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Frühe Neuzeit

W. Paravicini u.a. (Hrsg.): Städtisches Bürgertum und Hofgesellschaft

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan Brademann <jan.brademannuni-bielefeld.de>
Titel:Städtisches Bürgertum und Hofgesellschaft. Kulturen integrativer und konkurrierender Beziehungen in Residenz- und Hauptstädten vom 14. bis ins 19. Jahrhundert
Reihe:Residenzenforschung 25
Herausgeber:Paravicini, Werner; Hirschbiegel, Jan; Wettlaufer, Jörg
Ort:Ostfildern
Verlag:Jan Thorbecke Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-7995-4528-0
Umfang/Preis:384 S.; € 64,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Vinzenz Czech, Historisches Institut, Universität Potsdam
E-Mail: <vczechuni-potsdam.de>

Der vorliegende Band ist das Ergebnis des letzten Symposiums der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen im Jahr 2010 in Coburg. Über die Arbeit und die Bedeutung der Kommission in den vergangenen Jahren müssen an dieser Stelle nicht viele Worte verloren werden. Jeder, der sich in der jüngeren Vergangenheit mit der Erforschung von Hof und Residenz beschäftigt hat, wird auf die eine oder andere Veröffentlichung der Kommission – in Gestalt von Monographien und Sammelbänden, in Form der halbjährigen Mitteilungshefte oder auch der mehrbändigen Handbücher – gestoßen sein.

In dem Wissen um das Ende der Kommission nach über 25 Jahren des Bestehens war die Coburger Tagung nicht als eine Art Rückschau auf bisher Geleistetes ausgerichtet. Vielmehr sollte sie den bei der Göttinger Akademie gestellten Neuantrag thematisch begleiten. Inhaltlich wurde in diesem eine Neuausrichtung formuliert, die stärker die Entwicklungen in der Residenzstadt in den Mittelpunkt des künftigen Forschungsinteresses stellen soll. Das Projekt ist mittlerweile bewilligt worden und läuft unter dem Titel „Residenzstädte im Alten Reich (1300–1800). Urbanität im integrativen und konkurrierenden Beziehungsgefüge von Herrschaft und Gemeinde“.

In diesem Sinne sind die Beiträge des Sammelbandes in erster Linie als Versuch zu verstehen, sich inhaltlich dieser neuen Thematik aus einer fächerübergreifenden Perspektive zu nähern. In seinem einleitenden Beitrag fasst Werner Paravicini die bisherige Arbeit der Residenzen-Kommission kurz zusammen, formuliert jedoch auch mögliche Schwerpunkte für die Zukunft. Der zweite Beitrag ist dann ganz dem Ort der Tagung gewidmet. Gerd Melville stellt hier die Bedeutung Herzog Johann Casimirs von Sachsen-Gotha (1564-1633) für die Entwicklung Coburgs in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts heraus. Die folgenden 16 Beiträge sind vier Komplexen zugeordnet, die exemplarisch für die künftig zu bearbeitenden Themenfelder stehen können: I. Stadtwirtschaft und Hofwirtschaft, II. Visualität und Medialität, III. Konkurrenz und Kooperation, IV. Krise und Niedergang der höfischen Welt. Abgeschlossen wird der Band von einer ausführlichen Zusammenfassung von Pierre Monnet.

