Europäische Geschichte
B. Musial: Stalins Kriegspläne gegen den Westen
Externe Angebote zu diesem Beitrag
Informationen zu diesem Beitrag
| Autor(en): | Musial, Bogdan |
| Titel: | Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen |
| Ort: | Berlin |
| Verlag: | Propyläen Verlag |
| Jahr: | 2008 |
| ISBN: | 978-3-549-07335-3 |
| Umfang/Preis: | geb.; 586 S.; € 29,90 |
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jörg Ganzenmüller, Historisches Kolleg München
E-Mail: <Joerg.Ganzenmueller
Copyright (c) 2009 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT
Reaktionen / Kommentare
24.04.2009 Lehmann, Maike <mlehmann
Forscher/innen-Verzeichnis
Replik von B.Musial zur Rezension 'Kampfplatz Deutschland'
07.05.2009 Lehmann, Maike <mlehmann
Forscher/innen-Verzeichnis
Zu B.Musials 'Kampfplatz Deutschland' - Eine Entgegnung von J.Ganzenmüller
22.05.2009 Musial, Bogdan <bogdan
Zu B.Musials 'Kampfplatz Deutschland' - Eine Entgegnung von B. Musial
Im Folgenden veröffentlicht die Redaktion eine Stellungnahme von Bogdan Musial zur Replik Jörg Ganzenmüllers auf seine Rezension von 'Kampfplatz Deutschland' (H-Soz-u-Kult, 17.04.2009, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de
-----
Von: Bogdan Musial
Email: <bmusial
Mit großer Verwunderung habe ich die Ausführungen von Jörg Ganzenmüller vom 17. Mai 2009 auf meine Stellungnahme von selben Tag gelesen. Ganzenmüller beharrt dort auf seinen Vorwürfen (unwissenschaftlicher Umgang mit Quellen und Ignorierung der bisherigen Forschung), die er bereits in seiner Rezension vom 17. April formulierte, ohne damals irgendwelche konkreten Beispiele genannt zu haben. Darauf wies ich in meiner Stellungnahme ausdrücklich hin.
So behauptet Ganzenmüller weiterhin, ich hätte weite Teile der Forschung ausgeblendet, diesmal nennt er jedoch ein konkretes Beispiel. Er schreibt nämlich, ich hätte die neueste Forschung zu Tuchatschewski und seiner Militärstrategie ignoriert. Tuchatschewski war derjenige, der die sowjetische Konzeption von Vernichtungs- und Blitzkrieg Anfang der 1930er-Jahre entworfen hatte, um in Stalins Auftrag Vorbereitungen hierfür zu realisieren. Allerdings war Tuchatschewski nie Volkskommissar für Verteidigung, wie Ganzenmüller in seiner Replik behauptet.
Konkret wirft mir Ganzenmüller dieses Mal vor, ich hätte die Arbeit von Lennart Samuelson ausgeblendet, die ohne Zweifel wichtig und wertvoll ist. Das Problem ist jedoch, dass ich mich auf diese Arbeit in meinem Buch durchaus berufe, und zwar sogar ziemlich oft! Allerdings führe ich nicht die englische Version an, die im Jahre 2000 erschienen ist, sondern die russische, die ein Jahr später veröffentlicht wurde.[1] Da dort auch russische Quellen im Original zitiert werden, zog ich die russische der englischen Version vor. Außer Samuelson habe ich unter anderem die Arbeiten von Oleg Ken (erschienen 2002) und Erl F. Ziemke (erschienen 2004) angeführt.[2] Und das war nach meiner Kenntnis der neueste Stand der Forschung zu diesem Thema, als ich mein Buch verfasste (2007).
Außerdem scheint Ganzenmüller nicht zu begreifen, dass jeder Autor, der ein breites und vielschichtiges Thema in einem Buch von begrenztem Umfang behandelt, eine bestimmte Auswahl an Fachliteratur vornehmen muss. Daher heißt die Bibliografie, die am Ende meines Buches zu finden ist, auch Auswahlbibliografie. Und im Buch „Kampfplatz Deutschland“ behandle ich die sowjetische Geschichte von 1919 bis zum Juni 1941, wobei militärische, wirtschaftliche, soziale und politische Aspekte besprochen werden.
