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Alte Geschichte

Chaniotis (Hrsg.): Unveiling Emotions

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Unveiling Emotions. Sources and Methods for the Study of Emotions in the Greek World
Reihe:Heidelberger althistorische Beiträge und epigraphische Studie (HABES) 52
Herausgeber:Chaniotis, Angelos
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-515-10226-1
Umfang/Preis:490 S.; € 69,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Alexandra Eckert, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
E-Mail: <alexandra.eckertuni-oldenburg.de>

Das Forschungsfeld der Emotionsgeschichte hat seit Mitte der 1980er-Jahre in verschiedenen Teilbereichen der Geschichtswissenschaften zunehmend Aufmerksamkeit gefunden.[1] Insbesondere das Konzept der „emotional communities“ der US-amerikanischen Mediävistin Barbara Rosenwein ist breit diskutiert worden.[2] Der im Jahr 2012 unter der Herausgeberschaft von Angelos Chaniotis erschienene Sammelband „Unveiling Emotions“ zeigt, dass die Tragfähigkeit dieses Konzeptes auch im Bereich der Altertumswissenschaften erkannt worden ist. Die in der renommierten Heidelberger Reihe HABES erschienene Publikation präsentiert Ergebnisse eines an der Universität Oxford angesiedelten Projekts zum Thema „The Social and Cultural Construction of Emotions: The Greek Paradigm“ (2009–2013). Die 15 Beiträge des Bandes stammen mit Ausnahme des abschließenden Aufsatzes der Linguistin Maria Theodoropolou alle aus der Feder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieses Forschungsvorhabens, die größtenteils mehrfach mit Aufsätzen vertreten sind.

Übergreifendes Thema des Bandes ist die Darstellung und Wahrnehmung von Emotionen in der griechischsprachigen Welt der Antike von der Zeit Homers und Hesiods bis zum 6. Jahrhundert n.Chr. Angelos Chaniotis beschreibt als Hauptanliegen der Publikation, die bisher weitgehend auf die literarische Überlieferung aus der Zeit des klassischen Athen begrenzte Perspektive auf das Spektrum des darüber hinaus verfügbaren Quellenmaterials zu erweitern. Ein weiterer Schwerpunkt des Bandes liegt in der differenzierten Betrachtung von Emotionen in unterschiedlichen kommunikativen Kontexten.

Im ersten Teil „Sources“ werden vier Aufsätze zusammengefasst, die aus dem Blickwinkel von inschriftlichen Zeugnissen, Papyri sowie archäologischen und literarischen Quellen die spezifischen Chancen, aber auch die methodischen Probleme dieser unterschiedlichen Arten von Quellen für die Untersuchung von Emotionen präsentieren. Im zweiten Teil der Publikation folgen Spezialuntersuchungen zu übergeordneten Themen: Emotionen in der Interaktion zwischen Sterblichen und Göttern, Emotionen in der öffentlichen Sphäre sowie Emotionen in interpersoneller Kommunikation.

In ihrem Überblicksartikel zu Papyri weist Chrysi Kotsifou auf die große Vielfalt an verfügbaren Texten hin. Die Spannbreite reicht von Briefen, Petitionen, Testamenten und Verträgen bis hin zu magischen Papyri. Ähnliches gilt für die Verfasserschaft der Texte, die Männer und Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten und damit nicht ausschließlich die Spitze der herrschenden, männlichen Elite umfasst. Als weiteren Vorteil nennt die Autorin den großen Überlieferungszeitraum von Papyri, der vom Hellenismus bis zur Spätantike reicht. Alle diese Faktoren zusammen ermöglichten es, Veränderungen in der Darstellung von Emotionen nachzuvollziehen und soziale und kulturelle Umbrüche, wie das Aufkommen des Christentums, als deren Ursache zu identifizieren. Angelos Chaniotis unterstreicht, dass Inschriften – mit Ausnahme von Grabinschriften – für die Erforschung von Emotionen bisher kaum herangezogen worden seien. Für die Einbeziehung von Inschriften in emotionsgeschichtliche Untersuchungen sprechen nach seiner Ansicht die Fülle des verfügbaren Materials, die häufigen Bezüge zu Emotionen und die breite geographische Verteilung. Chaniotis macht aber auch auf die methodischen Probleme bei der Auswertung von Inschriften aufmerksam, die vor allem in der oft unbekannten Autorenschaft und Datierung liegen. Die Verwendung von stereotypen Formulierungen, die häufig auf Emotionen Bezug nehmen, sieht Chaniotis als methodische Herausforderung, denn einerseits können diese Formeln individuelle Emotionen verdecken, andererseits können daraus soziale Normen rekonstruiert werden, die die öffentliche Darstellung von Emotionen beeinflusst haben.

