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Europäische Geschichte

L. Erbring (Hg.): Kommunikationsraum Europa

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Kommunikationsraum Europa
Reihe:Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 21
Herausgeber:Erbring, Lutz
Ort:Konstanz
Verlag:Universitätsverlag Konstanz - UVK
Jahr:
ISBN:3896691279
Umfang/Preis:480 S.; DM 86,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Alexander Schmidt, Institut für Geschichtswissenschaften der HU-Berlin; E-Mail: <alexander=schmidtgeschichte.hu-berlin.de>

"Kommunikationsraum Europa" — der Titel macht neugierig und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen verweist er auf die bedeutsame Frage nach der europäischen Dimension moderner Medien- und Kommunikationsstrukturen, die angesichts der primär nationalstaatlich organisierten Mediensysteme in Europa zumeist unterbelichtet erscheint. Andererseits ist man gerade als Historiker zumal im Bereich der Sozialgeschichte immer wieder erstaunt, wie wenig gerade die für moderne Gesellschaften so zentralen Massenmedien und Kommunikationsstrukturen sozialhistorisch erfaßt oder gar aufgearbeitet sind, ganz zu schweigen von den europäischen Dimensionen einer solchen Aufgabe. Grund genug also auch für den Historiker, sich für eine solche primär von Publizisten und Kommunikationswissenschaftlern erarbeitete Studie zu interessieren.

Schon ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis macht allerdings gleich deutlich, wie breit und heterogen dieser Sammelband angelegt ist, was auch daran ersichtlich wird, daß es sich um den Berichtsband der gleichnamigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften (Juni 1993 in Berlin) handelt. So wird in einem ersten Abschnitt zunächst die generelle Frage nach der Existenz eines "Kommunikationsraums Europa" gestellt, zweitens wird dann in mehreren Beiträgen nach dessen gegenwärtigen politischen, ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen gefragt, wobei dankenswerterweise auch Osteuropa einbezogen wird. Hier finden sich Beiträge zu den ökonomischen Determinanten eines Kommunikationsraums Europa, zur europäischen Medienpolitik, zur Entwicklung gerade kleinerer Staaten in Richtung gemeinsamer Medienmärkte und zum rechtlichen Wandel bzw. zu den massenmedialen Entwicklungschancen in Osteuropa, wobei das Fernsehen als ÆLeitmedium" im Mittelpunkt der Beiträge steht. Das Fernsehen prägt als inhaltlicher Focus auch den dritten Abschnitt, der sich auf die Strukturen multi- und transnationaler Kommunikation im Hinblick auf mediale Produktion wie Rezeption konzentriert, also etwa die Probleme der Konzeption eines europäischen Kulturkanals wie ARTE, unterschiedliche Fernsehgewohnheiten der Bevölkerungen Europas oder die Art der Berichterstattung zu Europawahlen oder Umweltthemen näher beleuchtet. Schließlich beschäftigt sich ein vierter Abschnitt — und das wird den Historiker in erster Linie interessieren — mit der Geschichte der Massenmedien in Europa, wobei der historische Rückblick teilweise bis ins 16.Jahrhundert zurückreicht. So untersucht etwa Ursula E.Koch in einer diachron angelegten Längsschnittstudie die medialen Kommunikationsverbindungen zwischen Deutschland und Frankreich und die daraus entstehenden Wahrnehmungsmuster und Bilder vom anderen Land im Wechsel von "Vorbild", "Gegner" und "Partner". Ähnlich gehen Kurt Koszyk oder Jeffrey Verhey vor, die die deutsch-englischen Medienbeziehungen näher unter die Lupe nehmen, ebenso Esther-Beate Körber und Jürgen Michael Schulz, die die deutsch-polnischen Beziehungen im Spiegel gegenseitiger Wahrnehmungen in der frühen Neuzeit bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchen. Insgesamt ist der historische Abschnitt also neben Beiträgen zu technischen Innovationen (wie dem Tonfilm in Deutschland) oder politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen vor allem auf die klassische Frage nach Stereotypen und Feindbildern und ihre Rolle bei der Ausbildung fester nationaler Identitäten fixiert. Ein letzter Abschnitt schließlich ist der Gender-Kategorie gewidmet, die vor allem im Hinblick auf die Zugangschancen von Frauen zu den Massenmedien heute, aber auch hinsichtlich der Frage von Frauenbildern in modernen Massenmedien analysiert wird.

