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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

M. Zimmermann: Gewalt

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <ak368le.ac.uk>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedensforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) www.akhf.de/

Autor(en):
Titel:Gewalt. Die dunkle Seite der Antike
Reihe:Sachbuch
Ort:München
Verlag:Deutsche Verlags-Anstalt
Jahr:
ISBN:978-3-421-04471-6
Umfang/Preis:416 S.; € 24,99

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-Kult von:

Jan Meister, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <jan.meistergeschichte.hu-berlin.de>

„Gewalt“ gilt seit mehreren Jahren als angesagtes Thema und hat zu einer Fülle von Publikationen geführt.[1] Innerhalb der Altertumswissenschaften zählt Martin Zimmermann zu den prominentesten Vertretern dieses Forschungsfelds, wovon vor allem ein grundlegender, 2009 erschienener Sammelband zeugt.[2] Sein neues Buch greift viele der dort behandelten Themen wieder auf, wendet sich aber nicht an ein enges Fachpublikum, sondern an eine breite Leserschaft.

Die flüssig geschriebene Darstellung behandelt das Phänomen „Gewalt“ vom alten Orient bis in die Spätantike, zwar mit Schwerpunkt auf der literarischen Überlieferung, doch immer wieder auch unter Einbezug von Bildern. Dem breiten Publikum geschuldet ist der Verzicht auf einen Anmerkungsapparat, doch im Text wird regelmäßig in Klammern auf die antiken Textstellen verwiesen, die über die beigegebenen Register leicht zu erschließen sind.

Zimmermann bietet keine simple Nacherzählung blutiger Anekdoten, sondern eine fundierte Analyse antiker Kommunikation über Gewalt, die Fragen aufwirft, die weit über die Alte Geschichte hinaus Relevanz besitzen. In einem „Prolog“ (S. 11–18) weist Zimmermann anhand aktueller Beispiele auf die allgegenwärtige Instrumentalisierung von Gewalt-Bildern hin und den damit verbundenen Zweifel an deren Authentizität. Antike Gewaltschilderungen stellen den Betrachter vor ähnliche Probleme und eine Beschäftigung mit ihnen könnte daher, so Zimmermanns Hoffnung, zum Nachdenken anregen, „ob es nicht doch einen Weg gibt, das Grauen so wiederzugeben, dass wir uns wenigstens darüber austauschen können“ (S. 18).

Die Problematik der (Un-)Darstellbarkeit von Gewalt wird im einleitenden Kapitel „Blick in antike Abgründe: Mensch, Gewalt, Kultur“ (S. 19–55) genauer ausgeführt. Zimmermann geht von der, innerhalb der Kulturwissenschaften inzwischen wohl unstrittigen[3], Prämisse aus, dass explizite Gewaltdarstellungen ohne den Rekurs auf vorgeprägte Muster kaum möglich oder zumindest nicht verständlich sind und jeweils eine bestimmte Funktion erfüllen. So sei in der Antike alltägliche Gewalt nur indirekt über Grabsteine, Fluchtafeln oder Gerichtsfälle zu erschließen, explizite Gewaltdarstellungen dagegen thematisieren vorwiegend nicht akzeptierte Formen von Gewalt, deren transgressiver und damit eben gerade nicht alltäglicher Charakter durch die explizite Schilderung unterstrichen wird. Daraus eine Geschichte der realen Gewalt abzuleiten, hält Zimmermann für problematisch, vielmehr wird mit dieser Kommunikation über Gewalt ein Referenzrahmen von „guter“ und „schlechter“ Gewalt geschaffen.

Dieser Kommunikation und vor allem deren narrativen Formen geht Zimmermann in zehn chronologisch geordneten Kapiteln nach. Den Auftakt bildet ein Kapitel zur Repräsentation altorientalischer Monarchien (S. 56–86). Die Fähigkeit, Gewalt gegen innere und äußere Feinde auszuüben, war hier durchweg positiv besetzt, wobei sich in der Darstellung durchaus Unterschiede ausmachen lassen. Während die Assyrer Gewalt gegen Feinde explizit thematisierten, waren die Perser in ihren Bildern zurückhaltender – ohne dass sich freilich die Herrschaftspraxis wesentlich geändert hätte. Wirkungsmächtig war jedoch vor allem die griechische Fremddarstellung, die über Schilderungen expliziter Gewalttaten orientalische Könige als despotische Barbaren zu charakterisieren suchte.

