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D. Danzer: Zwischen Vertrauen und Verrat

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Rüdiger Bergien <bergienzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen (1918–1960)
Reihe:Freunde – Gönner – Getreue 005
Ort:Göttingen
Verlag:V&R unipress
Jahr:
ISBN:978-3-89971-939-0
Umfang/Preis:576 S.; € 67,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Ragna Boden, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland
E-Mail: <boden001yahoo.de>

Vertrauen und Verrat gehören zu den Grundelementen sozialer Beziehungen, im Privaten wie in der Politik. Sie erlangen existentielle Bedeutung in Zeiten politischer Verfolgung und Unterdrückung. Für Kommunisten im 20. Jahrhundert stellte sich vor diesem Hintergrund die Herausforderung, ihr Umfeld so zu gestalten, dass sie auch in den wechselnden politischen Kontexten bestehen konnten. Eine der zentralen Fragen dabei ist, wie sie in ihren Beziehungssystemen konfligierende Interessen und Loyalitäten lösten.

Die Forschungslage zu einzelnen Persönlichkeiten, zur Geschichte der KPD, SED und der internationalen kommunistischen Institutionen wie auch zu deutsch-sowjetischen Parteibeziehungen ist gut bis hervorragend. Es liegen auch Untersuchungen zur Rolle von Loyalität, Freundschaft und Solidarität in der kommunistischen Bewegung vor. Diese zeigen, wie sich diese Elemente instrumentalisieren und missbrauchen ließen, aber auch, wie sie als Kitt politischer und privater Bindungen fungierten und wie sie letztlich in der sowjetisch dominierten kommunistischen Politpropaganda dazu eingesetzt wurden, ganze Gesellschaften zu beeinflussen.[1]

Doris Danzer knüpft explizit oder indirekt an solche Studien an. In ihrem Buch, Ergebnis ihrer Dissertation am Historischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau, analysiert sie drei Lebensläufe mit dem Ziel, eine Kollektivbiographie zu erstellen. Was die Studie hier an Breite der Untersuchungsgruppe vermissen lässt, macht sie zum Teil in der Tiefe der Einzelporträts wieder wett. Die Schriftstellerin Anna Seghers, der Schriftsteller und Kulturfunktionär Willi Bredel und der Verleger Wieland Herzfelde stehen für Danzer exemplarisch für eine Generation um 1900 geborener KPD-Mitglieder, die ihre Hoffnungen und Karrieren über alle Wechselfälle hinweg mit der kommunistischen Partei verbanden.

Danzer folgt ihren Protagonisten in den Hauptkapiteln ihres Buchs von deren früher Sozialisation, der Motivation zum Eintritt in die KPD über das Leben im Exil seit 1933 bis hin zur Mitwirkung im Kulturbetrieb der DDR. Sie zeigt, dass soziale Beziehungen schon für den Eintritt in die KPD von Bedeutung waren, der wiederum durch die Parteizugehörigkeit der Eltern oder Partner motiviert war und der schließlich selbst den Beitritt von Partnern, Freunden und Bekannten bewirkte. Exilerfahrung und materielle Abhängigkeit vom kommunistischen Literaturbetrieb stärkten diese Bande noch. Das „funktionale Vertrauensverhältnis“ (S. 193) zur KPD überlagerte offensichtlich Zweifel wie auch den Wunsch nach intellektueller Unabhängigkeit.

In ihrem funktionalistischen (statt auf die Sozialisation und den Bildungsstand bezogenen) Verständnis von Intellektuellen beruft sich Danzer auf Krolls Untersuchungen zu kommunistischen Intellektuellen in Westeuropa.[2] Dabei, so könnte man aus Daniel Morats Überblick zur Intellektuellengeschichte ergänzen, kam und kommt gerade Schriftstellern als Mittlern zwischen Ideen und Öffentlichkeit eine wichtige Scharnierfunktion zu.[3] Danzer sucht nach Gründen für die Faszination, die der (institutionalisierte) Kommunismus auf Intellektuelle ausübte (S. 18) und stellt zwei Thesen zur „Geschichte der Intellektuellen und des Kommunismus“ (S. 19) vor: erstens, dass die sozialen Beziehungen eine erhebliche Rolle für den Parteieintritt und die lebenslange Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei spielten, und zweitens, dass sich aus den sozialen Beziehungen Rückschlüsse auf ihre Handlungsspielräume und auf ihr Verhältnis zur Partei ziehen lassen.

Unklarheiten ergeben sich bei den leitenden Fragestellungen. Danzer greift zwar den Begriff „Verrat“ noch auf, doch werden die beiden im Titel genannten Termini bald durch „Freundschaft“ als zentralen Begriff ersetzt (S. 21ff., S. 537). Dies irritiert ebenso wie die Frage „Waren sie [die drei Protagonisten] als überzeugte Kommunisten überhaupt zu Freundschaftsbeziehungen fähig?“ (S. 19), als handle es sich hier a priori um unvereinbare Kategorien.

