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Geschichte allgemein

T. Brinkmann: Migration und Transnationalität

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Migration und Transnationalität
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-506-77164-3
Umfang/Preis:192 S.; € 16,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Melanie Eulitz, Universität Leipzig
E-Mail: <meulitzuni-leipzig.de>

Die Reihe Perspektiven deutsch-jüdischer Geschichte, herausgegeben von Rainer Liedtke und Stefanie Schüler-Springorum im Ferdinand Schöningh Verlag, hat zum Ziel, in sieben Bänden einen umfassenden historischen Überblick über die Erfahrung von Juden im deutschen Sprachraum von 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart zu geben. Diese Bände sind thematisch geordnet und umfassen bislang „Kultur und Gedächtnis“ von Klaus Hödl [1] sowie den hier vorliegenden Band zu Migration und Transnationalität.

Tobias Brinkmann, Associate Professor für Jüdischen Studien und Geschichte an der Staatlichen Universität von Pennsylvania (USA), schafft ein Übersichtswerk über die deutschen Juden, das nicht an den deutschen Grenzen stehen bleibt. Stattdessen wird deren Geschichte global betrachtet und gleichzeitig die Beziehung zwischen „deutschen und anderen Juden“ (S. 61) in den Blick genommen. Der Autor setzt in diesem Band konsequent die Forderung der transnationalen Forschungen um, den oftmals nationalstaatlich-verengten Horizont zu erweitern und durch die transnationale Perspektive eine differenzierte Betrachtungsweise der Entwicklungen der deutschen Juden zu gewinnen.

Bereits in der Einleitung macht Brinkmann deutlich, warum es sich besonders lohnt, die deutsch-jüdische Geschichte aus einer transnationalen Blickrichtung zu betrachten: Das deutsche Judentum war bis 1933 eines der wichtigsten Zentren in der weltweiten jüdischen Diaspora. Deutsche Juden definierten jüdische Identität neu und hatten somit im 19. Jahrhundert eine Vorbildfunktion für Juden in West- und Osteuropa. Zugleich bildete zu dieser Zeit Deutschland den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte des Judentums. Natürlich macht die transnationale Analyse besonders Sinn, weil die deutsch-jüdische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert wesentlich durch Migration, einer der bedeutendsten Aspekte der transnationalen Geschichte, geprägt wurde.

Diesen Themen nähert sich Brinkmann in sechs thematisch abgegrenzten und chronologisch geordneten Abschnitten. Er beginnt im ersten Kapitel Emanzipation und Migration mit den wesentlichen Wanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert: Zum einen begaben sich im Zuge des neu aufkommenden Phänomens der Massenemigration hunderttausende mitteleuropäischer Juden nach Nordamerika. Gründe für diese jüdische Auswanderung waren „antijüdische Gesetzgebung, gesellschaftliche Diskriminierung, gewaltsame Ausschreitungen und Armut“ (S. 15). Zum anderen, aber durchaus verbunden mit der ersten Migrationsbewegung, setzte nach dem Napoleonischen Krieg eine jüdische Stadt-Land-Wanderung in Mitteleuropa ein. Im Kaiserreich lebten schon Ende des 19. Jahrhunderts mehr als zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung in der Stadt.

Im zweiten Abschnitt Deutsche Juden transnational geht Brinkmann der Frage nach, welchen Einfluss das deutschen Judentum auf die jüdische Diaspora hatte. Das Kaiserreich wird durch seine zahlreichen Forschungsuniversitäten, drei bedeutende Rabbinerseminare sowie der deutsch-jüdischen Reformbewegung nach 1800 zu einem der wichtigsten Zentren der – durch die Ausdehnung von Kommunikations- und Transportnetzwerke gerade entstehenden – jüdischen Diaspora. „Deutsch“ beziehungsweise „German“ wird vor allem in Amerika zu einem Synonym für soziale Mobilität, Assimilation und Status. Dabei bezieht sich der Begriff „deutscher Jude“ nicht nur auf Juden, die aus dem Kaiserreich kommen, sondern beschreibt „die Herkunft aus einem weit definierten »Deutschland«, welches große Teile Ostmitteleuropas umfasst“ (S. 47) sowie Juden, die deutsch sprechen. In der Kaiserzeit prägte das deutsche Judentum aber nicht nur die jüdische Diaspora, sondern wurde wiederum durch Einflüsse von Einwanderern, vor allem durch die Juden aus Osteuropa, geprägt. Der Umgang mit diesen Ein- und Durchwanderern wird im nächsten Abschnitt Deutsche und andere Juden thematisiert.

