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Mittelalterliche Geschichte

I. Bennewitz u.a. (Hrsg.): Farbe im Mittelalter

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Lioba Geis <lioba.geisuni-koeln.de>
Titel:Farbe im Mittelalter. Materialität – Medialität – Semantik
Herausgeber:Bennewitz, Ingrid; Schindler, Andrea
Ort:Berlin
Verlag:Akademie Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-05-004640-2
Bemerkungen:2 Bände
Umfang/Preis:geb.; XVIII, 1130 S.; € 128,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jan Keupp, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <jan.keuppuni-muenster.de>

Ein Sammelband als Symptom? Die gesammelten Erträge des 13. Symposiums des Mediävistenverbands mögen zu einer Diagnose über die gegenwärtige Situation der Gesamtdisziplin verleiten. Immerhin gestaltete sich der im Februar 2009 in Bamberg tagende Kongress mit seinen mehr als 120 Vorträgen zu einer mediävistischen Leistungsschau, deren Dimension die Veranstalter selbst verblüfft zu haben scheint: Alle Befürchtungen, das „zumindest auf den ersten Blick sperrig wirkende Thema könnte in der Fachwelt kein allzu großes Interesse auslösen“ (S. 12), wurden durch die überwältigende Resonanz aus allen Teilfächern wirkungsvoll zerstreut. Dabei rangierte das Echo der Kunstgeschichte und älteren Germanistik je etwa 40 Sektionsvorträgen mit weitem Abstand vor dem Zuspruch der Mittelalterhistoriker (15), Theologen (8) sowie der zahlreichen kleineren Disziplinen von der Archäologie über die Nordistik bis hin zur Medizingeschichte und Chemie. Immerhin 70 der beteiligten Referentinnen und Referenten haben die Gelegenheit genutzt, ihre Forschungserträge der Fachöffentlichkeit auch in gedruckter Form zugänglich zu machen.

Rote Ritter, weiße Tiere und schwarze Männer, goldene Bücher und bunte Bilder – die thematische Bandbreite der Beiträge ist beachtlich und weder durch die Sektionstitel der Tagung noch durch Neugruppierung unter sechs Rubriken in zwei Teilbänden wirkungsvoll zu bündeln. Doch hat der schillernde Facettenreichtum offenbar Ziel und Methode zugleich. So jedenfalls suggeriert es gleich am Auftakt des ersten Bandes Peter Strohschneider: Die vielfarbige Mixtur der Gegenstände und Fachperspektiven spiegle „nicht nur die Farbigkeit des Mittelalters, sondern auch attraktive Buntheit der Mittelalterwissenschaften“ (S. 16) wider. Forschungsstrategisch werde durch eine solche buntscheckige Fülle zugleich die zukünftige Mission der Mediävistenzunft, ja der Geisteswissenschaften insgesamt umrissen: In bewusstem Kontrast zum rein instrumentellen Kosten-Nutzen-Kalkül falle ihr die systemrelevante Aufgabe zu, „die historischen, kulturellen, normativen, ästhetischen Alternativen zum Gegebenen für die Wissensgesellschaft verfügbar“ (S. 23f.) zu halten. Anders gesprochen: Um der gegenwärtigen Gesellschaft kontingente Möglichkeitsräume zur dynamischen Selbstgestaltung offen zu halten, dürfe die mediävistische Fächergruppe „die Komplexität der Welt primär nicht abbauen, sondern entfalten“ (S. 24).

