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Geschichte allgemein

G. Minois: Geschichte der Zukunft

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Geschichte der Zukunft. Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen
Ort:Düsseldorf
Verlag:Artemis & Winkler
Jahr:
ISBN:3-538-07072-5
Bemerkungen:aus d. Franz. v. Eva Moldenhauer
Umfang/Preis:830 S.; € 19,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Thomas Großbölting, Historisches Seminar, Westf. Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <grossbouni-muenster.de>
Verweis auf www.uni-muenster.de/GeschichtePhilosophie/Geschichte/hist-sem/ NZ-G/L2/

Vor einigen Jahren machte die öffentliche Klage eines Industriemanagers die Runde, daß man an den Universitäten zwar über etliche Hundertschaften von Historikern verfüge, die sich mit der Vergangenheit beschäftigten, aber nicht über einen einzigen Lehrstuhl für Futurologie. Der implizite Seitenhieb auf die Geschichtswissenschaft soll in diesem Zusammenhang weniger interessieren als der zweite Gedanke, der den Anonymus zu seiner Formulierung trieb: Vom "Lehrstuhl für Futurologie" wird sich dieser - wie so viele andere auch - verläßliches Wissen über die Zukunft versprochen haben. Auf allen Ebenen und aus unterschiedlichsten Beweggründen - angefangen beim spiritistischen Klamauk um die Jahrtausendwende bis zur Sorge um die politische Steuerungsfähigkeit einer sich immer rascher wandelnden Gesellschaft - findet sich solches Bedürfnis in ähnlicher Weise. Entsprechend finden sich die verschiedensten Experten, die dieses zu erfüllen trachten; ihre aktuelle Bandbreite erstreckt sich vom Horoskopschreiber auf der einen bis zum Mitglied einer Zukunftskommission auf der anderen Seite.

Nicht nur heute, sondern schon immer, so weist der französische Historiker Georges Minois nach, bemühte man sich zu wissen, was morgen und im folgenden passiert. So weit und wohin man auch blickt, so sicher findet man deshalb auch Praktiken, mit deren Hilfe die Zukunft von Individuen und Gesellschaften vorausgesagt werden sollten. So selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheint, ist das konstante Interesse an den Weissagungen nicht. Kaum jemand, so Minois, täuscht sich darüber, daß die Zukunft vorauszusagen sei. Und trotzdem trafen die selbsternannten Seher, Weissager, Propheten und Prognostiker allzuoft nicht nur auf offene Ohren, sondern verfügten über großen Einfluß. Minois erklärt dieses Phänomen damit, daß nicht nur für den einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft die Vorhersage eine "therapeutische Funktion" habe, indem sie beruhigt, hilft, erleichtert oder zum Handeln anregt.(19) Erst die Zukunft verleiht gegenwärtigen Handlungen einen Sinn, rechtfertigt sie oder offenbart ihre Vergeblichkeit. Dies gilt nicht nur für die wirtschaftlichen oder politischen Entscheidungsträger, sondern ebenso für jeden Menschen, ob er nun an der Börse spekuliert, eine Anstellung annimmt oder sich entschließt, einen Regenschirm mitzunehmen. Voraussagen heißt auch zu versuchen, die Zukunft zu beherrschen, die Ereignisse festzulegen, noch bevor sie eintreten. Ein wohlbekanntes Phänomen: Sich vom Sieg oder der Niederlage zu überzeugen ist das beste Mittel dafür zu sorgen, daß sie eintreten. Und ebenso dient auf kollektiver Ebene so manches Krisenszenario vor allem dazu, die Vorgänge anzustoßen, die den ungewollten Zustand verhindern werden.

Wann und wie auf dieses Bedürfnis geantwortet wurde, von welchen Formen, rituellen Praktiken oder intellektuellen Leistungen sich Individuen wie Kollektive Zukunftswissen versprachen, darauf richtet der Experte für Sozial- und Religionsgeschichte sein Augenmerk. Den Wunsch des eingangs zitierten Managers nach einer (für die Gegenwart handlungsleitenden) Futurologie wird die "Geschichte der Zukunft" von Minois nicht erfüllen, das Interesse des Historikers an den Vorhersagen vergangener Zeiten "rührt allein daher, was sie uns über die Epoche und das Milieu verraten, indem sie gemacht wurden." In diesem Geiste sei das Werk konzipiert, "ein Werk der Geschichtswissenschaft und nicht der Antizipation", welches, so der weitgespannte Anspruch, "zur Geschichte der Zivilisationen" beitrage. (21)

