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M. Tilse: Transnationalism in the Prussian East

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Frank Hadler <hadleruni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Transnationalism in the Prussian East. From National Conflict to Synthesis, 1871–1914
Reihe:Palgrave Macmillan Transnational History
Ort:Basingstoke
Verlag:Palgrave Macmillan
Jahr:
ISBN:978-0-230-28416-6
Umfang/Preis:276 S.; € 72,44

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Stefan Dyroff, Universität Bern / Schweizerischer Nationalfonds
E-Mail: <stefan.dyroffhist.unibe.ch>

Der britische Historiker Mark Tilse legt in seiner Monographie über den „Transnationalismus im preußischen Osten“ eine Reihe von Fallstudien zu sozialen Phänomenen vor, die in den Provinzen Posen und Westpreußen nationale Grenzen überschritten. Er hat dafür die Bereiche Sprache und Semantik, kulturelle Institutionen, Ehe und Sexualität, Katholizismus und Sozialismus ausgewählt. Am überzeugendsten und innovativsten sind seine Ausführungen zur preußischen Sprachenstatistik. Er legt dar, wie im Zusammenspiel von Professionalisierung und politischen Vorgaben die Kategorie der Bilingualen aus der Statistik verschwand, obwohl die Zweisprachigkeit weiterhin ein weitverbreitetes Phänomen im preußischen Osten war. Der zunehmende Wille zur Nationalisierung aber auch zur Kontrolle der Bevölkerung zeigte sich gleichfalls im Bereich von Schule und Kultur. Für die Theater, Bibliotheken und höhere Bildungseinrichtungen konnte Tilse kaum transnationale Momente herausarbeiten, wenn man von polnischen Nutzern des deutschen Kulturangebots absieht. Bei der Lektüre der ersten drei Kapitel entsteht daher der Eindruck, dass in vom Staat kontrollierten und finanziell geförderten Bereichen Phänomene von Transnationalität eher selten waren. Tilse bestätigt damit die Ergebnisse der bisherigen Nationalismusforschung, die die Rolle des Staates im Prozess der Nationalisierung betont.

Im vierten Kapitel wendet sich Tilse einem Bereich zu, der praktisch völlig außerhalb der Kontrolle des Staates lag: Ehe und Sexualität. Er geht zuerst auf die methodologischen Probleme zur Quantifizierung deutsch-polnischer Mischehen ein, da in den Kirchenbüchern und Standesämtern vor 1911 nur die Konfession der Verheirateten erfasst wurde. Weil fast alle Polen katholisch aber nur zwischen 60% und 90% der Deutschen evangelisch waren, bleibt eine gewisse Schwankungsbreite in den Statistiken. Tilse trägt dem mit einer vorsichtigen Schätzung Rechnung, nach der etwa 5 bis 10 Prozent aller Ehen deutsch-polnische waren. Am wichtigsten ist jedoch die Erkenntnis, dass diese Zahl selbst in der Hochzeit des Nationalitätenkampfes nach 1900 nicht abnahm. Anschließend untersucht er zeitgenössische politische und literarische Äußerungen über das Thema Mischehen.

Im fünften Kapitel wendet er sich dem Wahlverhalten deutscher Katholiken zu. Durch die weitgehende Absenz von lokalen Strukturen der Zentrumspartei unterstützten diese in vielen Fällen polnisch-katholische Kandidaten gegen deren deutsch-evangelische Gegner. Dabei kam es auch zu offenen Allianzen zwischen dem Zentrum und polnischen Wahlkomitees bzw. der Polnischen Fraktion in Berlin. Als Gegenreaktion bildete sich 1900 der Verband der Vereine der deutschen Katholiken, der für die Unterstützung deutschnationaler Kandidaten warb und dabei einige Erfolge erzielte. Tilse schlussfolgert dennoch, dass trotz zunehmender Nationalisierung und Politisierung der konfessionellen Unterschiede weiterhin deutsche Katholiken ihrer Religion einen größeren Stellenwert als der Nation einräumten und damit die Integrität des deutschen Nationalismus im preußischen Osten ebenso wie die Mischehen untergraben hätten.

Im sechsten Kapitel wendet sich Tilse der in Posen und Westpreußen schwach ausgeprägten und bisher ungenügend erforschten sozialistischen Bewegung zu. Hier stellt er dar, wie sich Teile der polnischen Arbeiterschaft deutschen Gruppierungen anschlossen, da diese wegen der reichsweiten Bedeutung der SPD und der Gewerkschaften durchsetzungsstärker als die relativ kleinen polnischen Splittergruppen waren. Die Folge waren zweisprachige Kundgebungen sozialistischer Organisationen im preußischen Osten. Tilse sieht dies als weiteres Beispiel für nationalistische Praktiken untergrabende transnationale Aktivitäten.

