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Zeitgeschichte (nach 1945)

M. Judt: Der Bereich Kommerzielle Koordinierung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Claudia Prinz <prinzcgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Der Bereich Kommerzielle Koordinierung. Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski – Mythos und Realität
Ort:Berlin
Verlag:Christoph Links Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-86153-724-3
Umfang/Preis:300 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Rainer Karlsch, Berlin
E-Mail: <rkuekt-online.de>

Um den Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des Außenhandelsministeriums ranken sich bis heute unzählige Legenden. So kursierten in der ersten und zugleich letzten frei gewählten Volkskammer im März 1990 völlig überhöhte Zahlen des angeblich märchenhaften Reichtums, der im Schattenreich des „Finanzmagiers“ Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter von KoKo und Staatssekretär im Außenhandelsministerium, zu Lasten der übrigen DDR-Wirtschaft angehäuft worden sei. Die Männerfreundschaft zwischen Schalck und dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß, die panikartige Flucht des Staatssekretärs und Offiziers im besonderen Einsatz Ende 1989, seine sich anschließende Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrichtendienst sowie die weitgehend ergebnislos verlaufenden Prozesse in den 1990er-Jahren trugen zur Legendenbildung bei. Im Mittelpunkt der medialen Beschäftigung mit KoKo standen vor allem deren moralisch verwerfliche Geschäfte mit Waffen, Antiquitäten, Blutkonserven sowie die Kirchengeschäfte und der Freikauf politischer Gefangener aus der DDR.

Wer nach neuen sensationellen Enthüllungen sucht, der wird im Buch von Matthias Judt nicht fündig. Wer aber verstehen möchte, warum es zur Gründung von KoKo kam, welche Funktionen dieser Sonderbereichs des Außenhandels wahrnahm, welche Geschäftsbereiche die größten Umsätze und Gewinne erwirtschafteten und wie die Rolle von KoKo in der geplanten Wirtschaft der DDR einzuschätzen ist, der wird die vorliegende Publikation mit Gewinn lesen. Ein großer Vorzug des gut geschriebenen und gründlich lektorierten Buches besteht darin, dass sich Matthias Judt nicht in Details verliert, sondern sich auf das Wesentliche konzentriert. Er versteht es, höchst komplexe Zusammenhänge und Ereignisse einfach, knapp und schlüssig darzustellen.

Das Buch ist in drei Hauptabschnitte, mehrere Exkurse und eine Zusammenfassung gegliedert. Im ersten Abschnitt, der die Jahre von 1966 bis 1981 umfasst, werden die Entstehungsgeschichte von KoKo, einige der wichtigen Geschäftsfelder, die Kirchengeschäfte und der Häftlingsfreikauf behandelt. KoKo wurde 1966 gegründet, in einer Zeit, als die DDR noch um ihre internationale Anerkennung rang und ihr Westhandel zahlreichen Restriktionen unterworfen war. Diese sollten mit Hilfe von KoKo umgangen werden. Von Anfang an war KoKo bei der Erwirtschaftung von Devisen nicht wählerisch und bewegte sich auch in Grauzonen. Allerdings liefen die Hauptgeschäfte von KoKo legal ab. Insofern war KoKo nur ein Sonderbereich des Außenhandels. Die meisten Geschäfte, die KoKo tätigte, hätten auch von anderen Außenhandelsbetrieben der DDR ausgeführt werden können. Daher wirft Judt die Frage auf, warum KoKo nach der weitgehenden internationalen Anerkennung der DDR in den 1970er-Jahren nicht wieder aufgelöst wurde. Die Antwort darauf wird im zweiten Abschnitt gegeben.

KoKo spielte eine zentrale Rolle bei der Bewältigung der Kreditkrise von 1981 bis 1984. Besonders aufschlussreich ist die Darstellung der sowjetischen Liquiditätshilfe für die DDR. In vielen Publikationen zur DDR-Geschichte wird die Abwendung der Zahlungsunfähigkeit der DDR allein den „Strauß-Krediten“ von 1983/84 zugeschrieben. In der Tat haben diese dazu beigetragen, die Bonität der DDR wieder zu erhöhen. Noch weitaus dramatischer waren die Zahlungsbilanzprobleme der DDR jedoch 1981/82. Trotzdem kam es nicht zur Zahlungsunfähigkeit, was hauptsächlich mehreren von Schalck und dem Stellvertretenden Außenhandelsminister der UdSSR, Nikolai Komarow, ausgehandelten Erdölverträgen zu verdanken war. Beim Wettlauf um die Rettung der DDR reagierte Moskau schneller als Bonn. Die DDR kaufte zwischen 1982 und 1985 sowjetisches Erdöl gegen Dollar, und konnte das Rohöl entweder sofort weiter verkaufen oder verarbeiten, oder für Dreiecksgeschäfte nutzen. Während ab 1982 die im Rahmen des bilateralen Handels mit der Sowjetunion vereinbarte Liefermenge auf 17 Millionen Tonnen begrenzt wurde, boten die zusätzlichen Erdölimporte gegen Dollar der DDR die Chance, diese für gewinnträchtige Geschäfte einzusetzen und damit ihre Zahlungsbilanz kurzfristig zu entlasten.