In der Gesamtschau der Einzelbeiträge findet diese Agenda tatsächlich eine konsequente Umsetzung. Das Mittelalter als Epoche hat im Licht aktueller Forschung seine altüberkommene Fassade monochromer Einheitlichkeit endgültig eingebüßt. Thematisch belegen die beiden Teilbände eindrucksvoll, dass jenseits der ausgetretenen Pfade der Stil-, Gattung- und Reichsgeschichte blühende Forschungslandschaften entstanden sind, die sich gegenseitig zu inspirieren und zu befruchten vermögen. Methodisch markieren sie die längst überfällige Abkehr von älteren hermeneutisch-systematisierenden Ansätzen der Farbenforschung: So meinte Wilhelm Wackernagel 1863/64 in seinem bis dato einschlägigen Aufsatz zur „Farben- und Blumensprache des Mittelalters“ zwar durchaus auf den „unstäten Wechsel“ teils widersprüchlicher Sinndimensionen aufmerksam machen zu müssen. Doch sei die Deutung der Vergangenheit stets nach uniformem Prinzip „von den Wirklichkeiten ausgegangen, welche die Natur an die Hand giebt“[1]. Derartige Versuche der Komplexitätsreduzierung mögen ihren Zenit längst überschritten haben, sie sind in jüngerer Zeit einer allgemeinen Pluralisierung der Kontexte und Perspektiven gewichen.

Gleichwohl sei die kritische Frage gestattet, welchen Gewinn die neue Vielfalt für die mediävistische Fächergruppe und ihre Fähigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit bereithält. Bleibt angesichts des Bekenntnisses zu Kontingenz und Komplexität im Wortsinne noch ein roter Forschungsfaden erkennbar? Beim Blick in die Beiträge des Sammelbandes fällt es schwer, gerade jene Farbe Rot als „Bedeutungsträger“ im schillernden Kulturgemisch des Mittelalters zu identifizieren. Dem Leser präsentiert sich vielmehr ein chaotisches Florilegium potentieller Sinnzuweisungen: Was „tatsächlich“ geschieht, „wenn Thomas von Aquin rot sieht“, glaubt allein Uwe Vogt mit naturwissenschaftlicher Präzision beschreiben zu können: „Licht von einer Wellenlänge von 600 bis 800 Nanometern trifft auf spezialisierte Sehzellen der Netzhaut“ (S. 819). Hingegen erfährt der Leser von der Archäologin Karin Kania, in welchem Maße der „Farbraum, den Krapp oder Kermes zur Verfügung stellen“ (S. 215), die scheinbare Linearität der monochromatischen Spektralfarben durchbricht: Vom kupferfarbigen Glanz des roten Golds bis zum „fuchsroten Fellfarbton“ edler Rosse mochte dem Aquinaten ein von modernen Sehgewohnheiten abweichender Assoziationsrahmen zur Verfügung stehen. Analog decken mehrere Studien zur Farbterminologie im Englischen, Mittelschottischen, Spanischen, Lateinischen und Mittelhochdeutschen begriffliche Taxonomien auf, die räumlich, zeitlich und kontextuell beachtliche Divergenzen und Dynamiken aufweisen. Selbst die Farbe des Märtyrerblutes ist – ohne dass die Autorin des betreffenden Beitrages dies zu bemerken scheint – nicht einfach nur rot, sondern changiert zwischen den Begriffen purpureus, rubeus und roseus.

