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Europäische Geschichte

B. Henningsen u.a. (Hgg.): Deutschland, Schweden und die Ostsee-Region

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:Deutschland, Schweden und die Ostsee-Region
Reihe:Nordeuropaeische Studien 10
Herausgeber:Henningsen, Bernd; Bo Straath
Ort:Baden-Baden
Verlag:Nomos Verlag
Jahr:
ISBN:3-7890-4308-7
Umfang/Preis:169 S.; € 28,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Christoph Anz, Max-Planck-Institut fuer Geschichte, Goettingen jetzt: Stockholm
E-Mail: <christoph.anzsh.se>

Der auf eine 1994 durchgefuehrte Tagung an der Ostsee-Akademie Travemünde zurueckgehende Band will nach Aussage der beiden Herausgeber "Desiderate der sozial- und kulturwissenschaftlichen Nordeuropa-Forschung" dokumentieren und Themen benennen, mit denen "eine zukuenftige vertiefte Auseinandersetzung" lohnt, wobei aus pragmatischen Gruenden ueberwiegend Schweden, Deutschland und zum Teil das Baltikum im Mittelpunkt stehen. Vor dem Hintergrund der seit 1989 eingetretenen politischen Veraenderungen in Europa und insbesondere in der Ostsee-Region (Aufloesung der UdSSR und des Warschauer Paktes, Unabhaengigkeit der drei baltischen Staaten, Beitritt Schwedens und Finnlands zur EU) versuchen die insgesamt dreizehn Autoren, die sich aus den veraenderten Rahmenbedingungen ergebenden Chancen und Risiken auf unterschiedlichen Feldern darzustellen und zu analysieren.

An den Anfang gestellt ist der Beitrag des schwedischen Botschafters in Deutschland, Oerjan Berner, der sich mit "Moeglichkeiten und Grenzen schwedischer Diplomatie" auseinandersetzt. Obwohl er auch die Themen Oekologie und Kultur aus schwedischer Sicht behandelt, legt er den Schwerpunkt eindeutig auf sicherheitspolitische und vor allem auf die oekonomischen Aspekte, die sich fuer die (schwedische) Wirtschaft innerhalb der Ostsee-Region ergeben. Der letztgenannte Aspekt, die Wirtschaftspolitik, bildet zugleich eine Art thematischen Schwerpunkt des gesamten Bandes. Fast koennte man den Eindruck gewinnen, dass fuer viele Autoren die Aufloesung der politischen Gegensaetze in erster Linie zu wirtschaftlichen Moeglichkeiten gefuehrt hat. Die gegenseitige Beeinflussung von oekonomischen und politischen Handlungen wird mehrfach untersucht. Claus Wohlert, Wirtschaftswissenschaftler in Uppsala, spricht von einem "Paradigmenwechsel in der schwedischen Wirtschaft", waehrend Olle Krantz, Wirtschaftshistoriker in Umeaa, die Bedeutung von Regionen und Nationen bei der oekonomischen Entwicklung analysiert. Auch fuer den Historiker und Mitherausgeber Straath spielt die Wirtschaft eine entscheidende Rolle in dem derzeitigen Prozess, denn die Oekonomie uebernehme den handlungsleitenden Faktor fuer die Politik. Dabei, so der Beitrag von Harm Schroeter, habe die schwedische Wirtschaft die neu entstandenen Moeglichkeiten nicht annaehernd auszunutzen gewusst, was der Autor mit der "typischen schwedischen Mentalitaet" begruendet. Der schwedische Wirtschaftswissenschaftler Fredriksson dagegen plaediert fuer eine aktive Rolle Schwedens bei der Formung "normaler" Verhaeltnisse in der Region, denn die Ostsee-Region sei fuer das Land und seine Wirtschaft weitaus wichtiger als die vermeintlichen Zukunftsmaerkte in Asien. Inhaltlich pflichtet ihm Helmut Hubel bei, der die aktive Rolle Schwedens jedoch auf die fuer die EU wichtige Frage der Beziehungen zu Osteuropa bezieht.

