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Neuere Geschichte

Y. Mintzker: The Defortification of the German City, 1689–1866

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Daniel Menning <daniel.menninguni-tuebingen.de>
Autor(en):
Titel:The Defortification of the German City, 1689–1866
Reihe:Publications of the German Historical Institute
Ort:Cambridge
Verlag:Cambridge University Press
Jahr:
ISBN:978-110702403-8
Umfang/Preis:296 S.; £62.00 / € 79,17

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Frank Rochow, Frankfurt (Oder)
E-Mail: <FraRochowgooglemail.com>

Im Bereich der vergleichenden Urban History hat sich Yair Mintzker in seinem Buch einer Zeitspanne von knapp zwei Jahrhunderten zugewandt, um herkömmliche Narrative über das Verschwinden von Stadtmauern in deutschen Städten auf ihre Validität hin zu prüfen. Diese Narrative, auf die er sich kontinuierlich bezieht, unterstellen erstens, dass in der Industrialisierung die Verbreitung der Eisenbahn zu einem Verschwinden der Stadtbefestigungen führte. Zweitens wird Bevölkerungswachstum als Hauptgrund genannt und damit in Verbindung stehend eine generelle Expansion der Stadt angegeben. Drittens herrscht die Überzeugung vor, dass technische Innovationen Stadtbefestigungen militärisch unbrauchbar werden ließen (vgl. S. 94–98). Mintzkers Grundthese zufolge greifen diese Ansätze zu kurz oder verzerren sogar das gesamte Bild. Stattdessen zeigt er auf, dass es vielmehr die Veränderungen im geopolitischen Klima, im Habitat, in dem sich die Stadt befindet, sind, die oft einen Abriss der Befestigungen hervorriefen. Er geht in seiner Argumentation chronologisch vor, wobei das Hauptaugenmerk seiner Untersuchung auf den Jahren zwischen 1791 und 1815 liegt.

Bevor der Autor mit der historischen Darstellung beginnt, erfolgt eine Einführung, um zu verdeutlichen, was eine Stadt in der Frühen Neuzeit kennzeichnete. Hierbei geht er über die physischen Charakteristika hinaus und entwirft ebenso ein Bild der „invisible city“ (S. 32ff.). Diese zweite Komponente beinhaltet nicht nur einen symbolischen Wert, der sich für die Bürger in den Stadtmauern manifestierte, sondern lässt klar erkennen, dass die befestigten Umfassungen stellvertretend für ein politisches System und eine Weltauffassung standen. Das Verschwinden der Befestigungen reichte dem Autor zufolge also weit über den puren Prozess des Abrisses hinaus. Ihm vorausgehend sieht er eine Aufweichung der politischen Strukturen im Heiligen Römischen Reich und somit eine Veränderung der politischen Kultur.

Im Anschluss widmet sich Mintzker zunächst dem absolutistischen Frankreich. Der angestrebte Machtausbau der Könige führte zu einer Politik, die im Landesinneren zum Abriss von Stadtmauern führte, während gleichzeitig die äußeren Landesgrenzen mit Festungen verstärkt wurden. Grundlage dieser Politik, die im weiteren Verlauf der Geschichte auch von den deutschen Territorialstaaten umgesetzt wurde, war die Idee, dass Grenzen innerhalb eines Staates überwunden werden müssten. Stadtmauern stellten solche Grenzen dar, indem sie die Städte nicht nur physisch sondern auch administrativ und rechtlich vom Umland trennten. Absolutistische Herrscher hatten ein Interesse daran, diese Enklaven zu beseitigen und somit ihr Supremat durchzusetzen. Darüber hinaus entwickelte sich ein Verständnis vom Staat in Analogie zur Stadt, die sich durch Stadtmauern vor äußeren Feinden zu schützen versuchte. Frankreich errichtete folglich einen Festungsgürtel entlang des Rheins, dem es nach Eroberungen deutscher Territorien am Ende des 17. Jahrhunderts durch das Schleifen von Festungen eine Sicherheitszone vorzulagern versuchte. Mintzker zufolge offenbarte diese erste Welle der Defortifikation den Bewohnern der deutschen Städte, dass sie den erstarkenden Territorialstaaten militärisch nichts entgegen zu setzen hatten. Somit wurde von diesem Zeitpunkt an die Idee der „Stadt in Waffen“, wie sie in allen befestigten städtischen Siedlungen vorherrschte, unterminiert.

