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Europäische Geschichte

M. Stadelmann: Großfürst Konstantin Nikolaevič

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Wiese <stefan.wiesestaff.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Großfürst Konstantin Nikolaevič. Der persönliche Faktor und die Kultur des Wandels in der russischen Autokratie
Reihe:Forschungen zur Osteuropäischen Geschichte 79
Ort:Wiesbaden
Verlag:Harrassowitz Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-447-06706-5
Umfang/Preis:geb.; 470 S.; € 84,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Benjamin Beuerle, Sonderforschungsbereich 640 / Lehrstuhl für Geschichte Osteuropas, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <Benjamin.Beuerlegeschichte.hu-berlin.de>

Ein „bringing personality back in“ (S. 10) möchte Matthias Stadelmann einläuten – meint er doch, es sei „aus dem Blickfeld der Historiker geraten“, dass „historische Entwicklungen wesentlich von Personen abhängen“ (S. 6f.). So viel sei hier vorweggenommen: Man muss diese Ansicht nicht teilen, um die vorliegende „biographisch operierende Studie“ (S. 9) über das politische Wirken des Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch (1827–1892) mit Gewinn zu lesen. Auf knapp 450 Seiten stellt Stadelmann dar, warum er diesen Bruder Alexanders II. als „die wichtigste Persönlichkeit“ für Russlands Ära der „Großen Reformen“ erachtet, welche ohne Konstantin „so, wie wir sie kennen, nicht verlaufen wäre“ (S. 435). Die Darstellung konzentriert sich hierfür auf die drei wesentlichen Stationen der politischen Laufbahn des Großfürsten: Das Marineministerium ab 1850 (S. 15–105), die Durchsetzung der Bauernbefreiung 1856–1861 (S. 107–243) und die polnische Statthalterschaft 1862–1863 (S. 295–395).

Im Marineministerium kommen erstmals drei Elemente zum Tragen, welche im politischen Wirken des Großfürsten durchweg eine entscheidende Rolle spielen werden: Zunächst die besondere Rolle des Kaiserbruders im politischen Tagesgeschäft: Formell ist er anderen Amtsträgern entsprechenden Ranges gleichgestellt, tatsächlich jedoch aufgrund seines privilegierten Zugangs zum Kaiser deutlich einflussreicher. Zum Zweiten ist es der Umstand, dass der Großfürst Elemente einer „Kultur des Wandels“ in die praktische Politik holt, die zuvor nur abstrakt diskutiert werden konnten: Aufrichtigkeit und Öffentlichkeit (Glasnost), die Beteiligung der Betroffenen am Beratungsprozess, Gesetzlichkeit und Verlässlichkeit. Zum Dritten verbindet sich dieser Ansatz mit einem äußerst ungestümen Charakter. Infolgedessen tritt Konstantin in den jeweiligen Verhandlungen mit bis dato unerhörter Schroffheit und Direktheit auf. Zusammengenommen führt dies dazu, dass der Großfürst polarisiert: Für die einen ist er „Prophet des Wandels“, auf welchem, „einem Messias gleich“, die Hoffnungen für die ersehnte Umgestaltung Russlands ruhen (S. 101, 158). Die anderen sind höchst irritiert von seinem Stil, seiner Reformpolitik und seiner „geradezu dämonischen Entschlossenheit“ (S. 250).

Im Kapitel über die Bauernbefreiung geht Stadelmann ausführlich auf die hartnäckigen Widerstände gegen dieses Reformprojekt ein. So kann er plausibel machen, dass in diesem Kontext mehr zugunsten der Bauern kaum durchsetzbar war, und dass der engagierte Einsatz des Großfürsten in den verschiedenen Beratungskomitees und als Vertrauter des Zaren für die Durchsetzung der Reform eine zentrale Rolle spielte. Die wesentliche Voraussetzung für diese Wirkungsmächtigkeit sieht Stadelmann dabei gerade in der Konstellation von entscheidungsschwachem Kaiser und äußerst durchsetzungswilligem Kaiserbruder, der sich freilich formal jederzeit der Entscheidungsgewalt des Kaisers unterwirft.

Von der zu Anfang der 1860er-Jahre erreichten „dominierenden Stellung in der Politik“ (S. 300) geht es allerdings mit der Übernahme der polnischen Statthalterschaft 1862–1863 steil bergab. Gerade weil der Großfürst nach dem Ausbruch des polnischen Aufstandes im Januar 1863 ein regelrechtes „Fiasko“ erlebt, wird deutlich, wie konsequent er hinter der „Kultur des Wandels“ steht. Anstatt den Aufstand, wie in Petersburg und vom Kaiser selbst erwartet, mit gnadenloser Härte niederzuschlagen, bemüht sich Konstantin Nikolajewitsch weiterhin, rechtsstaatlichen Prinzipien zu folgen, die Zivilbevölkerung zu schonen sowie die polnische Gesellschaft einzubinden. Doch mit diesem Ansatz wird der Kaiserbruder zum Buhmann in der Petersburger Öffentlichkeit. Als er im August 1863 faktisch aus Warschau abberufen wird, ohne den Aufstand beendet zu haben, ist er in der Hauptstadt ein „Aussätziger“.