Die Lektüre von Tilses Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Seine Idee, den Blick auf Gemeinsamkeiten anstatt Konflikte in Posen und Westpreußen zu richten, stellt eine Bereicherung der Forschungslandschaft dar. Die Umsetzung überzeugt jedoch nicht. Caitlin E. Murdock kritisiert in ihrer Rezension beispielsweise, dass Tilse von den Vorstellungen nationalistischer Programme abweichendes Verhalten als transnational deutet und die Möglichkeit nationaler Indifferenz zu wenig in Betracht zieht.[1] Fragwürdig erscheint auch die weitgehende Stützung der Argumentation auf die Analyse von Diskursen und das weitgehende Desinteresse für soziale Praktiken. Bilingualität, Mischehen und deutschsprachige Katholiken mögen als Bedrohung für das nationale Kollektiv aufgefasst worden sein. Ob diese Phänomene aber tatsächlich der „Nationsbildung durch Trennung“[2] entgegengewirkt und transnationale Identitäten, Sozialstrukturen und Kulturen geschaffen haben, ist damit keinesfalls belegt. Am ehesten scheint es diese bei den Sozialisten gegeben haben. Über zweisprachige katholische Gottesdienste, Wallfahrten und Versammlungen schreibt Tilse jedenfalls nichts. Auch ein von zweisprachig-gemischten Familien getragenes deutsch-polnisches Alltagsleben wird nicht thematisiert. Es scheint so, als ob die von Tilse proklamierten transnationalen Räume vor allem in der Vorstellung der Vorreiter der jeweiligen Nationalbewegung existierten.

Die Lücken in der Argumentation beruhen einmal auf durch das transnationale Paradigma geleitetem Wunschdenken. Sie resultieren aber auch aus der weitgehend fehlenden Berücksichtigung nichtstaatlicher Überlieferungen[3] sowie der scheinbaren Unkenntnis neuerer Arbeiten zur Regionalgeschichte des preußischen Ostens. Besonders die Rezeption der auf umfangreichem Quellenstudium beruhenden Arbeiten zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte in der Provinz Posen von Spickermann, Lorenz, Dyroff, Schutte und Matwiejczyk[4] oder auch die Lektüre regionalhistorischer Sammelbände[5] wären der Schärfe und Tiefe der Argumentation dienlich gewesen. Tilse scheint sein Manuskript etwa 2006 abgeschlossen und die seitdem erschienene Literatur mit Ausnahme der sich mit Oberschlesien und Böhmen beschäftigenden Arbeiten von Bjork und Zahra nicht mehr berücksichtigt zu haben.[6] Auch die zuvor erschienene Literatur hat er nur kursorisch herangezogen. Seine Ausführungen spiegeln so an mehr als einer Stelle nicht den aktuellen Forschungsstand wider. Sie sind mithin eher als Forschungsprogramm für die Zukunft denn als abgeschlossenes Projekt zu betrachten.

Anmerkungen:
[1] Catlin E. Murdock, Transnationalism in the Prussian East. From National Conflict to Synthesis, 1871–1914, Review, in: American Historical Review 117 (2012) 2, S. 622–623; Tara Zahra, Imagined Noncommunities. National Indifference as a Category of Analysis, in: Slavic Review 69 (2010), S. 93–119.
[2] Werner Conze, Nationsbildung durch Trennung. Deutsche und Polen im preußischen Osten, in: ders., Gesellschaft – Staat – Nation: Gesammelte Aufsätze, Stuttgart 1992, S. 374–400.
[3] Hier hätten sich vor allem Materialien aus den Diözesanarchiven in Posen (Poznań), Gnesen (Gniezno) und Pelplin angeboten, um fundierter über die Kirche als transnationale Institution sprechen zu können. Wie fruchtbar dies sein kann, zeigt unter anderem die Durchsicht schlesischer Diözesanarchive durch James Bjork, Neither German nor Pole. Catholicism and National Difference in a Central European Borderland, Ann Arbor 2008.
[4] Roland Spickermann, Germans among Poles. Ethnic rivalry, economic change and political mobilization in the Bromberg administrative District 1885–1914, Ann Arbor 1995; Torsten Lorenz, Von Birnbaum nach Międzychód. Bürgergesellschaft und Nationalitätenkmapf in Grosspolen bis zum Zweiten Weltkrieg, Berlin 2005; Stefan Dyroff, Erinnerungskultur im deutsch-polnischen Kontaktbereich. Bromberg und der Nordosten der Provinz Posen (Wojewodschaft Poznań) 1871–1939, Osnabrück 2007; Christoph Schutte, Die Königliche Akademie in Posen (1903–1919) und andere kulturelle Einrichtungen im Rahmen der Politik zur „Hebung des Deutschtums“, Marburg 2008; Witold Matwiejczyk, Niemieccy katolicy w Poznańskiem a polityka narodowościowa rządu pruskiego [Deutsche Katholiken in der Provinz Posen und die Nationalitätenpolitik der preußischen Regierung] 1871–1914, Lublin 2009.
[5] Siehe dazu eine beispielhafte Auswertung mit zahlreichen Literaturverweisen: Stefan Dyroff, Das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Deutschen in der Provinz Posen. Forschungsstand und Forschungsaufgabe, in: Markus Krzoska / Isabel Röskau-Rydel (Hrsg.), Stadtleben und Nationalität. Ausgewählte Beiträge zur Stadtgeschichtsforschung in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert, München 2006, S. 31–45.
[6] Bjork, Neither German nor Pole; Tara Zahra, Kidnapped Souls. National Indifference and the Battle for Children in the Bohemian Lands, 1900–1948, Ithaca 2008.

ZitierweiseStefan Dyroff: Rezension zu: Tilse, Mark: Transnationalism in the Prussian East. From National Conflict to Synthesis, 1871–1914. Basingstoke 2011, in: H-Soz-Kult, 11.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-035>.

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