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Neuere Geschichte

P. J. Stern: The Company-State

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:The Company-State. Corporate Sovereignty and the Early Modern Foundations of the British Empire in India
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-539373-6
Umfang/Preis:300 S.; € 48,02

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Oliver Krause, Research Akademie Leipzig
E-Mail: <radiokopfleronlinehome.de>

Auf einem zweigliedrigen Weg, der im ersten Teil die Grundlagen der Macht der East India Company (EIC) in Asien beschreibt und im zweiten Abschnitt die Transformation der Machtverhältnisse zwischen britischem Empire und der EIC erklärt, gelingt es Philip J. Stern, die zu Beginn aufgestellte These der bedeutenden Rolle der Korporationen für die frühneuzeitliche Aushandlung von Machtverhältnissen zu unterstreichen. Eins der Anliegen Sterns ist es, die Schlacht von Plassey 1757 als den abrupten Beginn des Aufbaus eines britischen Empires in Indien zu relativieren, um die Bedeutung der grundlegenden Aktivitäten der EIC während des 17. Jahrhunderts und die Transformation dieser geschaffenen Strukturen hin zu einem britischen Empire in Indien zu betonen.

Um das Selbstverständnis der EIC als politischem Akteur in Indien zu veranschaulichen, wählt Stern im ersten Teil ein juristisches Verfahren der EIC gegen den interloper Thomas Sandy aus den 1680er Jahren. Nicht nur das Vorgehen gegen Piraten, sondern auch gegen Engländer, die ihre eigenen Geschäfte der Aufsicht der EIC entzogen, ist für Stern, neben den Bestrebungen Münzen prägen zu dürfen, Ansiedlungen englischstämmiger Personen zu forcieren und außer militärische Macht auszuüben, auch das zivile Leben in Indien strukturieren zu wollen, Indiz, dass die EIC lange vor der formalen Anerkennung dieser Rechte durch den englischen Monarchen und der Schlacht von Plassey als politischer Akteur in Indien auftrat. Im Streitfall gegen Thomas Sandy, dem Abwehrverhalten gegen Piraten und der Regulierungen des öffentlichen Lebens zeigt Stern die Argumentationsmuster der EIC auf, die die Kompanie eindeutig als Korporation charakterisieren, die neben ihren wirtschaftlichen Interessen darauf bedacht ist, ihre Rolle als Monopolgesellschaft für den Handel zwischen England und Indien durch den Aufbau administrativer Strukturen abzusichern und damit zwangsläufig zum politischen Akteur wird.

Im zweiten Schritt erläutert Stern den Prozess der Transformation dieser im 17. Jahrhundert etablierten Struktur, die zur Grundlage für die Entwicklung der EIC nach 1757 wird, an deren Ende die Inkorporation der EIC in das britische Empire steht. Auch in diesem Teil des Buches gelingt es Stern hervorragend, seine Argumente auf einer abstrakten Ebene zusammenzuführen, nachdem er seine Narration mit zahlreichen, detaillierten Quellenfunden untermauert. Zum einen zeichnet Stern die Entwicklungen in Indien nach, die während des 18. Jahrhunderts zu einer größeren Anerkennung der EIC führen. Mit dieser Akzeptanz wächst auch ihre Rolle als Territorialmacht nach der Festigung und dem Ausbau der Besitzungen in Indien. Auf der anderen Seite vergisst Stern nicht, auf die Effekte europäischer Entwicklungen, wie die Neuaufstellung der EIC 1709 und die Bedeutung der europäischen Kriege bis hin zum Siebenjährigen Krieg (1756 ̶ 63) für die außereuropäischen Regionen hinzuweisen, die für die EIC zu einer neuen Konkurrenzsituation mit Frankreich führten.