Mehr Erkenntnisgewinn verspricht Danzers Ansatz, Widersprüchen zwischen intellektueller Freiheit und Parteibindung nachzuspüren (S. 23ff.), da der Anspruch der Partei auf Gehorsam und Deutungshoheit nicht mit der kritisch-distanzierten Rolle von Intellektuellen vereinbar war (S. 537). Zudem interessiert die Autorin, ob „Intellektuelle in der KPD Erfüllungsgehilfen oder autonome Akteure waren“ und ob sie ihre Ansprüche an die Partei erfüllt sahen (S. 19). Zu den beiden letzten Fragen fehlen laut Danzer Quellen, die die Selbstwahrnehmung als „Opfer“ oder „Mittäter“ beantworten könnten, ebenso wie Ansichten zur Erfüllung oder Enttäuschung der in die Partei gesetzten Hoffnungen (S. 535). Angesichts der hohen Risiken, die mit Partei- und Systemkritik verbunden waren, ist nachvollziehbar, dass Selbstaussagen zu solchen Themen rar sind. Danzer betrachtet hierzu das politische und gesellschaftliche Umfeld und kommt über plausible Analogieschlüsse zu dem Ergebnis, dass die Loyalität und dauerhafte Bindung an die kommunistische Partei sowohl in einem Festhalten an einem idealisierten Bild der kommunistischen Organisationen als auch in selbst gewählten Abhängigkeitsverhältnissen begründet lag: Da das persönliche Schicksal und die soziale Vernetzung eng mit der Partei verbunden waren, schien eine Distanzierung gravierende materielle und soziale Konsequenzen zu haben. Um den Preis der Selbsttäuschung und aus vermeintlichem Mangel an Alternativen blieben die zum Teil verfemten, dann wieder hoch gefeierten und mit Ämtern versehenen Literaturkader der Partei treu.

Die Stärken von Danzers Studie liegen in einer lebendigen Beschreibung der parallelen und zum Teil verflochtenen Lebensgeschichten vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse auf einer soliden Quellengrundlage. Auf der Basis von persönlichen Nachlässen und Briefwechseln von Bredel, Herzfelde und Seghers sowie ihres Umfeldes, aus den Kaderakten, aus Dokumenten des Ministeriums für Staatssicherheit, Parteidokumenten aus Deutschland und – in Kopie – aus Moskau, gedruckten Selbstzeugnissen und Werken setzt sie eigene Akzente und Deutungen. Erhellend ist auch der Exkurs zu den Geschlechterbeziehungen in der KPD, der insbesondere der Motivation von Frauen nachgeht, in die Partei einzutreten und vor diesem Hintergrund die Situation Seghers’ sowie die Beziehungen von Bredel und Herzfelde zu Partnerinnen und Kolleginnen beleuchtet.

Wünschenswert wäre eine präzisere Fassung der Leitfragen im Verhältnis zum Buchtitel gewesen, ebenso die Abgrenzung zwischen dem Begriff der Freunde und der Genossen sowie eine konzeptuelle Einordnung der Arbeit in den Kontext der neueren Biographie- und Netzwerkforschung.[4] Auch ein punktueller oder systematischerer Vergleich mit Oppositionellen und/oder systemtreuen Schriftstellern in der Sowjetunion wäre angesichts der Forschungslage möglich und erhellend gewesen. Danzers Leistung ist es, sich anhand von drei prominenten Beispielen mit der Frage befasst zu haben, was deutschsprachige Intellektuelle der Gründungsgeneration zum Eintritt und Verbleib in der KPD bzw. SED bewegte, und dies unter dem Gesichtspunkt, welche Rolle soziale Bindungen dabei spielten.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Jan C. Behrends, Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR, Köln 2006; Bert Hoppe, In Stalins Gefolgschaft. Moskau und die KPD 1928–1933, München 2007; Bernhard B. Bayerlein (Hrsg.), „Der Verräter, Stalin, bist Du!“ Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941, Berlin 2008.
[2] Thomas Kroll, Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945–1956), Köln 2007; ders., Kommunistische Intellektuelle im westlichen Deutschland (1945–1956). Eine glaubensgeschichtliche Untersuchung in vergleichender Perspektive, in: Geschichte und Gesellschaft 33 (2007), S. 258–287.
[3] Daniel Morat, Intellektuelle und Intellektuellengeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 20.11.2011, <docupedia.de/zg/Intellektuelle_und_Intellektuellengeschichte?oldid=84628> (13.02.2013).
[4] Christian Stegbauer (Hrsg.), Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Wiesbaden, 2. Aufl. 2010; Berthold Unfried (Hrsg.), Transnationale Netzwerke im 20. Jahrhundert. Historische Erkundungen zu Ideen und Praktiken, Individuen und Organisationen, Leipzig 2008.

ZitierweiseRagna Boden: Rezension zu: Danzer, Doris: Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen (1918–1960). Göttingen 2012, in: H-Soz-u-Kult, 29.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-217>.

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