Griechische Gewaltdarstellungen im Mythos (S. 87–124) und deren Rezeption in den Tragödien (S. 125–135) sind Gegenstand der folgenden Kapitel. Zimmermann zeigt, wie im Verlauf der Spätarchaik nicht nur eine Rationalisierung der Mythen einsetzt, sondern auch eine Hinterfragung der dort als Herrschaftsinstrument zelebrierten Gewalt – bis hin zur Tragödie, wo Gewalt nicht mehr als Teil der „physis“ betrachtet wird, sondern im Kontext des auf den Menschen bezogenen „nomos“ verhandelt wird.

Anschließend befasst sich Zimmermann mit der Historiographie. Thematisiert werden Herodot und Thukydides (S. 136–164) und der dort zu beobachtende Wechsel von einem exzessiven Gebrauch denunziatorisch eingesetzter Gewaltdarstellungen zu eher nüchternen Schilderungen. Besonders interessant ist dann das Kapitel zur hellenistischen Historiographie (S. 165–218), in welchem Zimmermann auf die unter anderem bei Polybios fassbaren antiken Debatten über den Einsatz von Gewaltbildern zurückgreifen kann. Spätestens hier wird deutlich, dass sich antike Autoren der Wirkmächtigkeit, aber auch der Fiktionalität detaillierter Gewaltdarstellungen sehr wohl bewusst waren und diese sehr gezielt einsetzten.

Römische Autoren, so Zimmermann im folgenden Kapitel (S. 219–237), schließen an die griechischen Traditionen und Konventionen an, sowohl beim Einsatz als auch der konkreten Ausgestaltung von Gewaltbildern. Dies betrifft nicht nur Geschichtsschreibung und Rhetorik, sondern auch die Exempla-Literatur, wo die gute Quellenlage es erlaubt, genau nachzuzeichnen, wie einzelne Geschichten im Verlauf der Zeit immer weitere Ausschmückungen erfahren. Überhaupt bietet Rom reiches Material für Gewaltforschung: Systematisch untersucht Zimmermann die triumphierenden Schilderungen von Gewalt gegen äußere Feinde, welche die eigene Sieghaftigkeit betonen soll (S. 238–277). Gewalt gegen Römer wird dabei weitgehend ausgeblendet. Wie schon bei den Griechen stellen auch bei den Römern Bürgerkriegssituationen ein besonderes Problem hinsichtlich der Frage nach legitimer Gewaltanwendung dar, was sich in entsprechend drastischen Schilderungen spiegelt (S. 278–306). Zimmermann zeigt, wie auch hier auf bewährte Muster zurückgegriffen wird, wobei aber auffällt, dass die Schrecken der Proskriptionen kaum mit den gängigen Tyrannentopoi, sondern als entpolitisierte Dramen im Kontext häuslicher Nahbeziehungen geschildert werden – explizite Gewaltbilder wären als Anklage gegen die Triumvirn und damit auch gegen den späteren Augustus aufgefasst worden und wurden daher, so Zimmermann, bewusst gemieden.

Die frühe Kaiserzeit bietet dann eine Vielzahl von Gewaltdarstellungen, was mit der mangelnden Legitimität der neuen Monarchie zusammenhängt, deren Exponenten durch besonders brutale Gewaltakte als Tyrannen denunziert werden (S. 307–339). Bekannte Motive werden aufgegriffen und übersteigert, wobei die Grenze zur reinen literarischen Spielerei oft fließend ist. In diesem Kontext sieht Zimmermann die Funktion senatorischer „Märtyrer“, die als prominente Opfer die Glaubwürdigkeit der Berichte verbürgen sollen und deren Tod unter Rekurs auf bekannte Motive literarisch eindrucksvoll inszeniert wird. „Die Bühne des Schreckens, die Inszenierung des Todes“ heißt denn auch das letzte Kapitel (S. 340–375), das Gewalt in der Arena, aber auch theatralisch inszeniertes Sterben in der Literatur behandelt; von hier führt ein direkter Weg zu christlichen Märtyrern, deren Sterben in den gleichen, inzwischen hinlänglich bekannten Bildern und mit analogen Intentionen ausgemalt wird.