Daran schließt sich das Infragestellen der politischen Theorie der Frühen Neuzeit, die in der Forschungsliteratur einerseits als Ausdruck, anderseits als grundlegende konzeptionelle Triebkraft für die Transformation frühneuzeitlicher poltischer Strukturen hin zum modernen Staat gilt, an. Stern stellt in seiner Untersuchung eindringlich die Bedeutung der administrativen Dokumente, Korrespondenzen und Protokolle der EIC heraus, die den praktischen Aufbau politischer Institutionen in Asien begleiten und relativiert damit zurecht gleichsam die Wirkung der politischen Theorien eines Thomas Hobbes oder John Locke, die beide mehr Entwürfe einer idealen Struktur politischer Herrschaft schufen, als ihre zeitgenössische Wirklichkeit abzubilden oder zu beeinflussen. Philip J. Sterns Untersuchung stellt einen großartigen, detailreichen Versuch dar, basierend auf zeitgenössischen Quellen den Aufbau von Verwaltungsstrukturen im Indien des 17. und 18. Jahrhunderts zu betrachten und sich dabei von der Diskussion um die frühneuzeitlichen Staatsbildungstheorien zu lösen, indem er den Ansatz nutzt, verschiedene konkurrierende Akteure in Aushandlungsprozessen betreffend die Transformation und Inkorporation zu beschreiben, die in der Etablierung des britischen Empires in Indien münden.

Ein Problem auf semantischer Ebene entsteht allerdings in Sterns Arbeit. Um die EIC zu charakterisieren nutzt Stern den Begriff Company-State. Stern bezeichnet die Kompanie als Staat, um den Antagonismus zum Nationalstaat zu betonen, dessen Durchsetzungsvermögen zu einer übermäßigen Fokussierung auf den Nationalstaat geführt habe. Grundsätzlich ist dieser Gegensatz, der mit dem Begriff Staat operiert, im deutschsprachigen Wissenschaftskontext kritischer zu betrachten, als Philip J. Stern das in seinem Buch tut und es im Allgemeinen in der englischsprachigen Historiographie eine Rolle spielt. Durch Sterns Rekurs auf Max Weber und Carl Schmitt vertieft sich die Verwirrung um sein Verständnis der politischen Form Staat, die er durch eine eigene Definition des Begriffs auflöst. Der Company-State handelt als politische Gemeinschaft, entsprechend ihrer eigenen Grundsätze, Motivationen und Ideologien und wird von Stern somit als Korporation beschrieben, die neben anderen Korporationen wie dem Nationalstaat existiert. Die Verwirrung entsteht durch die synonyme Verwendung von Staat und Korporation.

Wenn Stern vom Nationalstaat als der entscheidenden Form der Korporation spricht und durch die Bezeichnung der Kompanie als Staat, diese als widerstreitenden Konkurrenten auf Augenhöhe in die Diskussion einführt, bleibt der korporative Charakter sowohl des Nationalstaates als auch des Kompaniestaates in Sterns Interpretation jedoch bestimmend. In der deutschsprachigen Wissenschaftstradition liegt eine viel klarere, fest stehende Definition des Begriffs Staat vor. In der klaren Trennung zwischen Korporation und Staat würde nun jedoch gerade die innovative Kraft in der Arbeit Sterns verortet werden, die eine Kritik an der Forschung zu frühneuzeitlicher Staatsbildung befruchten kann.

Sterns beeindruckende Arbeit gewinnt ausdrücklich durch den innovativen Ansatz, die EIC als Korporation zu betrachten und die Frühe Neuzeit als Epoche von Aushandlungsprozessen zu lesen, in der auch der Staat begann zu entstehen. Mit der nötigen begrifflichen Klarheit besteht die Möglichkeit der teleologischen Geschichtsschreibung des modernen Staates den Ansatz Sterns entgegenzustellen, der es vermag, durch den Fokus auf die Konkurrenz der verschiedenen Korporationen in den konkreten Aushandlungsprozess über neue Raumordnungen in Asien und Europa sowie auf die Strukturen politischer Herrschaft in den jeweiligen Territorien ein zeitgenössisches Verständnis der Transformation politischer Strukturen herauszuarbeiten.

ZitierweiseOliver Krause: Rezension zu: Stern, Philip J.: The Company-State. Corporate Sovereignty and the Early Modern Foundations of the British Empire in India. Oxford 2011, in: H-Soz-Kult, 01.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=19227>.

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