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Alte Geschichte

St. Elbern: Schwert und Geist

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Schwert und Geist. Bedeutende Heerführer des Altertums
Ort:Darmstadt
Verlag:Philipp von Zabern Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8053-4522-4
Umfang/Preis:140 S.; € 24,99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Simon Lentzsch, Alte Geschichte, Historisches Institut, Universität zu Köln
E-Mail: <simon.lentzschuni-koeln.de>

Kriege und gewalttätige Auseinandersetzungen waren während der gesamten Antike ein geradezu ubiquitäres Phänomen. Auch in Friedenszeiten prägten die Erfordernisse der Kriegsführung und Heeresorganisation Gesellschaften, und die Menschen der Antike „bewegten sich täglich in Räumen, die vom Krieg erfüllt und durch die Erinnerung an den Krieg oder die Erwartung eines Krieges gestaltet waren“.[1] Angesichts dieser Bedeutung des Krieges für die verschiedenen antiken Gesellschaften ist es ein sehr berechtigtes Anliegen, einer modernen Militärgeschichtsforschung eine größere Bedeutung in den Altertumswissenschaften beizumessen, als dies gegenwärtig – aus naheliegenden Gründen vielleicht besonders im deutschsprachigen Raum – der Fall ist. Auch wenn hier durchaus der eigene Anspruch des Autors zu liegen scheint (S. 6f.), kann das Buch von Stephan Elbern zu einem solchen Vorhaben leider keinen wertvollen Beitrag leisten – und dies hat mehrere Gründe.

Das erste Hindernis stellt bereits der formale Aufbau des Werkes dar. Genau 50 Feldherren werden jeweils in einer ein bis drei Seiten knappen Kurzbiographie vorstellt. Der Aufbau der einzelnen Abschnitte ist dabei stets derselbe: Auf eine Überschrift, die bereits den Charakter des jeweiligen Heerführers möglichst in wenigen Worten auf den Punkt bringen soll, folgen Name und Lebens- bzw. Regierungsdaten. Danach bietet Elbern eine Kurzzusammenfassung des folgenden Textes, der seinerseits die Summe von drei Seiten kaum einmal überschreitet. Den Abschluss bildet stets ein Zitat; mal Werken antiker Autoren, mal neuzeitlicher Literaten oder auch der Forschungsliteratur entnommen; auch dieses lässt wiederum das Bestreben erkennen, Leben und Taten der betreffenden Person möglichst in einer Sentenz zu bündeln. Die Überschriften sind dabei oft recht plakativ, teils reißerisch geraten („Gipfel der Grausamkeit“, S. 10) und lassen wie die Kurzzusammenfassungen und die (Quellen-)Zitate das Bestreben erkennen, die oftmals doch recht komplexen historischen Zusammenhänge und Umstände der Überlieferung auf eine möglichst (und meist zu) eingängige Formel zu bringen. Ein weiterer Nachteil des formalen Aufbaus besteht darin, dass die Feldherren nicht in chronologischer, sondern in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt werden, so dass auch historisch direkt aufeinanderfolgende oder gleichzeitig lebende Individuen teils weit auseinandergerückt werden, was gerade Einsteigern die Orientierung erschweren dürfte.

Der zweite Kritikpunkt betrifft die Schwerpunktsetzung innerhalb der Beiträge. Denn die eigentlichen militärhistorischen Errungenschaften der jeweiligen Feldherren, etwa die prägende Verwendung bestimmter Waffengattungen und die Anwendung von Taktiken oder Strategien, und die direkten und indirekten Wechselwirkungen von einzelnen Schlachten und Auseinandersetzungen, Kampf- oder auch Waffentechniken auf der einen sowie von politischen, sozialen und ökonomischen Makroentwicklungen auf der anderen Seite werden – wenn überhaupt – nur in wenigen Sätzen vage und holzschnittartig skizziert. Weit mehr Aufmerksamkeit wird dagegen anekdotischem Quellenmaterial und in ihrem Quellenwert mitunter fragwürdigen Details geschenkt. Immer wieder begegnen zudem längst zu Recht in Frage gestellte oder schlicht falsche Deutungen bzw. Behauptungen zu militärgeschichtlichen Gesichtspunkten. So ist etwa die traditionelle Darstellung zur Schlacht von Himera, wie sie Elbern liefert (S. 72), längst mit überzeugenden Argumenten in Frage gestellt worden; auch kämpften im karthagischen Heer durchaus karthagische Bürger (S 74).[2]

