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Außereuropäische Geschichte

B. Stöver: United States of America

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jürgen Martschukat <juergen.martschukatuni-erfurt.de>
Autor(en):
Titel:United States of America. Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-40663-967-8
Umfang/Preis:763 S.; € 29,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Volker Depkat, Institut für Anglistik und Amerikanistik, Universität Regensburg
E-Mail: <volker.depkatsprachlit.uni-regensburg.de>

Einbändige Geschichten der USA haben in Deutschland gute Tradition, die ihre Berechtigung darin findet, dass hierzulande immer noch viele meinen, die USA seien ein Land ohne Geschichte, oder, wenn sie denn schon eine Geschichte haben, dann eine, die als bloße Variation der europäischen Geschichte zu schreiben sei. Diese Ansicht ist grundfalsch, weshalb sich schon mehrere ausgewiesene deutsche Amerikahistoriker die Mühe gemacht haben, die Grundzüge der Geschichte der USA in Form von Überblicksdarstellungen für ein deutschsprachiges Publikum aufzuarbeiten.[1]

Seit etwa den 1990er-Jahren ist das Geschäft mit den Gesamtdarstellungen noch schwieriger geworden, weil zunächst die sozial- und dann die kulturgeschichtliche Wende zu einer Vervielfältigung der Themen geführt hat. Darüber hinaus haben die Protest- und Emanzipationsbewegungen der 1960/70er-Jahre das Bewusstsein für die Vielfalt der Akteure und Akteurinnen in der amerikanischen Geschichte radikal erweitert. Das hat einerseits dazu geführt, dass die US-Geschichte nicht länger als die Geschichte weißer, angelsächsischer und protestantischer Männer (WASP) geschrieben werden kann, sondern als Geschichte einer immer schon multikulturellen und immer diverser werdenden Gesellschaft interpretiert werden muss. Andererseits werden marginalisierte Gruppen wie beispielsweise die African Americans oder die Indianer nicht länger mehr nur als Objekte und Opfer einer WASP-Geschichte begriffen, sondern auch als Subjekte in den historischen Prozessen der USA reflektiert. Vor diesem Hintergrund ist die hier angezeigte Monographie zu bewerten, die laut Klappentext immerhin die „erste ‚Histoire totale‘ der USA seit Jahrzehnten“ sein will.

Sie ist es nicht. Sie ist es nicht, weil die einzelnen Epochen der amerikanischen Geschichte sehr unausgewogen und in verworrener Chronologie behandelt werden. Sie ist es nicht, weil viele für das Verständnis der USA zentrale Kontexte kaum erörtert werden und ganze Bereiche, die für die aktuelle Geschichtsschreibung von geradezu definitorischer Bedeutung sind, komplett ausgeblendet werden. Und sie ist es nicht, weil hier ein insgesamt eher stereotypes Bild von der amerikanischen Geschichte entworfen wird, das zwar viele in Deutschland gängige Klischees bedient, aber nur wenig zur Aufklärung über die komplexe und höchst ambivalente historische Entwicklung der USA beiträgt. Letztere wird auf nur wenige Antriebskräfte reduziert, und zwar auf ein im Kern puritanisch fundiertes Missions- und Auserwähltheitsbewusstsein, marktkapitalistisches Gewinnstreben und imperialistische Expansion.

Die in dreizehn Großkapitel angelegte Darstellung geht nicht strikt chronologisch vor. Vielmehr teilt der Verfasser die Geschichte der USA in ungewöhnlicher Periodisierung in mehrere, sich teils überlappende Phasen ein. Dabei verbindet er chronologisch angeordnete Kapitel mit solchen, die Phänomene und Dimensionen der amerikanischen Kultur systematisch erörtern. Es beginnt mit einer anregenden essayistischen Reflexion über den „Amerikanischen Traum“ als Grundlage einer in Raum und Landschaft Nordamerikas verankerten amerikanischen Identität, und geht dann weiter mit Kapiteln zur englisch-britischen Kolonialzeit (1585–1763), dem Revolutionären Amerika (1763–1815), der Erschließung des Kontinents (1815–1890), zum Amerikanischen Bürgerkrieg und seinem Nachkrieg (1861–1917) sowie zur ersten Phase der amerikanischen Außenpolitik (1783–1918). Es folgt ein systematisches Kapitel zu „Melting Pot: Kulturen der Neuen Welt“, danach wird die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts breit behandelt: Auf das Kapitel zur Geschichte der Zwischenkriegszeit (1919–1941) folgt eines zu den USA im Zweiten Weltkrieg, eines zur Geschichte des Kalten Krieges (1945/47–1991) sowie ein weiteres systematisches Kapitel zur amerikanischen „Superculture“, bevor ein letztes Kapitel die Geschichte der USA seit dem Ende des Kalten Krieges skizziert.

