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Nationalsozialismus

U. Puschner u.a. (Hrsg.): Die völkisch-religiöse Bewegung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ulrich Prehn <ucprehnGMX.DE>
Titel:Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte
Reihe:Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 47
Herausgeber:Puschner, Uwe; Vollnhals, Clemens
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-36996-8
Umfang/Preis:592 S.; € 79,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Frank Becker, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen
E-Mail: frank.beckeruni-due.de

Maria log. Als die Rundung ihres Leibes nicht mehr zu verbergen war, erzählte sie ihrem Verlobten, dem fromm-naiven Josef, der heilige Geist habe ihr beigewohnt. Tatsächlich verdankte sich ihre Schwangerschaft der Affäre mit einem römischen Legionär, der ein Söldner aus den Wäldern Germaniens war – und dessen blonde Haare und blaue Augen es Maria angetan hatten. Jesus, wie das Kind getauft wurde, entwickelte sich später zu dem schärfsten Kritiker der angestammten jüdischen Religion und ihrer Sachwalter. Als er die Geldwechsler aus dem Jerusalemer Tempel vertrieb, geißelte er damit Händlergeist und Profitgier, so wie es alle Judenverächter der folgenden Jahrtausende tun sollten. Jesus war der erste Antisemit, und die Juden rächten sich dafür, indem sie ihn dem Henker auslieferten.

Jesus ein Arier, Jesus ein Antisemit – zu solchen Konstruktionen verstiegen sich die Anhänger eines völkisch umgedeuteten Christentums, die nicht damit leben konnten, dass ihre heiligen Schriften von Juden verfasst waren und der angebetete Gottessohn jüdische Wurzeln hatte. Das war die eine Variante völkischer Religiosität: Das Christentum, an dem im Kern festgehalten wurde, erfuhr eine „völkische“ Umdeutung. Die andere Variante bestand in der konsequenten Ablehnung des christlichen Glaubens, der als jüdische Vergiftung der germanischen Volksseele interpretiert wurde, und seiner Ersetzung durch Religionsformen, die entweder aus vorchristlicher Zeit oder von neuen völkisch-mystischen Offenbarungen hergeleitet wurden. Beide Varianten gehen auf das späte 19. Jahrhundert zurück, gewannen aber nach dem Ersten Weltkrieg an Einfluss; die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus in Deutschland schien ihnen neue, ganz unerhörte Perspektiven zu verschaffen.

Die völkisch-religiösen Bewegungen in ihrer Wechselwirkung mit dem Nationalsozialismus zu untersuchen ist die Absicht des vorliegenden Sammelbandes, der auf einen Workshop im Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden von 2009 zurückgeht. Mit dem Experten für die Geschichte der völkischen Bewegungen Uwe Puschner und dem Kirchenhistoriker Clemens Vollnhals hat sich ein Herausgeber-Duo gefunden, wie es zu diesem Thema nicht besser passen könnte. In dem voluminösen Band sind neben drei einleitenden Texten insgesamt 23 Beiträge zu verschiedenen Facetten des Themenfeldes abgedruckt, die sich auf drei Rubriken verteilen. Im ersten Teil des Buches werden völkisch-pagane Gemeinschaften vorgestellt, im zweiten Abschnitt völkisch-christliche, und im Schlussteil wird die Interaktion beider mit dem Nationalsozialismus behandelt.

