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Alte Geschichte

F. Baratte: Die Römer in Tunesien und Libyen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Konrad Vössing <konrad.voessinguni-bonn.de>
Autor(en):
Titel:Die Römer in Tunesien und Libyen. Nordafrika in römischer Zeit
Reihe:Zaberns Bildbände zur Archäologie
Ort:Darmstadt
Verlag:Philipp von Zabern Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8053-4459-3
Bemerkungen:Übersetzt von Yves Gautier
Umfang/Preis:144 S.; € 29,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Lennart Gilhaus, Institut für Geschichtswissenschaft, Abt. Alte Geschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
E-Mail: <lgilhausuni-bonn.de>

François Baratte gibt in diesem Band aus der Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie“ einen Überblick über die Entwicklung der Provinz Africa proconsularis von republikanischer Zeit bis zum Ende der byzantinischen Herrschaft. Beigefügt sind eine Zeittafel und eine kurze Bibliographie.

Nach einer knappen Einleitung (S. 10) kommt Baratte auf die Geschichte Nordafrikas vor der Eroberung durch die Römer zu sprechen und hebt dabei die prägende Rolle der punischen Städte, der numidischen Königreiche und der libyschen Stämme hervor (S. 10–12). Im nächsten Abschnitt werden die Rahmenbedingungen der römischen Herrschaft in Nordafrika thematisiert. Der geographische Kontext, die wichtigsten historischen Entwicklungen bis zu Diokletian und die Verwaltungsorganisation der Provinz (S. 13–21) werden dabei kurz charakterisiert.

Nach diesen Präliminarien kommt Baratte zum eigentlichen Kern seiner Ausführungen. In mehreren Kapiteln werden die städtische Kultur, die Gesellschaft und Kunst sowie das ländliches Leben und die Wirtschaft in den ersten drei Jahrhunderten n.Chr. behandelt (S. 22–113). Den größten Raum nimmt das Kapitel zur urbanen Kultur ein (S. 22–70). Zunächst gibt er einen Überblick über die Quellen- und Forschungslage. Anschließend folgen einige Ausführungen zur Organisation des städtischen Lebens, bevor einige antike Städte konkret vorgestellt werden. Teilweise sind die Ausführungen aber so knapp, dass sie für den Leser kaum relevante Informationen enthalten (vgl. insbesondere S. 40 mit den Texten über Althiburos, Bulla Regia und Thuburbo Maius). Besser hätten einige wenige Beispiele ausführlicher behandelt werden können. Auf den folgenden 30 Seiten wird ein Überblick über den Aufbau und die Funktionsweise der wichtigsten Gebäudetypen geboten. Neben den Spielstätten werden dabei Thermen, Privathäuser, Villen sowie Gräber und Mausoleen anhand einiger Beispiele behandelt. Gebäude der öffentlichen Verwaltung und andere Profanbauten sowie die für Nordafrika sehr charakteristischen Ehrenbögen werden allerdings leider mit einigen wenigen Worten schnell abgehandelt.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten und ist unter die Frage gestellt, inwiefern man von einer Romanisierung der Gesellschaft sprechen kann (S. 71–95). Für den Bereich Religion betont Baratte mehrfach die religiöse Vielfalt, baut dabei aber eine starke Dichotomie zwischen römischer Staatsreligion auf der einen und dem „nordafrikanische[n] Substrat“ (S. 77) auf der anderen Seite auf. Eine solch starke Trennung wird meines Erachtens aber nicht durch das Quellenmaterial gedeckt.[1] Im folgenden Unterkapitel werden die Kunstgattungen Architektur, Skulptur und Mosaik behandelt. Baratte weist dabei auf einige besondere regionale Ausprägungen hin, betont aber vor allem den römischen Charakter dieser künstlerischen Formen.

