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Theoretische und methodische Fragen

F. Meinecke: Neue Briefe und Dokumente

 
Autor(en):
Titel:Neue Briefe und Dokumente, hrsg. v. Gisela Bock und Gerhard A. Ritter
Reihe:Friedrich Meinecke: Werke 10
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-70702-1
Umfang/Preis:682 S.; € 79,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Matthias Berg, Institut für Geschichtswissenschaften,
Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <matthias.berggeschichte.hu-berlin.de>

Bescheiden, fast lapidar ist der folgend zu besprechende Band betitelt: „Neue Briefe und Dokumente“ des Historikers Friedrich Meinecke. Angesichts des wissenschafts- und vor allem historiographiegeschichtlichen, aber auch kulturhistorischen Erkenntnisgewinns, den er beschert, ein sicher sympathisches Understatement, von dem jedoch zu hoffen gilt, es halte möglichst keinen Zögerlichen von einem Blick in das Buch ab. Denn diese von Gisela Bock und Gerhard A. Ritter, der vor einigen Jahren bereits die Korrespondenz zwischen Meinecke und seinen emigrierten Schülern ediert hat[1], herausgegebene Edition lässt keine Wünsche offen.

Die „alten“ respektive bereits publizierten Briefe Meineckes waren zu Beginn der 1960er-Jahre im Rahmen der Werkausgabe erschienen[2], die mit den „neuen Briefen“ nun nach einer Unterbrechung von mehreren Jahrzehnten ihre Fortsetzung findet. Doch nicht nur bezüglich Friedrich Meineckes wird mit der vorgelegten Edition ein Faden wiederaufgenommen. Nach den vielrezipierten Briefen Gerhard Ritters[3] waren bis zur Mitte der 1990er-Jahre eine Reihe weiterer Editionen von Historikerkorrespondenzen erschienen, ohne jedoch ein vergleichbares Interesse zu erfahren.[4] Die folgenden, ausgesprochen publikumsträchtigen Debatten um deutsche Historiker in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus beanspruchten die Aufmerksamkeit der Disziplin offenbar weitgehend. Nun wird mit dem vorliegenden Band, der die gesamte Karriere Meineckes umfasst, auch für diesen vielfach diskutierten Abschnitt deutscher Historiographiegeschichte eine Edition wesentlicher Quellen vorgelegt. Denn mindestens bis in die frühe Bundesrepublik hinein blieb der Brief das primäre Kommunikationsmittel deutscher Historiker, als historiographiegeschichtliche Quelle ist er deshalb kaum zu überschätzen.

Folgerichtig widmet sich Gisela Bock im ersten von zwei in die Edition einführenden Beiträgen unter dem Titel „Friedrich Meinecke und seine Briefe“ der Biographie Meineckes beziehungsweise der Erforschung dieser im Lichte seiner Korrespondenz. Eindrücklich wird ein wesentliches Leitmotiv von Gelehrtenbiographien, die Wissenschaftskommunikation und -organisation mittels zahlloser Briefe, mit der Untersuchung einer eben solchen Biographie verwoben. Meineckes Briefe, ihre Überlieferung und bisherige Erforschung werden zum roten Faden des Beitrages. Eine dem Band ebenso angemessene wie besonders gelungene Variante einer Einleitung, die zudem neben dem Historiker auch den Menschen Meinecke als Sohn, Vater und Freund nicht ausspart.

Im Mittelpunkt des zweiten einführenden Beitrages von Gerhard A. Ritter steht das Verhältnis Meineckes zum Oldenbourg Verlag, denn die Edition enthält einen gesonderten Abschnitt, der auf den „vollständig erhaltenen Briefen“ Meineckes an den Verlag „über einen Zeitraum von über fünf Jahrzehnten“ beruht (S. 24). Dies umfasst neben der Korrespondenz zu eigenen Veröffentlichungen Meineckes und zum gemeinsam mit Georg von Below herausgegebenen „Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte“ vor allem Meineckes mehr als vier Jahrzehnte währende Tätigkeit als Herausgeber der „Historischen Zeitschrift“. Über den historiographiegeschichtlichen Rang dieser nun problemlos zugänglichen Überlieferung wird man kaum zweierlei Meinung sein können. Die besondere Bedeutung Meineckes für die deutsche Geschichtswissenschaft ist anhand seiner Briefe als HZ-Herausgeber detailliert nachzuvollziehen. Doch nicht nur die Geschichtsschreibung in Deutschland, das verdeutlicht Ritter in seinem Beitrag, auch die Entwicklung des Oldenbourg Verlags zwischen der Wende zum 20. Jahrhundert und dem Nationalsozialismus wird in dieser Korrespondenz in überaus interessanter Weise gespiegelt. Kontinuität und Wandel in den verlegerischen Unternehmungen, die besonderen Herausforderungen von Kriegen und wechselnden politischen Systemen, aber auch sich ändernde Vorlieben von Autoren und lesendem Publikum – für die in jüngster Zeit vielfaches Interesse weckende Verlagsgeschichte stellt dieser Band gleichermaßen eine erhebliche Bereicherung dar.[5]