Die meisten völkisch-paganen Gemeinschaften bemühten sich um eine Wiederbelebung der ursprünglichen nordischen Religionen. Die Ludendorff-Bewegung (Bettina Amm) nahm eine Sonderstellung ein: Mathilde Ludendorff, die – ansonsten mit ihrem Mann Schulter an Schulter arbeitend – in religiösen Fragen die Meinungsführerschaft besaß, vertrat den Ansatz einer „rassenspezifischen“ Gotteserfahrung, die nichts mit der Wiederbelebung altgermanischer Vorstellungen zu tun hatte, sondern in der Gegenwart gewonnen wurde und an die Seite eines modernen, wissenschaftlichen Weltbildes zu stellen sei. Um diese Gotteserfahrung machen zu können, müsse die „Volksseele“ vorher freilich von dem anderthalb Jahrtausende lang wirkenden Gift der als „rassenfremd“ erachteten jüdisch-christlichen Religion befreit werden. Das Christentum, das im Sinne Nietzsches als Sklavenmoral interpretiert wurde, habe das deutsche „Herrenvolk“ degenerieren lassen. Die Durchsetzung einer neuen Religion sei die Voraussetzung eines Wiedererstarkens im Bewusstsein der eigenen „Rassenindividualität“. In der NS-Zeit wurde die Ludendorff-Bewegung zum Spielball der Interessen der Machthaber; (teilweise) verboten, als Ruhe an der Kirchenfront gewünscht war, wieder toleriert als Verbündete im Kampf gegen den katholischen Klerus in der Mitte der 1930er-Jahre, als die Zeitschrift der Bewegung, „Am Heiligen Quell“, 1937 sogar kurzzeitig eine Auflage von 86.000 Exemplaren erreichte, aufs Neue drangsaliert im Zeichen des religionspolitischen Burgfriedens bei Kriegsbeginn.

Innerhalb der christlichen Kirchen gewann völkisches Denken im Protestantismus den größeren Einfluss. Die Bewegung der Deutschen Christen, so Manfred Gailus, von der Kirchengeschichtsschreibung lange marginalisiert, stand zu Beginn der NS-Zeit kurz davor, den Protestantismus insgesamt unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Deutsche Christen sahen „Volk“ und „Rasse“ als zentrale Schöpfungsrealitäten an – Dienst am „deutschen Blut“ war insofern Gottesdienst. Hitler galt als neuer Luther, der in einer zweiten Reformation das Zeitalter des bürgerlichen Individualismus beendet und Deutschland zu einem echten, auch religiösen Volksbewusstsein zurückgeführt hatte. Mit Unterstützung des Regimes, das eine einheitliche Nationalkirche erstrebte, arbeitete Reichsbischof Ludwig Müller auf die religiöse Gleichschaltung hin. Innerkirchlicher Widerstand, vor allem von der Bekennenden Kirche geleistet, brachte das Unternehmen zum Erliegen. Aber die Deutschen Christen hatten auch ein strukturelles Problem: Ihr doppelter Glaube an Christentum und Nationalsozialismus ließ sie in den Augen der Nationalsozialisten als der eigenen Bewegung nur halb zugehörig erscheinen, weil noch zu viel Christentum in ihren Köpfen herumgeisterte; für die Protestanten hatten sie durch den Brückenschlag zur NS-Ideologie viele religiöse Grundüberzeugungen aufgegeben, konkret: das transzendente Christentum durch eine materialistische Lehre des Blutes verraten.

Letztgenanntes Argument wurde auch von katholischer Seite vorgetragen, wie Lucia Scherzberg geltend macht – so etwa in der Auseinandersetzung mit Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“. „Menschheit“ stand über „Rasse“, die Taufe war für jedermann zugänglich, das Alte und Neue Testament waren nicht jüdisch, sondern stammten von Gott, der sich der Juden nur als Sprachrohr bedient habe. Doch auch einige katholische Autoren luden ihre theologischen Überzeugungen mit NS-Gedankengut auf. Jesus Christus wurde seiner jüdischen Herkunft entkleidet, indem man behauptete, er habe sein Erbgut nicht von seiner Mutter, sondern allein vom heiligen Geist empfangen. Die Mehrheit der Katholiken folgte solchen Ansichten nicht. Sie wollte ihre religiöse Überzeugung nicht mit völkischen Elementen verquicken. Keineswegs bedeutet dies, dass solche Katholiken nicht häufig auch Nationalsozialisten waren – aber im Sinne einer politischen Überzeugung, die von der Religion getrennt bleiben sollte.

