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Theoretische und methodische Fragen

H. Reinalter (Hrsg.): Die Junghegelianer

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Jordan <jordanndb.badw.de>
Titel:Die Junghegelianer. Aufklärung, Literatur, Religionskritik und politisches Denken
Reihe:Schriftenreihe der internationalen Forschungsstelle „Demokratische Bewegung in Mitteleuropa 1770-1850“ 41
Herausgeber:Reinalter, Helmut
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Peter Lang/Frankfurt am Main
Jahr:
ISBN:978-3-631-60385-7
Umfang/Preis:200 S.; € 43,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Steffen Höhne, Institut für Musikwissenschaft, Hochschule für Musik Franz Liszt, Weimar / Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: <steffen.hoehnehfm-weimar.de>

Ausgangspunkt des Sammelbandes ist laut Herausgeber, „die Bewegung der Junghegelianer auf neuestem Forschungsstand darzustellen und wichtige Aspekte ihres Denkens und Wirkens zu untersuchen“ (Vorwort, S. 7), wobei zunächst aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts nachwirkende Aspekte analysiert werden. Dieser Rezeptions- und Wirkungsprozess wird – in Bezug auf ein Unbehagen an der Moderne – in seiner affirmativen wie kritischen Dimension verfolgt. Reinalter verweist aber auch auf eine dritte, mittlere Position, nach der die Moderne als ein unvollendetes Projekt fungiert. Ohne den darin immanenten Zwiespalt beseitigen zu können oder gar a priori eine Tendenz der Aufklärung zu totalitärem Denken belegen zu wollen, bemühen sich die Beiträger um eine textgeleitete Rekonstruktion der Einflüsse der Aufklärung auf die Junghegelianer und deren „zweite Aufklärung“, um von dort den geisteshistorischen Stellenwert bzw. zentrale Konzepte wie die „Philosophie der Tat“ in den Blick zu nehmen. Im Zentrum steht dabei auch die Kontroverse zwischen Alt- und Junghegelianern und damit die Frage um das Wie einer Versöhnung von Wirklichkeit und Vernunft.

Arnold Ruge, als Mitherausgeber der „Halleschen Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst“ (1838-41, danach bis zum Verbot 1843 unter dem Titel „Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst“) eine Art organisatorischer Mittelpunkt der Gruppe, steht dabei im Zentrum des Bandes. Der mit der Juli-Revolution 1830 einsetzende Differenzierungsprozess führte zu einer starken Politisierung der Philosophie, die ihr Äquivalent in der Literatur der Vormärzzeit fand. Die „prometheisch, philosophisch-theologische Stufe“ der „junghegelianischen Kritik […] wird auf die politische und soziale Ebene“ ausgedehnt (Lucien Calvié, „Die Junghegelianer und die Literatur ihrer Zeit“, S. 19) und mündet konsequent bei Karl Marx und Friedrich Engels. Das Jahr 1830 darf somit aus mehrfacher Hinsicht als Wendepunkt betrachtet werden. Nach Lukács endete die eigentliche Phase der Restauration, ebenfalls fand die in Teilen als reaktionär betrachtete Romantik ihren Abschluss. Paris wurde zum Zentrum des deutschsprachigen Exils (Börne und Heine). Ruges Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur erfolgte nach Calvié auf vier Ebenen. Erstens findet man eine in mehreren Artikeln geführte Polemik gegen die deutsche Romantik und deren konservative und reaktionäre Tendenzen. Zweitens grenzt Ruge sich vom Jungen Deutschland ab, insbesondere von Karl Gutzkow und dessen post-romantischer Ironie. Drittens wendet Ruge seine auf Hegel basierende Kritik der Ironie und des Witzes romantischer Prägung gegen Heine, dem zwar eine zunächst positive Rolle als Kritiker der Romantik zugestanden wird, Ruge verkennt aber die „politische positive Funktion des Heineschen Witzes, die der Zerstörung der altdeutschen, romantischen Ideale [dient, die] für Ruge leider zumindest teilweise zu einer negativen geworden [sei]: Der Witz ist die Freiheit des Sklaven, nicht nur in der Komödie, auch in der Wirklichkeit“ (Calvié, S. 33).

Positiv rezipierte Ruge dagegen Ludwig Börne und die Tendenzdichter der Zeit (Ferdinand Freiligrath, Georg Herwegh), womit er sich als durchaus ambivalenter, patriotischer und radikal demokratischer Ideologe erwies, dem der Sinn distanzierender und destruierender Ironie offenbar völlig abging.

Die Religionskritik steht zweifellos im Zentrum des junghegelianischen Denkens. Verdienstvollerweise verweist Wolfgang Eßbach in seinem Beitrag „Von der Religionskritik zur Kritik der Politik – Etappen junghegelianischer Theoriediskussion“ auf die zeitgenössischen religiösen Diskurse und Konflikte, die den Kontext dieser Auseinandersetzung bildeten, eine Zeit, in der man mehr über religiöse Fragen denn über politische debattierte. Ausgehend von David Friedrich Strauß’ „Das Leben Jesu“ (1835), in dem die Existenz des Jesus von Nazareth als historischer Gestalt widerlegt wird, folgt Eßbach der junghegelianischen Religionskritik über Ludwig Feuerbachs Projektionsthese, mit der das Schöpfer-Geschöpf-Verhältnis umgekehrt wird und der Mensch sich seinen Gott schafft (also eine Anthropologisierung der Religion), und Bruno Bauers Konzept einer vollendeten Religion, beides Diagnosen einer Vermischung von Religion und Politik: „Für Feuerbach geht es um das Ende der Religion als entfremdeter Religion und um die Transformation der Religion; für Bruno Bauer geht es um die Vollendung der Religion als soziales Psychopharmakon.“ (Eßbach, S. 53)

