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Nationalsozialismus

M. Fulbrook: A Small Town Near Auschwitz

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Marc Buggeln <mbuggelngmx.de>
Autor(en):
Titel:A Small Town Near Auschwitz. Ordinary Nazis and the Holocaust
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-199-60330-5
Umfang/Preis:XVII, 421 S.; £ 20.00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Markus Roth, Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: <RothMSt-online.de>

Ein junger Mann, 1910 geboren, nationalistisch und nicht frei von Antisemitismus, der nach dem Studium in den dreißiger Jahren eine Verwaltungslaufbahn einschlägt und nach Stationen im Sudetenland und dem sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren schließlich im besetzten Polen in Ostoberschlesien Landrat wird, sich dort komfortabel auf Kosten der unterdrückten Bevölkerung einrichtet und die NS-Germanisierungs- und Verfolgungspolitik vor Ort in die Praxis umsetzt – das ist eine durchaus nicht untypische deutsche Verwaltungskarriere im 20. Jahrhundert. Nicht minder typisch ging es nach 1945 weiter: Nahezu unberührt von Sühnemaßnahmen der Alliierten setzt sich die Karriere ab den fünfziger Jahren bruchlos fort, die NS-Vergangenheit hält er sich mit Lügen und entlastenden Selbstkonstruktionen fern: auf der einen Seite habe die verbrecherische SS, auf der anderen die saubere Verwaltung gestanden, dort die wahren „Nazis“, hier er usw. So in etwa ließe sich in ganz groben Strichen die Geschichte von Udo Klausa, während des Krieges Landrat in Będzin/Bendsburg und nach 1945 Direktor des Landschaftsverbands Rheinland, zusammenfassen, die Mary Fulbrook in ihrem neuen Buch erzählt.

Fulbrook verfolgt Klausas Geschichte vor dem Hintergrund einer mikrohistorischen Studie der Verfolgung und Ermordung der Juden im Kreis Będzin, der in der Region Ostoberschlesien lag, die nach dem Sieg über Polen annektiert und zur „Germanisierung“ vorgesehen war.[1] In Będzin war eine der größten jüdischen Gemeinden der Region, deren Geschichte Fulbrook von den ersten Terrorakten im September 1939 bis zu den letzten Deportationen nach Auschwitz ausbreitet. Dabei stützt sie sich auf die überlieferten zeitgenössischen Akten, auf zahlreiche Zeugnisse Überlebender oder auf Tagebücher wie das erst kürzlich entdeckte Tagebuch von Rutka Laskier[2] sowie auf Interviews, die sie mit Nichtjuden aus der Region geführt hat.

Das Hauptinteresse Fulbrooks aber gilt der Geschichte des Landrats Udo Klausa, hinter dem andere wichtige Akteure in der Region leider verblassen. Fulbrook möchte dessen spätere Erinnerungen an die Zeit in Będzin mit den historischen Ereignissen konfrontieren, um anhand dieses individuellen Falls allgemeine Fragen nach dem Weg zum Holocaust sowie dem Leben mit dem Wissen nach 1945 zu verhandeln. Hier kommt schließlich eine Besonderheit des Buches ins Spiel, die Stärke und Schwäche zugleich ist – vor allem aber Letzteres. Udo Klausas Frau Alexandra war eine sehr gute Schulfreundin der Mutter Fulbrooks, die in den dreißiger Jahren aber aus „rassischen Gründen“ emigrieren musste. Nach dem Krieg wurde der Kontakt wieder hergestellt und Alexandra Klausa wurde Mary Fulbrooks Patentante. Diese persönliche Involvierung legt Fulbrook von Anfang an offen, nicht ohne zu betonen, dass der Anspruch einer historischen Arbeit damit nicht aufgegeben ist.

Fulbrook geht bei dieser Konstellation mit ihrem Buch zweifellos ein Wagnis ein, handelt es sich doch um einen Balanceakt, bei dem sie auch ins Straucheln gerät. Minutiös stellt sie die Selbstkonstruktionen und Selbstentlastungsargumente Klausas, die er nach 1945 in seinen Memoiren und in Zeugenvernehmungen entwickelt hat, dar und überprüft sie an der von ihr rekonstruierten historischen Realität. Klausa konstruiert in seinen Erinnerungen beispielsweise konsequent einen Gegensatz zwischen „wirklichen Nazis“ und Leuten wie ihm, zwischen Partei und Verwaltung. Dabei suchte er selbst allerdings bereits im Februar 1933 den Parteieintritt. Er begründet dies nachträglich damit, ihm sei klar gewesen, dass die Nationalsozialisten die Macht nicht wieder hergeben würden, und er habe doch in die staatliche Verwaltung gewollt. Fulbrook diskutiert das Für und Wider und konzediert letztlich, dass wohl der Pragmatismus, die eigene Karriere nicht gefährden zu wollen, tatsächlich ausschlaggebend gewesen sei, ohne entscheidende kritische Fragen zu stellen: Gerade einmal drei Wochen nach Regierungsantritt, noch vor dem Reichstagsbrand, soll für ihn klar gewesen sein, es mit einem dauerhaften Phänomen zu tun zu haben? Haben nicht viele nach 1945 als Rechtfertigung für ihre passive Haltung 1933 ins Feld geführt, man sei der verbreiteten Auffassung gewesen, auch diese Regierung werde sich, wie die vielen vorangegangenen, nicht lange halten? Zumindest diese Frage hätte hier diskutiert werden können. Früh schon gewinnt der Leser den Eindruck, dass Fulbrook vielleicht doch in einigen Punkten innerfamiliären Entlastungsnarrativen aufgesessen ist, sei es solchen von Udo Klausa selbst oder vermittels seines Sohnes Ekkehard Klausa.

