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Theoretische und methodische Fragen

J. Dülffer u.a. (Hrsg.): Dimensionen internationaler Geschichte

 
Titel:Dimensionen internationaler Geschichte
Reihe:Studien zur Internationalen Geschichte 30
Herausgeber:Dülffer, Jost; Loth, Wilfried
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-71260-5
Umfang/Preis:VI, 432 S.; € 59,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Ines Prodöhl, Deutsches Historisches Institut, Washington DC
E-Mail: <prodoehlghi-dc.org>

Mitte der 1990er-Jahre fanden sich namhafte deutsche Historiker zusammen – darunter Wilfried Loth, Anselm Doering-Manteuffel, Jost Dülffer und Jürgen Osterhammel –, um die mittlerweile fest etablierten und renommierten „Studien zur Internationalen Geschichte“ zu gründen. In diesem Kontext wurde im Jahr 2000 ein Sammelband über „Themen – Ergebnisse – Aussichten“ der internationalen Geschichte publiziert, der im deutschsprachigen Kontext erstmals die zahlreichen neueren Ansätze an der Schnittstelle zwischen den internationalen Beziehungen und der neueren Kultur- und Sozialgeschichte sowie die methodisch-theoretischen Reflexionen über diese Verknüpfung bündelte.[1] 2012 ist nun eine Art Zwischenbilanz zu eben jenem Thema erschienen, herausgegeben von Jost Dülffer und Wilfried Loth. Der unter dem Titel „Dimensionen internationaler Geschichte“ vorliegende Band hat sich zum Ziel gesetzt, den in den letzten Jahren erzielten „Forschungsfortschritt“ (S. 7) auf dem Feld der internationalen Geschichte bewusst zu machen. Der Terminus „internationale Geschichte“ wird dabei in erster Linie als ein Forschungsprogramm verstanden, „dessen wesentlichstes Kennzeichen der Pluralismus“ sei (S. 5). Dementsprechend will der Band auch die Ansätze der transnationalen und der globalen Geschichte bündeln sowie Fragen nach Verflechtungen und Transfers einbeziehen.

Tatsächlich liefern die 21 Beiträge ein breites Panorama der internationalen Geschichte; sie geben in der Gesamtschau einen erhellenden und anregenden Einblick in die vielseitigen Forschungstendenzen sowie die unterschiedlichen theoretisch-methodischen Ansätze des Faches. Zusammengenommen spiegeln die Texte aktuelle historiographische Debatten und bieten zahlreiche Ideen und Anknüpfungspunkte für die eigene wissenschaftliche Arbeit. Da die Herausgeber den Autorinnen und Autoren eine größtmögliche Offenheit bei der Herangehensweise zu den entsprechenden Themen gewährt haben, fallen die Aufsätze in ihrer Anlage recht heterogen aus. Darin liegt in gewisser Hinsicht ein Reiz, da der Band somit wahrlich zum Diskussionsbeitrag im Rahmen der internationalen Geschichte / Globalgeschichte wird. Er eignet sich deswegen allerdings weniger als Studienbuch in der universitären Lehre, was offensichtlich auch nicht explizit beabsichtigt war.

Gleichwohl sind die Einzelbeiträge zu den verschiedenen Themen meist sehr anschaulich entlang zentraler Fragen und Forschungstendenzen aufgebaut. So werden in Beiträgen zu eher klassischen Themenfeldern wie „Diplomatie“ (Johannes Paulmann) oder „Hegemonie und Gleichgewicht“ (Wolfram Pyta) neuere methodische Ansätze verwoben, was zu originellen Perspektiven auf bekannte Themenfelder führt. Erhellend für die Verbindung klassischer und neuerer Ansätze ist etwa der Beitrag von Wilfried Loth über „Angst und Vertrauensbildung“, in dem er am Beispiel des Kalten Krieges zeigt, dass Machthandeln nicht rein machiavellistisch begründet ist, sondern maßgeblich von Gefühlen beeinflusst wird. Neben den klassischen Themen der internationalen Geschichte, wozu im weitesten Sinne auch die zahlreichen Beiträge zur internationalen Organisation gehören, greift der Band etliche neuere Themenfelder auf, wie zum Beispiel „Umwelt“ (Ursula Lehmkuhl) oder „Transnationale Familien“ (Simone Derix).