Weltanschaulich und kirchenpolitisch brisant war das Thema der historischen Hexenverfolgung (Felix Wiedemann). Es wurde in völkischen Kreisen in zwei Spielarten diskutiert. Auf der einen Seite galt es als Beispiel für klerikale Wahnvorstellungen. Unbescholtene Frauen wurden gefoltert und hingerichtet, weil verblendete Kirchenmänner glaubten, damit den Teufel zu bekämpfen. Angesichts des letztlich jüdischen Charakters des Christentums könne man sagen, germanische Frauen seien asiatischer Grausamkeit zum Opfer gefallen. Maßlos übertriebene Opferzahlen suggerierten einen Massenmord zur Schwächung „germanischer Volkskraft“. Auf der anderen Seite zogen die verfolgten Frauen selbst das Interesse auf sich. In radikaler Romantisierung schrieb man ihnen ein Wissen zu um vorchristliche Kulte, um Zeugung und Geburt, um Krankheit und Heilung, das ihre Mörder austilgen wollten. Die Erforschung der Hexen durch die völkische Wissenschaft verband sich mit der Hoffnung, dieses Wissen wieder ins Bewusstsein heben zu können.

Wo „Rasse“ und „Blut“ im Mittelpunkt der Verehrung standen, lag es nahe, auch religiöse Praktiken zu ersinnen, die sich der Pflege gerade dieser Größen verschrieben. Der Körper galt nicht mehr länger nur als Träger von Geist und Seele, sondern als Inkarnation göttlicher Absichten. Um seine Gesundheit und Schönheit zu bewahren und zu steigern, wurden gymnastische Übungen ersonnen, die gleichzeitig zur Meditation über den Zusammenhang von Körper, „Rasse“ und Weltganzem anhalten sollten. Dieses Gedankengut vertraten etwa die Runengymnastiker (Bernd Wedemeyer-Kolwe), die zudem der Ansicht waren, die altgermanischen Runen ständen für eine vorchristliche Hochkultur, welche die ursprüngliche Überlegenheit der nordischen Völker belege.

Vereinzelt gab es auch Versuche, eine neue völkische Religion zur Grundlage der Gemeinschaft aller germanischen Völker zu machen (Terje Emberland). Norwegische Nationalsozialisten bemühten sich in diesem Sinne um Kontakte zu den völkisch-religiösen Gemeinschaften in Deutschland. Doch auch in Norwegen erwies sich das Christentum als überlegen, gerade in rechtsgerichteten Kreisen, für welche die Christianisierung zu den Ursprungsmythen der eigenen Nation gehörte. Außerdem zeigte sich wieder, dass radikalnationalistische Ansichten und internationale Kooperation nicht leicht miteinander zu vereinbaren sind: Auf deutscher Seite ging man nur verhalten auf die Offerten aus Oslo ein. Letztlich kamen die völkisch-religiösen Streiter in ihren norwegischen Organisationen nicht über den Status einer radikalen Jugendopposition hinaus.

Das breite Spektrum der Themen, das in dem informativen und gehaltvollen Band behandelt wird, lässt sich auf ein recht klares Gesamtergebnis verengen. Die völkisch-religiösen Bewegungen konnten sich im Nationalsozialismus nicht durchsetzen; dies hatte mehrere Gründe: Erstens waren die Bewegungen untereinander zerstritten, zweitens wurden sie nur von einzelnen Persönlichkeiten in der NS-Polykratie ernst genommen und gefördert, niemals von Staatsmacht oder Partei insgesamt, und drittens stand ihnen die Grundsatzentscheidung Hitlers im Wege, den Nationalsozialismus auf eine „rassisch“ gewendete moderne Wissenschaft einzuschwören, aber keineswegs ins Schlepptau völkischer Mystagogen nehmen zu lassen.

An der Konzeption des Bandes ist positiv hervorzuheben, dass die Geschichte der völkisch-religiösen Bewegungen nachdrücklich bis in die Zeit der Weimarer Republik, teils bis ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgt wird. Das Jahr 1933 erscheint so als eine Drehscheibe mit teils positiven, teils negativen Auswirkungen für diese Bewegungen. Kritisch ist allenfalls zu vermerken, dass die Zuordnung der Beiträge zu den drei Rubriken des Bandes nicht immer ganz überzeugend ist und dass es viele Überschneidungen zwischen den Beiträgen gibt, auf deren Vermeidung die Herausgeber hätten dringen können. In einigen Fällen hätte sich der Leser präzisere Angaben, durchaus auch im quantitativen Sinne, zu Ausmaß und Gewicht der behandelten Phänomene gewünscht.

ZitierweiseFrank Becker: Rezension zu: Puschner, Uwe; Vollnhals, Clemens (Hrsg.): Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 30.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-086>.

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