Das Themenspektrum reicht also sehr weit, was Vorzug und Nachteil zugleich bedeuten kann, denn Sammelbände — zumal solche, die auf Tagungen basieren — haben ja häufig das Problem, eine verbindende Klammer zu finden, die die Vielzahl der Details und Problemstellungen zu bündeln vermag. Bei einem so breit angelegten und im Grund etwas unspezifischen Thema ist die Gefahr dabei besonders groß. Und um es gleich vorweg zu sagen: Der Leser vermißt in der Tat einen längeren einleitenden oder abschließenden Aufsatz, der die vielen Einzelaspekte noch einmal gebündelt und auf klare Perspektiven und Fragestellungen für die Zukunft hin analysiert hätte. Dies wäre um so wichtiger gewesen, als z.B. gerade im historischen Abschnitt "Europa" wie so oft nicht als näher zu klärende Kategorie verwandt, sondern faktisch als eine Addition von nationalgeschichtlichen oder bestenfalls binational orientierten Beziehungsgeschichten verstanden wird. Daß dies aber in theoretischer wie empirischer Hinsicht nicht nur nicht ausreicht, sondern alte nationalstaatliche Begrenztheiten lediglich perpetuiert, liegt gerade angesichts des gestellten Themas auf der Hand. Dabei kann keinesfalls als "Entschuldigung" gelten, daß es bis heute faktisch keinen "Kommunikationsraum Europa" gibt, wie Peter Glotz in seinem sehr aufschlußreichen und an der politischen Praxis geschulten Einleitungsaufsatz konstatiert und zugleich beklagt. Im Rückgriff auf die Europa-Thesen Ralf Dahrendorfs stellt er mithin fest, daß von einer "kritischen Öffentlichkeit auf europäischer Ebene" keine Rede sein könne, da die zivile und damit Bürgerrechte garantierende Gesellschaft immer (noch) nationalstaatlich verfaßt (gewesen) sei — ein, wie Glotz einräumt, starkes und plausibles Argument der "Nationalstaatler". Und Glotz fährt in der Skizzierung seiner zentralen Fragestellung fort, indem er etwa historisch an Beispiele wie die Habsburger Monarchie denkt: "Es gab in der Geschichte und es gibt in der Realität übernationale Staaten. Allerdings waren und sind diese Staaten zumeist autoritär. Es macht also durchaus Sinn, die Frage, ob zivile Gesellschaften übernational organisierbar sind, sorgfältig und auf empirischer Grundlage zu erörtern." (S.18). An der ungeheuren Bedeutung dieser Frage im Hinblick auf die Konstruktion und Integration Europas läßt der Autor denn auch keinen Zweifel: "Eine europäische Staatlichkeit wird nur entstehen, wenn eine europäische Öffentlichkeit geschaffen wird. Eine europäische Öffentlichkeit existiert heute noch nicht." (S.19).

