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Nationalsozialismus

P. Corner: The Fascist Party and Popular Opinion in Mussolini's Italy

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ulrich Prehn <ucprehnGMX.DE>
Autor(en):
Titel:The Fascist Party and Popular Opinion in Mussolini's Italy
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-873069-9
Umfang/Preis:X, 302 S.; € 82,16

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Claudia Christiane Gatzka, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <claudia.gatzkageschichte.hu-berlin.de>

Es hat auch nach Renzo De Felices These vom Massenkonsens im italienischen Faschismus der 1930er-Jahre noch lange gedauert, bis „Konsens“ in der italienischen Faschismusforschung wirklich denkbar wurde. Jetzt, da dieser Punkt erreicht scheint, reißt Paul Corner mit seiner Monographie das Ruder wieder ein Stück herum. Nicht nur, dass er den Faschismus wie so oft von seinem Scheitern her begreift (S. 13), obwohl er durchaus auch an seinen Ermöglichungsräumen ansetzen könnte – er hat zudem eine steile These zu bieten: Der italienische Faschismus scheiterte vor Ort, in den Provinzen, mithin an den politischen Traditionen des Landes.

Zwar sei der Faschismus einer kohärenten Ideologie gefolgt – wobei Corner affirmativ an Emilio Gentile anschließt –, doch vor Ort sei keineswegs klar gewesen, was der Faschismus bedeuten sollte und vor allem: wer darüber entschied, was der Faschismus zu bedeuten hatte (S. 3). Zudem argumentiert Corner, dass das Unbehagen der Bevölkerung am Faschismus nicht erst, wie von De Felice behauptet, mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg eingesetzt habe, sondern bereits in den 1930er-Jahren spürbar wurde. Diese originellen Befunde erwachsen aus einer recht simplen (und, das sei konzediert, womöglich für die Erklärung der Stabilität des faschistischen Regimes insgesamt zu engen) Fragestellung: Die Erzieherin des italienischen Volkes auf dem Weg zur „nationalen Wiedergeburt“ sollte der Partito Nazionale Fascista (PNF) sein. Inwiefern gelang es der Partei, diese Aufgabe zu erfüllen?

Corner gliedert seine Studie in zwei Teile. Im ersten Teil zeichnet er ein dichtes Panorama der faschistischen Partei vor Ort, das die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen nationaler Idee und lokaler Praxis einfängt, wobei auch die Rolle des Staates und jene traditioneller lokaler Machtgruppen zur Sprache kommen. Im zweiten Teil verbindet Corner diese Beobachtungen mit der Frage nach der „Volksmeinung“ in der Diktatur, unter der er ganz im Stile des „Bayern-Projekts“ Martin Broszats das versteht, was bereits die zeitgenössischen Spitzel des Regimes über ihre Landsleute in Erfahrung bringen sollten.[1] Seine Quellengrundlage bilden Lage- und Stimmungsberichte aus der Feder von Spitzeln, Präfekten und faschistischen „federali“, Briefe aus der Bevölkerung und Tagebuchaufzeichnungen. Aufgrund dieser Materialfülle gelingt es ihm, die verschiedenen Berichte aus dem Lokalen gegeneinander abzuwägen, um der Gefahr zu entgehen, den Beobachtungslogiken der faschistischen Kontrollinstanzen verhaftet zu bleiben (S. 172ff.). Corner betritt mit diesem, die Provinzen des ganzen Landes in den Blick nehmenden Zuschnitt weitgehend Neuland, sieht man von den Arbeiten Simona Colarizis und Petra Terhoevens ab.[2]

Ausgehend von der im Vergleich zu Hitler bekanntermaßen schwachen Position Mussolinis innerhalb des faschistischen Staates, schreibt Corner die Geschichte des PNF als eine spannungsgeladene Geschichte zentraler Disziplinierungsversuche und lokaler Eigeninteressen. Neben den lokalen Parteiführern, den „ras“, begrenzten auch die Ex-squadristi die Durchschlagskraft des nationalen faschistischen Programms. Aus dem Selbstverständnis als Revolutionäre leiteten die Faschisten der ersten Stunde den Anspruch ab, selbst am besten zu wissen, was der Faschismus vor Ort bedeuten sollte. Dass es in Italien keine „Nacht der langen Messer“ gegeben hat und die unkontrollierbare Dynamik der squadristi mithin kaum zu bändigen war, bescherte Mussolini nachhaltige Probleme bei der Disziplinierung der fragmentierten faschistischen Bewegung.

