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Alte Geschichte

M. S. Bjornlie: Cassiodorus Between Rome, Ravenna and Constantinople

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Politics and Tradition Between Rome, Ravenna and Constantinople. A Study of Cassiodorus and the Variae, 527–554
Reihe:Cambridge Studies in Medieval Life and Thought. Fourth series, 89
Ort:Cambridge
Verlag:Cambridge University Press
Jahr:
ISBN:978-1-107-02840-1
Umfang/Preis:XIII, 370 S.; £65.00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Stefan Krautschick, Berlin
E-Mail: <dr.krautschickgmx.de>

Bis zum Erscheinen dieses Buches wurde – vor allem in der englischsprachigen Literatur – zu Cassiodor fast ausschließlich O’Donnells Biographie[1] zitiert – trotz der entschiedenen Kritik von Averil Cameron[2] an dessen „unpalatable view“ von „Cassiodorus’ conversio as marking a sharp dividing line between the two parts of his life, between the profane and the sacred, and between secular and divine letters“. Jetzt unternimmt Shane Bjornlie mit der Ausarbeitung seiner Dissertation[3] den Versuch einer Neubewertung der politischen Aktivität Cassiodors in den Jahren von Justinians Regierungsantritt bis zur Pragmatica sanctio dieses Kaisers, dem Grundgesetz Italiens nach der Rückeroberung durch Byzanz.

Ausgehend von der Unsicherheit über die Zeit von Cassiodors Ausscheiden aus dem Amt des praefectus praetorio und der Redaktion der Variae – der Sammlung der namens und im Dienst der amalischen Ostgotenkönige in Italien von Theoderich bis Wittigis verfassten Amtsbriefe, deren späteste in das Jahr 537 zu datieren sind – sowie über Beginn und Dauer dessen Aufenthalts in Konstantinopel entwickelt Bjornlie mit viel Phantasie seine These über Cassiodors andauerndem politischen Einsatz. Die schon lange gesehene Möglichkeit, allenfalls Wahrscheinlichkeit, dass sich Cassiodor im Gefolge des von Belisar 540 nach Konstantinopel verbrachten Wittigis befand, dort bis mindestens 550 aufhielt (dem einzigen Zeitpunkt, zu dem Cassiodor dort am Rande der Verhandlungen im Dreikapitelstreit bezeugt ist) und wohl nach der Regelung der italischen Verhältnisse 554 auf seinen Besitz in Squillace zurückkehrte, um seine Klostergründung und sein Bildungsprogramm in die Tat umzusetzen, wird für Bjornlie dabei fast zur Gewissheit. So plädiert er für die Zusammenstellung und Überarbeitung der Variae im Jahrzehnt dieses Aufenthalts im Osten.

Relativ ausführlich behandelt Bjornlie die in der Spätantike in Ost und West entstandene bürokratische Elite („palatine bureaucracy“), der auch Cassiodor zuzurechnen ist, und gewinnt hieraus Argumente zur Untermauerung seiner These. Er attestiert ihr eine institutionelle Identität und Cassiodor ein besonders enges, ja anhängliches Verhältnis zu den Amalern. In ihrer konservativen Grundhaltung sei diese bürokratische Elite in Gegensatz zu den Neuerungen Justinians (Corpus Iuris Civilis) geraten, auf die sogar der Nika-Aufstand zurückzuführen sei. Belegt wird dies im Wesentlichen durch die Einteilung der Schriftsteller dieser Zeit in Justinians Kritiker (Prokop, Jordanes/Cassiodor, Johannes Lydus und Johannes Malalas) und Befürworter (Marcellinus Comes, der Anonymus Valesianus II, Junillus Africanus und der Autor des Dialogus de scientia politica), unter denen ein regelrechter Diskurs über das Festhalten an oder Aufgeben von Traditionen entstanden sei, der mit Zosimos seinen Ausgang genommen habe. Jedoch ignoriert Bjornlie etwa die Dichotomie im zweiten Teil des Anonymus Valesianus, der eben nicht einheitlich als Theoderich feindlich und Justinian freundlich einzustufen ist und deshalb zum Teil auch als das Werk zweier unterschiedlicher Autoren, zumindest aber als ein aus verschiedenen Überlieferungen zusammengestückeltes Konstrukt angesehen wurde.

Bei aller Selbstverständlichkeit, mit der Bjornlie diesen Ausgangspunkt seiner Erwägungen beschreibt, fallen einige Punkte auf, die zu dem Argumentationsstrang nicht recht passen wollen: So frischt er das vieldiskutierte Schweigen Cassiodors über den Sturz der beiden herausragenden Anicier, seines Amtsvorgängers als magister officiorum Boëthius und dessen Schwiegervaters Symmachus, zum Ende der Regierungszeit Theoderichs des Großen auf und will zeigen, dass dessen Justizmord an Boëthius das Verhältnis zwischen der senatorischen Elite und Justinian sowie die Diskussion um die Einstellung zur ostgotischen Herrschaft in Italien entscheidend bestimmt habe. Aber nicht einmal Marcellinus Comes, dem wohl die engste Beziehung zu Justinian unterstellt werden kann, erwähnt in seiner Chronik dieses Ereignis. Zudem hat Cassiodor für Bjornlie versucht, seine Familiengeschichte der des Boëthius künstlich anzugleichen. Die ebenfalls in diesen Kontext gebrachte unbestreitbare Distanzierung Cassiodors von der Regierung Theodahads, wozu Bjornlie bereits eine – spitzfindige, aber doch wohl rhetorische – Frage aufgeworfen hat[4], kann angesichts der Bestimmungen der auf Bitten von Vigilius erlassenen Pragmatica sanctio, dass alle Verfügungen der Ostgotenkönige bis zu Theodahad – mit Ausnahme seiner Schenkung an einen ihm verschwägerten Anicier – Bestand haben sollten, nichts bedeuten. Theodahads Verhältnis zur Senatsaristokratie ist zumindest divergierend. Der anhaltenden Diskussion um die ihm doch eigentlich in die Karten spielende These von Arnaldo Momigliano[5], Cassiodor habe seine Gotische Geschichte bis zum Jahr 550 überarbeitet und weitergeführt, verweigert sich Bjornlie nahezu vollständig.