Die Jahre 1914 bis 1933 werden von Tobias Brinkmann als Wendepunkt und Umbruch betitelt. Der Erste Weltkrieg bedeutete das weitgehende Ende von transnationalen Kooperationen: Obwohl sich die soziale und wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa nach dem Krieg stark verschlechterte, wurden jüdische Hilfsvereinigungen stark bei ihrer Tätigkeit behindert. Bei der Emigration osteuropäischer Juden gen Westen blieben viele von ihnen in Deutschland, weil die traditionellen Einwanderungsländer (USA; Großbritannien) ihre Tore für Zuwanderer aus Osteuropa schlossen. Die Einwanderung konzentrierte sich besonders in Berlin: „Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich Berlin für mehrere Jahre zu einem Dreh- und Angelpunkt der jiddischensprachigen Diaspora zwischen den traditionellen Zentren jüdischen Lebens in Osteuropa und den neuen Zentren in New York, London und Palästina. Kennzeichnend für die Lebenswelt osteuropäischer Juden in Berlin nach 1918 war die hohe Fluktuation. Der Eisenbahnknotenpunkt Berlin war ein traditioneller Übergangsort für Migranten aus Osteuropa. Vor dem Krieg hatten die preußische Regierung und die Schifffahrtsgesellschaften die Durchwanderer aus dem Russischen Reich und der Habsburgmonarchie von der Bevölkerung isoliert und in Eiltempo durch die Stadt geschleust. Nach 1918 avancierte Berlin für jüdische und andere Flüchtlinge und Migranten aus Osteuropa zur vorläufigen Destination.“ (S. 113/114) In den 1920er Jahren kehrten manche osteuropäische Juden in ihre Heimat zurück oder zogen weiter nach Westen, besonders nach Paris. Mehrere Tausend blieben jedoch in Berlin.

Die Zeit des nationalsozialistischen Regimes, während dessen Herrschaft in kurzer Zeit eines der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens zerstört wurde, fasst Brinkmann in dem Kapitel Emigration, Flucht und Deportation 1933 – 1945 zusammen. Auch hier stehen die Bewegungen in das Deutsche Reich sowie aus dem Reich im Vordergrund, wie an den Zwischenüberschriften „Emigration und Flucht“, „Deutsche Juden im Exil“, „Emigration und Flüchtlinge im Krieg“ und „Deportation“ deutlich wird. Im letzten Kapitel Gepackte Koffer und neue Zuwanderer geht es um die Zeit von 1945 bis circa 2010. Wesentliche Punkte dabei sind die Lager für „Displaced Persons“ (S. 155) bis ungefähr 1952 in den Westlichen Besatzungszonen beziehungsweise der BRD, das Verhältnis beider deutscher Staaten zu Israel sowie zu Vertretern der jüdischen Diaspora, die deutsche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocausts sowie die jüdische Zuwanderung aus der Sowjetunion seit 1990. Letztere prägte die jüdischen Gemeinden in den vergangen zwei Jahrzehnten wesentlich und veränderten deren „Zusammensetzung und [.. ] Selbstverständnis […] völlig“ (S. 181).

Tobias Brinkmann gelingt mit dem Band Migration und Transnationalität ein sehr gut zu lesendes Überblickswerk. Dabei geht das Buch weit über eine Aneinanderreihung von Fakten hinaus. Stattdessen wird die deutsch-jüdische Geschichte eingebunden in eine Historie der jüdischen Diaspora, die durch Wanderung, aber auch durch Zusammenarbeit von internationalen Organisationen und durch die Kommunikation über gemeinsame Medien geprägt ist. Weiterhin wird die jüdische Geschichte nicht isoliert betrachtet, sondern mit den Bewegungen und Brüchen der europäischen und nordamerikanischen Entwicklungen verwoben. So wird zum Beispiel deutlich, dass die jüdisch-osteuropäische Migration nach Nordamerika im 19. Jahrhundert nur im Zusammenhang mit der gesamten europäischen transatlantischen Massenemigration zu verstehen ist und gleichzeitig nur einen unbedeutenden Bruchteil dieser ausmachte (S. 13f.). Natürlich bringt auch dieser Band die Nachteile eines Überblickswerkes mit sich: An vielen Stellen muss der Autor an der Oberfläche bleiben, so dass einige Ungenauigkeiten entstehen. Zugunsten der Lesbarkeit sind die Quellen- und Literaturangaben stark reduziert. Aber auf diese Weise ist ein wertvolles Buch für eine Leserschaft weit über den Wissenschaftsbereich hinaus entstanden.

Anmerkungen:
[1] Klaus Hödl, Perspektiven deutsch-jüdischer Geschichte: Kultur und Gedächtnis. Paderborn, 2012.

ZitierweiseMelanie Eulitz: Rezension zu: Brinkmann, Tobias: Migration und Transnationalität. Paderborn 2012, in: H-Soz-Kult, 18.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=19593>.

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