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Europäische Geschichte

L. Kennedy u.a. (Hrsg.): Ulster Since 1600

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Matthias Middell <middelluni-leipzig.de>
Titel:Ulster Since 1600. Politics, Economy, and Society
Herausgeber:Kennedy, Liam; Ollerenshaw, Philip
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-958311-9
Umfang/Preis:368 S.; £35.00 / € 47,22

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Gerhard Altmann, Korb
E-Mail: <altmanngyahoo.de>

Seit Beginn der multiplen Finanz- und Währungskrisen 2008 behält im inneririschen Wettkampf um mediale Aufmerksamkeit eindeutig die Republik die Oberhand. Ein aufgeblähter Immobilienmarkt und ein maroder Bankensektor haben den keltischen Tiger der späten 1990er-Jahre in ein Sorgenkind der Eurozone verwandelt. Und obwohl auch die britische Wirtschaft unter den Folgen eines eisernen Sparkurses ächzt, genießt Nordirland die ruhigste Phase seit vier Jahrhunderten. An ökonomischen Kummer gewöhnt, erfreuen sich die Menschen immerhin einer politischen Stabilität, die sich dem Karfreitagsabkommen von 1998 verdankt. Damals beschlossen das Vereinigte Königreich und die Republik Irland einen Neuanfang für Ulster, jene sechs Grafschaften also, die nach der Teilung Irlands 1921 bei Großbritannien verblieben waren. Auch wenn es während der alljährlichen marching season zu vereinzelten Ausschreitungen kommt und eine Form der selbstgewählten Apartheid nach wie vor „the order of the day“ (S. 8) ist, hat sich in Nordirland ein Modus vivendi eingestellt, welcher der leidgeprüften Provinz neue Perspektiven eröffnet.

Der von Liam Kennedy und Philip Ollerenshaw herausgegebene Sammelband verdeutlicht drastisch, wie sehr die Bevölkerungsgruppen dort über vielerlei historische Schatten springen mussten, um nun gemeinsam die Geschicke Nordirlands bestimmen zu können. Denn obwohl – Ironie der Geschichte – Ulster zwischen 1921 und 1972 dank weitreichender Selbstverwaltung gewissermaßen der Vorreiter in Sachen Devolution war, die Schotten und Walisern erst in den 1990er-Jahren gewährt wurde, so beruhte sie doch de facto auf dem politisch-sozialen Ausschluss der katholischen Bevölkerungsgruppe. Die „tripartite identity“ (S. 27), die in den Jahrzehnten nach der Flucht der Grafen und dem Ende der gälischen Vorherrschaft 1603 in Ulster Einzug hielt, durfte zu keiner Zeit mit einem friedlichen Nebeneinander von Iren, Schotten und Engländern verwechselt werden. Die ethnischen Säuberungen, die im Gefolge der berüchtigten plantations die katholischen Iren sozial, ökonomisch und politisch marginalisierten, wurden, so Thomas Bartlett, während des Englischen Bürgerkriegs durch einen „nightmare of massacre and mayhem“ (S. 32) verschärft. Die Geschichte Nordirlands als Geschichte erzwungener oder freiwilliger Wanderungsbewegungen kann daher ohne Abstriche als „nothing if not dramatic“ (S. 67) apostrophiert werden. Dabei hielten sich die schottischen Presbyterianer bis zu den Revolutionen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts weitgehend klaglos an den sozioökonomischen Komment, demzufolge sie das Land englischer Grundbesitzer bearbeiteten und sich nach Kräften von der gälischen Unterschicht distanzierten. Die plantations, die Irland nach dem Vorbild Britanniens zu einer Heimstatt protestantischer Royalisten umformen sollten, drohten jedoch von der Auswanderung zahlloser Iren nach Amerika untergraben zu werden. Mitte des 18. Jahrhunderts machten sich beinahe so viele Iren wie Engländer auf die Reise über den Atlantik. Andererseits wies Irland vor der Hungerkatastrophe der 1840er-Jahre, die Ulster weniger stark traf als den Süden, die am schnellsten wachsende Bevölkerung Europas auf. Die Leinenindustrie, zum Teil im Verlagswesen angesiedelt, gewährte vor allem den Menschen im Nordosten der Insel ein vergleichsweise stabiles Auskommen.