Auch im Hauptteil seiner Untersuchungen greift Bjornlie immer wieder auf die genannten Aspekte zurück. Vor allem geht es ihm hier darum, die Variae als Cassiodors Beitrag in der Debatte um die Legitimität der Amalerherrschaft und die römische politische Tradition in Ost und West zu erweisen. Anhand einer geschickten Auswahl liest er aus Cassiodors Briefen – unter Betonung auf den in eigenem Namen als praefectus praetorio geschriebenen – und dem ihnen als 13. Buch angefügten Traktat De Anima eine durchgehende und eigenständige Gegenüberstellung von antiquitas und novitas, von Natur und Gesetzgebung heraus und zieht dazu vornehmlich die darin zu allen möglichen Themen enthaltenen Digressionen heran. Die möglichen zehn Jahre seines Aufenthalts in Konstantinopel habe Cassiodor genutzt, die Briefe in diesem Sinn grundlegend zu überarbeiten und als Rechtfertigung für die – westliche, italische – Bürokratie zu veröffentlichen, deren Wiederverwendung in der Verwaltung Italiens nichts im Weg gestanden habe, sich somit also Justinian gleichsam anzudienen.

Richtig liegt Bjornlie gewiss damit, dass Cassiodor den in seinen Variae Genannten gewissermaßen Denkmale setzen wollte (Var. Praef. 1,9) und dass sich eine größere Anzahl italischer, von ihm sehr sorgfältig identifizierter Exulanten von Liberius über Papst Vigilius bis zu Cethegus – nicht immer freiwillig – zwischen 534 und 550, verstärkt nach Ausbruch des byzantinisch-ostgotischen Krieges im Exil in Konstantinopel einfanden. Doch stellten die Anicier darunter nur eine Minderheit, aber gewiss keine in sich geschlossene Fraktion dar und wurden mit ihrem traditionsbehafteten Prestige von Justinian höchst misstrauisch betrachtet. Dass diese Gruppen, Senatsaristokratie und bürokratische Elite, auch nur annähernd gleichzusetzen sind, scheint in Anbetracht der einzigen Bezeugung einer Gruppe von „Italoîspolloîs te kaì logimotátois“ um den Papst Vigilius durch Prokop (BG 3,35,9) um 550, zu denen Cethegus, Roms caput senatus, erst kurz zuvor gestoßen sei, um mit ihnen den Kaiser zu drängen, die Rückeroberung Italiens mit aller Macht zu betreiben, mehr als zweifelhaft. Prokop benutzt das Wort „logimótatoi“ wohl nur für Angehörige der obersten Gesellschaftsschicht, die illustrissimi, den Senatsadel. Wenn also Bjornlie Cassiodors Beteiligung an der Einflussnahme italischer Exulantenkreise bei Justinian konstatiert, andererseits seine Interpretation der Variae als ‚politische Apologie‘ für die italische Bürokratie genau dies belegen soll, schließt sich seine Argumentationskette annähernd zu einem circulus vitiosus.

Ausdrücklich argumentiert Bjornlie nicht gegen die seiner Position zuwiderlaufenden Auffassungen, jedoch so gut wie ausschließlich mit denkbaren Möglichkeiten; er macht es insofern schwierig und aufwändig, dem etwas entgegen zu halten. Letztlich hängt seine gesamte Einschätzung am postulierten zehnjährigen Aufenthalt Cassiodors in Konstantinopel. So interessant im Einzelnen Bjornlies Ansätze sind, dürfte es zu viel gesagt sein, dass „it may very well be the case that a different understanding of the political and economic development of late antique Italy will begin to emerge“ – große Worte, mit denen Shane Bjornlie sein Buch schließt.

Anmerkungen:
[1] James J. O’Donnell, Cassiodorus, Berkeley 1979.
[2] Averil Cameron, Cassiodorus deflated, in: Journal of Roman Studies 71 (1981), S. 183–186.
[3] M. Shane Bjornlie, The Variae of Cassiodorus Senator and the Circumstances of Political Survival, ca. 540–45, Diss. Princeton University, 2006.
[4] M. Shane Bjornlie, What Have Elephants to Do with Sixth-Century Politics? A Reappraisal of the „Official“ Governmental Dossier of Cassiodorus, in: Journal of Late Antiquity 2 (2009), S. 143–171.
[5] Zuerst: Arnaldo Momigliano, Cassiodorus and Italian Culture of His Time, in: Proceedings of the British Academy 41 (1955), S. 207–236.

ZitierweiseStefan Krautschick: Rezension zu: Bjornlie, M. Shane: Politics and Tradition Between Rome, Ravenna and Constantinople. A Study of Cassiodorus and the Variae, 527–554. Cambridge 2012, in: H-Soz-Kult, 28.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-074>.

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