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Geschichtsvermittlung und Geschichtsdidaktik

T. Buck u.a. (Hrsg): Das Mittelalter

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Irmgard Zündorf <zuendorfzzf-pdm.de>
Titel:Das Mittelalter zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Probleme, Perspektiven und Anstöße für die Unterrichtspraxis
Herausgeber:Buck, Thomas Martin; Brauch, Nicola
Ort:Münster
Verlag:Waxmann Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8309-2305-3
Umfang/Preis:372 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Georg Koch, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam; Stefanie Samida, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
E-Mail: <kochzzf-pdm.de>; <samidazzf-pdm.de>

Das Mittelalter ‚boomt‘ – und das seit mehr als 40 Jahren. Beginnend mit der großen Staufer-Ausstellung 1977 in Stuttgart und fortgeführt in Filmen, Romanen sowie Sachbüchern bis hin zu populärkulturellen Ausprägungen, wie wir sie seit einigen Jahren etwa von Mittelaltermärkten kennen, nimmt die Epoche des Mittelalters in der öffentlichen Wahrnehmung einen bedeutenden Platz ein.[1] Der umfangreiche, auf ein Symposium in Freiburg im Breisgau[2] zurückgehende Sammelband „Das Mittelalter zwischen Vorstellung und Wirklichkeit“ widmet sich diesen und anderen populären Mittelalterinszenierungen und damit auch dem Diskurs um die Konzeption und Praxis des Mittelalterunterrichts, wie er in den letzten Jahren vor allem in der Zeitschrift für Geschichtsdidaktik geführt wurde.[3] Dabei standen und stehen die Rolle von Mittelalterdarstellungen in der gegenwärtigen Geschichtskultur zu Vorstellungen vom und Einstellungen zum Mittelalter im Zentrum des Interesses. Die Herausgeber Thomas Buck und Nicola Brauch knüpfen mit diesem Band daran an und betonen, dass populäre Mittelalterinszenierungen die Geschichtswissenschaft, die Geschichtsdidaktik und auch die Unterrichtspraxis vor neue Herausforderungen stellen (S. 5). Der Sammelband vereint dazu insgesamt 21 Beiträge von Autoren aus unterschiedlichen Fachrichtungen (Mittelalterliche Geschichte, Geschichtsdidaktik, Pädagogik/Medienpädagogik, Amerikanistik) sowie Schulpraktikern; ein Personen- und Sachregister am Ende erleichtert den Zugriff auf konkrete Aspekte des Themas.

Um sich den Herausforderungen anzunähern, wird äußerst differenziert auf die diversen Erscheinungsformen und Funktionen des Mittelalters in der populären Geschichtskultur eingegangen – ein Mittelalter das, wie Valentin Groebner (S. 336) verdeutlicht, von der „Geschichte seiner eigenen Rezeption sozusagen überwuchert worden“ ist. Simon Maria Hassemer (S. 131) sieht die Epoche darüber hinaus als „kulturelle[s] Konstrukt einer ambivalent beurteilten, historisch bis mythisch stilisierten Anderswelt“, die sich im Diskurs auf der Basis populärer historischer und gegenwärtiger Mittelalterbilder konstruiert.

Die Mittelalterrezeption begegnet uns nicht nur in niedergeschriebenen Artuserzählungen, auf deren historische Entwicklung Brauch näher eingeht (S. 311ff.), oder im populärwissenschaftlichen Sachbuch, in das Buck einen knappen Einblick gewährt (S. 57ff.). Das Mittelalter ist heute vielmehr aus keinem Medium mehr wegzudenken – ganz gleich, ob es seinen Ursprung in der Hoch-, Sub- oder Populärkultur findet. Christian Kuchler betrachtet beispielsweise seine Rolle im Kino (S. 157ff.), Carl Heinze in Computerspielen (S. 171ff.) und Casimir Bumiller sowie Heinz Krieg in historischen Museen und Ausstellungen (S. 201ff.). Martin Clauss und Christine Grieb stellen in ihrem Beitrag heraus, dass das Mittelalter und insbesondere die gängige Identifikationsfigur – der Ritter – durchaus in ihrer „gewaltkompetenten Dimension“ erfasst und dargestellt werden (S. 142). Diese Dimension spielt auch in der Mittelalter-Szene der Living History- und Reenactment-Aktiven eine wichtige Rolle, die Wolfgang Hochbruck analysiert (S. 217ff.). Bezüglich der mittelalterlichen, gewalttätigen Konfliktbewältigung, so Clauss und Grieb (S. 145), herrsche ein geradezu realienkundliches Interesse vor: „Vom Töten und Getötet werden ist dabei höchst selten die Rede, kriegerische Gewaltausübung verkommt zur reinen Technik.“ Letztere wird auf zahlreichen Mittelaltermärkten präsentiert, deren vielfältigen Erscheinungsformen sich Sven Kommer (S. 183ff.) – gestützt auf empirische Studien – widmet.