Doch auch der 1921 gebildete PNF und die anderen faschistischen Organisationen verhalfen dem Zentralisierungsprogramm nicht zum Durchbruch. Corner arbeitet überzeugend heraus, dass die Machtoptionen, die der Faschismus bereitstellte, gemäß den politischen Traditionen Italiens immer Optionen auf lokale Macht und lokale Ressourcen waren: Posten und Arbeitsplätze, Geld und Prestige – darum ging es den meisten Faschisten, und dazu bedurfte es keines nationalen revolutionären Gestus. Es war der faschistischen Zentrale mithin kaum möglich, mit strengen Hierarchien ins Lokale durchzugreifen, denn eine funktionierende Parteigliederung vor Ort war wesentlich von der sozialen Machtbasis ihres Führers abhängig (S. 123). Ein italienisches Pendant zur deutschen Tendenz, „dem Führer entgegen [zu] arbeiten“ (Ian Kershaw) existierte nicht (S. 66). Flügelbildungen, die häufig alte lokale Frakturen replizierten, verhinderten starke vertikale Hierarchien (S. 97–124). Die Parteizentrale verschärfte diese Tendenzen noch, indem sie auf der Suche nach gefolgsamen Parteiführern vor Ort häufige Personalwechsel veranlasste – mit der Folge, dass die Disziplin weiter bröckelte, da man darauf rechnen konnte, dass mit der nächsten Neubesetzung die Karten lokaler Machtoptionen neu gemischt würden (S. 138f.). Das starke personale Element italienischer Politik und die lokalen Klientelstrukturen, so kann Corner zeigen, setzten sich im Faschismus fort. Rom zählte in der Provinz eigentlich nur dann, wenn es für Eigeninteressen nutzbar gemacht werden konnte. Dem Faschismus gelang es mithin nicht, den politischen Traditionen Italiens eine attraktive und effiziente Alternative von „Politik“ entgegenzustellen, die es erlaubt hätte, sein Programm der Nationalisierung umzusetzen. Es waren daher die staatlichen Vertreter, die Präfekten, welche Mussolini zunehmend gegen die eigenen Parteifürsten einsetzte, um seinen Einfluss vor Ort zu sichern (S. 73–88).

Die kontinuierlichen Kämpfe der Faschisten um lokale Macht entfremdeten viele Italiener von der Bewegung (S. 120). Überhaupt, so Corner, sei der lokale Anschauungsunterricht zentral für die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Regime gewesen. Statt der Tugenden „neuer Menschen“ prägten Selbstbereicherung, Korruption, Nepotismus, Brutalität und Opportunismus das Bild des Faschismus im lokalen Alltag. Hinzu kam noch die häufig monierte Unfähigkeit des faschistischen Personals in der lokalen Verwaltung. All dies brachte die Bevölkerung in eine schizophrene Lage, denn trotz allen Missmuts war sie auf die „Ermöglichungsfunktion“ (Armin Nolzen) der Partei und ihrer Massenorganisationen angewiesen. Folglich übte man sich im „So-tun-als-ob“ (S. 179) und ergatterte Parteibücher, um den Arbeitsplatz oder den Zugang zum Arbeitsmarkt zu sichern.

Seit den 1930er-Jahren und insbesondere ab 1936 wandte sich angesichts der schwierigen ökonomischen Lage und der zunehmenden Überwachung der Bevölkerung in der „totalitären Phase“ des Faschismus die Unzufriedenheit der Bevölkerung gegen das Regime und die faschistischen Funktionsträger insgesamt. Statt eines kollektiven nationalen Gefühls kam die mentale Trennung in „wir“ und „sie“ auf (S. 234–238). Die lokalen Berichte sprachen von Apathie, Kriegsmüdigkeit und leeren Plätzen bei der Übertragung von Mussolinis Ansprachen. Selbst der Duce-Kult fiel in der Alltagskommunikation der Lächerlichmachung anheim (S. 249f.).

Das Ende der Geschichte ist „the failure of the party“, und die Quellen, die Corner sprechen lässt, untermauern dies eindrücklich. Doch sein Fokus auf das Scheitern vor Ort lässt die Frage unterbelichtet, wie die Stabilität des Regimes zu erklären ist. Vielmehr verfängt er sich in einem binären Konzept von kohärenter Ideologie hier, lokaler „Realität“ dort. Wie auch die Bevölkerung tagtäglich an der Stabilität des Systems mitwirkte und auf welche Weise die faschistische Gesellschaft inkludierende Zugehörigkeitsangebote machte, die womöglich stärker waren als das alltägliche Gemecker und der für Italien so typische Drang nach Autonomie – diese Aspekte bleiben weitgehend im Dunkeln. Auch die Rolle der katholischen Kirche als Kollaborateur des Regimes[3] behandelt Corner nicht. Der massenmedial inszenierte Führer-Kult oder der um eine gehörige Portion Lokalkolorit angereicherte Zauber faschistischer Feste[4] bilden bei Corner nur kulturgeschichtliche Randnotizen. Dessen unbenommen legt er eine überzeugende und originelle Arbeit vor, insbesondere insofern er die lokalen Grenzen des faschistischen Konzepts von „Politik unter nationalen Auspizien“ aufzuzeigen vermag.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Paul Corner (Hrsg.), Popular Opinion in Totalitarian Regimes. Fascism, Nazism, Communism, Oxford 2009.
[2] Simona Colarizi, L’opinione degli italiani sotto il Regime, 1929–1943, Rom 1991; Petra Terhoeven, Liebespfand fürs Vaterland. Krieg, Geschlecht und faschistische Nation in der italienischen Gold- und Eheringsammlung 1935/36, Tübingen 2003. Beide Studien berücksichtigt Corner, Colarizis zum Teil korrigierend.
[3] Terhoeven, Liebespfand.
[4] Stefano Cavazza, Piccole patrie. Feste popolari tra regione e nazione durante il fascismo, Bologna 1997.

ZitierweiseClaudia Christiane Gatzka: Rezension zu: Corner, Paul: The Fascist Party and Popular Opinion in Mussolini's Italy. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 01.11.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-091>.

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