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Europäische Geschichte

M. Hausleitner u.a. (Hrsg.): Der Einfluss von Faschismus

 

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Titel:Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa
Herausgeber:Hausleitner, Mariana; Roth, Harald
Ort:München
Verlag:Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas - IKGS Verlag
Jahr:2006
ISBN:3-9809851-1-3
Umfang/Preis:360 S.; € 20,50

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Armin Heinen, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
E-Mail: <Armin.Heinenpost.rwth-aachen.de>

ZitierweiseArmin Heinen: Rezension zu: Hausleitner, Mariana; Roth, Harald (Hrsg.): Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa. München 2006, in: H-Soz-u-Kult, 17.08.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-121>.

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13.09.2006 Popa, Klaus <kpopafreenet.de>
Re: M. Hausleitner u.a. (Hrsg.): Der Einfluss von Faschismus

Stellungnahme zur Rezension von Armin Heinen vom 17.08.2006 zu "Der Einfluss von Faschismus und Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa", hg. Von Mariana Hausleitner und Harald Roth, München 2006.

Die Besprechung von Armin Heinen betrachtet den Sammelband aus der Perspektive der in den letzten Jahren sich etablierenden komparatistischen Sichtweise, die das Feld der jeweiligen Nationalhistorien in Richtung zwischen- und übernationaler Räume überwinden und den entsprechenden Diskurs etablieren möchte. Heinen hebt als "eine der Stärken der Aufsätze" "die Hinwendung zu lokal- und mikrogeschichtlichen Studien" hervor, wodurch "ein vergleichender Blick" entstehe, der "unerwartete Fragen und Einsichten zu generieren vermag". Armin Heinen möchte weiterhin "bei gut erforschten Themen Offenheit gegenüber unkonventionellen Herangehensweisen" und "die Verwendung neuen Quellenmaterials", sowie das "erfreulich" "hohe argumentative Niveau der Studien", bescheinigen, was er aber nur für drei Aufsätze geltend macht (Böttcher, Schroeder-Negru, Sindilariu). Allerdings erweist sich gerade die mikrogeschichtliche Ebene mit gravierenden Makeln am meisten behaftet. Doch diese bleibt bei Heinen unbeleuchtet, weil er sich ausschließlich nach makrogeschichtlichen Kriterien und Erkenntnissen ausrichtet, wie die von ihm selbst und von Wolfgang Schieder, Hans-Ulrich Thamer, Sven Reichardt, Stanley Payne und Robert Paxton entworfenen, vornehmlich theoretischen Unterscheidungskriterien des Faschismus. Auch diskursmäßig bewertet Armin Heinen nur die Makrodimension, wenn er bei Pierre de Trégomain "ein weiteres Beispiel für einen durchaus anspruchsvollen methodischen Zugriff" foucaultscher Prägung hervorhebt.

Wenn nun einzelne der hier behandelten Fallbeispiele hin auf ihre vornehmlich mikrostrukturellen Themensetzungen und den jeweils eingesetzten Diskurstyp abgeklopft werden, werden eine Reihe von handwerklichen Missgriffen offenbar, die kaum in das von Heinen ausgemalte Bild "gut erforschter Themen" passen.

Daniel Ursprungs Eingangsbeitrag darf eher als bibliografische Bestandsaufnahme der Faschismustheorien der letzten Jahrzehnte denn als effektiv weiterführendes Instrument praktischer Handhabe für die Herausarbeitung von Unterscheidungs- bzw. Definitionskriterien spezifischer Erscheinungsformen von Faschismus bzw. Nationalsozialismus bei den anvisierten Minderheiten gelten. Der praktische Wert seiner Ausführungen ist auch dadurch problematisch, dass Verfasser in theoretischer Überhöhung vermeint den Interpretationsschlüssel gefunden zu haben, unter dezidierter Ablehnung dessen, was er "empirisches Wissen" oder "empirische Ebene" nennt (S. 20, 23), zudem unter ausschließlicher Anwendung in Richtung des kommunistischen, nicht aber des faschistisch-nationalsozialistischen Totalitarismus und Autoritarismus. Ein so gepoltes Diskursumfeld generiert Axiome der Art: "Der Faschismus in Ostmittel- und Südosteuropa manifestierte sich nämlich kaum in Form von politischen Systemen, sondern hauptsächlich in Gestalt von Gruppen und Bewegungen, die zwar die Herrschaft anstrebten, diese aber nur in den seltensten Fällen und auch dann nur für kurze Zeit errangen. Die Geschichte des Faschismus in diesem Raum ist daher vor allem die Geschichte von oppositionellen Bewegungen und nicht von Regimen". (S. 22) Dieser Schreibweise zufolge sollen nur die "Ustascha" in Kroatien, die "national-legionäre" Episode in Rumänien und das Regime der "Pfeilkreuzkler" in Ungarn faschistisch gewesen seien (S. 48f.), nicht die eindeutig faschistischen Regime von Antonescu und Horthy. Diesem problematischen Axiom hängen auch Spannenberger und Vonyo an, obzwar sie die rassistische und Herrenvolk"-Komponente der einzelnen Regierungen unter Horthys Präsidentschaft und deren vier "Judengesetze" (1938, 1939, 1941, 1942) erwähnen.