Abgesehen davon, daß natürlich der Begriff der "Öffentlichkeit" etwa im Anschluß an die Thesen von Friedhelm Neidhardt (s. dazu z.B. den Einleitungsaufsatz in dem vom Autor selbst herausgegebenen Sonderband der KZfSS 34, 1994 mit dem Titel "Öffentlichkeit, öffentliche Meinung., soziale Bewegungen") weitaus stärker differenziert werden müßte, begründet Glotz dieses Defizit einer europäischen Öffentlichkeit vor allem im Hinblick auf die massenmediale Ebene und die Ebene der konkreten Europa-Politik durchaus schlüssig. So zeigt sich, daß eine Fülle wesentlicher politischer Entscheidungen auf legislativer Ebene im europäischen Rahmen (z.B. beim Umweltschutz, in Wirtschaftsrechtsfragen etc.) ohne jede öffentliche Debatte getroffen und dabei häufig sogar nicht einmal in den nationalen Parlamenten verhandelt oder eingehender debattiert werden. Glotz verweist damit auf das immer wieder zurecht beklagte Demokratie-Defizit der politischen Organe der Europäischen Union. Dazu kommt neben der geringen Zahl und Reichweite übernationaler Medien (wie ARTE oder "The European") die geringe Medien-Präsenz "Europas" in den nationalen Mediensystemen (seien es Presseformen oder audiovisuelle Medien), zumal nur spezialisierte Journalisten die komplizierten Vorgänge der Brüsseler Bürokratie überhaupt verstünden und andererseits bei ihrer Berichterstattung auf ein weitgehendes Desinteresse der jeweiligen Heimat-Redaktionen stießen – Beobachtungen, die durch eine auf Korrespondenten-Befragungen beruhenden Analyse von Jürgen Gerhards mit dem Titel "Westeuropäische Integration und die Schwierigkeiten der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit" (Zeitschrift für Soziologie 22, 1993, S.96-110) , auf die der Beitrag von Klaus Schönbach verweist, bestätitgt werden. Gerade der Aufsatz von Schönbach zum "Beitrag der Medien zu Europa" macht deutlich, wie wenig attraktiv "Europa" in den Massenmedien trotz aller "Propaganda" geblieben ist. Als Gründe für diesen Befund lassen sich u.a. vor allem nationalstaatliche Fixiertheiten, eine wachsende Enttäuschung über mangelnde Lösungspotentiale angesichts verschärfter sozialer Krisen sowie eine geringe Transparenz der europäischen Entscheidungsprozesse bennenen. Dabei zeigt sich zugleich, daß die Phase einer verbreiteten öffentlichen Europa-Euphorie in den späten 70er und 80er Jahren zu Ende geht und einer wachsenden Europa-Skepsis Platz macht , so daß von einem "abwärtsführenden Spiralprozeß" gesprochen werden könne: "Eine immer weniger interessierte, ja immer ablehnendere Bevölkerung trifft auf eine offenbar skeptischere Berichterstattung über die EG und umgekehrt." (S. 37) Daß solche Ergebnisse nicht nur auf deutschen Eindrücken oder einheitsbedingten Problemlagen beruhen, sondern als europaweiter Trend gelten können, zeigt z.B. eine aufwendige Studie, die im Auftrag der EU (Fundesco) von europäischen Medienwissenschaftlern als Presseanalyse der wichtigsten europäischen Zeitungen im Hinblick auf die Europa-Berichterstattung von 1992-95 durchgeführt wurde. Aus "europäischer Perspektive" ist das Ergebnis in der Tat niederschmetternd: Nicht nur beherrschen nationale Interessen und Perspektiven nach wie vor selbst die großen Zeitungen Westeuropas; gravierender ist noch, daß auch der Informationsfluß zwischen den Korrespondenten stark beschränkt bleibt, was angesichts der Masse gebetsmühlenartiger Sonntagsreden über wachsende Informationsvernetzung manchen erstaunen mag. Dabei zeigen sich im übrigen deutliche Nord-Süd-Spannungen innerhalb Europas im Hinblick nicht nur auf Akzeptanz und Erwartungshaltungen gegenüber de EU, sondern auch schon ganz fundamental auf der semantischen Ebene in der Frage, was überhaupt "Europa" heißen kann und soll. Insofern ist es auch kein Wunder, daß die Studie abschließend von Europa als einer Art Leerstelle zwischen den Kategorien des Globalen bzw. des Lokalen spricht.

Solche Aussichten auf andere europäische Länder unter europäischer Perspektive hätte man sich im vorliegenden Sammelband allgemein stärker gewünscht, denn viele Beiträge bleiben doch letztlich auf Deutschland oder auf rein binationale Verhältnisse und Beziehungen beschränkt, zumal auch der Einfluß der USA im Hinblick auf die ansonsten ja gerade im Medien-und Kommunikationsbereich viel diskutierte "Amerikanisierung" und ihre Grenzen in Europa kaum einer näheren Betrachtung unterzogen wird. Auch wird zudem wie leider in vielen Medienanalysen zum Thema Europa kaum näher zwischen der massenmedialen Rezeption der europäischen Institutionen einerseits und dem allgemeinen Europa-Bewußtsein andererseits unterschieden – dabei zeigen gerade viele empirische Studien zu diesem Thema, daß beide Bereiche durchaus getrennt werden müssen und eine Skepsis gegenüber den Institutionen der EU keineswegs mit dem Fehlen eines kulturellen Gemeinschaftsgefühls der Europäer einhergeht, im Gegenteil: Aus vielen Umfragen läßt sich gerade im Zeichen der "Globalisierung" ein wachsendes Gemeinschaftsgefühl und ein Rückgang alter innereuropäischer Feindbilder konstatieren.

