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Europäische Geschichte

M. Peter: John Maynard Keynes und die britische Deutschlandpolitik

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:John Maynard Keynes und die britische Deutschlandpolitik. Machtanspruch und oekonomische Realitaet im Zeitalter der Weltkriege 1919-1946
Reihe:Studien zur Zeitgeschichte 51
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:3-486-56164-2
Umfang/Preis:343 S.; € 49,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Kiran Klaus Patel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <k.patelgmx.de>

Lange vor dem Erscheinen seiner "Allgemeinen Theorie der Beschaeftigung, des Zinses und des Geldes" im Jahr 1936 war der britische Volkswirtschaftler John Maynard Keynes in Deutschland nicht nur bekannt, sondern besonders im Lager der politischen Rechten der Weimarer Republik auch sehr beliebt. Grund der Zuneigung von Kreisen, mit denen ihn politisch wenig verband, waren seine oeffentlichen Stellungnahmen gegen die deutschen Reparationsleistungen als Teil des Versailler Vertrages. Gegen diese hatte sich Keynes nicht aus Altruismus ausgesprochen, vielmehr kritisierte er sie aus oekonomischer Perspektive. Denn seiner Meinung nach stellte ein in seinem wirtschaftlichen Wiederaufbau behindertes Deutschland nicht nur sozialen Sprengstoff dar, sondern destabilisierte zugleich die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Die primaer oekonomische, und weniger politische Interpretation erklaert auch, warum er sich ausserdem weltwirtschaftlich fuer die Streichung aller Kriegsschulden aussprach.

Diese Ueberlegung Keynes' ist einer der Ausgangspunkte der Arbeit von Matthias Peter, welche die britische Deutschlandpolitik von 1919 bis 1946 und besonders den konzeptionellen Einfluss von Keynes auf sie untersucht. Peter zeigt, dass Keynes, wenngleich er in der britischen Administration nie ein Spitzenamt bekleidete, wesentlichen Anteil an den wirtschafts- und sicherheitspolitischen Diskussionen hatte und es zum Teil seine Vorstellungen waren, die den Kurs Grossbritanniens gegenueber Deutschland praegten.

Die Sicht des Volkswirtschaftlers auf die Reparationsfrage konnte sich jedoch in den 1920er und 1930er Jahren bekanntlich nicht durchsetzen. Denn obgleich er die politischen und weltwirtschaftlichen Ordnungsprinzipien der Vorkriegszeit, wie den Gedanken des Siegfriedens oder der Goldwaehrung, fuer keine angemessenen Antworten auf die Transformationsprozesse des 20. Jahrhunderts hielt, sollte sich das Vereinigte Koenigreich trotzdem vor allem an ihnen orientieren. So hatte bis in die letzten Vorkriegsjahre fuer Regierungskreise die Sicherung der britischen Weltmachtstellung unter einem impliziten Primat der Innenpolitik Prioritaet: Zentral war danach eine Verbesserung der Situation der Bevoelkerung und insgesamt eine binnenwirtschaftliche Konsolidierung, was zugleich eine Entscheidung gegen Aufruestung und fuer ein wirtschafts- und machtpolitisches Appeasement gegenueber dem nationalsozialistischen Deutschland darstellte. Angesichts der Unangemessenheit dieser Mittel im Licht der Herausforderungen der 1930er Jahre kann Peter insgesamt zeigen, dass Grossbritannien keine ueberzeugende ordnungspolitische Alternative zum nationalsozialistischen Grossraumkonzept einerseits und zum immer wichtiger werdenden Machtfaktor USA andererseits entwickelte. Vielmehr spiegelte die Appeasementpolitik nach Peter "den Verlust der wirtschaftspolitischen Initiative im Transformationsprozess der Pax Britannica Oeconomica seit dem Ende des Ersten Weltkrieges" wider (S. 73).

Der Schwerpunkt der Studie liegt auf den konzeptionellen Arbeiten und interministeriellen Debatten ueber die britischen Kriegsziele im Zweiten Weltkrieg, zu denen Keynes ebenfalls wichtige Beitraege lieferte. Besonders seine Ueberlegungen hatten fuer die 1940/41 in Grossbritannien beginnenden deutschlandpolitischen Planungen fuer die Nachkriegszeit einen hohen Stellenwert. Anknuepfend an seine Haltung zum Versailler Vertrag sah Keynes fuer ein besiegtes Deutschland eine gleichberechtige Stellung im europaeischen Wirtschaftsgefuege vor und hielt dies fuer den besten Schutz vor einer erneut von Deutschland ausgehenden Gefahr. Das Desinteresse des Premiers Churchill an allen konzeptionellen Vorarbeiten fuer die Zeit nach dem Krieg war nur ein Faktor, warum dieses Modell, das im Aussenministerium durchaus Anklang fand, nur verwaessert in oeffentliche Erklaerungen der Inselnation einging: Gegenueber der Sicht Keynes', dass Sicherheit vor Deutschland nur Sicherheit mit Deutschland sein koenne, setzte sich der Gedanke vom Primat der Machterhaltung durch, der in der Denktradition des 19. Jahrhunderts Sicherheitsprobleme mehr unter militaerisch-politischen, und weniger unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten deutete. Diese Linie trat fuer einen harten Kurs gegenueber Deutschland ein.