Jane Masseglia hebt in ihrem Überblicksbeitrag zur Untersuchung von Emotionen anhand von archäologischen Zeugnissen die Bedeutung von Kontextinformationen hervor. Sie stellt drei methodische Lösungsansätze für die Gewinnung dieser Informationen vor: Heranziehung ergänzender textueller Quellen, Verwendung von Ergebnissen der Ethnologie und Psychologie sowie Vergleiche mit weiteren archäologischen Zeugnissen. Der komparatistische Ansatz sowie das Konzept der „emotional communities“ von Barbara Rosenwein fließen dabei in ihr Stufenmodell zur Analyse von Emotionen in archäologischen Quellen ein. Ed Sanders plädiert in seinem Aufsatz zu literarischen Zeugnissen als Quellen für Emotionsgeschichte dafür, den bisher wenig beachteten Gattungen Geschichtsschreibung, Rede und Biographie größere Aufmerksamkeit zu schenken. Vor allem in Reden sieht er wegen der Nähe zum Alltagsleben und den darin reflektierten sozialen Werten und Normen ein großes Potential. Lohnende Untersuchungsobjekte sind nach seiner Meinung auch bisher kaum untersuchte Gattungen wie die medizinische Literatur oder Anthologien. Er spricht sich dafür aus, methodische Probleme in literarischen Quellen offen zu adressieren und textvergleichende Ansätze als einen geeigneten Lösungsweg zu begreifen.

Den Auftakt der insgesamt zehn Spezialaufsätze zu emotionsgeschichtlichen Themen in verschiedenen kommunikativen Kontexten bilden vier Beiträge, die Emotionen in der Interaktion zwischen Menschen und Göttern betrachten und sich auf inschriftliche Quellen stützen. Paraskevi Martzavou demonstriert anhand von Beschreibungen von Heilwundern aus Epidauros die Bedeutung der Analyse von Inschriften als Text und Monument. Sie betont die Relevanz der durch die Dokumentation der Heilwunder in Inschriften transportierten Emotionen Einzelner für die Entstehung eines Gemeinschaftsgefühls der Heilungssuchenden im Heiligtum des Asklepios in Epidauros. Die Betrachtung epigraphischer Zeugnisse als Text und Monument spielt auch im Aufsatz von Angelos Chaniotis eine wesentliche Rolle: Er setzt sich mit Weiheinschriften in griechischen und kleinasiatischen Tempeln auseinander und arbeitet überzeugend die normative Funktion dieser Inschriften heraus, die Furcht vor den Göttern zum Ausdruck brachten. Verfluchungen und Gebete um göttliche Gerechtigkeit stehen im Mittelpunkt der Ausführungen von Irene Salvo. Sie zeichnet durch die Kontextualisierung von inschriftlichen Quellen mittels archäologischer und literarischer Überlieferung ein fundiertes Bild der sozialen Ventilfunktion dieser Texte, die das strafende Eingreifen der Götter forderten. Paraskevi Martzavou analysiert die inschriftlich überlieferten Isis-Aretalogien. Sie zeigt, auf welche Weise durch die mit diesen Texten transportierten Emotionen die Vorstellungen über die Gottheit Isis bei den Gläubigen geformt wurden, und vertritt die Position, dass Isis-Aretalogien im Rahmen von Initiationsriten zum Einsatz kamen. Nach Martzavou wurde auf diese Weise bei den Anhängern des Kultes neben der Evozierung von Hoffnung und Dankbarkeit auch die Vorstellung der Isis als Göttin des Wandels gestärkt.

Die drei folgenden Aufsätze zu Emotionen in der öffentlichen Sphäre leitet ein Beitrag von Christina Kuhn ein. Die Verfasserin setzt sich anhand von inschriftlich überlieferten Akklamationen mit der Bedeutung von Emotionen in der politischen Kommunikation griechischer Städte der Kaiserzeit auseinander. Kuhn postuliert einen erhöhten Grad an Emotionalität in der politischen Kommunikation vor allem des 2. und 3. Jahrhunderts n.Chr. Sie unterstreicht, dass durch Akklamationen ad hoc „emotional communities“ in der Kommunikation zwischen städtischen Eliten und dem Volk geformt worden seien, die auf ganz unterschiedlichen Emotionen wie Freude und Stolz, aber auch Furcht beruht hätten. Chrysi Kotsifou untersucht die emotionale Komponente einer als Papyrus-Text erhaltenen Petition, die in das späte 3. Jahrhundert n.Chr. datiert. Sie stellt dabei Überlegungen an, welchen Einfluss Geschlecht und Status der Verfasserin auf den Ausdruck von Emotionen im Bittgesuch hatten. Jane Masseglia konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die Weihung von Statuen und deren emotionale Wirkung im öffentlichen Raum des kleinasiatischen Ephesos. Sie betont die Bedeutung der Rekonstruktion sozialer Kontexte, was im Fall von Ephesos weitgehend zu leisten, aber in vielen anderen Fällen nur sehr schwer oder überhaupt nicht möglich sei.