Dazu kommt ein weiteres Manko: Es mag ja unter Kommunikationswissenschaftlern inzwischen selbstverständlich sein, was unter "Kommunikation" zu verstehen ist, aber gerade wenn man sich im wesentlichen auf massenmediale Kommunikation konzentriert, wäre eine Klärung des Begriffs unter theoretischen Gesichtspunkten wichtig gewesen, weisen doch viele Beiträge gerade im Detail immer wieder darauf hin, wie einseitig "Kommunikation" selbst in modernen Demokratien als bloße Form der "Verlautbarung" von oben nach unten verläuft und kaum dem Modell eines im Begriff zumeist mitgedachten Austauschprozesses entspricht. Eine so wichtige Differenzierung der verschiedenen Öffentlichkeits- und Kommunikationsformen findet sich lediglich in dem informativen, weil um grundsätzliche Klärung bemühten Beitrag von Elisabeth Klaus über "Massenmedien in Umbruchphasen: Eine Chance für Frauen?", der auch die wichtige Frage nach dem Zusammenhang von Massenkommunikation und sozialem Wandel stellt. Hier wird deutlich, daß Massenmedien zwar einerseits als "Agenten der Macht" dienen, indem sie "Wirklichkeitskonstruktionen (liefern), die an jenen Übereinkünften mitwirken, durch die gesellschaftliche Kontinuität hergestellt wird." (S.425) Andererseits gilt aber auch, daß Massenmedien zwar nicht individuell, aber doch als Gesamtsystem zu Botschaftern gesellschaftlichen Umbruchs werden können. Dies gilt nicht nur in erster Linie in demokratisch verfaßten Gesellschaften, wenn die von den Massenmedien konstruierten Wirklichkeitsbilder und Erklärungsmuster immer stärker von den Wirklichkeitskonstruktionen breiter Bevölkerungsteile abweichen, so daß die Massenmedien immer mehr an Glaubwürdigkeit und Authentizität verlieren, "weil sie ein Gesellschaftsbild stützen, das von relevanten Bevölkerungsgruppen nunmehr als Fälschung angesehen wird. Immer größere Teile des Publikums wenden sich anderen Teilöffentlichkeiten zu, deren Konstruktionen ihr Gesellschaftsbild genauer treffen." (S.426) Daß dies nicht nur idealtypisch gilt, sondern auch empirisch erhärtet werden kann, zeigen Verweise auf Medienanalysen zur Gerüchtekommunikation im Zweiten Weltkrieg oder zum politischen Witz in der DDR, aber auch, wie Jeffrey Alexander gezeigt hat, besonders zum Vietnam-Krieg, wo die Massenmedien immer mehr unter den Druck der alternativen, in kleinen und mittleren Öffentlichkeiten entworfenen Deutungen gerieten und diese schließlich teilweise sogar so weitgehend übernahmen, daß der Krieg dramatisch an Popularität verlor und auch einer breiten Öffentlichkeit zunehmend nicht mehr "plausibel" zu machen war. Es sind also gerade kleinere oder mittlere Öffentlichkeiten, also z.B. unmittelbare private Gesprächskreise, Versammlungsöffentlichkeiten in Vereinen, Kirchen usw., die in bestimmten Krisenphasen die von oben gesteuerten Lesarten zu unterlaufen und je nach Konstellation durchaus erfolgreich den in modernen industriellen Gesellschaften ideologisch fixierten Gegensatz zwischen Privatheit und Öffentlichkeit tendenziell aufzulösen vermögen. Gerade hier bestehe denn auch, so E.Klaus, die besondere Chance für Frauen, an Umbruchsituationen aktiv mitzuwirken oder gar dabei eine zentrale Rolle zu spielen, die ihnen in den stark von Männern dominierten Massenmedien und politischen Herrschaftsarenen ansonsten zumeist verwehrt bliebe. Allerdings gilt auch, daß die in kleineren Teilöffentlichkeiten entworfenen Themen und Positionen erst dann politisch relevant werden können, wenn sie von den Massenmedien aufgegriffen und entsprechend auf die politische Agenda gesetzt werden oder wenn sich ursprünglich alternative Medien zu Massenmedien entwickeln können.