Zentral fuer die Ausarbeitung britischer Leitlinien zur Sicherheitspolitik gegenueber dem kontinentalen Nachbarn war das "Interdepartmental Committee on Reparations and Economic Security", in dem bis Mitte 1943 Keynes, aber auch seine Gegner, arbeiteten. In diesem Rahmen entwickelte Keynes das Konzept des deutschen Friedensbeitrags als Teil einer europaeischen Neuordnung: Statt Reparationen im alten Sinne sollte ein gleichberechtigtes, aber entmilitarisiertes Deutschland lediglich einen finanziellen Ausgleich leisten. Der deutsche Friedensbeitrag war ein oekonomischer Ausgleichsmechanismus fuer die fehlende Belastung durch eine Ruestungswirtschaft und durch Kosten zur Sicherung des Territoriums. Wenngleich diese Sicht zunaechst in Regierungskreisen nur auf geringe Resonanz stiess, sollte sich ihre Weitsicht bestaetigen, als sie Anfang der 1950er Jahre die britische Haltung gegenueber der jungen Bundesrepublik praegte. Aehnlich gemaessigt waren Keynes' Ansichten zur Hoehe der Zahlungen, die Deutschland zu leisten habe, und zum Umfang der industriellen Abruestung, zu der das Land nach der Niederlage gezwungen werden solle. Insgesamt war dieses Konzept ordnungspolitisch und nicht aussen- oder sicherheitspolitisch gepraegt, da es der Stabilisierung Deutschlands zentrale Bedeutung fuer die Ankurbelung der europaeischen Wirtschaft zubilligte. So war fuer den Volkswirtschaftler "Economic Security", die wirtschaftliche Sicherheit vor Deutschland mit Deutschland, eine zentrale Groesse, was im Widerspruch zur Haltung des britischen Aussenministeriums stand: "Economic Security" wurde dort letztlich vor allem machtpolitisch als "Schadensbegrenzungsfaktor" (S. 319) gedeutet und sollte die wirtschaftlichen Lasten fuer das Vereinigte Koenigreich, die ihm aus seiner Rolle als Besatzungsmacht erwuchsen, minimieren.

Diese Debatten, weitere konzeptionelle Ueberlegungen und die Haltung der britischen Regierung zeichnet Peter ueber die Konferenzen von Teheran, Quebec, Jalta und Potsdam bis zum Ersten Industrieniveauplan im Maerz 1946 quellennah und ueberzeugend nach. Er untersucht dabei auch die Wirkung von Konzeptionen und Strategien der USA und der Sowjetunion und macht zum Beispiel sehr deutlich, dass die britische Diskussion um den Morgenthau-Plan im Herbst 1944 andere Planungsaktivitaeten fuer Monate vereitelte. Die Frage, warum Grossbritannien nach 1945 seine Wirtschafts- und Sicherheitspolitik nicht grundsaetzlich an Keynes' Einsichten auszurichten versuchte, laesst sich nach Peter nicht nur durch die Widerstaende der Beamten des Schatzamtes erklaeren. Seine Arbeit zeigt, dass auch die Vereinigten Staaten von Amerika gegen einen solchen Kurs waren, was sich etwa bei den waehrungspolitischen Verhandlungen von Bretton Woods gezeigt hatte. Neben konzeptionellen Schwaechen der Theorie Keynes' verhinderte nicht zuletzt die Ablehnung durch das Foreign Office mit seiner Orientierung am Primat der Machterhaltung einen solchen Richtungswechsel.

Insgesamt handelt es sich um eine quellennahe, in Argumentation und Thesensatz ueberzeugendem Studie, der man nachsieht, dass sie sprachlich nicht sehr gelungen ist. Sie arbeitet Keynes' Doppelrolle als einem der bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftler des Jahrhunderts einerseits und als Politiker andererseits klar heraus. Auch die Wechselwirkung zwischen diesen beiden Rollen wird sehr deutlich sowie die Kontinuitaetsstraenge im Denken Keynes', die etwa von seiner Haltung in der Reparationsfrage 1919 zu der im Zweiten Weltkrieg fuehren. Peters Arbeit hat einen breiten Fokus, der vor allem fuer die Kriegsjahre weit ueber eine Eroerterung von Keynes' Anteil an der konzeptionellen Gestaltung der britischen Deutschlandpolitik hinausreicht und alle Kraefte, die dieses Feld bestimmten, vorstellt und untersucht. Zugleich macht die Einbettung in Kontinuitaetslinien britischen Denkens zur Sicherheitspolitik bis weit ins 19. Jahrhundert erst das Umfeld deutlich, in dem Keynes agierte und nicht selten auch scheiterte. Denn moegen Keynes' Analysen oft die weitsichtigsten gewesen sein, durchsetzen konnten sie sich haeufig nicht.

ZitierweiseKiran Klaus Patel: Rezension zu: Peter, Matthias: John Maynard Keynes und die britische Deutschlandpolitik. Machtanspruch und oekonomische Realitaet im Zeitalter der Weltkriege 1919-1946. München 1997, in: H-Soz-u-Kult, 23.02.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=386>.

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