Die flüssig geschriebene Darstellung ist chronologisch und inhaltlich sehr unausgewogen. Mal werden Grundprobleme eines Themas detailreich erörtert, mal wird eher Abseitiges groß aufgeblasen, dann wieder Zentrales überhaupt nicht thematisiert. Vor allem aber bleibt das, was hier „amerikanische Kultur“ genannt wird, auf merkwürdige Art ortlos, weil „amerikanische Kultur“ blockhaft, essentialistisch und ohne jede Verankerung in einem von Machtkämpfen strukturierten, sehr diversen politisch-sozialen Raum erörtert wird – und was die im elften Kapitel erörterte „Superculture“ der USA sein soll, ist vollkommen unklar.

Während die Kapitel zur Geschichte der USA seit dem Zweiten Weltkrieg insgesamt gut sind, was bei der ausgewiesenen Expertise des Verfassers zur Geschichte des Kalten Krieges nicht verwundert, reizen die Abschnitte zur US-Geschichte bis 1917 zu deutlicher Kritik. So liefert das Kapitel zur Kolonialzeit die Gründungsgeschichte einiger, aber nicht aller Kolonien, und erzählt nur wenig über die Lebenswelten der Kolonisten in dem regional stark differenzierten kolonialen Britisch-Nordamerika. Der Verfasser billigt dem puritanischen Neuengland zu Recht eine starke Prägekraft für den weiteren Verlauf der amerikanischen Geschichte zu, doch werden allein der religiöse Rigorismus, die fanatische Intoleranz, das manichäische Weltbild und das missionarische Auserwähltheitsbewusstsein der neuenglischen Puritaner erörtert. Kein Wort von den liberal-demokratischen Traditionen in den USA, die ebenfalls in den puritanischen Lebenswelten des kolonialen Neuengland wurzeln. Kein Wort von der Vielfalt der religiösen Einflüsse auf die Geschichte der USA, in dem immerhin die Katholiken seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts die größte konfessionelle Gruppe sind (ein Kapitel zur Religion fehlt ganz), kein Wort schließlich auch davon, dass die USA bei aller Religiosität zutiefst auch in der Aufklärung und einem daraus abgeleiteten, naturrechtlich begründeten radikalen Egalitarismus wurzeln. Bezeichnenderweise sieht der Verfasser die Außenpolitik Woodrow Wilsons vor allem in den "den Vorstellungen der puritanisch-christlichen Mission" wurzeln (S. 273), ohne Immanuel Kants Idee vom demokratischen Frieden, der sie eben auch und vielleicht sogar vor allem verpflichtet ist, überhaupt nur zu erwähnen.

Das Kapitel zur Amerikanischen Revolution enthält gute Passagen zu Charakter und Verlauf des Unabhängigkeitskrieges, doch ist es wirklich schwach bei der verfassungsrechtlichen Dynamik, ohne die nicht nur die Revolution, sondern die Geschichte der USA an sich nicht recht verständlich wird. Keines der föderalen und konstitutionellen Grundprobleme der Revolution und der frühen Republik gewinnt in den dürren, rein deskriptiven Passagen an Profil. Nichts von der Verwandlung des ursprünglichen Staatenbundes in den föderal verfassten Bundesstaat, nichts vom erbitterten Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern der Verfassung von 1787, nichts von den Problemen der sozio-ökonomischen Ausgestaltung der Republik, nichts von den ungeklärten Grundsatzfragen einer Verfassungsordnung, die 1789 erst einmal nur auf dem Papier stand. Ohne die verfassungsrechtliche Dynamik erschließt sich jedoch keine Phase der amerikanischen (Kultur-)Geschichte so richtig.

Das Kapitel „Die Erschließung des Kontinents, 1815–1890“ rückt die Vernichtung der Indianer als Völkermord im Sinne der UN-Konvention von 1948/51 in das Zentrum der Darstellung. So ausführlich wie bislang noch nie in deutscher Sprache wird hier von der aggressiven Expansion der amerikanischen Siedlergesellschaft über den amerikanischen Kontinent berichtet, die, zunächst vorangetrieben vom Landhunger der Pioniere, dann von der industriekapitalistischen Dynamik, einherging mit der sukzessiven Zerstörung der indianischen Kulturen. Daran gekoppelt war die legendenhafte Mystifizierung des amerikanischen Westens als identitätsprägender „Wilder Westen“. Dieser Prozess wird hier ebenfalls ausführlich und anschaulich erörtert, wobei vor allem die Ausführungen zur europäisch-amerikanischen Dynamik in der „Erfindung des Wilden Westens“ sehr erhellend und pointiert sind. Allerdings ist die Vernichtung ihrer Kultur leider auch das einzige, was der Leser hier über die Indianer erfährt. Kein Wort über die Vielfalt ihrer Lebensformen, kein Wort über die Indianer auch als Subjekte der amerikanischen Geschichte, die ihre eigene Ziele und Strategien verfolgen und mit der Entwicklung der Siedlergesellschaften auf höchst komplexe Weise verflochten waren. In Bernd Stövers Narrativ tauchen die Indianer als Opfer einer WASP-Geschichte immer nur dann auf, wenn sie vernichtet werden.