Von oberflächlicher Recherche zeugt sowohl der bei Spannenberger und Vonyo wie bei Zoran Janjetovic vertretene maximalistisch-quantitative Standpunkt, dass die Rezeption des Nationalsozialismus – der Begriff "Nazifizierung" wird bei Spannenberger/Vonyo peinlichst vermieden - bei den jeweiligen "volksdeutschen" Minderheiten zwingend an die organisatorische Gesamterfassung in Form einer "Volksgruppe" gebunden sei. Dieser Zustand sei bei den Deutschen in Ungarn nur seit 1941 vorhanden ("eine homogene oder zumindest überwiegend einheitlich erfasste Volksgruppe" bzw. die "Artikulierung kollektiver Interessen seitens der deutschen Minderheit" (S.246)). Bei den "Donauschwaben" könne laut Janjetovic nichts Feststehendes behauptet werden, weil "[...] die ideologische Nazifizierung im Unterschied zur organisatorischen Gleichschaltung nie vollständig war" (S. 226f.). Von diesen Autoren zieht Spanneberger, der Schreiber des zweiten Aufsatzteils, keine Archivunterlagen heran, Vonyo weist Quellen aus, büßt aber an Prägnanz ein, indem sein Mitautor sich auf ehemalige Spitzenfunktionäre der "Volksgruppen" beruft und deren Tendenz der Verharmlosung und des Geschichtsrevisionismus anstandslos teilt. Diesem Prozedere ist es zu verdanken, dass Spannenberger die Argumentation der damaligen radikal-nationalsozialistischen Akteure einsetzt, um die vom Minderheitenpolitiker Jakob Bleyer verfolgte Abstimmung der Interessen der ungarischen Minderheit mit dem Horthy-Regime zu verurteilen als von den ungarischen Eliten aufgestellte "Gegenbewegung" oder als eine "Ersatzideologie" welche die ungarische Elite mit Bleyer habe installieren wollen, die als die "Deutschungar-Variante" in die Geschichte eingegangen sei. Auch sei die "Bleyersche Ideologie für die deutsche Minderheit eine Zumutung" gewesen. Solchen Behauptungen liegen Schriften der Volksgruppenfunktionäre Spiegel-Schmidt (Die kulturpolitische Konzeption Jakon Bleyers) (1983) und Johann Weidlein (Geschichte der Ungarndeutschen in Dokumenten 1930-1950) (1958) (S.246-247) zugrunde. [1]

Problematisch ist auch die unhistorische Kombinatorik von Stereotypen bzw. Klischees. So sei der NS die einzige Alternative der "Volksdeutschen" gewesen, um der Bedrängnis durch einheitsstaatlich ausgerichtete Mehrheitsvölker (Ungarn, Rumänien, Serben) entgegenwirken zu können ("... wobei die profaschistische Haltung allenfalls eine Folge, nicht aber die Ursache war" (Ursprung, S. 43; Spannenberger S. 247,250). Diese Minderheit soll niemals eigeninitiativ im NS-Sinn und als 5. Kolonne zugunsten des "Dritten Reiches" aktiv geworden sein, obzwar die überlieferten Quellen ein gegenteiliges Bild liefern.[2] Es habe sich ausschließlich um eine missbräuchliche Instrumentalisierung der Minderheit durch das Hitlerreich gehandelt, eine These, die auch der Rezensent Heinen teilt ("und doch hatten immer die NS-Ideologie und die realpolitischen Interessen Berlins Vorrang vor den Belangen der deutschen Volksgruppe"). Morissey erwähnt mit keinem Wort, dass die "Deutsche Partei" der Slowakei eigentlich eine NS-Partei war und schreibt die nach der Doktrin des "Volks- und Kultuhrbodens" ausgerichtete "Heimatforschung" ausschließlich der Initiative des "Reichs" zu; Janjetovic behauptet, die Instrumentalisierung der deutschen Minderheit im Interesse der aggressiven Außenpolitik des Reiches entspräche "nicht völlig den Tatsachen" (S. 227), weil die Donauschwaben "für die NS-Führung nur ein Instrument für ihre Machtausübung – wie auch das gesamte deutsche Volk" gewesen seien. (S. 233) Laut Spannenberger sei die deutsche Minderheit in Ungarn bereits seit 1933 das "Bauernopfer" zwischen der Berliner und der Gömbös-Regierung gewesen (S. 247). Die "Opfer"-Rolle wird dann auf die frühe Nachkriegszeit ausgedehnt, wobei die Vergeltungsmaßnahmen der jeweiligen kommunistischen Regime als ungerechtfertigt betrachtet werden. Janjetovic wendet sich dagegen, dass "die kommunistische Geschichtsschreibung in Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg die ganze deutsche Minderheit als "Faschisten" abgestempelt hat" (S.213), übersieht aber, dass der "volksdeutsche" "Selbstschutz" beispielsweise in der Phase der Zerschlagung des Staates Jugoslawien recht aktiv war und dass die hauptsächlich aus Jugoslawiendeutschen zusammengesetzte SS-Division "Prinz Eugen" systematisch Gräueltaten an der südslawischen Bevölkerung beging.

