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Zeitgeschichte (nach 1945)

K. Franzen u.a. (Hrsg.): Opfernarrative

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Titel:Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in Deutschland und im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg
Reihe:Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 126 / Schriften des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität 5
Herausgeber:Franzen, K. Erik; Schulze Wessel, Martin
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-71243-8
Umfang/Preis:VI, 219 S.; € 39,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Regina Fritz, Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft, Wien
E-Mail: <regina.fritzunivie.ac.at>

M. Rainer Lepsius konstatierte Ende der 1980er-Jahre: „Nationale Selbstverständnisse formieren sich immer auch in bezug auf historische Ereignisse, die dabei häufig verformt, heroisiert oder sakralisiert werden, soll doch aus ihnen ein positiver kollektiver Selbstwert entstehen.“[1] Setzten die europäischen Staaten in diesem Sinne nach dem Zweiten Weltkrieg auf „Widerstands“- und „Helden“-Mythen[2], lässt sich in den letzten Jahrzehnten ein starker Bedeutungszuwachs der Opferperspektive beobachten. Natürlich ist diese Perspektive nicht völlig neu; im europäischen Heldengedenken war sie bereits früh präsent. Aber sie ist Teil einer veränderten erinnerungskulturellen Konstellation und unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den älteren, häufig unkonkreten und auf das aktive „Sacrifice“ statt – wie heute – auf das passive „Victim“ ausgelegten Opferstilisierungen. Diese Entwicklung eines „Passive Turn“ (S. 9) steht nicht zuletzt im Zusammenhang mit Bemühungen verschiedener Gruppen, öffentliche Anerkennung und symbolische bzw. materielle Wiedergutmachung für historische Leiderfahrungen zu erhalten. Den seit dem Systemwechsel 1989/90 auch im östlichen Europa zunehmenden Diskursen von „Opfern“ und über „Opfer“ widmet sich der vorliegende Sammelband.[3]

Die Publikation umfasst zehn Beiträge, die sich aus unterschiedlichen Richtungen der Frage nähern, in welchem Maß es den verschiedenen Opfergruppen in der Bundesrepublik Deutschland, der DDR und der UdSSR, in Tschechien, Polen, der Ukraine und in Russland zwischen 1945 und 1989 bzw. nach 1989 gelang, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu prägen. Weiter interessieren sich die Autorinnen und Autoren für die Frage, wie über die verschiedenen Opfergruppen in den europäischen Nachkriegsgesellschaften gesprochen wurde und welchen Platz ihre Erfahrungen in der öffentlichen Erinnerungspolitik einnahmen. Dabei konzentriert sich die Publikation vor allem auf solche Opfer des Zweiten Weltkriegs, die in den Gesellschaften nach dem Krieg lange Zeit wenig Beachtung fanden – wie Opfer der Sterilisation, Zwangsarbeiter/innen oder Sinti und Roma sowie Opfergruppen, die als Folge des Zweiten Weltkriegs Vertreibung oder stalinistischer Verfolgung ausgesetzt waren.

Nach einer kurzen Diskussion des Begriffs „Opfer“ legt Martin Schulze Wessel in seiner Einleitung mehrere Faktoren dar, von denen die öffentliche Anerkennung einer Opfergruppe beeinflusst sein kann bzw. konnte: „von der organisatorischen Verfasstheit der Opfergruppe, ihrem Zugang zu Medien und von der Akzeptanz des Paradigmas des passiven Opfers in der Mehrheitsgruppe“ (S. 4). Der Großteil der anschließenden Beiträge überprüft Schulze Wessels Thesen an konkreten Beispielen und sucht nach den Gründen für die gesellschaftliche Marginalisierung bestimmter Opfergruppen. So fragt Bettina Greiner, welche Bedingungen in einer „Tätergesellschaft“ erfüllt sein müssen, um als „Opfer“ gelten zu können, und untersucht am Beispiel der Memoirenliteratur, welcher Narrative und Bilder sich stalinistisch Verfolgte im Nachkriegsdeutschland bedienten, um Zeugnis abzulegen und in der Mehrheitsgesellschaft Gehör zu finden. Die Schwierigkeiten ehemaliger Speziallagerhäftlinge, nach 1989/90 als Opfer anerkannt zu werden, begründet sie mit der Problematik, dass ein Teil der nach Kriegsende in stalinistischen Lagern festgehaltenen Personen frühere Nationalsozialisten waren. Dies habe dazu geführt, dass die gesamte Gruppe unter Täterverdacht gestellt worden sei. Um Anerkennung zu erfahren, musste man jedoch – so Greiner – unschuldig gelitten haben. So kommt sie zu dem Schluss: „Es ist […] die Illegitimität der Schädigung – und nicht die Schädigung selbst –, die den Opferstatus beweist.“ (S. 53) Zudem kritisiert sie die in der Öffentlichkeit vorhandene „Aversion gegenüber der Ambivalenz von Biographien und gegenüber dem Umstand, dass auch Täter Opfer gewesen sein können“ (S. 54).