Letztlich schreibt Minois also eine Geschichte der Vorhersagen und ihrer Techniken. Sein Quellenfundus sind alle in diese Richtung zielende Praktiken, von vorchristlichen Orakeln und Prophezeiungen bis zu Utopien und wissenschaftlichen Vorhersagen unserer Tage. Fünf Epochen macht Minois aus, in der jeweils eine Form der Zukunftsschau die dominante gewesen sei: das Zeitalter der Orakel, der Prophezeiung, der Astrologie, der Utopien und der wissenschaftlichen Vorhersagen. Diese fünf Formen der Zukunftsvorhersage sind zeitlich nicht starr fixiert. Die Dominanz der Orakel in den frühen Kulturen und der Antike bedeutet nicht, daß diese Praktiken der Zukunftsvorhersage in der weiteren Geschichte völlig verschwinden. Und ebenso ist das "Lesen in den Sternen" eine durchweg praktizierte Kunst, wobei die Astrologie aber erst zwischen Renaissance und Dreißigjährigem Krieg - und damit im Windschatten der wissenschaftlichen Astronomie - zur beherrschenden Form der Vorhersage wird.

Der französische Historiker hat sich bislang insbesondere durch Studien zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit einen Namen gemacht. In der "Geschichte der Zukunft" erschließt er darüber hinaus insbesondere für die vorchristlichen Jahrhunderte ein immenses Wissen, welches ansonsten wohl nur Spezialisten vorbehalten geblieben wäre. Stupend ist die enorme Zahl von Wahrsagetechniken, die sich in fast allen Formen in nahezu allen Kulturen findet. Allein daß alte Ägypten praktizierte die Astrologie aus religiösen Gründen nicht - eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die Geschichte der Orakel, um einen der zahlreichen Stränge Minois' herauszugreifen, ist von Beginn an die eines "Werkzeuges der politischen und militärischen Manipulation", welches die ganze Bandbreite möglicher Verhaltensformen provozierte, vom tiefstem Skeptizismus bis zur größten Leichtgläubigkeit. Trotzdem aber wurde ihm von Gegnern und Befürwortern zugleich eine immense Bedeutung beigemessen, wußten doch alle um die öffentliche Wirksamkeit der Prophezeiungen.

Mit der Christianisierung änderte sich die Einstellung zur Wahrsagung nicht grundlegend, wohl aber wurde ihr Deutungsbereich anders zugeschnitten: Die apokalyptischen und millenaristischen Prophezeiungen richteten ihre Prognosen nicht mehr auf irdische Belange, sondern galten vorrangig den Etappen eines Heilsplans. Die Kirchenhierarchie sieht Minois durchgehend in dem Zwiespalt, die eigene eschatologische Lehre zwar immer präsent zu haben, zugleich aber anti-klerikale oder politisch-revolutionäre Denkströmungen zurückzudrängen, die sich ebenfalls aus diesen Wurzeln ableiteten. Mit der spätmittelalterlichen Krise der Kirche verlor auch die religiös motivierte Prophezeiung an Gewicht und mußte nach und nach der Astrologie weichen. Spätestens mit der Aufklärung kam wiederum diese in Mißkredit und räumte aber ihren dominierenden Platz den verschiedenen Formen der Utopien, ohne daß aber die Astrologie ihre Faszination für ein breites und, wie Minois' mit Blick auf Frankreich nachweist, vorwiegend bürgerliches Publikum eingebüßt hätte.

Mit großen, sicheren Strichen zeichnet Minois die Geschichte der Vorhersage bis ins 19. Jahrhundert. Im Umbruch zur Moderne aber schwindet die Souveränität, mit der der Autor seinen Gegenstand untersucht und präsentiert. Unbehagen kommt beim Leser dann auf, wenn Minois die Genese und die gesellschaftliche Wirkung, den 'Funktionszusammenhang' von politischen Utopien und wissenschaftlichen Vorhersagen allzu sehr mit vormodernen Formen der Zukunftsvorhersage gleichsetzt. Über das Bemühen, das Wissen um die Zukunft als eine anthropologische Konstante zu erweisen (und damit den inneren Zusammenhang des Buches zu wahren), verwischen die Unterschiede zu Form, Funktion und Medien der modernen Zukunftsdeutung allzu sehr. Prägnant begründet der Autor, warum gerade das 19. Jahrhundert zutiefst empfänglich war für einen neuen Typ der Vorhersage: Der Rückzug der großen Religionen öffnete das Feld für Utopisten, Ökonomen und politische Theoretiker, deren Modelle und Prognosen in einer Phase gesellschaftlichen Umbruchs bereitwillig Gehör fanden, zum Teil sogar als Ersatzreligionen fungierten. Aber nur bei stark fokussierten Zugriffen wie beim Blick auf das Paris der Französischen Revolution gelingt noch, was in den nachfolgenden Ausführungen zu vermissen ist: die Verortung von volkstümlicher Vorhersage, Prophetie und Utopien in gesellschaftliche und politische Zusammenhänge. Der konstatierte kulturelle und soziale Einfluß von wissenschaftlicher und politischer Utopie wird weder in ideen- noch in sozialgeschichtlicher Perspektive vertieft.[1]