Besonders problematisch erscheint die national festgelegte Sichtweise von Horvath und von Arens/Bein. Horvath bringt mit keinem Wort zur Sprache, dass die ungarischen Minderheit in Rumänien sich mit dem ungarischen Staatsfaschismus, also auch mit dessen Antisemitismus und Grenzrevisionismus in Richtung Siebenbürgen identifiziert habe (S. 95). Er erwähnt, dass die sogenannte "Paneuropabewegung" in den Kreisen der Minderheit ihre Anhänger fand (S. 95f.), führt aber mit keinem Wort aus, dass es sich um die seit den endzwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von deutsch-völkischen/pangermanischen Interessen dominierte, zudem antisemitisch ausgerichtete Politik des "Nationalitätenkongress" in Genf handelt.[3] Das Verbot aller Parteien, also auch der "Ungarischen Landespartei" durch die rumänische Königsdiktatur sei "politische Kulturlosigkeit". Keinerlei Bedenken erweckt hingegen, dass die ungarischen Zeitungen den "Anschluss" Österreichs als "normal" und als "historische Wende" auslegten (S. 121-122). Auch die Formulierung vom "postulierten Nationalstaat Rumänien" (S. 131) zeugt nicht von wissenschaftlicher Neutralität. Arens/Bein flechten polemische Bemerkungen über das "nationalkommunistische" Ceausescu-Regime ein (S. 272); die Antonescu-Diktatur in Rumänien stufen sie als faschistisch ein, vermeiden aber, die ungarischen Regierungen bis einschließlich Sztojay faschistisch zu nennen (S. 276f.). Auch rezipieren Verfasser die deutschen Schriften nationalitätenpolitischen Charakters und über die Tschangos (ab 1939) vorbehaltlos, weisen hingegen die Veröffentlichungen, welche den rumänischen Anspruch auf die Nationalität der Tschangos in der Moldau reklamieren, entschieden zurück (S. 281 u.ö.). Die von Armin Heinen diesem Sammelband zugeschriebenen "Stärken" wie "das hohe argumentative Niveau", "Unkonventionelle Herangehensweisen" oder der "Verzicht auf umfassende Deutungsansätze" treffen damit insgesamt nur bedingt zu.

Anmerkungen:
[1] Zu den demokratischen, antinazistischen Bestrebungen von Jakob Bleyer vgl. Klaus Popa (Hg.), Die Rumäniendeutschen zwischen Demokratie und Diktatur. Der politische Nachlass von Hans Otto Roth 1919-1951, Frankfurt am Main etc. 2003, Nr.205, S.394f.; Nr.210, S.400-402; Nr.211, S.402f.; Nr.213, S.404f.; Nr.222, S.411f.; Nr.224, S.413f.; Nr.227, S.416f.
[2] Für die deutsche Minderheit in Rumänien vgl. Klaus Popa (Hg.), »Akten um die "Deutsche Volksgruppe in Rumänien" 1937-1945«, Frankfurt am Main etc. 2005.
[3] Vgl. Sabine Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongreß 1925 bis 1938. Nationale Minderheiten zwischen Lobbyistentum und Großmachtinteressen, Marburg 2000; die Propagandazeitschrift "Nation und Staat", Wien, 1928-1944. Zum Antisemitismus des "Nationalitätenkongress" vgl. Popa (wie Anm.1), Nr.458, S.721-725.

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