Hinsichtlich der Funktion dieser Mittelalterrepräsentationen werden altbekannte Thesen mit neuen Beispielen aufgegriffen. In verschiedenen Artikeln wird immer wieder der Ansatz Bucks bestätigt, wonach 'das Mittelalter' eine rückwärts gewandte Utopie mit einer therapeutischen Funktion zur Kompensation von Modernisierungsverlusten darstellt (S. 51ff.). In dieser gehe es weniger um die Geschichte, „von der wir, wenn wir ehrlich sind, gar nichts wissen wollen“ (S. 65), als vielmehr um die Bestätigung gegenwärtiger Vor- und Einstellungen sowie um die Reproduktion der eigenen Identität. Hochbruck attestiert der Gegenwart gar das Bedürfnis nach einer Erlebniswelt jenseits der „Zeit- und Raumlosigkeit der Postmoderne“ (S. 224). In seinem Ausblick resümiert Groebner (S. 335f.), dass ,das‘ Mittelalter – in der Einzahl – keine wirklich geeignete Bezeichnung ist. Vielmehr könne es unter den gegenwärtigen Vorzeichen als Über-Kategorie oder Erzählmodus gefasst werden, das mehr darauf abziele, eine „gefühlte Geschichte“ anzubieten als sich an Bücher zu halten und historische Erkenntnisse zu vermitteln.

Dem Anspruch, sich nicht nur den Problemen des Umgangs mit dem Mittelalter anzunähern, sondern auch Perspektiven und Anstöße für die Unterrichtspraxis aufzuzeigen, wird der Band gerecht. Dabei stellt die Forderung nach der Förderung und Entwicklung einer geschichtskulturellen Kompetenz, wie sie von Hans-Jürgen Pandel in den letzten Jahren vertreten wurde[4], ein durchgängiges Plädoyer dar. Die Autorinnen und Autoren werben dafür, Schülerinnen und Schüler zu einem reflektierten Umgang mit Mittelalterbildern zu befähigen und diesbezügliche Kompetenzen auszubilden sowie Wissen über die Entstehung dieser Bilder aufzubauen. In Bezug auf das Vorwissen der Lernenden, das wesentlich durch die populäre Geschichtskultur geprägt sei, komme den Quellen eine korrigierende und kontrastierende Funktion zu. Autoren wie Sven Plefka (S. 269ff.), Karin Kneile-Klenk (S. 287ff.) und Friederike Stöckle (S. 301ff.) heben hervor, dass das Wahrnehmen und Reflektieren der Alterität des Mittelalters, die in den Quellen präsent ist und allzu oft von den Lernenden ausgeblendet wird, ein wesentliches Erkenntnisziel darstellt. Wie vielfältig die Lernpotenziale im Mittelalterunterricht sein können, zeigen der Artikel von Ulrich Mayer (S. 325ff.) und die kritischen Beiträge zur Schulpraxis von Arnold Bühler (S. 245ff.) sowie von Brauch und Gerhild Löffler (255ff.).

