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Mittelalterliche Geschichte

M. Losse: Das Burgenbuch

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:Das Burgenbuch
Ort:Stuttgart
Verlag:Theiss Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8062-2710-9
Bemerkungen:150 s/w-Abbildungen
Umfang/Preis:geb.; 160 S.; € 14,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Thomas Wozniak, Institut für Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität Marburg
E-Mail: <thomaswozniakyahoo.com>

„Burgen, Schlösser und Festungen sind für viele Fans Sehnsuchtsorte und Symbole einer besseren, aufrichtigeren Zeit.“ (S. 146) Die damit einhergehenden Klischees von der „Ritterburg“ (S. 13), die in den Traditionslinien der Burgenromantik und des Historismus stehen, zu dekonstruieren, ist ein erklärtes Ziel des von Michael Losse vorgelegten Buches. Losse ist freier Autor und Burgenforscher und war von 1997 bis 2006 Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung (S. 158). Mit diesem Band legt er einen zusammenfassenden Überblick über seine bisherigen, zahlreichen Forschungspublikationen für „interessierte Laien“ (S. 9), "Burgenfans" (S. 145) und "engagierte Baudenkmalbesitzer" (S. 157) vor. Inhaltlicher Schwerpunkt der Darstellung sind Formen und Typen von Burgen und ihre Bauelemente.

Die Zusammenstellung beginnt mit einer chronologischen Abfolge der Burgenentwicklung im Kapitel „Mittelalterlicher Burgenbau“ (S. 13–48). In den folgenden Kapiteln geht es um „Formen und Typen mittelalterlicher Burgen“ (S. 49–79) und um die „Bauelemente mittelalterlicher Burgen“ (S. 80–118). Drei kurze Kapitel zum „Alltagsleben auf mittelalterlichen Burgen“ (S. 119–124), zum „Kampf um Burgen: Angriff, Belagerung und Verteidigung“ (S. 125–131) und zur „Burgen-Romantik und -Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert“ (S. 132–146) runden den Textteil ab, auf den die Literaturauswahl, Kontakte zur Bauforschung, zum Autor und ein Register folgen (S. 147–160).

Wohl kaum ein anderes Teilgebiet der mittelalterlichen Geschichte ist in der öffentlichen Wahrnehmung so von anachronistischen und romantischen Vorstellungen verdeckt wie die Burgenkunde. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die im 19. Jahrhundert überwiegend von Militärhistorikern geprägte Burgenforschung erst seit einiger Zeit von den Bauforschern übernommen wurde. Unter diesen Voraussetzungen gelingt es dem Band gut, die dynamischen Prozesse zu verdeutlichen, in denen sich die vermeintlich festen Burgen veränderten. Im Überblick zeichnet der Autor die Entwicklung von großen Flächenburgen ohne höhenprägende Bauten im 8. bis 10. Jahrhundert hin zu „klassischen“ Adelsburgen mit steinernem Wohnturm im 12. Jahrhundert nach und diskutiert deren Verhältnis zu den parallel entstandenen Motten. Zu Recht wird die Steinsichtigkeit der Burgen als Ideal des 19. Jahrhunderts entlarvt und die spätmittelalterliche Burg als Stützpunkt aufstrebender Partikulargewalten beschrieben. Über die Darstellung der Entwicklung von Kastellburg und Zwinger wird die Festung als Antwort auf die zunehmende Ausbreitung der Feuerwaffen definiert (S. 35). Auch weitere Befestigungsformen wie Freisitze, Orts- und Stadtbefestigungen, Kirchenburgen, Wehrkirchen, Wehrkirchhöfe, Klosterburgen, Wehrtürme, Warten und Landwehren werden besprochen und manches Klischee benannt. So werden die vermeintlichen „Schießscharten“ vieler Kirchen zutreffend als Luft- und Lichtschlitze identifiziert. Allerdings stellt sich hier zum Teil die Frage, was diese Befestigungsarten speziell mit Burgen zu tun haben.

Bei der Besprechung der Pfalzen und Residenzen kommen die rechtlichen Aspekte der Burg insgesamt sehr kurz – so machen erst Zinnen die Burg aus (S. 101) und der Höheneingang ist ein rechtlich festgelegtes Privileg (S. 106). Die rechtlichen Aspekte hätten übrigens ein eigenes Kapitel verdient.

Die nicht zuletzt durch dramatische Filmdarstellungen geprägten Klischees versteht Losse überzeugend zu dekonstruieren. Es wurde eben kein Pech und kein siedendes Wasser die Mauern hinuntergegossen, sondern mit Steinen geworfen (S. 104). Auch die Feststellung, der Bergfried sei als letzte Zuflucht unbrauchbar gewesen, da er einfach ausgeräuchert werden konnte (S. 106), überzeugt. Als ausgesprochen hilfreich erweist sich, dass bei vielen der besprochenen Aspekte jeweils ein bis zwei Beispielburgen angegeben werden, die das Gesagte belegen.