Dass die Anerkennung einer Opfergruppe damit zusammenhängt, ob ihre historischen Erfahrungen mit den Wertvorstellungen einer Gesellschaft in Einklang stehen, ob also das Unrecht, das eine Gruppe erfahren hat, überhaupt als solches angesehen wird, macht auch das Beispiel der Opfer staatlicher Sterilisationspolitiken deutlich. Deren Schicksal wurde – wie Svea Luise Herrmann und Kathrin Braun herausarbeiten – sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in Tschechien lange Zeit ausgeblendet, da „die unfreiwillige Sterilisation auch in den Nachfolgestaaten tendenziell als mehr oder weniger normale Form der Bevölkerungspolitik verstanden“ wurde (S. 122f.). Auf die Frage, welche Möglichkeiten der Repräsentation einer Opfergruppe angesichts des geschilderten Spannungsverhältnisses zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung schließlich bleiben, konzentriert sich Stephan Scholz. Er verweist auf die seit den 1960er-Jahren häufige Verwendung von Frauen- und Kindermotiven in der Vertriebenen-Denkmalkultur und hebt hervor, dass besonders Bilder von leidenden Kindern und Müttern als geeignet empfunden wurden, um den Unrechtscharakter des Heimatverlusts zum Ausdruck zu bringen und damit den Opferstatus zu begründen (S. 72).

Obwohl Schulze Wessel einleitend auf die Bedeutung transnationaler Phänomene hinweist (S. 3), behandeln die einzelnen Beiträge leider nur am Rande die Frage, wie sich die verschiedenen nationalen Opferdiskurse in einer transnationalen Welt gegenseitig beeinflussen. Interessant ist insofern der Beitrag von Julia Landau, die auf die Auswirkungen der deutschen Entschädigungspolitik für die ukrainische Erinnerung eingeht. Die Autorin erläutert, dass „mit der ersten Auszahlung humanitärer Hilfen an ehemalige Zwangsarbeiter und ehemalige Häftlinge in Ghettos und Konzentrationslagern an die Stelle der Bedrohung die Chance [trat], durch die Anerkennung ihrer Leiden den nunmehr sehr alten und in äußerst schwierigen Bedingungen lebenden ehemaligen Verfolgten zumindest eine gewisse Linderung zu verschaffen und ihre Stigmatisierung zu beenden“ (S. 178).

Dagegen zeigen mehrere Beiträge den Bedeutungszuwachs der Holocaust-Erinnerung als Vergleichspunkt für andere Verbrechen. So macht Václava Kutter Bubnová auf den Umstand aufmerksam, dass die Repräsentanten der Sinti und Roma in Tschechien ihr Schicksal mit der Verfolgung der Juden gleichsetzten, um auf diese Weise die Dramatik und Bedeutung der eigenen Erfahrung zu unterstreichen und für ihre Opfergruppe Akzeptanz zu schaffen (S. 152). Auch Iris Nachum betont in ihrem Beitrag über sudetendeutsche und jüdische Forderungen nach Wiedergutmachung am Beispiel der Versicherungsgesellschaft Generali die Vorbildwirkung der Entschädigung jüdischer Holocaust-Überlebender für Wiedergutmachungsforderungen anderer Opfergruppen. Sie diskutiert unter anderem die Frage, mit welchen Argumenten die sudetendeutschen Ansprüche abgelehnt wurden, während sich jüdische Kläger erfolgreich durchsetzen konnten. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Sudetendeutschen „über keine ausreichende moralische Autorität“ verfügten, „um die vermeintlichen Schädiger unter Druck setzen zu können“ (S. 96). Dennoch halfen, so Nachum, die sudetendeutschen Bemühungen um materielle Entschädigung dabei, die Selbstwahrnehmung als Opferkollektiv zu stärken (S. 100).