Die Qualität der einzelnen Beiträge schwankt dabei beträchtlich und scheint im Wesentlichen von der herangezogenen Forschungsliteratur abzuhängen. So sind die Texte zu Hannibal oder Q. Fabius Maximus Cunctator durchaus gelungen – hier diente offenbar die Hannibal-Biographie von Jakob Seibert als Grundlage.[3] Die Texte über Leonidas oder Miltiades geben hingegen längst revidierte Forschungspositionen wieder, indem sie sehr verkürzt die „Retter Griechenlands“ (S. 98) und den „Heldentod an den Thermopylen“ (S. 87) feiern.[4]

Die sich hier zeigenden Interpretationsschemata führen zu einem dritten Kritikpunkt, der sich besonders konzentriert anhand der Einleitung Elberns verdeutlichen lässt. Hier polemisiert Elbern zunächst gegen „regimetreue Zeitgenossen“ (S. 6; das Regime ist die Bundesrepublik Deutschland) und opportunistische Einstellungen, die das Resultat einer „Umerziehung“ durch die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges seien und Indikatoren für einen „moralisierenden Pazifismus“ darstellten, der verbunden mit einem „geradezu ideologisch geprägten Hass“ auf alle Feinde des Friedens eine angemessene Sicht auf Militär und Krieg, auch vergangener Jahrhunderte, unmöglich mache. Dies sei „einst“ anders gewesen, denn vor dem Zweiten Weltkrieg habe man „auch in Deutschland […] Soldatentum und Feldherrnkunst“ bewundert, bevor der totale „Zusammenbruch nicht nur von Reich und Wehrmacht, sondern nahezu aller bisher gültigen Werte“ solche Bewunderung beendet habe, um dem Opportunismus zu weichen. Demgegenüber stehe eine Vergangenheit, in der dies alles anders gewesen sei: Hass auf den Feind sei „einem Soldaten vergangener Jahrhunderte völlig fremd“ (S. 6) gewesen; noch die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs deutet Elbern als „von gegenseitiger Achtung“ der Kriegsgegner geprägt, was angesichts des brutalen Vorgehens von Wehrmacht und Waffen-SS in Polen gegen die jüdische Bevölkerung und die polnischen Eliten nicht nur absurd, sondern schlichtweg ärgerlich ist.[5] Schließlich hätten sich die gesamten Zielsetzungen der Kriegsführung verschoben – während einst „die Wiederherstellung des Friedenszustandes mit dem ehemaligen Rivalen“ das Ziel des Krieges gewesen sei, sei dies nun der Vernichtung des Gegners gewichen und die „Kunst der Aussöhnung mit dem Besiegten ist gleichfalls in Vergessenheit geraten“ (S. 7).

Auch wenn in der Genozid-Forschung durchaus eine neue ‚Qualität‘ von sogenannten Vernichtungskriegen der Neuzeit diskutiert wird, welche sich in der Antike so womöglich nicht findet, stellt die Skizze Elberns zunächst einmal zweifellos eine unzulässige Vereinfachung und Idealisierung dar.[6] Zwar scheint eine stärkere Berücksichtigung militärhistorischer Fragestellungen, wie eingangs erwähnt, durchaus angemessen, aber einer solchen wird man kaum mit polemischen Attacken näher kommen, besonders wenn diese ihrerseits von einem verklärten Geschichtsbild getragen sind. Auch ist es durchaus zutreffend, dass die brutalen Feldzüge etwa der römischen Republik den Weg für das spätere Imperium Romanum bereiteten, welches wiederum die kulturelle Grundlage für die späteren Gemeinwesen auf seinem Boden bildete – also gewissermaßen Entwicklungslinien von diesen Kriegen bis in Geschichte und Struktur des neuzeitlichen Europas reichen. Diese Entwicklungen werden allerdings auch von niemanden bestritten und werden also keineswegs durch eine „einseitig ‚friedensbewegte[r]‘ Betrachtung der Vergangenheit“ verschleiert (S. 7).[7]