Der Symbolgehalt von Bauten war im Mittelalter sicherlich ein Anderer als heute. Ob er „genauso wichtig war wie der eigentliche Nutzen“ (S. 107) kann aber nicht für die gesamte Epoche und alle Gegenden verallgemeinert werden. An solchen Stellen läuft das Buch Gefahr, neue Klischees zu konstruieren. Auch die redundant zitierte „grundsätzliche Multifunktionalität mittelalterlicher Burgräume“ (S. 113, 120) sollte stärker nach Zeit und Region unterteilt werden.[1] Als geographischer Schwerpunkt des Buches wurde wohl Mittel- und Südeuropa angestrebt. Entsprechend den Vorarbeiten des Autors – das Literaturverzeichnis besteht zu fast einem Drittel aus dessen Werken – ist aber ein Übergewicht der Burgen in Südwestdeutschland, Hessen und Rhodos festzustellen. Die einzelnen Kapitel sind kurz und einfach zu lesen; aktuelle Publikationen blieben leider unberücksichtigt.[2]

Aufgrund der Schwerpunktsetzung des Bandes wird einiges sehr stark verkürzt dargestellt. So wird die bischöfliche Burgenpolitik im Rheinland leider nur in einem Satz behandelt (S. 72). An einigen Stellen widersprechen sich die Angaben: So lässt sich der Behauptung, dass die Kreuzritterburgen im Heiligen Land als Garnisonsburgen „mit großen Besatzungen“ zu verstehen sind (S. 77), entgegenhalten, dass die immer ausgefeiltere Burgenbautechnik während der Kreuzzüge gerade dem Problem der schwindenden Feldtruppen geschuldet ist. Dies wird durch Aussagen des Autors bestätigt, nach denen die „Johanniter-Ordensburg auf der Insel Alimá GR [...] im 14. Jh. sechs Mann Besatzung“ hatte (S. 120).

Das Buch lebt von seinen 145 Abbildungen. „Wie vom Verlag gewünscht, wurden zur Illustration [...] historische Abbildungen verwendet, da spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Druckgraphiken sowie Zeichnungen aus der Burgenliteratur des 19. Jh. vielfach die in den Texten geschilderten Sachverhalte besser dokumentieren.“ (S. 10) Bei einigen der Verkleinerungen der Abbildungen soll der Leser vermutlich nur einen „kleinen“ Eindruck bekommen, denn vieles lässt sich nur noch erahnen. Alle Abbildungen, die von 42 x 31 cm auf 6,2 x 3,6 cm verkleinert wurden, hätten zumindest Seitenbreite verdient (S. 26f., 32, 36–38, 41, 46, 49f., 55, 69, 71, 74f., 79, 90, 98, 100, 103, 107). Auch die Darstellung der Ansicht von Burg Fleckenstein (S. 14) besticht im Original gerade durch die zeichnerische Überhöhung. Sicherlich wären 22 Seiten mehr für den Verlag nur eine geringe Mehrinvestition und für die Leser weniger Augenpulver gewesen. Im hinteren Drittel des Buches werden die Abbildungen hingegen großflächiger und augenfreundlicher. Auch das (Sach-)Register ist nicht ohne Schwächen, so ist „Dansker“ (S. 112f.) nicht enthalten oder sind umgekehrt die im Register angegebenen „Barbakane“ auf Seite 78 nicht zu finden. Demgegenüber sind der Einband und die Papier- und Druckqualität so gut, dass sich der Band auch für die Mitnahme auf Burgexkursionen eignet. Kontaktdaten sind nicht nur zur Deutschen Burgenvereinigung (DBV), sondern auch zu mehreren Bauforschern zu finden (S. 10, 157), allerdings sind die angegebenen Weblinks nicht mehr aktuell.

Fazit: Ein sehr gut zu lesender Überblick, in dem für viele Aspekte der Burgen die Klischees zurechtgerückt werden. Für die engagierten Kreise der Burgliebhaber, Burgbesitzer und Mittelalterfans ist dies sicher ein willkommenes Werk, das einen schnellen Zugriff auf Grundlagenkenntnisse zu Einzelaspekten ermöglicht. Der Vorteil, dass zu jedem Phänomen oder jedem Bauelement die entsprechenden Beispielburgen genannt werden, macht das Buch auch für Wissenschaftler interessant. Demgegenüber sind die Fakten nur dünn belegt. Einerseits wird wiederholt vor zu starker Pauschalisierung gewarnt und eine Vielzahl von Klischees identifiziert und enttarnt, andererseits sind aber einige Aussagen so pauschal, dass der Autor Gefahr läuft, neue Klischees zu prägen. Es ist aber viel erreicht, wenn das Buch dabei hilft „die besonderen Baudenkmäler zu schützen!“ (S. 11).

Anmerkungen:
[1] Anja Grebe / G. Ulrich Großmann, Burgen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Architektur im Alltag, Petersberg 2007, S. 145.
[2] Thomas Wozniak: Rezension zu: Felten, Franz J. (Hrsg.): Befestigungen und Burgen am Rhein. Stuttgart 2011, in: H-Soz-u-Kult, 20.06.2012, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-193> (20.06.2012).

ZitierweiseThomas Wozniak: Rezension zu: Losse, Michael: Das Burgenbuch. Stuttgart 2013, in: H-Soz-Kult, 26.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-227>.

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