Die Moeglichkeiten, die sich fuer Schweden seit 1989 auf politischer Ebene ergeben, werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt. Zum einen spielt immer wieder die sicherheitspolitische Frage eine große Rolle, die Schweden (sowie Finnland) dazu zwinge, sich selbst darueber klar zu werden, ob die lange geuebte Neutralitaetspolitik fortgesetzt werden solle. Hier sind sich die Autoren einig, dass der Beitritt zur EU eine deutliche Vorentscheidung bedeute, wenn auch ein NATO-Beitritt derzeit noch nicht aktuell sei. Zum anderen eroeffnet die EU-Mitgliedschaft der beiden nordischen Staaten Schweden und Finnland gleichzeitig eine "Europaeisierung" der Ostsee-Region, die letztlich zu einer grenzueberschreitenden regionalen Identitaet fuehren kann (so etwa Jens Steinfeld). Alle Autoren zeigen dabei die faszinierenden Moeglichkeiten auf, die fuer die beteiligten Staaten bestehen; doch wird ebenso deutlich, dass die Chancen nur durch eine gezielte Politik auf unterschiedlichen Ebenen tatsaechlich wahrgenommen werden koennen. Im Grunde beziehen sich diese Potentiale auf saemtliche Lebensbereiche und werden neben der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik beispielsweise auch auf dem Gebiet der Oekologie (Heinrich Pehle, Umweltschutz in der Ostsee-Region) oder der Massenmedien (Heike Graf, Kommunikationsraum Ostsee) thematisiert. Dabei zeigen mehrere Beitraege zusaetzlich die zum Zeitpunkt der Tagung (November 1994) bestehenden Unsicherheiten bezueglich der weiteren (politischen) Entwicklung in Teilen der Region. Angesichts der Politik in Weissrussland ist die Lage zwischenzeitlich keineswegs sicherer geworden.

Einen programmatischen Beitrag in bezug auf die Wissenschaftslandschaft leistet Bernd Henningsen, der sich sehr deutlich fuer eine Vernetzung bei Ausbildung und Forschung innerhalb der sozial- und geisteswissenschaftlichen Faecher ausspricht. Die immer wieder beklagte allgemeine Nichtwahrnehmung der nordeuropaeischen Region beginnt sich seit 1989 zu raechen. Die deutsche Politik hat trotz der Norderweiterung der EU die Ostsee-Region immer noch nicht in ihr Blickfeld aufgenommen. Gleichzeitig macht Henningsen darauf aufmerksam, dass es die politischen Veraenderungen erlauben, einen traditionellen "Nordeuropa-Begriff" wieder aufzunehmen: die Region von Groenland ueber Skandinavien bis ins Baltikum und Nordwestrussland, eingeschlossen die norddeutschen Laender und Polen. Nur auf diese Weise, so Henningsen, koennten sowohl fuer die Politik als auch fuer die (Geistes-)Wissenschaften neue Moeglichkeiten ausgeschoepft werden.

Bei aller Betonung einer moeglichen oder in Ansaetzen auch schon bestehenden europaeischen "Ostsee-Identitaet" macht der Beitrag von Enn Tarvel deutlich, dass es durchaus tiefsitzende Vorbehalte geben kann. Unter der Ueberschrift "Was die Balten von den Schweden halten" zeigt der Autor, dass trotz bestehender Parallelen in der Mentalitaet der Schweden und Balten historisch begruendete Aengste seitens der Balten vor moeglicher schwedischer Politik bestehen. Dies gilt besonders fuer die Haltung Schwedens gegenueber Russland und damit der Bedeutung, die die schwedische Politik der Unabhaengigkeit der baltischen Staaten beimisst. Wie schwierig die Herstellung und "Pflege" einer Ostsee-Identitaet sein kann, erlaeutert Carl-Axel Gemzell am Beispiel der Richtlinien fuer den Geschichtsunterricht in den Staaten England, Schweden und Deutschland.

So ist, was der Band auf vielfache Weise deutlich macht, auf etlichen Gebieten noch Erhebliches zu leisten, um die sich bietenden Chancen zu nutzen. Dies gilt auf der wirtschaftlichen Ebene genauso wie auf der politischen, der wissenschaftlichen oder der kulturellen insgesamt. Viel duerfte von der Einsicht abhaengen, umfangreiche Moeglichkeiten fuer persoenliche Begegnungen und intensiven Austausch zu schaffen. In dieser Hinsicht ist der Band mit seiner thematischen Breite wirklich als gelungen zu bezeichnen, obwohl an mancher Stelle eine intensivere Beschaeftigung mit Polen oder anderen Ostsee-Anrainern wuenschenswert gewesen waere. Eine deutlichere Gliederung der Themen haette den Band zudem uebersichtlicher gestaltet. Auch ein so programmatischer Beitrag wie der von Bernd Henningsen haette nicht unbedingt im letzten Viertel "versteckt" zu werden brauchen. Ebenso sind in manchen Beitraegen unerfreulich viele Schreibfehler, die das sonst durchgaengige Lesevergnuegen unnoetig mindern. Doch sind diese Anmerkungen eher Marginalien, denn der Band eroeffnet den Lesern einen weitgehend unbeachteten geographischen Raum, der nicht nur zur Zeit, sondern sicherlich mittelfristig zu den spannendsten Regionen Europas zaehlen duerfte.

ZitierweiseChristoph Anz: Rezension zu: Henningsen, Bernd; Bo Straath (Hrsg.): Deutschland, Schweden und die Ostsee-Region. Baden-Baden 1996, in: H-Soz-u-Kult, 13.06.1997, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=292>.

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