"Zukunft" und "Zukunftsvorstellungen" sind für die Geschichtswissenschaft kein vorrangiges Thema gewesen, ganz im Gegenteil schien dies ein allzu 'luftiger' und wenig faßbarer Gegenstand. Nur wenige und vorrangig aus dem angelsächsischen Sprachraum stammende Historiker haben sich in Zeiten großer Zukunftsdebatten selber an der Prognostik beteiligt, überdies nur mit zweifelhaftem Erfolg.[2] Im Gegenteil schien die starke öffentliche Debatte um die Zukunft den Historikerinnen und Historikern eher schlecht zu bekommen: Im Zeitgeist der sechziger und siebziger Jahre, die der "große Sprung" der chinesischen Kulturrevolution ebenso charakterisiert wie die US-amerikanische "New frontier"-Ideologie und das katholische "Aggiornamento" des Zweiten Vatikanischen Konzils, waren die sozialwissenschaftlichen Disziplinen obenauf, während der Stern der Geschichtswissenschaft sank. War ihr in der Nachkriegszeit in mancher Hinsicht eine kulturelle Leitfunktion zugekommen, so schien erst vom Beginn der achtziger Jahre das öffentliche Interesse an der Geschichte wieder zu erwachen; dies geschah parallel zum einsetzenden Abgesang auf das Projekt der Moderne und zunehmender Fortschrittsskepsis. Solche Konjunkturen von Zukunftsmodellen und Utopien sowie ihre für die jeweils zeitgenössische Gesellschaft strukturierende Kraft und handlungsleitenden Impulse ließen sich anhand vieler Quellengruppen und wohl vor allem über schichtspezifische oder kollektivbiographische Angänge analysieren. Der Blick auf Techniken und Formen der Vorhersage, wie ihn Minois praktiziert, ist dann nur ein erster Schritt, der sowohl hinsichtlich der Frage nach Produzenten und Popularisierern solcher Visionen und Utopien als auch nach Rezeption und Wirkung erweitert werden muß.

Die "Geschichte der Hoffnungen und Ängste der Menschen" (Klappentext) des 19. und 20. Jahrhunderts ist mit Minois' "Geschichte der Zukunft" noch nicht geschrieben. Gleichwohl präsentiert das Buch auch für die Neuzeit eine enorme Fülle an Material und klugen Reflexionen, die weitergehende Untersuchungen anregen können. Eine "Geschichte der Zukunft", verstanden als Historiographie von Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung einer Gesellschaft, kann ebenso kollektive Mentalitäten entschlüsseln wie sie Prozesse der sozialen In- und Exklusion zu verstehen hilft.[3] Diese Seite hat Minois allenfalls kurz angetippt. Trotzdem bleibt das Buch nicht nur eine wahre Fundgrube für alle, die an solchen und ähnlichen Fragen interessiert sind, sondern auch stilistisch ein echter Lesespaß!

Anmerkungen:

[1] Vgl. exemplarisch die Ausführungen zur Science-Fiction-Literatur bei Minois mit der Studie von Michael Salewski: Zeitgeist und Zeitmaschine. Science Fiction und Geschichte, München 1986.

[2] Vgl. u.a. W. Warren Wagar: A short history of the future, 2. Aufl. London 1992 und dort angegebene Literatur und Periodika.

[3] Beispielhaft unternimmt dies Lucian Hölscher: Weltgericht oder Revolution. Protestantische und sozialistische Zukunftsvorstellungen im deutschen Kaiserreich, Stuttgart 1989.

ZitierweiseThomas Großbölting: Rezension zu: Minois, Georges: Geschichte der Zukunft. Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen. Düsseldorf 1998, in: H-Soz-Kult, 05.08.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=43>.

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