Mit dieser kurzen Skizze der Einführungen Bocks und Ritters ist zugleich die eigentliche Edition umrissen. Auf einen ersten Abschnitt mit Briefen Meineckes zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik folgt gesondert die Korrespondenz mit dem Oldenbourg Verlag, ergänzt durch fünf Schreiben Meineckes an den Cotta Verlag. Die Kommentare zu den einzelnen Schriftstücken sind informativ und klar, im Zweifelsfall durchaus ausführlich gehalten. Wer mag, kann sich auf die Lektüre der Briefe Meineckes konzentrieren, doch erst zusammen mit dem Subtext des Kommentars erschließt sich das „Material“ in seiner ganzen Fülle und Reichhaltigkeit. Nicht zuletzt werden diese umfangreichen Erläuterungen eine Nutzung der Edition auch dann ermöglichen, wenn manche der brieflich verarbeiteten Konflikte und Akteure aus dem derzeitigen historiographiegeschichtlichen Gedächtnis entschwunden sein werden. So lesenswert Meineckes Briefe auch in stilistischer Hinsicht sein mögen, ihre wahre Bedeutung erschließt sich erst im wissenschafts- und kulturhistorischen Kontext. Ergänzt wird die Edition durch eine ausführliche Aufstellung der „Lebensstationen“ Meineckes, ebenso werden im Anhang die von ihm betreuten Dissertationen und Habilitationen aufgeführt. Mit einem biographischen Register von Briefempfängern und weiteren Personen schließt eine Edition, die – wie eingangs bereits vermerkt – tatsächlich keine Wünsche offen lässt.

Nichtsdestotrotz sollen abschließend zwei „Wünsche“ angemerkt werden. Sicher hat es dieser Edition nicht bedurft, um den Rang Friedrich Meineckes in der deutschen Geschichtswissenschaft zu belegen. Aber sie verdeutlicht doch schmerzhaft die Lücke, die in der mittlerweile stattlichen Reihe von Historikerbiographien klafft. Zum ersten wäre also eine Fortschreibung der biographischen Darstellung Meineckes über das Kriegsende 1918 hinaus fraglos sehr wünschenswert.[6] Zum zweiten, auch dazu regt der vorliegende Band an, wären Editionen von Briefen und Dokumenten weiterer Historiker – ob ausgewählt nach Personen oder nach Themen – sehr zu begrüßen. Es ließen sich doch eine Reihe von Problemstellungen, Konflikten und Konstellationen der deutschen Historiographiegeschichte zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik denken, die für ein solches Unterfangen ergiebig erscheinen.

Anmerkungen:
[1] Friedrich Meinecke, Akademischer Lehrer und emigrierte Schüler. Briefe und Aufzeichnungen 1910–1977, eingeleitet u. bearbeitet von Gerhard A. Ritter, München 2006.
[2] Friedrich Meinecke, Ausgewählter Briefwechsel, hrsg. u. eingeleitet v. Ludwig Dehio u. Peter Classen (= Friedrich Meinecke. Werke; Bd. VI), Stuttgart 1962.
[3] Gerhard Ritter, Ein politischer Historiker in seinen Briefen, hrsg. v. Klaus Schwabe u. Rolf Reichardt, Boppard am Rhein 1984.
[4] Heinrich Ritter von Srbik, Die wissenschaftliche Korrespondenz des Historikers 1912–1945, hrsg. v. Jürgen Kämmerer, Boppard am Rhein 1988; Siegfried A. Kaehler, Briefe 1900–1963, hrsg. v. Walter Bußmann u. Günther Grünthal, Boppard am Rhein 1993; Friedrich Thimme 1868–1938. Ein politischer Historiker, Publizist und Schriftsteller in seinen Briefen, hrsg. von Annelise Thimme, Boppard am Rhein 1994.
[5] Zur Geschichte Oldenbourgs vgl. Reinhard Wittmann, Wissen für die Zukunft. 150 Jahre Oldenbourg Verlag, München 2008 (vgl. die Rezension in: H-Soz-u-Kult, 26.01.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-1-058>, 19.08.2013) sowie Tilmann Wesolowski, Verleger und Verlagspolitik. Der Wissenschaftsverlag R. Oldenbourg zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 2010 (vgl. die Rezension in: H-Soz-u-Kult, 05.09.2012, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-129>, 19.08.2013).
[6] Stefan Meineke, Friedrich Meinecke. Persönlichkeit und politisches Denken bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Berlin 1995.

ZitierweiseMatthias Berg: Rezension zu: Friedrich, Meinecke: Neue Briefe und Dokumente, hrsg. v. Gisela Bock und Gerhard A. Ritter. München 2012, in: H-Soz-Kult, 04.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-126>.

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