähe auch „gebildete Laien“ mit einzubeziehen.

Wurde auch in diesen Fragen keine abschließende Einigung erzielt, sahen die meisten Teilnehmer jedoch als Lösung, vermehrt Online-Editionen zu erstellen. Diese seien im Gegensatz zu Drucken nicht zwingend abgeschlossen, Fehler könnten zeitnah behoben, Inhalte und Strukturen erweitert und Forschungsergebnisse nachgetragen werden. Sie empfahlen, in Webeditionen ein kurzes Regest zum Überblick, ein langes Regest unter Verwendung von Quellen- und Forschungsterminologie und Volltexttranskriptionen nebeneinanderzustellen. Online-Editionen hätten zudem klare funktionale Vorteile wie leichtere Zugänglichkeit, veränderbare Methodik, erweiterbare Verschlagwortungen, die flexibel gruppiert werden könnten, und Suchfunktionen. Diese Veränderlichkeit würde auch den Austausch über die verwendeten Begriffe in Editionen erleichtern.

Zusammenfassend kann der Workshop nur als erfolgreich angesehen werden. Durch die Kurzreferate und ihre Diskussion wurde einerseits das Ziel erreicht, die jungen Forschenden auf thematische Verbindungen ihrer Projekte hinzuweisen und europaweit miteinander bekannt zu machen. Zum Anderen konnte die gemeinsame Quellenarbeit zusammen mit dem einleitenden Impulsreferat für Berührungspunkte und Probleme mit hansischen Kontexten sensibilisieren. Substantiell für die Forschung ermittelte die gemeinsame Quellenarbeit sogar einen engen Zeitkorridor in der Veränderung zeitgenössischer hansischer Begriffe in den 1370er-Jahren, arbeitete differenzierte Befunde für den editorischen Umgang mit den Originaltexten heraus und benannte Möglichkeiten, diesen Umgang in Zukunft zu verbessern. Diese Ergebnisse wurden, stellvertretend für die übrigen Teilnehmer, von Julia Hoffmann und Kilian Baur zusammen mit den Organisatoren auf der Jahresversammlung des Hansischen Geschichtsvereins vorgestellt. Der Geschichtsverein hatte sich neben der Universität Hamburg und der Körber-Stiftung auch an der Finanzierung beteiligt. Die Präsentation erhielt sehr viel positiven Zuspruch und ihre Ergebnisse wurden intensiv diskutiert. Das Plenum unterstützte daraufhin den Vorschlag, auch für 2014, dann in Lübeck, wieder einen Nachwuchsworkshop finanziell zu unterstützen. Aus dem Kreis des Lüneburger Workshops erklärten sich dazu bereits fünf Personen bereit, dessen Organisation zu übernehmen. Ein besonderer Dank gilt dem Leiter des Stadtarchivs Lüneburg, Dr. THOMAS LUX, der den Lesesaal seines Archivs bereitstellte und am Pfingstwochenende für den Workshop vor Ort war.

Konferenzübersicht:

Projektreferate

Kilian Baur: Die Beziehungen führender hansischer Kaufleute zum dänischen Adel und Königtum

Rüta Brusbärde: Die Kämmereiregister der Hansestadt Riga (1348−1361; 1405−1474) als historische Quelle zur Erforschung des mittelalterlichen Rigas

Ian Peter Grohse: Diplomatische Vorreiter im Norden − Eine Untersuchung des norwegischen Gesandtenwesens am Beispiel norwegisch-vorhansischer Verhandlungen im 13. Jahrhundert

Heiko Hiltmann: The Victual Brothers − „Foes of All the World” or a Product of Hanseatic Construction?

Julia Hoffmann: Adel, Ministerialität, Freie: Welchen Stand hatten die burgenses des Lübecker Reichsfreiheitsprivilegs? Sozial− und kulturgeschichtliche Untersuchungen zur Führungsgruppe der Stadt Lübeck im 13. und 14. Jahrhundert

Angela Huang: Hansestädtische Tuchproduktion im Fernhandel des 15. Jahrhunderts

Iwan Iwanow: Editionsprojekt: Reisebericht Zacharias Meyers nach Moskau von 1603

Jeanine Marquard: Städtische Sachkultur im Spätmittelalter am Beispiel Hamburgs

Lena Mühlig: Die Rolle der Insel Bornholm im spätmittelalterlichen Handelsnetzwerk

Franziska Nehring: Endlichkeiten fürstlicher Politik: Die Handlungsspielräume der Herzöge von Sachsen-Lauenburg (1296-1689)

Nico Nolden: Ein ordentliches Chaos − Die jüngeren Urkunden der Hamburger Threse und die Herausforderungen der Editorik

Maija Ojala: Gewerbekultur in spätmittelalterlichen Zünften. Die Stellung der Handwerkerwitwe in den Zünften des Ostseeraums (c. 1350−1620)

Anna Paulina Orlowska: Johan Pyre − ein Danziger Kaufmann im 15. Jahrhundert

Reinhard Paulsen: The Town of Hamburg and its Shipping (1350 − 1500)

Maria Seier: Hansische Reorganisationsbestrebungen an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert

Sabrina Stockhusen: Das Memorial des Lübecker Krämers Hinrich Dunkelgud aus den Jahren 1479 bis 1517 und der Detailhandel in Lübeck im 15. und 16. Jahrhundert

Impulsreferat

Johannes Ludwig Schipmann: Hanse, Kaufmann und Kontore. Wahrnehmungsbilder heute und zur Hansezeit

Quellenarbeit

Panel 1: „Äußere Wahrnehmung vs. Inneres Selbstverständnis - Diskrepanzen zwischen äußerer und innerer Sicht der Zeitgenossen auf die Hanse“

Panel 2: „Beyond a Linguistic Turn - Sprachregelungen in Urkundeneditionen und ihre Folgen für das Geschichtsbild“

Anmerkungen
[1] Vgl. Call for Papers and Participation von Jeanine Marquard/Nico Nolden, in: HSozKult, 17.01.2012: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=18228> (12.03.2013).
[2] Vgl. Tagungsbericht von Ulla Reiß, in HSozKult, 23.07.2010: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3197> (12.03.2013).
[3] Hanserecesse, Abtheilung 1: Die Recesse und andere Akten der Hansetage von 1256-1430, hrsg. vom Verein für Hansische Geschichte, Bd. 1-8, Leipzig 1870-1897.
[4] Ausführliche Informationen inklusive der Exposés der Teilnehmer sind mit deren Einverständnis auf der Tagungswebseite veröffentlicht: <www.threse.uni-hamburg.de/hanseworkshop2012/>.
[5] Ein detailreicherer Beitrag zum Vorgehen bei der Quellenarbeit, den zugrundeliegenden Archivalien und Editionstexten sowie zur Herleitung der daraus gewonnenen Ergebnisse entsteht für die Hansischen Geschichtsblätter Jg. 131 und wird zum Jahresanfang 2014 erscheinen.
[6] Codex diplomaticus Lubecensis, Abtheilung 1: Urkundenbuch der Stadt Lübeck, hrsg. vom Verein für Lübeckische Geschichte, T. 2-9, Lübeck 1858-1893.
[7] Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, bearb. von Josef Dolle, Bd. 5-8, 1994-2008.

ZitierweiseTagungsbericht 'Mehr als Koggen und Kaufleute' II - Die städtische Überlieferung als Basis hansischer Konstruktion, ihre Edition in Urkundenbüchern und ihre Rolle für aktuelle Projekte der Spätmittelalterforschung. 27.05.2012-28.05.2012, Lüneburg, in: H-Soz-u-Kult, 15.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4728>.

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