Die Perspektiven und Anstöße richten sich darüber hinaus nicht nur an Lehrerinnen und Lehrer, sondern gleichfalls auch an die Wissenschaft, wie etwa der Beitrag von Jörg Schwarz (S. 111ff.) verdeutlicht. Buck (S. 34) empfiehlt, die Rolle des faktenorientierten „Spielverderbers“ aufzugeben und pflichtet Hans-Werner Goetz (S. 73ff.) ebenso wie zahlreichen weiteren Autorinnen und Autoren bei, zwar die kritische und aufklärende Funktion der Mediävistik beizubehalten, sich jedoch den populären Geschichtsdarstellungen nicht zu verschließen, sondern diese selbst zum Forschungsgegenstand zu erklären. Dem fügt Bea Lundt (S. 104f.) hinzu, es müsse nicht nur eine Öffnung in zeitlicher, sondern auch in geografischer Dimension erfolgen, um das Mittelalter und dessen Rezeption in seiner globalen Perspektive fassen zu können. Denn – und dies betont Hans-Joachim Fischer (S. 239) völlig zu Recht – der Geschichtsdidaktik und schließlich auch der Vermittlungspraxis gehe es nicht darum, Vergangenheit zu rekonstruieren oder zu transportieren, sondern darum, „Bildung in der Gegenwart für die Zukunft gelingen zu lassen“, wozu sie die „Wissenschaft als Bildungsmittel“ nutzen könne.

Der vorliegende Sammelband geht weit über das Deskriptive hinaus und überzeugt nicht nur durch seine reichhaltigen Praxisbezüge und -berichte. Vielmehr nutzt er diese, um auf der Grundlage theoretischer Überlegungen, Rückschlüsse für die Vermittlung ziehen und anbieten zu können. Die drei großen Felder der Geschichtsdidaktik – Empirie, Theorie und Pragmatik – werden hier vorbildlich miteinander verwoben und erkenntnisorientiert präsentiert. Im Fokus steht das Mittelalter der Gegenwart, das im Unterricht ebenso wie das historische Mittelalter zukunftsorientiert thematisiert wird. Die Kunst ist es wohl – und auch hier werden erfreulich viele Brücken aufgezeigt – diese beiden ‚Mittelalter‘ miteinander zu verschränken ohne ihre jeweilige Individualität aufzugeben. Die Beiträge des Bandes verdeutlichen, wie wichtig es ist, die Lernenden – und dies gilt keineswegs nur für Schülerinnen und Schüler – bei ihrem im Alltag generiertem Vorwissen ,abzuholen‘, um so nachhaltiges historisches Lernen zu ermöglichen.

Anmerkungen:
[1] Zur Rezeptionsgeschichte z. B. Valentin Groebner, Das Mittelalter hört nicht auf: Über historisches Erzählen, München 2008.
[2] Veranstalter: Thomas Martin Buck, Pädagogische Hochschule Freiburg; Nicola Brauch, Historisches Seminar, Universität Freiburg; Manfred Seidenfuß, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Freiburg i. Br. 24.09.2009–26.09.2009. Vgl. H-Soz-u-Kult, 06.11.2009, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2835> (29.08.2012).
[3] Vgl. Thomas Martin Buck, Geschichte des Mittelalters für unsere Zeit. In: ZfGD 6 2007, S. 253-262; Hans-Werner Goetz / Gerhard Krieger, Ist das Mittelalter noch zu retten? Eine Entgegnung auf Thomas Martin Buck. In: ZfGD 7 2008, S. 154-155; Manfred Seidenfuß u.a., Die Aktualität des Mittelalters. In: ZfGD 7 2008, S. 35-77; Wolfgang Hasberg / Uwe Uffelmann (Hrsg.), Mittelalter und Geschichtsdidaktik. Zum Stand einer Didaktik des Mittelalters, Neuried 2002; Wolfgang Hasberg / Manfred Seidenfuß (Hrsg.), Mittelalter zwischen Politik und Kultur. Kulturwissenschaftliche Erweiterung der Mittelalter-Didaktik, Neuried 2003; Thomas Martin Buck, Mittelalter und Moderne. Plädoyer für eine qualitative Erneuerung des Mittelalter-Unterrichts an der Schule, Schwalbach/ Ts. 2008.
[4] Vgl. Hans-Jürgen Pandel, Geschichtsunterricht nach PISA: Kompetenzen, Bildungsstandards und Kerncurricula, Schwallbach/Ts. 2005; ders. Kompetenz. In: Ulrich Mayer u.a. (Hrsg.): Wörterbuch der Geschichtsdidaktik, Schwalbach/Ts. 2006, S. 105-106.

ZitierweiseGeorg Koch: Rezension zu: Buck, Thomas Martin; Brauch, Nicola (Hrsg.): Das Mittelalter zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Probleme, Perspektiven und Anstöße für die Unterrichtspraxis. Münster 2011, in: H-Soz-u-Kult, 18.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-164>.

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