Die „Dimensionen der internationalen Geschichte“ lassen sich eben wegen ihres pluralistischen Ansatzes allerdings auch bezüglich möglicher Forschungsdesiderate innerhalb des Faches befragen. Zusammengenommen legen die Texte frei, mit welchen Schwierigkeiten Historikerinnen und Historiker zu kämpfen haben, die sich derartigen Fragen stellen. Auf der Grundlage des vorliegenden Bandes lassen sich im Wesentlichen drei Forschungsdesiderate bzw. Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit internationaler Geschichte ausmachen: So liegt vielen Beiträgen ein demokratisch orientiertes Gesellschaftsbild und damit die Vorstellung einer aktiven Rolle der Zivilgesellschaft zugrunde (Holger Nehring über „Transnationale soziale Bewegungen“, Matthias Schulz über „Internationale Institutionen“ oder Anselm Doering-Manteuffel über „‚Soziale Demokratie’ als transnationales Ordnungsmodell im 20. Jahrhundert“). Hingegen scheint es bislang kaum Gegenstand der Forschung zu sein, inwiefern derartige Netzwerke und daran anknüpfende Rechtsnormen seitens faschistischer Strömungen oder Ideologien unterwandert und in Anspruch genommen wurden. Aus diesem Grund wäre ein erstes Forschungsdesiderat die Frage nach der dunklen Seite der internationalen Geschichte.[2]

Zweitens fällt der dominante Bezug zu Europa und Nordamerika auf, der angesichts der imperialen Ambitionen und damit der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung Europas und der im 20. Jahrhundert aufsteigenden USA zweifelsohne begründet ist. In diesem Kontext haben denn auch die Beiträge zur „Entwicklungspolitik“ (Marc Frey) sowie zur „Europäischen Integration“ (Kiran Klaus Patel) ihren berechtigten Platz. Insgesamt jedoch scheinen Entwicklungen außerhalb Europas sowie außereuropäische Einflüsse nur schwerfällig Einzug in die deutschsprachige Forschungslandschaft zur internationalen Geschichte zu halten. Diese Beobachtung erstaunt gerade angesichts wahrlich globaler Themen wie „Krieg“ (Jörg Echternkamp), „(Welt-)Öffentlichkeit“ (Friedrich Kießling) oder „Migration“ (Jochen Oltmer).

Ein drittes Forschungsdesiderat betrifft die – bislang zurückhaltende – Einbindung sozialistischer Staaten und Gesellschaften in das Netzwerk der internationalen Geschichte. Überspitzt formuliert erscheint nach der Lektüre der Beiträge nicht nur die DDR als „Fußnote der Geschichte“[3], sondern der gesamte Ostblock. (Ausnahmen bilden freilich Wilfried Loths schon erwähnter Aufsatz über „Angst und Vertrauensbildung“ sowie Christiane Hatzkys Beitrag über Hierarchien am Beispiel der Sowjetunion, Kubas und Angolas.)

Die drei genannten Desiderate haben sicher verschiedene Gründe, die nicht nur in der Sprachkompetenz der Autorinnen und Autoren begründet liegen, sondern auch mit ihrer universitären Ausbildung sowie der disziplinären Forschungslandschaft in Deutschland zusammenhängen. So kommen in dem Band beinahe ausschließlich deutsche und / oder durch die deutsche Forschungslandschaft geprägte Historikerinnen und Historiker zu Wort. Die obigen Überlegungen sollten dazu anregen, das Fachgebiet der internationalen Geschichte thematisch noch weiter zu öffnen und gleichzeitig methodisch-analytisch zu schärfen. Ansonsten nämlich läuft die internationale Geschichte – so ein Fazit aus der Lektüre – Gefahr, in die Beliebigkeit abzudriften.