Der erste ökonomisch ausgerichtete Komplex beschäftigt sich vor allem mit der Fragestellung, wie sich höfische und städtische Wirtschaft zueinander verhalten. Bernd Fuhrmann gibt in seinem Beitrag dabei einen Überblick über die Entwicklungen im Alten Reich, während die anderen Autoren sich einzelnen Aspekten dieser Thematik widmen, etwa der Beziehung von Hof und Stadt in den burgundischen Niederlanden (Wim Blockmans) oder der Produktion höfischer Luxuswaren (Martin Eberle, Thomas Winkelbauer). Den repräsentativen Ausbau der Residenzstadt nimmt der zweite Komplex in den Blick. Architektur, fürstliche Zeichensprache, Prägung und Beherrschung des Stadtraumes sind hier die Schlagworte. Ausgehend von Italien untersucht Matthias Müller am Beispiel von Dresden und Schwerin Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung von Michel Foucaults Raumtheorie. Die Stadträume von Wien (Herbert Karner), Brüssel (Krista de Jonge) sowie der vergleichende Blick auf den Wandel im Stadtbild von Berlin, Potsdam und München (Uwe Albrecht) sind Themen weiterer Untersuchungen. Im dritten Bereich stehen soziale Aspekte im Mittelpunkt. Inhaltlich recht breit angelegt, finden sich hier politische Gruppierungen in mitteldeutschen Residenzstädten (Gerrit Deutschländer, Matthias Meinhardt), das Verhältnis von Adel und Bürgertum (Martial Staub) oder aber auch die Rolle der Universitäten (Enno Bünz) vorgestellt. Der vierte Komplex beschäftigt sich dann mit den Entwicklungen im 19. Jahrhundert, die aus höfischer Perspektive bislang weitgehend unbeachtet geblieben sind. Das Verhältnis von Hof und Stadt gehört hier sicher zu den noch am wenigsten erforschten Gebieten. Ute Daniel und Peter Johanek formulieren in ihren beiden Beiträgen dazu eine Reihe von Thesen und Desideraten, die als Anregung und Grundlage für zukünftige Arbeiten dienen können.

Überschaut man den Band, so deckt er inhaltlich ein breites Themenfeld ab und liefert einen gelungenen Einstieg in die Thematik der neuen Residenzenkommission. Wie bereits die Coburger Tagung ist auch der Sammelband so angelegt, das jeder Beitrag aus dem Umfeld der Kommission von ausländischen Fachleuten kommentiert werden sollte, um nicht nur den Blick über die Grenzen des Alten Reiches, sondern auch eine internationale Sicht auf das Thema zu gewährleisten. Dieser durchaus löbliche Ansatz gelingt jedoch nur zum Teil. Zwar finden in den vier Themenkomplexen acht Beiträge von ausländischen Wissenschaftlern Aufnahme. Jedoch lässt sich eine Kommentierung nur ansatzweise feststellen. Zumeist haben diese Artikel doch ihren eigenen Schwerpunkt.

Bei der grundsätzlichen Ausrichtung des Bandes verwundert es nicht, dass in einer Reihe von Beiträgen mehr Fragen und Desiderate als Ergebnisse vorgestellt werden. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Hof und Stadt‘ zeigt darüber hinaus deutlich, dass es künftig noch stärker darauf ankommen wird, bereits vorliegende Ergebnisse und eingeführte Methoden der älteren und jüngeren Stadtgeschichtsforschung zu beachten und für die Arbeit der Kommission fruchtbar zu machen. Ansätze für eine erfolgreiche Zusammenführung und Verknüpfung verschiedener Forschungsrichtungen werden von einzelnen Autoren bereits aufgezeigt, etwa bei Fragen der sozialen Vernetzung von Hofgesellschaft und Stadtbürgertum (Deutschländer/Meinhardt), der Rolle des Hofes als Auftraggeber für das städtische Handwerk (Eberle) oder der zeichenhaften Besetzung des Stadtraumes durch den Hof (Müller).

Ein Aspekt findet sich durchgängig benannt, bildet er doch quasi das Credo für die Arbeit der neuen Kommission: Die Überwindung des in der Forschung lange als unverrückbar geltenden Antagonismus von Hof und Stadt. Diesem Ziel haben sich fast alle Autoren ausdrücklich verschrieben. Pierre Monnet fasst diese grundlegende Aufgabe als eine Art Leitfrage für die Arbeit der künftigen Kommission zusammen: Wie städtisch wird der Hof und wie höfisch wird die Stadt in einem langen europäischen Übergang der Vormoderne zur Moderne? Der vorliegende Band zeigt diesbezüglich überzeugend Richtung und Perspektiven auf.

ZitierweiseVinzenz Czech: Rezension zu: Paravicini, Werner; Hirschbiegel, Jan; Wettlaufer, Jörg (Hrsg.): Städtisches Bürgertum und Hofgesellschaft. Kulturen integrativer und konkurrierender Beziehungen in Residenz- und Hauptstädten vom 14. bis ins 19. Jahrhundert. Ostfildern 2012, in: H-Soz-u-Kult, 04.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-005>.

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