Lange währt dies jedoch nicht. Konstantins Zeit als Staatsratsvorsitzender (1865–1881) wird im V. Kapitel nur noch kursorisch abgehandelt. Zwei Dinge sind hier vor allem von Bedeutung: Zum einen sein schon 1866 erstmals vorgelegtes, ab 1880 wieder aufgegriffenes und von Loris-Melikow in modifizierter Form beim Kaiser durchgesetztes Projekt einer Erweiterung des Staatsrates um beratende Deputierte der Semstwa. Stadelmann sieht hier erste Ansätze zu einer „Transformation der Autokratie in eine konstitutionelle Monarchie“ (S. 442). Das Abrücken von diesem Reformkonzept nach der Ermordung Alexanders II. wertet er als „fatal“, gleichsam als Anfang vom Ende des Zarenreiches. Zum anderen sind die Umstände bedeutsam, welche zu diesem Kurswechsel führen: Nicht eigene politische Überzeugungen, sondern persönliche Animositäten gegen den Reformer Konstantin lassen den neuen Kaiser, Alexander III., von der Reformpolitik abrücken und treiben ihn „in die Arme mittelmäßiger Fanatiker wie K. P. Pobedonoscev, retrograder Bürokraten wie Graf D. A. Tolstoj oder reaktionärer Publizisten wie M. N. Katkov“ (S. 432).

Spätestens hier wird deutlich, dass es beim „persönlichen Faktor“ nicht allein um den schlichten Umstand geht, dass politische Entscheidungen von bestimmten Persönlichkeiten abhängen. Damit zeigt sich auch die Stärke von Stadelmanns Ansatz, so vermessen sein eingangs erwähnter Anspruch auch erscheint: Eine „Wiederentdeckung“ der Bedeutung des Individuums in der Geschichte ist im Forschungskontext der letzten Jahre zwar schwerlich nötig. So umfassend wie in Stadelmanns Buch ist jedoch die politische Wirkmächtigkeit des „Persönlichen“ in seinen verschiedenen Dimensionen selten untersucht worden. Deutlich wird dies nicht zuletzt, wenn es um die politische Bedeutung spezifisch persönlicher Konstellationen geht. Während unmittelbar einleuchtet, dass das gute Verhältnis des Großfürsten zum kaiserlichen Bruder für seine politische Wirkmächtigkeit eine zentrale Rolle spielt, wirken andere Thesen dieser Kategorie durchaus originell: Hintertrieb Innenminister Walujew einzig aufgrund seiner „persönlichen Antipathien und Eitelkeiten“ die Reformpläne des Großfürsten (S. 412)? Rückte Alexander III. eben deshalb vom Reformkurs ab, weil er seinen Onkel nicht leiden konnte? Indem sich Stadelmann ganz überwiegend auf Tagebücher und Memoiren stützt, zeigt er sich für diese Art von Argumentationsführung zumindest gut gerüstet. Persönliche Befindlichkeiten und auch der Klatsch und Tratsch der Petersburger Gesellschaft kommen hierbei nicht zu kurz. Zusammen mit Stadelmanns bildhafter Sprache trägt auch dies dazu bei, dass sich dieses Buch unterhaltsam liest.

Allerdings birgt dieser Ansatz auch Gefahren. Wer in einer Untersuchung über den Einfluss des „persönlichen Faktors“ in der Politik sein Augenmerk ganz auf eine Persönlichkeit richtet, steht natürlicherweise in der Gefahr, den Einfluss dieser Persönlichkeit zu überschätzen. Dass der Großfürst für die Durchsetzung des Reformkurses während der Herrschaft seines Bruders eine zentrale Rolle spielt, wird durch die Untersuchung plausibel. Doch muss er damit gleich die „wichtigste Persönlichkeit“ überhaupt für das Zeitalter der Großen Reformen sein, die mit ihrem politischen und persönlichen Wirken über Wohl und Wehe der Reformen entscheidet? Zumindest fraglich ist vor dem Hintergrund anderer Studien, ob der Kaiser gar so entscheidungsschwach war, wie hier dargestellt.[1] Im Übrigen betont Stadelmann wohlgemerkt selbst die „gegenseitigen Bedingtheiten von Individuum und Kollektiv, von Persönlichkeit und Kontext, von Handlung und Struktur“ (S. 7); er weiß auch um die wichtige Rolle anderer Individuen für die zentralen Reformentscheidungen, wie etwa Rostowzews und später Loris-Melikows. In der Gesamtschau erscheint das eine wie das andere dennoch unterbewertet gegenüber dem alles überragenden Großfürsten. Das gilt selbst für Alexander Golownin, jenen engen Berater und Vertrauten seit der Zeit im Marineministerium, dessen „enorm[er]“ Einfluss (S. 274f.) auf Genese und Inhalt von Konstantin Nikolajewitschs reformistischem Politikansatz doch immer wieder betont wird. So wirkungsmächtig diese Person damit erscheint, bleibt ihr doch nicht nur ein ausführliches Porträt, sondern auch eine Erwähnung in der „Conclusio“ verwehrt.

Trotz dieser Fragen und Einwände gilt: Stadelmanns Buch erfindet zwar das Rad nicht neu. Es lädt jedoch dazu ein, die verschiedenen Aspekte des „Persönlichen“ und ihre Rolle für die Politik stärker zu reflektieren, als dies in aller Regel geschieht. Zugleich wirft es ein neues Licht auf das Zeitalter der „Großen Reformen“ in Russland. Lesenswert für alle jene, die sich mit dieser Epoche beschäftigen, ist es damit allemal.

Anmerkung:
[1] Hélène Carrère d´Encausse, Alexandre II. Le printemps de la Russie, Paris 2008, S. 102f., 110f., 125 u.a.

ZitierweiseBenjamin Beuerle: Rezension zu: Stadelmann, Matthias: Großfürst Konstantin Nikolaevič. Der persönliche Faktor und die Kultur des Wandels in der russischen Autokratie. Wiesbaden 2012, in: H-Soz-u-Kult, 01.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-082>.

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