Im dritten Abschnitt behandelt Matthias Judt die Verstetigung der Devisenerwirtschaftung und analysiert den Beitrag verschiedener KoKo-Firmen zum Devisenaufkommen. In kurzen Fallstudien werden die Geschäfte mit der deutsch-deutschen Teilung, wie der Müllimport, Intershop und Genex, und die Häftlingsfreikäufe dargestellt.

Im Schlussabschnitt versucht der Autor mehrere sehr knifflige Fragen zu beantworten: War die DDR 1989 pleite? Handelte es sich bei KoKo um eine marktwirtschaftliche Nische in der Planwirtschaft? Hat KoKo der DDR eher geholfen oder geschadet? Die Antworten fallen zum Teil überraschend aus. Pleite war die DDR Ende der 1980er-Jahre (noch) nicht. Ihren Auslandsschulden von rund 26,5 Mrd. Dollar standen – gemäß einer 60-seitigen Studie der Bundesbank – Guthaben und Forderungen in Höhe von rund 15,7 Mrd. Dollar gegenüber.[1] Mithin belief sich die Nettoverschuldung im letzten Jahr der DDR auf etwas weniger als 11 Mrd. Dollar. (Nur um die Dimensionen der heutigen Probleme in der Euro-Zone zu verdeutlichen: der Schuldenstand Griechenlands belief sich Ende 2012 auf rund 304 Mrd. Euro, das entsprach bei einen Kurs von 1 Euro zu 1,32 Dollar mehr als 401 Mrd. Dollar.) Die tatsächliche Höhe der Nettoverschuldung war den politischen Akteuren in Ost-Berlin, und selbst dem Finanzminister und dem Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission nicht bekannt. Sie gingen im Herbst 1989 von einer weitaus höheren Auslandsverschuldung aus. Die DDR war also Ende 1989 nicht pleite, aber das SED-Regime dennoch gescheitert, nicht zuletzt an seinen wirtschaftlichen Problemen.

Was war KoKo? Ein Fremdkörper in der Planwirtschaft. Andererseits musste KoKo vorab festgelegte Teile seiner Überschüsse für die Stabilisierung der Zahlungsbilanz der DDR und die Finanzierung von Importvorhaben im geplanten Handel einsetzen und blieb demnach Teil des planwirtschaftlichen Systems. Die Ironie der Geschichte lag also darin, dass die Stabilität des planwirtschaftlichen Systems durch einen nach marktwirtschaftlichen Kriterien funktionierenden Sonderbereich bewahrt werden sollte.

Nicht vollends zu überzeugen vermag die finale These des Autors, KoKo habe letztendlich den wirtschaftlichen Ruin der DDR eher beschleunigt als verlangsamt. So charakterisiert er die von KoKo angesammelten Goldbestände und Auslandsguthaben als „totes Kapital“. Er unterschätzt dabei die Rolle, die diese Reserven für die Aufrechterhaltung der Bonität der DDR auf den internationalen Kapitalmärkten spielten. Ländern ohne solcherlei Rücklagen drohte die Kappung der Kreditlinien, wie nicht nur die Beispiele einiger Ostblockstaaten Anfang der 1980er-Jahre zeigten, sondern später unter anderem auch die argentinische Finanzkrise 2001/02. Die Hauptakteure von KoKo und der Staatsbank der DDR hatten permanent die drohende Zahlungsunfähigkeit vor Augen und versuchten diese abzuwenden.

Branchenanalysen der ostdeutschen Wirtschaft für die 1990er-Jahre zeigen, dass die Standorte die besten Chancen für einen Neuanfang besaßen, an denen in den 1970er/80er-Jahren mit Hilfe von Kompensationsgeschäften, die KoKo eingefädelt hatte, Anlagen aus dem Westen installiert worden waren. Dies betrifft unter anderem die Stahlindustrie und die chemische Industrie.

Wenn man so will eine List der Geschichte: KoKo konnte den wirtschaftlichen Niedergang der DDR nicht verhindern, hat aber wenigstens einigen Betrieben in Ostdeutschland den Start in die Marktwirtschaft überhaupt erst ermöglicht.

Alles in allem ein wohltuend sachliches Buch, dem ein großer Leserkreis zu wünschen ist.

Anmerkung:
[1] Vgl. Deutsche Bundesbank, Die Zahlungsbilanz der DDR, o.O. (Frankfurt am Main) 1999; Armin Volze, Zur Devisenverschuldung der DDR – Entstehung, Bewältigung und Folgen, in: Eberhardt Kuhrt u.a. (Hrsg.), Die Endzeit der DDR-Wirtschaft. Analysen zur Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik, Opladen 1999, S. 151–183.

ZitierweiseRainer Karlsch: Rezension zu: Judt, Matthias: Der Bereich Kommerzielle Koordinierung. Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski – Mythos und Realität. Berlin 2013, in: H-Soz-Kult, 03.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-010>.

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