Der sich anschließende Abschnitt ist zwar mit: „Soziale Vielfalt in den ländliche Gegenden der Africa proconsularis“ überschreiben, umfasst aber neben der Landwirtschaft auch Handwerk und Steinbrüche, behandelt also vor allem wirtschaftliche Aspekte (S. 98–113).
Danach geht Baratte zur Spätantike über (S. 114–130). Zunächst beschreibt er kurz die neue Verwaltungsordnung seit Diokletian und in enger Anlehnung an die Forschungen von Claude Lepelley die Kontinuitäten und Wandlungen des städtischen Lebens. Wesentlich ausführlicher ist das Kapitel zur Christentum im spätantiken Nordafrika angelegt. Baratte gibt zunächst einen kurzen Überblick über die wichtigsten Quellen und Etappen der Christianisierung und kommt auf das donatistische Schisma zu sprechen, bevor er sich den erhaltenen Überresten von Kirchen und ihrer Ausstattung zuwendet. Hier gelingt es dem ausgewiesenen Spezialist für die christliche Archäologie Nordafrikas kurz und verständlich die wesentlichen Gestaltungsmerkmale ansprechend darzulegen.

Auf den restlichen Seiten werden die vandalische und byzantinische Zeit bis zur arabischen Eroberung dargestellt (S. 131–139). Baratte beschreibt die politischen und kulturellen Entwicklungen sehr ausgewogen und vermeidet Pauschalurteile. So könne man nicht von einem generellen Niedergang der Städte sprechen, vielmehr sei die Situation der Städte sehr differenziert zu bewerten.

Barattes Monographie ist die erste Gesamtdarstellung zum römischen Nordafrika in deutscher Sprache überhaupt und schon allein deshalb hoch zu bewerten. Insbesondere die Ausführungen zur Spätantike sind sehr überzeugend, die Qualität der Kapitel zur Kaiserzeit schwankt hingegen zuweilen. Leider finden sich auch gerade in diesen Abschnitten einige offensichtliche Flüchtigkeitsfehler.[2] Zudem trifft man gelegentlich auf fehlerhafte oder problematische Übersetzungen.[3] Dennoch kann man nur hoffen, dass der insgesamt gelungene, flüssig geschriebene und mit hochwertigen Abbildungen ausgestattete Band bei den Lesern Interesse für diese zentrale, aber in Deutschland oft vernachlässigte Region des antiken Mittelmeerraums wecken und vielleicht sogar zu neuen Forschungen anregen wird.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zu solchen „[z]ählebige[n] Denkmodelle[n] in der Nordafrika-Forschung“ insbesondere Stefan Ritter, Götter und ihre Verehrer in Nordafrika: Die Heiligtümer von Thugga als Modellfall, in: JRA 19 (2006), S. 549–558, hier: 556–557.
[2] Um nur einige Beispiele auf den ersten Seiten zu nennen: „Die Niederlage der Pompejaner 47 v. Chr.“ (S. 17) erfolgte erst 46 v.Chr.; Oea/Tripoli war nicht „künftige Provinzhauptstadt“ (S. 20) von Tripolitanien, sondern Lepcis Magna; die Kolonien Uthina, Maxula/Radés und Thuburbo Minus werden fälschlicherweise als pagi dargestellt (S. 25); das Amphitheater von Lepcis Magna wurde nicht in „flavischer Zeit“ (S. 31), sondern 56 n.Chr. errichtet.
[3] So steht in der zeitgleich erschienen französischen Version des Buchs als Aufzählung „ou sur celui de Sabratha, en Tripolitaine, sur la côte orientale de Tunisie, dans le cap Bon“ (François Baratte, L’Afrique romaine. Tripolitaine et Tunisie, Paris 2012, S. 13), im Deutschen wird daraus „Sabratha an der Ostküste Tunesien am Cap Bon“ (S. 13). Weiterhin wird von einem „Tempel der Serapis“ (S. 27) gesprochen, obwohl Serapis ein männlicher Gott war; Wendungen wie „domaine édilitaire“ oder „activité édilitaire“ (vgl. F. Baratte, L’Afrique romaine. Tripolitaine et Tunisie, Paris 2012, S. 33 und S. 116) werden mit „Aktivitäten der Ädilen“ (vgl. etwa S. 33 und S. 116) wiedergegeben, doch sind einfach Bauaktivitäten gemeint. Auch Namen werden in der deutschen Übersetzung teilweise falsch wiedergegeben: „René Gagnat“ (S. 23) statt René Cagnat; „Beschaouhs Arbeiten“ (S. 46) statt Beschaouchs Arbeiten.

ZitierweiseLennart Gilhaus: Rezension zu: Baratte, François: Die Römer in Tunesien und Libyen. Nordafrika in römischer Zeit. Darmstadt 2012, in: H-Soz-Kult, 18.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-179>.

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