Bauer, ein, so Zvi Rosen („Zur Geschichtsauffassung Bruno Bauers. Das Sakrale und das Profane“), prononcierter Kritiker des Kommunismus, vertrat gleichwohl einen elitären Standpunkt, zielte er doch auf eine Befreiung des Bewusstseins, wo Marx das Privateigentum beseitigen wollte und das Prinzip des Klassenkampfes propagierte, um den Menschen aus der Entfremdung zu erlösen. Eine Radikalisierung der Religionskritik folgte dann mit Max Stirner, der nicht bei der Feuerbachschen Enttranszendentalisierung Gottes stehen blieb, sondern das „Göttliche als das wahrhaft Menschliche“ auffasste, und mit Karl Marx’ Erweiterung der Religionskritik zur Kritik der Ideologie, mit der zugleich das Ende der Religionskritik in Deutschland konstatiert werden kann.

Die drei abschließenden Beiträge wenden sich erneut Arnold Ruge zu, der in der Rezeption mal als Landesverräter, mal als Märtyrer deutscher Einheit und Freiheit fungiert. Stephan Walter („Die Auflösung des Liberalismus in Demokratismus. Politisches Denken und Demokratietheorie bei Arnold Ruge“) widmet sich dem von dem Konzept der griechischen Polis beeinflussten Denken Ruges, der eine der frühesten demokratischen Utopien in Deutschland konzipierte, in der der Hegelsche Idealismus überwunden wurde, ohne dessen Methode aufzugeben, ein Wechsel von der absoluten zur menschlichen Vernunft. Dieser utopische, gleichwohl unpolitische Entwurf sei von einem „aufgeklärten humanistischen Ethos“ (S. 137) getragen, welches an die Wirkung von Bildung und Vernunft und somit Einsicht der Beteiligten glaubt und das den Staat aus seiner Herrschaftsfunktion lösen möchte und als das „sich selbst bestimmende Volk“ neu bestimmt (S. 126). Diese direkt-demokratischen Vorstellungen fanden noch im „Donnersberg“, der Fraktion der äußersten Linken in der Paulskirche, der Ruge angehörte, Eingang in die Politik. Gleichwohl lässt sich deren utopischer Charakter nicht leugnen: „Ruges Arkadien war erfüllt von der Sehnsucht nach der Überwindung der Institutionen, nach Beseitigung von Herrschaft und unmittelbarer Assoziation der Menschen.“ (S. 137)

Reinalter (Arnold Ruge, der Vormärz und die Revolution 1848/49), der zwischen einem südwestdeutschen und einem norddeutschen Radikalismus, der sich um die Linkhegelianer gruppierte, differenziert, konstatiert einen Aufschwung radikalen Denkens zwischen 1835 und 1843, wobei Grundideen der politischen Aufklärung zur Basis aktueller politischer, religiöser und gesellschaftlicher Kritik wurden (S. 146). Die Artikelserie von Ruge und Echtermeyer „Der Protestantismus und die Romantik. Zur Verständigung der Zeit und ihrer Gegensätze“ gilt ihm als gelungene Abrechnung mit der literarischen, philosophischen und politischen Spätromantik, die als Hauptgegner der demokratischen Bewegung wahrgenommen wurde. Ruges Aktivitäten während der Revolution waren vielfältig. Sein „Wahlmanifest für eine nationaldemokratische Reformpartei in Deutschland“ vom 16. April 1848 formulierte Grundsätze und Richtlinien für die Politik der äußersten Linken, in der Schrift „Die Gründung der Demokratie in Deutschland oder der Volksstaat oder der sozialdemokratische Freistaat“ bekannte er sich zur sozialen Demokratie. Dennoch spielte Ruge im Parlament nur eine Nebenrolle und ging mit seinen Grundsatzbeiträgen, Reinalter erwähnt drei, so der Forderung nach nationaler Selbstbestimmung für Polen und Italiener, auf Distanz zur Mehrheit. Sein Wirken verlagerte sich außerhalb des Parlaments, wobei er mit seiner „Reform“, dem „radikalsten Blatt der bürgerlich-demokratischen Opposition“ (S. 154) Einfluss nahm.

Christian Jansen („Arnold Ruge nach 1849. Ein politischer Gründer aus dem Abseits des Exils“) wendet sich schließlich dem nach-48er Ruge zu, dem Ruge des britischen Exils, bei dem er zunächst eine ultraradikale Phase (1850-1855) mit zahlreichen Konflikten innerhalb des Exils konstatiert. Über die Rückkehr zur Geschichtsteleologie (1856-1859) gelangte Ruge schrittweise zu realpolitischen Überlegungen (1859-1866), um schließlich als großpreußisch-gouvernementaler Vordenker (S. 180) Bismarck als Werkzeug des Fortschritts zu erkennen und zu akzeptieren, der gleichwohl aber auch für die Habsburgermonarchie über eine „wahre Vereinigung [der Völker Österreichs] in freien Formen“ eine zukunftsfähige Perspektive erkannte (S. 176).

Der vorliegende Band vermittelt, dies lässt sich zusammenfassend sagen, wichtige und fundierte Einblicke in den junghegelianischen Kosmos, eine in geisteshistorischer und philosophischer Hinsicht auch wichtige politische „Schule“, deren Relevanzen für das Feld des Politischen bzw. Historischen überzeugend herausgearbeitet werden.

ZitierweiseSteffen Höhne: Rezension zu: Reinalter, Helmut (Hrsg.): Die Junghegelianer. Aufklärung, Literatur, Religionskritik und politisches Denken. Frankfurt am Main 2010, in: H-Soz-u-Kult, 23.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-063>.

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