Der folgende Teil des Bandes behandelt die Rolle von Emotionen im interpersonellen Bereich. Ed Sanders diskutiert den Zusammenhang von Emotionen und sozialen Normen am Beispiel der attischen Gerichtsreden. Er kann nachweisen, dass der Vorwurf der Verletzung von Werten der athenischen Bürgerschaft geeignet war, negative Emotionen hervorzurufen und eine „emotional community“ zu formen, die den Prozess zugunsten der Partei des Redners entscheiden konnte. Chrysi Kotsifou illustriert, welche sozialen und kulturellen Einflussfaktoren die Darstellung von Trauer in Beileidsbriefen auf Papyrus aus der Kaiserzeit und der Spätantike bestimmten. Wie Kotsifou zeigt, erlauben diese Kondolenzschreiben auch einen Einblick in genderspezifische Konventionen, die die Verbalisierung von Trauer maßgeblich beeinflussten, da sowohl Männer als auch Frauen als Verfasser und Adressaten solcher Briefe bekannt sind. Jane Masseglias Ausführungen zur sogenannten „Trunkenen Alten“, einer der bekanntesten Skulpturen aus hellenistischer Zeit, legen Problemfelder bei der Analyse von Emotionen in antiker Ikonographie offen. In Auseinandersetzung mit verschiedenen modernen Interpretationen dieser Skulptur plädiert Masseglia dafür, die Wirkung der „Trunkenen Alten“ nicht auf eine Emotion zu reduzieren, sondern diese Figur als prominentes Beispiel für den gleichzeitigen Ausdruck vielfältiger und unterschiedlicher Emotionen zu betrachten.

Den Sammelband beschließt ein Aufsatz der Linguistin Maria Theodoropolou zum Verhältnis zwischen Sprache und Emotionen. Sie betont, dass Emotionen nicht losgelöst von Sprache betrachtet werden könnten und macht auf eine Reihe von methodischen Schwierigkeiten aufmerksam, die aus diesem Sachverhalt resultieren. Theodoropolou plädiert für eine Mittelposition zwischen einer individuell-körperbezogenen Sicht und einer Perspektive der sozialen Konstruktion von Emotionen. Gerade der körperliche Aspekt von Emotionen komme auf sprachlicher Ebene in Metaphern und Metonymien zum Ausdruck.

Der vorliegende Sammelband wird dem selbst gestellten Anspruch gerecht, Quellen und Methoden für die Untersuchung von Emotionen in der griechischsprachigen Antike aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren. Die Kombination von Überblicksarbeiten zur Bedeutung verschiedener Quellengattungen für die Erforschung von Emotionen in der Antike und Spezialartikeln zu Emotionen in verschiedenen kommunikativen Kontexten ist gelungen. Der Band illustriert nachdrücklich die Möglichkeiten, die sich aus der Hinwendung zu papyrologischen, epigraphischen, archäologischen sowie literarischen Quellen jenseits des Kanons der großen Autoren ergeben. Die einzelnen Beiträge demonstrieren die Tragfähigkeit des theoretischen Konzepts der „emotional communities“ der Mediävistin Barbara Rosenwein in der Anwendung auf Fragen der Emotionsforschung in den Altertumswissenschaften. Profitiert hätte der Sammelband von der Diskussion weiterer theoretischer Überlegungen wie etwa des Modells der „emotional scripts“ des Altphilologen Robert Kaster.[3] Mit „Unveiling Emotions“ liegt eine wertvolle Publikation vor, die sowohl in der Reflexion des Quellenmaterials als auch in der Anwendung auf konkrete Fallbeispiele überzeugt. Die einzelnen Beiträge vermitteln aus vielfältigen Blickwinkeln zahlreiche Impulse für weitere Untersuchungen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Forschungsüberblick von Bettina Hitzer: Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen, in: H-Soz-u-Kult, 23.11.2011, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2011-11-001> (25.11.2013).
[2] Barbara Rosenwein, Emotional Communities in the Early Middle Ages, Ithaca 2006.
[3] Robert A. Kaster, Emotion, Restraint, and Community in Ancient Rome, Oxford 2005.

ZitierweiseAlexandra Eckert: Rezension zu: Chaniotis, Angelos (Hrsg.): Unveiling Emotions. Sources and Methods for the Study of Emotions in the Greek World. Stuttgart 2012, in: H-Soz-u-Kult, 09.12.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-194>.

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