Die 1801 ins Leben gerufene Union Großbritanniens und Irlands verlieh James Loughlin zufolge der Entwicklung Ulsters eine „dysfunctional dynamic“ (S. 228). Seit das Massaker an Protestanten in Scullabogue 1798 jegliche Hoffnung auf einen transnationalen „West Britonism“ (S. 232) zunichte gemacht hatte, waren die Weichen ohnehin für eine verschärfte Konfrontation gestellt. Zwei Faktoren verliehen diesem Trend weiter Vorschub. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ließ sich erstens eine verstärkte Rückwendung zu einer dogmatischen Auslegung von Glaubenswahrheiten beobachten. Im katholischen Milieu äußert sich diese etwa in der Gründung von Laienbruderschaften und in der prunkvolleren Gestaltung von Altarräumen und Messgewändern. Im protestantischen Lager rückten Anglikaner und Presbyterianer wieder enger zusammen, um ihre numerische Dominanz gegenüber den Katholiken politisch ausspielen zu können. Der Zulauf zum Oranierorden, der den Verantwortlichen in London erhebliches Kopfzerbrechen bereitete, tat ein Übriges, um die Spannungen zwischen den Konfessionen anzuheizen. Zweitens sorgte der Landkrieg seit 1879 dafür, dass die bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs schwelende Home-Rule-Krise die protestantische Bevölkerungsmehrheit in offenen Widerspruch zur britischen Regierung trieb, die nicht nur unter Premierminister Gladstone fieberhaft Wege aus den soziopolitischen Sackgassen in Irland suchte. Paramilitärische Verbände, die unter allen Umständen Gewähr dafür bieten wollten, dass Ulster britisch bleibt, stießen jenseits der Irischen See auf wenig Gegenliebe. Nicht einmal die soziale Frage, die auch im stark industrialisierten Belfast auf der Tagesordnung stand, vermochte die verfeindeten Bevölkerungsgruppen an einen Tisch zu bringen. Die Arbeiterbewegung vergab hier eine Chance, ihre Anliegen zu Gehör zu bringen.

Nach der Teilung Irlands etablierte sich in Ulster eine „internal apartheid“ (S. 241). Die britische Regierung fand sich hilflos zwischen einer demoralisierten katholischen Minderheit und einer kompromisslosen unionistischen Mehrheit eingekeilt. So weigerte man sich in London, den Namen der Provinz auch offiziell in Ulster zu ändern, was vielen Unionisten ein Anliegen war. Andererseits verpasste Westminster jede Gelegenheit, die Probleme in Nordirland „in a timely fashion“ (S. 243) zu lösen. Auch der Wohlfahrtsstaat, der nach dem Zweiten Weltkrieg die britische Gesellschaft tiefgreifend umgestaltete, biss sich am sozialen Konservatismus der Unionisten zunächst die Zähne aus. Erst 1963 begann London, die Subventionen für Unternehmen bewusster zu lenken, um den Strukturwandel in Ulster voranzutreiben. Graham Brownlow kann jedoch eindrucksvoll nachweisen, dass Nordirland auch in ökonomischer Hinsicht das Schlimmste noch bevorstand. Die 1970er-Jahre sahen nämlich den wirtschaftlichen Tiefpunkt. Die alten Industrien befanden sich im freien Fall, ausländische Firmen zogen ihre Investitionen ab, und der Ausbruch der Troubles war nicht dazu angetan, neue Investoren anzulocken. Plötzlich wurde die Republik Irland zum Magneten für ausländische Unternehmen. Nordirland hingegen hängt bis in die Gegenwart hinein viel stärker als der Rest Großbritanniens am Tropf öffentlicher Ausgaben, während nirgendwo in der industrialisierten Welt die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung geringer sind.

Vor dem Hintergrund des Hungerstreiks von 1981, an dessen bitterem Ende Bobby Sands zum Märtyrer der republikanischen Sache wurde, und des Aufstiegs von Sinn Fein nimmt es kaum wunder, dass, wie Alan Bairner schildert, selbst der Sport der Logik der Segregation unterliegt. Die Gaelic Athletic Association muss sich immer wieder mit der für Außenstehende bizarr anmutenden Frage beschäftigen, wer eigentlich Mitglied dieses Traditionsverbands sein darf. Und als die britische Regierung just an der Stelle, wo einst das Maze Prison stand, in dem sich Sands und neun andere Republikaner zu Tode hungerten, ein nationales Stadium erbauen wollte, dauerte es nicht lange, bis sie sich wieder von dem Projekt distanzierte, da die geschichtspolitischen Implikationen wenige Jahre nach dem Karfreitagsabkommen alte Wunden aufzureißen drohten, die in den Jahren des grenzüberschreitenden Aufschwungs zu verheilen begannen.

Die Autorinnen und Autoren des Sammelbands spannen einen weiten Bogen von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart und thematisieren dabei alle Bereiche des politischen, sozialen und religiösen Lebens. Erstaunlich wenig erfährt man freilich über die Beziehungen zwischen Ulster und dem Süden. Dies mag der Perspektive geschuldet sein, die bewusst auf die Geschichte Nordirlands ausgerichtet ist. Die quälenden Irrwege Ulsters durch die vergangenen vier Jahrhunderte bleiben nicht ohne Eindruck. In einer Art ethnischen Laboratoriums mussten die Menschen im Nordosten der irischen Insel oft die Winkelzüge der Mächtigen in London ertragen, ehe sie im 19. Jahrhundert den Spieß umdrehten und die britische Politik vor sich hertrieben. Diese Jagdszenen anschaulich und schonungslos analysiert zu haben, ist das Verdienst des Sammelbandes.

ZitierweiseGerhard Altmann: Rezension zu: Kennedy, Liam; Ollerenshaw, Philip (Hrsg.): Ulster Since 1600. Politics, Economy, and Society. Oxford 2012, in: H-Soz-u-Kult, 05.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-128>.

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