Insgesamt macht der Sammelband deutlich, wie öffentliche Vergegenwärtigung erlittenen Unrechts und gesellschaftliche Anerkennung die Identitätsbildung einer Opfergruppe bedingen und stärken. Gleichzeitig verweisen die einzelnen Beiträge auf die Bedeutung des Organisationsgrads und der Reichweite einer Gruppe dafür, dass diese überhaupt Gehör finden kann. Häufig besteht dabei ein enger Zusammenhang zwischen öffentlicher Anerkennung und staatlicher Legitimation. Ein Verdienst des Bandes ist es, dass mehrere Autorinnen und Autoren die Bedingungen für die Anerkennung einzelner Gruppen als „würdige Opfer“ (S. 4) diskutieren. In diesem Zusammenhang hätte es sich gelohnt, einen Beitrag über den Umgang mit der stalinistischen Vergangenheit in einem Land außerhalb der Bundesrepublik zu ergänzen (wo die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bis heute an erster Stelle steht). In vielen ost(mittel)europäischen Staaten wie Lettland, Estland oder Ungarn hat die Beschäftigung mit der kommunistischen Diktatur bald nach dem Systemwechsel die Auseinandersetzung mit dem Holocaust auf den zweiten Platz verdrängt und neue Opferkonkurrenzen geschaffen. Die Debatten darüber, wer als „würdiges“ Opfer und damit als „unschuldig“ oder „schuldig“ gilt, erschweren in diesen Ländern bis heute den Umgang mit der doppelten Diktaturerfahrung.

Positiv hervorzuheben sind die Bemühungen der Verfasser/innen um eine pluralistische Geschichtsschreibung – eine Historiographie, die sich im Sinne des Auftaktartikels von Peter Hallama für das „Mit-, Neben- und Gegeneinander unterschiedlicher Repräsentationen der Vergangenheit“ interessiert (S. 27). Marginalisierte Opfergruppen werden als Akteure wahrgenommen (vgl. dazu besonders auch die Beiträge von K. Erik Franzen über das „Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR“, von Tat’jana Voronina über Verbände von Beteiligten der Blockade Leningrads sowie von Katrin Schröder zum Opferstatus ehemaliger NS-Zwangsarbeiter in Tschechien und Polen). So ist die vorliegende Publikation ein gelungenes Beispiel für eine Herangehensweise, die „die oft politikgeschichtliche und auf die klassischen Akteure wie den Staat oder die politischen Parteien zentrierte Analyse von Erinnerungskulturen um eine ,Sozialgeschichte des Erinnerns‘“ erweitert (S. 10).

Anmerkungen:
[1] M. Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des „Großdeutschen Reiches“ (1989), in: ders., Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 229–245, hier S. 229.
[2] Siehe als Überblick etwa Arnd Bauerkämper, Das umstrittene Gedächtnis. Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945, Paderborn 2012 (rezensiert von Kerstin von Lingen, 05.04.2013: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-016> [03.07.2013]).
[3] Der Band ist hervorgegangen aus der Tagung „Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in der Nachgeschichte des Zweiten Weltkriegs“ vom 05./06.10.2010 in Ústí nad Labem; siehe den Bericht von Marco Zimmermann, 17.12.2010: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3416> (03.07.2013).

ZitierweiseRegina Fritz: Rezension zu: Franzen, K. Erik; Schulze Wessel, Martin (Hrsg.): Opfernarrative. Konkurrenzen und Deutungskämpfe in Deutschland und im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. München 2012, in: H-Soz-Kult, 23.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-052>.

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