So schwierig die begriffliche Fixierung der Farben fällt, so fluide wirken die möglichen Deutungsansätze: Signalisiert das Rot „Gewalt, Herrschaft, Blut(vergießen), Gerichtsbarkeit, Aggressivität usw., aber auch Leben, Höllenfeuer, die Sünde“ (S. 682), ist es „Ausdruck tiefster Gottesliebe“ (S. 165) oder „Farbe des lebendigen Diesseits“ (S. 465)? Veranschaulicht es „blutiges Leiden und Königtum“ (S. 773) oder spiegelt es „das verderbliche Feuer des Teufels“ (S. 797)? Steht „Rot für die Krieger“ (S. 871), gelten gar die Faustformeln „rot = Feuer = Liebe“ (S. 256) oder „rot = Minnenot“ (S. 552)? Macht seine rote Rüstung Parzivals Gegner Ither nun zum „Minneritter“, signalisiert sie seine „Kampfesbereitschaft“, ist sie „Zeichen seines Hochmutes“ oder gar „Symbol der Sünde“ (S. 465)? Der Leser wird es nie erfahren und ist vielleicht schon dadurch beruhigt, „dass Veldecke den potentiellen symbolischen Gehalt des blutigen Rot niemals offensiv als narratives Instrument einsetzt“ (S. 485). Weniger zurückhaltend, dafür geradezu postmodern präsentiert sich demgegenüber in der Interpretation Claudia Lauers „Die Krone“ Heinrichs von dem Türlin. In überbordender „Chromophilie“ erhebt sie die „Buntheit zum schöpferischen Programm“ (S. 454). Die Konturen der Farben verlieren sich aus Sicht der Verfasserin im Nebelmeer bedeutungsoffener Kontingenz: „Im Zuge dieser farblichen Exponierung gewinnen die einzelnen Farben eine betont eigenständige Qualität und entfalten vor dem Hintergrund von Dingähnlichkeit, Farbkonventionen, Relationen zu anderen Farben, Physiognomik und anderen für die Semantik relevanten Aspekten zugleich auch eine eigene bedeutungslenkende Dynamik, die sich einer eindeutigen Bestimmung versagt“ (S. 451). Ist mit diesem Satz die spezifische Symptomatik des Sammelbandes, ja der modernen Mediävistik insgesamt auf den Punkt gebracht?

Komplexität und Kontingenz, die Parolen der Postmoderne, stellen stets produktive Faktoren der Verunsicherung dar, von der die mediävistischen Fächer insgesamt zu profitieren vermögen. Zur monolithischen Einheit einer vermeintlich wertstabilen, traditionsgerahmten Epoche führt von hier aus kein Weg zurück. Als Mantra einer kulturwissenschaftlich orientierten Mediävistik aber führen sie womöglich in die Aporie der Beliebigkeit. Wo Kultur als ein selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe begriffen wird, stellt eine Ansammlung unverbundener Forschungsfäden allenfalls die Vorstufe zur Erkenntnis dar. Erträge lassen sich erst erwarten, wo gezielt nach den Kreuzungs- und Knotenpunkten gefahndet wird, die dem Sinngewebe Halt und Struktur verleihen. Statt in Detailstudien auf vermeintlich lose Enden zu blicken, wären die einzelnen Bedeutungsstränge in ihrer wechselseitigen Bedingtheit in interdisziplinärer Zusammenarbeit nachzuverfolgen. Dafür bedarf es zwingend gemeinsamer Fragestellungen, mithin innerhalb der Fächergruppe geteilter Leitthesen und Theorieangebote. Als heuristische Krücken können sie dabei helfen, die oftmals verblassten Farben der Vergangenheit in ihrer historischen Signifikanz zum Leuchten zu bringen: Als visuelle Marker von Differenz dienten sie nämlich kaum jemals dem Zweck einer Komplexitätsentfaltung. Sie vermitteln dem Betrachter vielmehr ein Gefühl von Kohärenz und Sinnhaftigkeit und machen auf diese Weise die bunte Welt des Mittelalters für Zeitgenossen und Nachgeborene erst durchschaubar und verständlich.
Der Sammelband mag mit seinen zahlreichen, zum Teil qualitativ hochwertigen und methodisch instruktiven Einzelbeiträgen eine verlässliche Basis bilden, das Wagnis solcher kulturwissenschaftlichen Syntheseversuche in Zukunft mit größerem Selbstbewusstsein einzugehen.

Anmerkung:
[1] Wilhelm Wackernagel, Die Farben- und Blumensprache des Mittelalters, in: Ders., Kleinere Schriften Bd. 1, Leipzig 1872, S. 143–240, hier S. 238, 148.

ZitierweiseJan Keupp: Rezension zu: Bennewitz, Ingrid; Schindler, Andrea (Hrsg.): Farbe im Mittelalter. Materialität – Medialität – Semantik. Berlin 2011, in: H-Soz-u-Kult, 30.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-064>.

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