Im Hauptteil des Buches spielt die Omnipräsenz der kriegerischen Bedrohung die Hauptrolle. Dem Autor zufolge teilt das Jahr 1799 dabei den gesamten Zeitraum zwischen 1791 und 1815. Bis zu dieser Zäsur findet der Abriss von Befestigungsanlagen hauptsächlich in den bereits zuvor bekannten Mustern statt, also entweder auf Bestreben eines absolutistischen Monarchen wie etwa in München oder auf Druck einer militärischen Besatzungsmacht. Letzteres war der Fall im Rheingebiet, das nach der militärischen Eroberung durch die französischen Revolutionstruppen einen Großteil seiner strategisch wichtigen Festungen verlor. Somit fanden sich nun die deutschen Länder militärisch ungeschützt gegenüber der französischen Bedrohung. Viele Städte suchten in dieser Situation von den Vorgängen entlang des Rheins lernend einer potentiellen Belagerung zu entgehen, indem sie ihre militärische Bedeutung durch das Abtragen von Festungselementen minderten. Mintzker sieht in diesem Verhalten der Stadtbürger ein starkes Indiz dafür, dass sie den Glauben an die Schutzfunktion des Reiches verloren hatten. Darüber hinaus erkennt er in der Verbreitung des Prozesses, der „unprecedented in its geographical scope“ (S. 177) gewesen sei, eine neue Qualität der Vernetzung der deutschen Städte untereinander.

Für die Betrachtung der Ereignisse nach 1815 nimmt der Autor eine Dreiteilung vor in Festungen, bei denen die Sicherheit gegenüber äußeren Feinden maßgeblich war, „metropolises“, bei denen interne Sicherheitsüberlegungen die überwiegende Rolle spielten und „home towns“, in denen die Suche nach einer neuen Identität und Fragen des Besitzrechtes die weitere Diskussion beherrschten (S. 187). Bis 1848 kann jedoch kein genereller Trend herausgefiltert werden. Die Defortifikation findet genauso statt wie die Refortifikation und sogar der Neubau von Festungen. Erst ab 1848 erkennt Mintzker einen radikalen Bruch, der sich in einer völligen Neukontextualisierung der Beziehung der Stadt zu ihrem Habitat äußert. In diesem Prozess erfolgt eine Ausweitung der Rechte, wie sie zuvor nur Bürger einer befestigten Stadt gekannt hatten, auf die gesamte Bevölkerung eines Territorialstaates. Die Revolutionsbewegung von 1848 diente hierfür als Katalysator. Bestärkt wurde die Entwicklung durch die Einigungskriege, die auch im Inneren der werdenden deutschen Teilstaaten zu einer Versöhnung von Stadt und Staat, die sich zu Beginn des Jahrhunderts oft entgegenstanden, führte. Die Transportrevolution beendete dann schließlich in vielen Städten den Prozess, indem noch existierende Befestigungen zugunsten der Raum benötigenden Eisenbahn geopfert wurden.

Das chronologische Vorgehen Mintzkers macht es dem Lesenden leicht, seiner These zu folgen. Methodisch kombiniert er quantitative Erhebungen mit Fallstudien. Letztere sind ohnehin notwendig, da die Kontroversen, die in den einzelnen Städten um den Abriss der Stadtbefestigungen geführt wurden, kaum generalisiert werden können. Die Auswahl der Einzelfälle erfolgt nicht willkürlich. Es werden Beispiele herangezogen, in denen die verschiedenen Defortifikationswellen mit ihren spezifischen Charakteristika am deutlichsten zu erkennen sind. Darüber hinaus bezieht der Autor Städte mit ein, um die eine seriöse Untersuchung nicht herum kommt, wie etwa die aufstrebenden Metropolen Berlin und Wien. Ergänzt werden die Beschreibungen der Prozesse durch Zitate von involvierten Bürgern, Beobachtern der Zeit und SchriftstellerInnen. Insbesondere bei Aussprüchen letzterer wirkt die Auswahl jedoch oft willkürlich und wenig überzeugend. Außerdem scheint er den Aussprüchen von Dichtern, die naturgemäß mit Metaphern arbeiten, oft eine zu große Bedeutung zuzuschreiben. Einen weiteren Ansatz zur Kritik bietet die unscharfe Differenzierung zwischen Festungsstädten, Festungen in der Nähe von Städten und reine Festungsanlagen. Dieses Problem tritt besonders im letzten Teil des Buches auf.

Mintzkers Verdienst liegt darin begründet, einen Prozess in den Fokus der Forschung gerückt zu haben, der sonst hauptsächlich in Stadtchroniken oder den populären Stadtbiografien Erwähnung findet. Der komparative Ansatz erlaubt es ihm, nicht nur die anfangs erwähnten herkömmlichen Thesen zu widerlegen. Er bietet damit auch eine Grundlage für weitere vergleichende Forschungen, die über die Grenzen des Alten Reiches hinausgehen können. Insbesondere der Einbezug des habsburgisch beherrschten Mitteleuropas erscheint in dieser Hinsicht fruchtbar. Damit stellt er sich dem Trend in der Urban History entgegen, einzelne Städte in den Mittelpunkt zu rücken und Gefahr zu laufen, Prozesse zu individualisieren. Mintzkers Buch setzt daher also wichtige Akzente. Er selbst zieht am Ende mit Blick auf den Defortifikationsprozess und seine Bedeutung für den Eintritt der deutschen Städte in die Moderne den Schluss: „[T]his dialectics of old and new, demolition and construction, defeat and triumph, defortification and expansion, is perhaps the most important aspect of the story.” (S. 255)

ZitierweiseFrank Rochow: Rezension zu: Mintzker, Yair: The Defortification of the German City, 1689–1866. Cambridge 2012, in: H-Soz-Kult, 05.12.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-187>.

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