Ganzenmüller beharrt auch auf dem Vorwurf, ich hätte „die allgemeinen Regeln der Quellenkritik“ missachtet. In seiner Rezension vom 17. April 2009 hielt er es für nicht notwendig, einen konkreten Fall hierfür zu benennen. Diesmal glaubt er, allerdings irrtümlich, einen solchen Fall gefunden zu haben. Es handelt sich um das von mir ausführlich zitierte Protokoll des Hauptkriegsrates der Roten Armee vom 4. Juni 1941, das er in seiner früheren Rezension ignoriert hatte. Er musste nun zugeben, dass dieses Protokoll sehr wohl die Expansionsabsichten der Sowjetunion in Richtung Westen belegt. Zugleich kritisiert er jedoch, dass ich dieses Dokument als Beleg für die offensive Ausrichtung der sowjetischen Außenpolitik seit 1919 interpretieren würde.
In dem Protokoll ist nämlich die Rede von der Losung Lenins, in der er offensive Kriege gegen kapitalistische Staaten ausdrücklich befürwortete, falls die „proletarische Revolution“ zunächst nur in einem Land siegen sollte. Ganzenmüller hält diese Losung für einen Anachronismus, denn sie stammt aus dem Jahre 1915, und meint, sie könne unter keinen Umständen als „außenpolitisches Programm der frühen Sowjetunion“ gelesen werden, was ich ja getan habe. Er schreibt in diesem Zusammenhang: „Er (Musial) verzichtet dabei auf eine Kontextualisierung des jeweiligen Dokumentes als auch auf jegliche Quellenkritik. Und er unterschlägt alles, was sich nicht in sein einfaches Interpretationsschema pressen lassen [sic].“
Wenn Ganzenmüller mein Buch aufmerksam gelesen hätte, hätte er allerdings auch folgende Sätze auf Seite 186 gefunden: „Die Losung Lenins, dass es möglich sei, den Sozialismus in einem Land aufzubauen, um dann anschließend notfalls mit Waffengewalt gegen die kapitalistischen Staaten vorzugehen, um die Revolution zu verbreiten, wurde ‚zum grundlegenden Artikel‘, zur politischen und ideologischen Leitlinie der bolschewistischen Machthaber nach 1925.“
Stalin persönlich war es, der am 3. November 1926 diese Losung in einer Rede als „grundlegenden Artikel“ bezeichnet hatte (S. 513, FN 17). Und auf Seiten 185 bis 189 beschreibe ich detailliert, wie diese Losung zur politischen und ideologischen Leitlinie von Stalin und seinen Komplizen wurde. Ganzenmüller blendet meine Ausführungen und die von mir angeführten Quellen hierzu aus und erhebt schwere Vorwürfe, ich hätte die allgemeinen Regeln der Quellenkritik missachtet. Seriös ist das wohl kaum.
Es ist für jeden Autor äußerst ärgerlich, mit solch haltlosen Vorwürfen konfrontiert zu werden, zumal sich Ganzenmüller offenkundig nicht einmal die Mühe gemacht hatte, das Buch durchzulesen. Auf die ideologisch-moralisierenden Ausführungen Ganzenmüllers, dass man nicht sowjetische Konzentrationslager als „KZ“ und die sowjetische Kriegsdoktrin als „Vernichtungskrieg“ bezeichnen dürfe, möchte ich nicht mehr eingehen. Ganzenmüllers Ausführungen hierzu sind Ausdruck des politisch korrekten Dogmatismus, den er offenkundig vertritt und für den er auch die Grundsätze festlegen möchte. Solche Debatten interessieren mich nicht.
Nebenbei bemerkt verwendet man in den Medien auch nicht selten den Begriff „polnische KZs“, wobei man die deutschen Konzentrationslager im deutsch besetzten Polen meint oder auch kommunistische KZs, die nach der sowjetischen „Befreiung“ Polens durch polnisch-sowjetische Kommunisten errichtet wurden. Dies ist Ganzenmüller offenkundig noch nicht aufgefallen.
Es bleibt zu hoffen, dass Ganzenmüller mein Buch noch einmal, dieses Mal gründlicher, durchliest und sachliche Kritik formuliert. Darauf würde ich mich sehr freuen.
Anmerkungen:
[1] Lenart Samuelson, Krasnyj Koloss. Stanovlenie voenno-promyšlennogo kompleksa SSSR 1921-1941, Moskva 2001.
[2] Oleg Ken, Mobilizacionnoe planirovanie i politiceskie rešenija. Konec 1920 – seredina 1930-x, Sankt-Petersburg 2002; Earl F. Ziemke, The Red Army 1918-1941: From Vanguard of World Revolution to US Ally, London 2004.