Solche grundsätzlichen Überlegungen dürften als Ausgangs-Hypothesen für empirische Studien nicht nur in historischer Perspektive, sondern gerade auch im Hinblick auf die Erklärung der Umbrüche in der DDR und in Osteuropa insgesamt sehr hilfreich sein, weil sie den Begriff der Öffentlichkeit einerseits differenzieren und andererseits zugleich "die Medien" nicht als sozusagen fixierbare Einheit mit einem wie auch immer gearteten Wesenskern konzipieren, was dann häufig zu deren gängiger Dämonisierung oder aber Verharmlosung führt. Vielmehr erlaubt gerade ein konstruktivistischer Ansatz, die Medien als Teil der sich immer wieder neu formierenden (Selbst-)Deutung moderner Gesellschaften zu begreifen und zugleich die wichtige Rückbindung an politische Herrschaft nicht aus dem Blick zu verlieren, ohne die jede Diskurstheorie zumal in historischer Perspektive in unausweichliche Aporien gerät und Erklärungspotentiale eher reduziert als erweitert. Ein solcher Ansatz vermag zudem die Kategorie des Raumes genauer zu fassen, indem nicht einfach geographische oder nationalstaatlich geprägte Räume als feststehende Analysekategorie vorausgesetzt werden, sondern – wie Hans J.Kleinsteuber in seinem Beitrag "Faktoren der Konstitution von Kommunikationsräumen" hervorhebt – als sozial konstruierte Räume begriffen werden müssen, die im Hinblick auf Kommunikation vor allem von den Faktoren Technik, Politik, Recht, Wirtschaft und Kultur abhängen, wobei allerdings der Faktor "Kultur" einer präzisen definitorischen Verortung bedarf und nicht einfach diffus als gesellschaftlicher "Freiraum" (S.48) verstanden werden kann. Zentrale Aufgabe einer historischen Kommunikationsforschung wäre es demnach vor allem auch, diese Faktoren in ihrer jeweiligen historischen Konstellation und Kombination zu analysieren, um den diffusen Begriff des "Kommunikationsraums" deskriptiv wie analytisch schärfer fassen zu können. Damit ließe sich zugleich ein "naiver Realismus", der den Konstruktionscharakter von gesellschaftlichen Institutionen und Deutungen häufig übersieht, wie auch eine im Grunde ebenso naive Reduktion auf "bloße Konstruktion", wie sie in manchen Diskurstheorien anzutreffen ist, vermeiden. Außerdem käme man damit je nach analytischer Tiefenschärfe endlich auch einmal über die dann doch etwas redundanten Stereotypen- und Feindbilderanalysen hinaus, die gerade unter Historikern immer noch zumeist die Idee einer historischen Kommunikations- und Medienforschung bestimmen, was auch im vorliegenden Band deutlich wird. Gerade hier täte die oben kurz angedeutete Differenzierung in unterschiedliche Öffentlichkeitsformen und Arenen dringend not, um die nationalstaatlichen Fixiertheiten nicht fortgesetzt deskriptiv zu reproduzieren und sozusagen "von höherer Warte" zu beklagen. Solange nämlich die Genese solcher Muster nicht genauer geklärt ober aber mit Trivialanthropologie (im Sinne von Thesen wie "Feindbilder stärken die eigene kollektive Identität") eher zugedeckt als analysiert wird (was allerdings keineswegs für alle Beiträge gilt!), wird hier kaum ein Fortschritt in der Forschung zu erzielen sein.

Als Fazit des Bandes kann festgehalten werden, daß sich zumal die historische Forschung zu Kommunikationsräumen vor allem auf europäischer Ebene noch in den Kinderschuhen befindet. Hier tut sich ein weites und gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Kommunikationsrevolution ungeheuer wichtiges Forschungsfeld auf, was allerdings eingehender theoretischer Vorüberlegungen bedarf, wenn die empirischen Ergebnisse über das bisher schon Bekannte hinausgehen sollen. Der vorliegende Tagungsband liefert dafür nicht mehr, aber auch nicht weniger als erste Bausteine.

ZitierweiseAlexander Schmidt-Gernig: Rezension zu: Erbring, Lutz (Hrsg.): Kommunikationsraum Europa. Konstanz 1995, in: H-Soz-u-Kult, 19.02.1997, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=406>.

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