Moderne militärgeschichtliche Forschungen und Darstellungen mögen besonders für die Epoche der Antike ein Desiderat darstellen; hier hat Raimund Schulz erst jüngst ein instruktives Werk vorgelegt, das neue Wege weisen kann. Auch der Versuch, komplexe historische Prozesse anhand von Kurzbiographien maßgeblich beteiligter Akteure zu skizzieren, ist bereits mehrfach in jüngeren Publikationen geglückt.[8] Hinter diesen Werken bleibt das Buch von Elbern aber doch deutlich zurück, sowohl in inhaltlicher Hinsicht als auch und besonders in Hinblick auf den ungenügenden methodischen Zugriff.[9]

Insgesamt muss also leider deutlich festgehalten werden, dass das Buch nicht empfohlen werden kann. Studienanfänger, Lehrer oder interessierte Laien, also die in Werken für ein breiteres Publikum anvisierten Zielgruppen, dürften sich über die vorgestellten Heerführer in jedem Fachlexikon besser informieren können, wozu auch beiträgt, dass die angegebene Forschungsliteratur im Durchschnitt über 40 Jahre alt ist.

Anmerkungen:
[1] Raimund Schulz, Feldherren, Krieger und Strategen. Krieg in der Antike von Achill bis Attila, Stuttgart 2012, hier S. 7.
[2] Zur Schlacht von Himera siehe Walter Ameling, Karthago. Studien zu Militär, Staat und Gesellschaft, München 1993, S. 15–65. Zu karthagischen Bürgern im Heer: ebd., S. 190–210.
[3] Jakob Seibert, Hannibal, Darmstadt 1993.
[4] Siehe hierzu nur zwei jüngere Beiträge, die einen Einblick in die Geschichte der verklärenden Mythen um beide Schlachten bieten: Michael Jung, Marathon und Plataiai. Zwei Perserschlachten als „lieux de mémoire“ im antiken Griechenland, Göttingen 2006 und Mischa Meier, Die Thermopylen – „Wanderer, kommst Du nach Spa(rta)“, in: Elke Stein-Hölkeskamp / Karl-Joachim Hölkeskamp (Hrsg.), Die griechische Welt. Erinnerungsorte der Antike, München 2010, S. 98–113.
[5] Vgl. hierzu nur die Übersicht bei Gerd Ueberschär, Art. „Wehrmacht“, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, Stuttgart 1998, S. 98–107, hier bes. S. 102 u. 106.
[6] Einen guten Überblick über die jüngere Genozid-Forschung bietet Boris Barth, Völkermord im 20. Jahrhundert. Geschichte, Theorien, Kontroversen, München 2006, hier bes. S. 29–36 zur Frage von vorneuzeitlichem Genozid und S. 12–29 zur Frage der Definition.
[7] Vgl. nur Herbert Heftner, Der Aufstieg Roms. Vom Pyrrhoskrieg bis zum Fall von Karthago, Regensburg 1997, bes. S. 350–354 u. 425f.; Klaus Zimmermann, Rom und Karthago, Darmstadt 2005, bes. S. 145f. Überhaupt dürften die Eroberungen des Römischen Reiches bis in die Gegenwart auch bei einem breiteren Publikum als bekanntestes Erbe der Antike gelten.
[8] Zu nennen wären das Werk von Schulz, Feldherren sowie als Beispiele für (weitgehend) gelungene Sammlungen von Kurzbiographien: Manfred Clauss (Hrsg.), Die römischen Kaiser. 55 historische Porträts von Caesar bis Iustinian, München 1997; Karl-Joachim Hölkeskamp / Elke Stein-Hölkeskamp (Hrsg.), Von Romulus zu Augustus. Große Gestalten der römischen Republik, München 2000.
[9] Elberns einzige Äußerung zu Fragen der Methode besteht darin, dass er „dem Wort Leopolds von Rankes verpflichtet – lediglich“ zu zeigen beabsichtige, „wie es eigentlich gewesen ist“ (S. 7).

ZitierweiseSimon Lentzsch: Rezension zu: Elbern, Stephan: Schwert und Geist. Bedeutende Heerführer des Altertums. Darmstadt 2012, in: H-Soz-u-Kult, 10.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-181>.

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