Ähnliches gilt für die – ohnehin unterentwickelte – Auseinandersetzung mit den African Americans, die ebenfalls allein als Objekt einer repressiven, von weißen, angelsächsischen und protestantischen Männern gemachten Geschichte erscheinen. Besonders deutlich wird dies in der Darstellung des Bürgerkrieges, die sich hier weitgehend in einer eher oberflächlichen Präsentation des militärischen Geschehens erschöpft. Der Bürgerkrieg als ein Krieg vieler Kriege, dessen föderale Dynamik und dessen Radikalisierung hin zu einem Krieg zur Abschaffung der Sklaverei gewinnen kaum an Kontur. Ebenso wird das ganze Drama der Reconstruction als einer „unfinished revolution" (Eric Foner), in dem die African Americans eine maßgebliche Rolle bei ihrer Selbstbefreiung spielten, nicht auch nur in Ansätzen greifbar. Dafür werden in dem Kapitel zur Reconstruction, die immerhin in den 1870er-Jahren auslief, auch die ins 20. Jahrhundert fallende „Great Migration“ der African Americans in die urbanen Zentren des Nordens sowie die kulturelle Blüte der „Harlem Renaissance“ der 1920er-Jahre kursorisch behandelt. Der tumultuarische Durchbruch der Industrialisierung zwischen 1870 und 1917, die die tiefgreifende Transformationen von Staat und Gesellschaft im Zuge der Herausbildung einer spezifischen amerikanischen Modernität mit sich brachte, wird als „Nachkrieg“ auf gerade einmal elf Seiten abgehandelt. Da passt es, dass das „Progressive Movement“ als die für das amerikanische Denken über soziale Reform und Wohlfahrtstaatlichkeit zentrale Bewegung gar nicht erklärt wird.

Und dann sind da die vielen sachlichen Fehler, Ungenauigkeiten und Verkürzungen. Die Liste ist lang, hier nur einige Beispiele. Harvard University wurde nicht in erster Linie gegründet, um „Bildung“ als „Schlüssel für den sozialen Aufstieg“ zu ermöglichen, sondern um Predigernachwuchs für die Neuenglandkolonien auszubilden (S. 52f.). Frankreich konnte sein Kolonialgebiet in Nordamerika nicht bis ins 19. Jahrhundert „vom Golf von Mexiko bis ins heutige Kanada ausdehnen“ (S. 32), sondern schied mit dem Siebenjährigen Krieg als Machtfaktor auf dem Kontinent aus. Die kontinentale Grenze zu Kanada wurde nicht schon vollständig im Frieden von Paris (1783) geregelt (S. 104), sondern erst einmal nur bis zum „Lake of the Woods“. Es war nicht „Shay’s Rebellion“, sondern „Shays’ Rebellion“, weil der Namensgeber nicht Daniel Shay, sondern Daniel Shays hieß (S. 112). Washington zog sich am Ende seiner Amtszeit als Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee nicht „unspektakulär“ ins Privatleben zurück, sondern lieferte ein Meisterstück öffentlich inszenierten politischen Theaters, das vor allem die Unterordnung des Militärs unter die zivile Gewalt ostentativ demonstrieren sollte (S. 112). Henry Clays „American System“ hat nichts mit der Ideologie des „Selfmademan“ zu tun, wie der Verfasser suggeriert (S. 338), sondern es handelte sich im Kern um ein von der Bundesregierung zu initiierendes Wirtschafts- und Infrastrukturprogramm, das den Zusammenhalt der Union festigen, die wirtschaftliche Diversifizierung des Landes vorantreiben und die Rolle der Bundesregierung im politischen Prozess stärken sollte. Die Liste ließe sich fortführen, ich breche hier ab.

Insgesamt hätte das mit vielen schönen Illustrationen aufwendig ausgestattete, mit stolzen 763 Seiten üppig Platz bietende und bei einem renommierten Verlag angesiedelte Buch die Chance geboten, eine moderne und differenzierte Gesamtdarstellung der amerikanischen Geschichte zu verfassen. Diese Chance ist leider vertan worden.

Anmerkung:
[1] Die besten und gängigsten sind Jürgen Heideking / Christof Mauch, Geschichte der USA, 6. überarb. und erw. Aufl. Tübingen 2008 (1. Aufl. 1996); Philipp Gassert / Mark Häberlein / Michael Wala, Kleine Geschichte der USA, Stuttgart 2008.

ZitierweiseVolker Depkat: Rezension zu: Stöver, Bernd: United States of America. Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart. München 2012, in: H-Soz-Kult, 26.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-063>.

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