Aus diesem Grund erscheint es auch nachteilig, dass die konzeptionellen Überlegungen der Herausgeber nur bedingt transparent werden – und damit die Kriterien, nach denen die versammelten Themen zu „zentralen Phänomenen und Kategorien“ (S. 6) der internationalen Geschichte erklärt werden. Anselm Doering-Manteuffel etwa analysiert höchst lesenswert und anregend die Idee einer gesellschaftlichen und staatlichen Verantwortung für das soziale Wohlergehen im europäisch-atlantischen Wirtschaftsraum des späten 19. und 20. Jahrhunderts. Ausgehend von den verschiedenen Konzeptionen des Liberalismus in Europa und den USA beschreibt Doering-Manteuffel die staatenübergreifende Verflechtung von internationaler Politik, Sozialpolitik und gesellschaftlicher Entwicklung bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Eben weil ein solch verwobener Ansatz an der Schnittstelle von Ideen- und Politikgeschichte nicht nur für das Konzept der „sozialen Demokratie“ ergiebig sein kann, regt der Aufsatz zu Fragen an das Gesamtkonzept an: Wieso haben nicht auch weitere Strömungen Einzug in den Band gefunden, wie etwa politische Religionen und deren Umsetzung in totalitären bzw. autoritären Staaten?

Ähnlich unscharf bleiben andere Felder, wie etwa traditionelle Religionen und Konfessionen, der globale Fluss von Populärkulturen oder wirtschaftliche Verflechtungen. Niels P. Petersson arbeitet für das Thema „Globalisierung“ in erster Linie Forschungstendenzen heraus und schärft dabei auf sehr anschauliche Weise den begrifflichen und methodischen Zugang. Folgerichtig beschränkt er den Begriff der Globalisierung nicht auf wirtschaftliche Transfers, sondern bezieht kulturellen und sozialen Austausch mit ein. Gleichwohl bleibt Petersson eine Ausnahme, wenn er im Rahmen des vorliegenden Bandes überhaupt den wirtschaftlichen Dimensionen der internationalen Geschichte nachgeht. Und schließlich bleibt fraglich, wieso es einen Beitrag zur Umweltgeschichte gibt, wenn Ursula Lehmkuhl feststellt, dass sich hier „nationale historiographische Traditionen eher konsolidiert haben und mit ihnen national-spezifische empirische Untersuchungsgegenstände und an nationalen Problemlagen orientierte Fragestellungen“ (S. 233) – eine Einschätzung, die allerdings diskussionsbedürftig wäre.

Diese konzeptionelle Schwäche[4], zu der im übrigen auch gehört, dass die Anordnung und der wechselseitige Bezug einzelner Beiträge wenig übersichtlich gestaltet sind, ändert jedoch nichts daran, dass der Band fundierten Aufschluss darüber gibt, womit sich die deutschsprachige Forschungslandschaft im Bereich der internationalen Geschichte beschäftigt. Es ist eine gewinnbringende und erhellende Lektüre. Die vielseitigen Anregungen in den Beiträgen sind zumeist erstklassig; in seiner Gesamtschau ist der Band ein intellektueller Impuls für all diejenigen, die sich mit „Dimensionen internationaler Geschichte“ auseinandersetzen.

Anmerkungen:
[1] Wilfried Loth / Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Internationale Geschichte. Themen – Ergebnisse – Aussichten, München 2000 (Guido Müller: Rezension zu: Loth, Wilfried; Jürgen Osterhammel (Hrsg.): Internationale Geschichte. Themen - Ergebnisse - Aussichten. München 2000, in: H-Soz-u-Kult, 28.02.2001, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=3668>. [20.04.2013]).
[2] Zahlreiche Anregungen dazu, wenn auch bezogen auf Europa, finden sich im Themenheft „Antiliberales Europa“, Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 9 (2012), Heft 3, hrsg. von Dieter Gosewinkel, Peter Schöttler und Iris Schröder: <www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Inhalt-3-2012> (20.4.2013).
[3] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 5: Von der Gründung der beiden deutschen Staaten bis zur Vereinigung 1949–1990, München 2008, S. 424f. und S. XVf.
[4] Vgl. auch die Hinweise in der für „geschichte.transnational“ entstandenen Rezension dieses Bandes von Peter Hoeres: Renzesion zu: Dülffer, Jost; Loth, Wilfried (Hrsg.): Dimensionen internationaler Geschichte. Berlin 2012, in: H-Soz-u-Kult, 11.01.2013, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=19569> (20.04.2013).

ZitierweiseInes Prodöhl: Rezension zu: Dülffer, Jost; Loth, Wilfried (Hrsg.): Dimensionen internationaler Geschichte. München 2012, in: H-Soz-u-Kult, 10.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-104>.

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