Zimmermanns Buch führt die Topik und Intentionalität antiker Gewaltbilder eindrücklich vor Augen, so dass man kaum noch bereit sein wird, diese unbesehen als authentische „Augenzeugenberichte“ zu behandeln. Die große Stärke des Buches liegt denn auch in der Analyse solcher Gewaltmotive und ihrer Entwicklung. Die Frage nach der tatsächlichen Gewaltpraxis – und damit auch die spannende Frage, inwieweit die Kommunikation über Gewalt auf die Praxis rückwirkt (und umgekehrt) – bleibt dagegen weitgehend offen. Sicherlich lassen hier die Quellen oft kein eindeutiges Urteil zu. Doch teilweise mag das auch Zimmermanns Gewaltbegriff geschuldet sein, der ohne klare Definition als analytische Kategorie eher unscharf bleibt. So betont Zimmermann immer wieder, dass die Antike wohl nicht grundsätzlich gewalttätiger war als die Moderne, was so wohl stimmen mag, bei einem enger gefassten Gewaltbegriff aber sicherlich einige Präzisierungen und damit auch eine stärkere Betonung der Differenz erfordert hätte. Doch das ist auch nicht Zimmermanns primäre Absicht – sein erklärtes Ziel, zum kritischen Nachdenken über den Umgang mit Gewaltdarstellungen auch über die Antike hinaus anzuregen, dürfte er mit diesem überaus lesenswerten Buch zweifelsohne erreicht haben.

Anmerkungen:
[1] Allein im Bereich der Altertumswissenschaften sind in den letzten Jahren – nebst den Arbeiten Zimmermanns – mehrere Monographien und Sammelbände zu Gewalt erschienen, unter anderem: Werner Rieß, Performing Interpersonal Violence. Court, Curse, and Comedy in Fourth-Century BCE Athens, Berlin 2012; Margit Linder (Hrsg.), „Böser Krieg“. Exzessive Gewalt in der antiken Kriegsführung und Strategien zu deren Vermeidung, Graz 2011; Susanne Muth, Gewalt im Bild. Das Phänomen der medialen Gewalt im Athen des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr., Berlin 2008; Harold A. Drake (Hrsg.), Violence in Late Antiquity. Perceptions and Practices, Aldershot 2006; Dirk Rohmann, Gewalt und politischer Wandel im 1. Jahrhundert n. Chr., München 2006.
[2] Martin Zimmermann (Hrsg.), Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums, München 2009; vgl. dazu die Besprechung von Holger Müller in: H-Soz-u-Kult, 28.06.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-2-237> (03.02.2014).
[3] Ein zentraler Bezugspunkt für Zimmermann ist der Essay von Susan Sontag, Regarding the Pain of Others, New York 2003; verwiesen wird ferner auf Valentin Groebner, Ungestalten. Die visuelle Kultur der Gewalt im Mittelalter, München 2003. Auch körpergeschichtliche Studien, die die diskursive Bedingtheit von „Erfahrung“ betonen, können Zimmermanns Standpunkt nur unterstreichen; verwiesen sei hier lediglich auf Philipp Sarasin, Mapping the body. Körpergeschichte zwischen Konstruktivismus, Politik und „Erfahrung“, in: Historische Anthropologie 7 (1999), S. 437–451.

ZitierweiseJan Meister: Rezension zu: Zimmermann, Martin: Gewalt. Die dunkle Seite der Antike. München 2013, in: H-Soz-Kult, 10.02.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-098>.

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