F. Bosbach u.a. (Hrsg.): Prinz Albert und die Entwicklung ...

Titel
Prinz Albert und die Entwicklung der Bildung in England und Deutschland im 19. Jahrhundert.


Herausgeber
Bosbach, Franz; Filmer-Sankey, William
Reihe
Prinz-Albert-Studien, 18
Erschienen
München 2000: K.G. Saur
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
DM 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marc Schalenberg, (Promotion am Lehrstuhl fuer Wissenschaftsgeschichte), Humboldt-Universitaet zu Berlin

Sammelbände, zumal solche, die auf ursprünglich mündlich vorgetragenen Tagungsbeiträgen basieren, vermögen die Rezensentenherzen nur selten zu erwärmen. Zu heterogen in Thematik und Qualität, lautet das häufig iterierte Verdikt. Der vorliegende Band konnte immerhin rasch und in gefälliger Aufmachung publiziert werden, was aber - um dies vorweg zu nehmen - offenbar kaum in wissenschaftlicher Dringlichkeit begründet lag. Vielmehr scheint das "und" im Titel ein disjunktives, d.h. alles, was in irgendeiner Weise mit Prinz Albert oder dem seinerseits sehr breit verstandenen Bildungswesen in Deutschland und England im 19. Jahrhundert zusammenhing, war für die Aufnahme qualifiziert. Und wenn es, wie in Keith Robbins' den Band beschließenden Beitrag, um die aktuelle Situation und Herausforderungen an britischen Universitäten geht (225-236), so stellt auch das kein größeres Problem dar. Eine Problematisierung der gewählten Größen, ja, des eigentlichen Themas des Bandes und selbst der Hauch einer Synthetisierung unterbleibt in der sehr knappen Einführung der Herausgeber (11f.).

Das bedeutet nicht, dass die insgesamt 22 Beiträge (8 auf Deutsch, 14 auf Englisch, mit einer Durchschnittslänge von 11 Seiten) nicht für sich der Lektüre wert wären; die Autoren sind alles andere als Laien auf den von ihnen traktierten Gebieten. Doch angesichts des gebotenen inhaltlichen Flickenteppichs benötigt man doch ein gewisses Glück, um womöglich spezifischere Interessen bedient zu finden. Einen Index oder ein kumuliertes Literaturverzeichnis, geschweige denn einen "Bibliographic Essay" zur neueren Albert-Forschung sucht man vergeblich. Glücklicherweise bieten jedoch einige der Autoren (etwa William H. Brock, Klaus Harney, Rainer A. Müller, Olaf Breidbach, Mark Finlay) einen umfänglichen und aktuellen Anmerkungsapparat, der zumindest für die jeweils zur Sprache kommenden Themen einen Einstieg in die Forschung ermöglicht. Freilich ist wieder einmal mit Bedauern festzustellen, wie wenig - wohl aus schieren Gründen der Sprachkenntnis - deutschsprachige Forschungen Eingang in die britische Diskussion finden 1 - und dies, obwohl doch in Großbritannien mit Prinz Albert bis heute die Fruchtbarkeit einer Beschäftigung mit "kontinentaler" Bildung assoziiert wird.

Was "Bildung" im 19. Jahrhundert umfaßte, wird in den Beiträgen in einiger Breite vorgestellt, aber eben nicht systematisiert. Mal stehen die Institutionen im Vordergrund (zum Teil auch in architektonischer Hinsicht), mal die Bildungsinhalte; vom Kindergarten bis zur Hochschule reicht das Spektrum der behandelten Bildungsstufen; eine Minderheit der Autoren nimmt explizit eine vergleichende oder Transferperspektive zwischen den deutschen Staaten und England ein, während das Gros sich seinem Gegenstand "monographisch" nähert. In nennenswerter Weise auf Albert geht im Übrigen ebenfalls nur eine Minderheit ein. So eröffnet Hermione Hobhouse, mit einer Biographie des Coburgers hervorgetreten 2, diesen Band mit einem wenig problemorientierten Panorama über dessen "contribution to British Education" (15-22). Thomas Becker, der Bonner Universitätsarchivar, beleuchtet in einer kleinteiligen Studie, Alberts und seines Bruders Ernst Studentenjahre an der Universität Bonn (145-156). Anstelle des kurz vor den beiden Tagungen in London und Coburg verstorbenen Albert-Biographen Robert Rhodes James setzt sich Derek Beales mit der Rolle des Prinzgemahls als Chancellor der Universität Cambridge auseinander (157-167), wobei er zu dem Schluss kommt, es seien die konkreten politischen und institutionellen Umstände gewesen, die verhinderten, dass der reformfreudige Prinz an dieser für die englische Bildungsgeschichte so wichtigen Einrichtung mehr durchsetzen konnte als die Einführung neuer Studienfächer. Und in dem vielleicht überzeugendsten Beitrag des Bandes arbeitet Anthony Burton die Rolle Alberts, aber auch seiner Mitstreiter für die Entstehung und die Funktionsweise des "Department of Science and Art" heraus (97-109) 3. Die unterschiedlichen Bildungstraditionen und ihre verwaltungsgeschichtlichen Ausprägungen in England und den deutschen Staaten werden hier in Beziehung gesetzt, wobei die diskursstrategischen Einsätze der angemahnten Transfers präzise herausgearbeitet werden.