So veröffentlichte Udo Klausa Mitte der dreißiger Jahre den antisemitischen Aufsatz „Rasse und Wehrrecht“, der in der Familie als eine Art „Jugendsünde“ und eine notwendige Anbiederung an das Regime betrachtet wurde. Begründet wurde diese Sicht damit, dass seinerzeit eine Hausdurchsuchung durch die Gestapo stattgefunden habe, bei der eine katholische Schrift entdeckt worden sei, die sich kritisch mit dem NS-Ideologen Arthur Rosenberg auseinandersetzte. Klausa habe daraufhin unter besonderer Beobachtung gestanden. Fulbrook folgert daraus: „This case is illustrative of the pressures the system seems to have exerted to ensure conformity in expression and action, whatever private differences there may have been, including this case over religion.“ (S. 73f.) Daran wäre nur wenig zu kritisieren, wenn nicht der einzige Beleg für die Hausdurchsuchung ein Gespräch Fulbrooks mit dem 1941 geborenen Sohn wäre. Eine familieninterne Legendenbildung zieht Fulbrook jedoch nicht einmal in Betracht.

Fulbrooks Neigung, einen Kern der Selbstdarstellung als gegeben anzunehmen und zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zu machen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Immer wieder spricht sie von einem Dilemma Klausas, das sich aber letztlich nur auf Grundlage des nach 1945 Geschriebenen feststellen lässt (z.B. S. 66 u. 216). Wie groß aber das Bedürfnis Klausas und die offenkundige Notwendigkeit zur Selbstentlastung waren, zeigt sich in seiner grotesk anmutenden Schilderung der Deportation der Juden im August 1942. Obwohl tagelang tausende Juden gegenüber seinem Haus selektiert wurden und alles am helllichten Tage in der Kleinstadt vor sich ging, will er nie davon gewusst haben. Nur einmal sei ihm ein „Elendszug“ Juden begegnet. In einem Telefonat mit dem Polizeichef habe dieser ihm gesagt, er solle sich lieber heraushalten, die Juden kämen in eine Judenrepublik nach Russland (S. 256). Dies sei ein Wendepunkt gewesen, noch am gleichen Tag habe er um Einzug zur Wehrmacht gebeten. All dies kann Fulbrook minutiös widerlegen, und doch bleibt für sie im Kern ein Dilemma Klausas erhalten, dessen Existenz sich einzig auf die in ihrem Wahrheitsgehalt offenkundig mehr als zweifelhaften Memoiren stützt.

Wie wirkungsmächtig solche Selbstkonstruktionen und Legendenbildungen wie die Klausas sind, zeigt sich in Fulbrooks Buch, in dem wesentliche Elemente der Selbstdarstellung Klausas nicht kritisch hinterfragt, sondern als gegeben hingenommen werden. Es zeigt sich aber auch in der Familie Klausa: Wo im Allgemeinen durchaus ein kritischer Zugang zur NS-Vergangenheit gesucht und praktiziert wird, wie Ekkehard Klausas Vita und Publikationen zeigen[3], ist die Kritikfähigkeit in Bezug auf den eigenen Vater in Teilen anscheinend ausgesetzt. In nahezu jeder Fußnote, in der Ekkehard Klausa zitiert wird, sind es entlastende Argumente, die er ins Feld führt. Gleichwohl ist es ein Verdienst Fulbrooks, all dies transparent und für den Leser nachvollziehbar zu machen.

Ein abschließendes Urteil muss zwiespältig bleiben: Auf der einen Seite gelingt Fulbrook eine wichtige mikrohistorische Studie zur Verfolgung und Ermordung der Juden in einem Teil Ostoberschlesiens. Durch die Konzentration auf den Landrat Klausa allerdings verliert sie andere Akteure zu sehr aus dem Blick, und auch die Handlungsspielräume eines Landrats in der Region bleiben letztlich nur vage konturiert. In der Auseinandersetzung mit den Selbstkonstruktionen Klausas aber und deren Konfrontation mit der historischen Realität verfängt sich Fulbrook zu häufig in den familieninternen Legendenbildungen und hinterfragt deren Kern nicht.

Anmerkungen:
[1] Zum Zusammenhang von „Germanisierungspolitik“ und Judenmord in dieser Region vgl. Sybille Steinbacher, „Musterstadt Auschwitz“. Germanisierungspolitik und Judenmord in Ostoberschlesien, München 2000. In konzentrierter Form auch zuletzt: Sybille Steinbacher, Ostoberschlesien, in: Wolf Gruner / Jörg Osterloh (Hrsg.), Das „Großdeutsche Reich“ und die Juden. Nationalsozialistische Verfolgung in den „angegliederten“ Gebieten, Frankfurt am Main 2010, S. 283–308.
[2] Rutka Laskier, Rutkas Tagebuch. Aufzeichnungen eines polnischen Mädchens aus dem Ghetto, Berlin 2011.
[3] Zum Beispiel: Ekkehard Klausa, Ganz normale Deutsche. Das Judenbild des konservativen Widerstandes, in: Johannes Tuchel (Hrsg.), Der vergessene Widerstand. Zur Realgeschichte und Wahrnehmung des Kampfes gegen die NS-Diktatur, Göttingen 2005, S. 183–207.

ZitierweiseMarkus Roth: Rezension zu: Fulbrook, Mary: A Small Town Near Auschwitz. Ordinary Nazis and the Holocaust. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 11.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-184>.

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