Ansonsten findet manch anderer Aspekt Beachtung: Lord Asa Briggs, der Altmeister der Erforschung des "Victorian Age", erläutert im grandseigneuralen Plauderton einige Reformen, die an britischen Universitäten im 19. Jahrhundert erfolgten (119-127). William Filmer-Sankey verdeutlicht am Beispiel der Schularchitektur und der mit ihr einhergehenden Funktionszuweisung innerhalb der Schulgebäude, wie sehr faktische Anleihen bei deutschen, vor allem preußischen Vorbildern getätigt wurden, ohne dass man im Vereinigten Königreich daran interessiert war, diese Referenz explizit zu machen (43-52). Patrick Bahners vermisst, gewohnt brillant, einige Marksteine auf der "Landkarte der britischen Historismusrezeption" zwischen Niebuhr und Pattison (169-180). Die Fäden dieses komplexen und auch fragilen Rezeptionsgewebes werden kunstvoll aufgedröselt, wobei der gewählte textimmanente Zugang mitunter doch die Frage nach der Verallgemeinerbarkeit der zitierten Autoren und ihrer Ansichten offen läßt. Nicht ideen-, sondern diskursgeschichtlich nähert sich Mark Finlay dem sich mit und seit Liebig verdichtenden Netzwerk deutscher und britischer Chemiker und der begleitenden Rhetorik im Viereck von Wissenschaft, Staat, Wirtschaft und gesellschaftlicher Öffentlichkeit (189-198). Jane Read, ihrerseits Mitarbeiterin am Londoner Froebel Institute, analysiert das Innovationspotential wie die Hindernisse, die den Transfer von Friedrich Froebels Kindergartenkonzeption nach Großbritannien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begleiteten (33-42).

Den Bereich des institutionalisierten Bildungswesens verlassend, widmet sich Irene Hardach-Pinke, durch eine Studie zum Thema Privatlehrerinnen in bürgerlichen und adligen Haushalten einschlägig ausgewiesen 4, den "German Governesses in England" (23-31). Leider verbleiben auch die fünf in diesem Rahmen vorgestellten Beispielfälle deutscher Frauen, die im 19. Jahrhundert ihr Glück als Lehrerin in England suchten, weitgehend im Deskriptiven. Dabei hätte sich gerade an dieser Nahtstelle des Übergangs von einem privaten Erziehungsmodell des "tutoring" hin zu einer sich in staatlichen Anstalten vollziehenden Bildung ein möglicher roter Faden verborgen, der dem Band insgesamt sowohl chronologische Tiefenschärfe als auch einen sinnvollen Vergleich der Verhältnisse in England und den deutschen Staaten hätte verleihen können. In Klaus Harneys kompakter, aber durchaus analytisch überzeugender Darstellung des Strukturwandels technischer Fachbildung im Deutschland des 19. Jahrhunderts (87-96) scheint das Potential eines solchen, um den Aspekt staatlicher Disziplinierung des Bildungswesens zentrierten Zugangs zumindest auf. Es hätte an den Tagungsorganisatoren bzw. den Herausgebern gelegen, durch leitende Fragen, die ja kein Prokrustesbett hätten sein müssen, für mehr Kohärenz zwischen den Beiträgen zu sorgen.

Der Band bietet mithin sicher keine kritische Historie. Auch monumentalisch kann man seinen Zugang nicht nennen - dafür tritt der erwartete Heros, Prinz Albert, viel zu selten in Erscheinung. Vielmehr bieten die aneinander gereihten Beiträge eine erstaunlich reine Form antiquarischer Historie, die den "kräftigen Entschluss zum Neuen" (Nietzsche) durchaus vermissen läßt. Gerade angesichts der Diskrepanz zwischen dem ausgesprochen attraktiv gestalteten Band (roter Leineneinband, festes Papier, angenehmes Schriftbild, qualitätvolle Abbildungen im Appendix) und der inhaltlichen Beliebigkeit stellt sich - jenseits etwaiger kultur- oder wissenschaftspolitischer Erwägungen - aufs Neue die Frage, ob wirklich jede Tagung im Wortlaut dokumentiert werden muss.

Anmerkungen:
1 Um hier nur ein Beispiel zu nennen: Dorothy Bosomworths informative, wenn auch allzu stark faktenzentrierte Vorstellung der in den 1830er Jahren einsetzenden und über London hinausgehenden Etablierung von Designschulen (111-117) hätte mit großem konzeptionellen Gewinn die bemerkenswerte Arbeit von Ingeborg Cleve zu Rate ziehen können; vgl. Ingeborg Cleve, Geschmack, Kunst und Konsum. Kulturpolitik als Wirtschaftspolitik in Frankreich und Württemberg (1805-1845) Göttingen 1996.
2 Hermione Hobhouse, Prince Albert. His Life and Work. London 1983.
3 Offenbar konnte der Autor hierbei auf die Forschungen zu seiner kürzlich erschienenen Monographie zurück greifen; vgl. Anthony Burton, Vision & Accident. The Story of the Victoria and Albert Museum. London 1999.
4 Irene Hardach-Pinke, Die Gouvernante. Geschichte eines Frauenberufs. Frankfurt a.M./New York 1993.

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