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Außereuropäische Geschichte

St. Rinke: Lateinamerika und die USA

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Lateinamerika und die USA. Von der Kolonialzeit bis heute
Ort:Darmstadt
Verlag:Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Jahr:
ISBN:978-3-534-24551-2
Umfang/Preis:144 S.; € 14,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Katharina Schembs, Humboldt Universität zu Berlin
E-Mail: <katharina.schembsstaff.hu-berlin.de>

Angesichts der Neuausrichtung der US-amerikanischen Außenpolitik auf die Bekämpfung islamistischen Terrors nach dem 11. September 2001 gerät allzu leicht in Vergessenheit, wie bestimmend die Beziehungen zwischen beiden Teilen Amerikas über Jahrhunderte waren. Dies ruft Stefan Rinke mit seinem konzisen Überblickswerk „Lateinamerika und die USA“ in Erinnerung und kommt damit einem Desiderat der deutschsprachigen Lateinamerika-Forschung nach. Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein ereignisgeschichtliche Abhandlung. Durch innovative Perspektivierungen wird an aktuelle Debatten, nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch in anderen Disziplinen, angeknüpft.

Der 144-seitige Band richtet sich an Studierende, Lehrende und historisch Interessierte und gliedert sich in elf Kapitel, die sich einigermaßen gleichmäßig auf das späte 18. und 19. sowie das 20. Jahrhundert verteilen. Eine Zeitleiste zu Beginn jedes Kapitels, Unterkapitel und Zwischenüberschriften, Quelleneinschübe und Begriffserklärungen garantieren ein hohes Maß an Übersichtlichkeit und Verständlichkeit. Zudem wird im Anhang ein Namensregister, eine weiterführende Bibliographie sowie Kartenmaterial geliefert.

Rinkes raumsoziologische Annäherung an die Geschichte des Doppelkontinentes, der auch durch eine bisweilen innovative Periodisierung Rechnung getragen wird, überzeugt. Von der Konzeptualisierung Lateinamerikas als „leerem Raum“ (S. 38), über die mit der Monroe-Doktrin (1823) verknüpften hemisphärischen Ansprüche seitens der USA und panamerikanischen Projekten verschiedenster Prägung bis hin zum in Lateinamerika mit ausgestalteten Raumkonzept der Dritten Welt – sich wandelnde Raumvorstellungen waren für das interamerikanische Verhältnis stets zentral. Dabei wird Lateinamerika keineswegs als Block behandelt. Je nach politischer Konjunktur fokussiert Rinke die Beziehungen der USA zu verschiedenen Ländern und Regionen, so zum Beispiel zum Nachbarland Mexiko oder zur zeitweise Quasi-Kolonie Puerto Rico, zu Mittelamerika oder der Karibik. Einer näheren Erläuterung bedürfte allerdings, was genau unter dem Konzept der „Zwischenräume“ (S. 41) als Kontaktzone zwischen beiden Amerikas verstanden wird.

Rinkes Anspruch ist es ferner, die Geschichte der interamerikanischen Beziehungen aus lateinamerikanischer Perspektive zu beleuchten, ohne in den einseitigen Duktus der antiimperialistischen Kritik zu verfallen. Wie gewinnbringend eine solche Perspektivierung sein kann, zeigt sich beispielsweise anhand des Spanisch-Amerikanischen Krieges von 1898, dessen konventionelle Nomenklatur die durchaus entscheidende Beteiligung Kubas völlig verschweigt. Um dem kubanischen Beitrag gerecht zu werden, plädiert Rinke stattdessen für eine differenziertere Umbenennung in „Kubanisch-US-amerikanisch-Spanische(r) Krieg“ (S. 56). Ebenso erfrischend ist sein Vorschlag an anderer Stelle, neben Prozessen der Nordamerikanisierung Lateinamerikas umgekehrt auch die „Lateinamerikanisierung“ (S. 133) der USA, wie sie sich beispielsweise in Migrationsbewegungen von Latinos gen Norden manifestiert, in den Blick zu nehmen. In diesem Zuge soll auch die US-amerikanische Sichtweise einer einseitigen Beeinflussung des „Koloss[es) des Nordens“ gegenüber seinem vermeintlichen Hinterhof konterkariert werden. Denn, so stellt Rinke bereits in der Einleitung fest, „Lateinamerika (war) nie nur passives Objekt in den interamerikanischen Nord-Süd-Beziehungen, sondern gestaltete diese aktiv mit.“ (S. 1)

Tatsächlich gelingt dem Autor durch einen konsequenten Perspektivwechsel auf zentrale historische Ereignisse eine ausgewogene Darstellung und Analyse, die auch durch die Auswahl der Quellenausschnitte sowohl lateinamerikanischer als auch US-amerikanischer Provenienz unterstützt wird. Denn nicht zuletzt gilt Rinkes besonderes Interesse einer „geteilte(n) Geschichte“ (S. 3). Die Verflechtungsprozesse zwischen beiden Räumen, die in Folge von wachsender Mobilität und technologischem Fortschritt in den letzten Dekaden exponentiell angestiegen sind, werden treffenderweise in der Retrospektive für die Frühphase der interamerikanischen Beziehungen nicht überreizt. So werden am Beispiel von Kommunikationsproblemen zwischen den beiden Amerikas im späten 18. Jahrhunderts auch die Grenzen des Ansatzes der Verflechtungsgeschichte aufgezeigt: Der interamerikanische Informationsfluss kam in jener Zeit nicht ohne den Mittler Europa aus; die US-amerikanische Verfassung fand in Lateinamerika zunächst in französischer Sprache Verbreitung.

Indem Rinke den Ansatz der entangled history verfolgt, macht er die Lateinamerikastudien gleichzeitig anschlussfähig für postkoloniale Theorien und mit anderen Regionalwissenschaften vergleichbar. Wohl ob der zeitlich weit auseinanderliegenden kolonialen Erfahrung und Dekolonisierung in Lateinamerika und anderen Teilen der Welt fand bisher bedauerlicherweise wenig wissenschaftlicher Dialog zwischen den Regionalwissenschaften statt. Ebenso zögerlich wurden postkoloniale Theorien auf von ihren primären Forschungsfeldern in Asien und Afrika verschiedene Regionen angewandt. Richtungsweisend sind daher Rinkes Vergleiche der interamerikanischen Beziehungen zu anderen Kolonialverhältnissen, wie dem europäisch-afrikanischen. Weitere derartige über den amerikanischen Kontinent hinausgehende Gegenüberstellungen wären wünschenswert, da sie Aufschluss geben über die Eigenart des interamerikanischen Verhältnisses im Unterschied zu generellen Herrschaftsmechanismen. So wurde zum Beispiel die Zuschreibung weiblicher und infantiler Attribute im Rahmen des Alteritätsdiskurses zur Legitimierung der kolonialen Mission, wie Rinke für die US-amerikanische Sichtweise auf die Lateinamerikaner ausführt, bereits für andere koloniale Herrschaftsverhältnisse herausgestellt.[1]

Den vieldiskutierten Begriff des Empires aufgreifend, variiert Rinke die postkoloniale Denkfigur der Kolonie als Labor, indem er spätere Interventionen der USA in anderen Regionen der Welt im 20. und 21. Jahrhundert im US-amerikanischen Agieren in Lateinamerika präfiguriert sieht. Was die Frage angeht, wie die interamerikanischen Relationen zu charakterisieren sind, positioniert sich der Autor innerhalb der Imperialismus-Debatte mit der Entscheidung für den Begriff des „informelle(n) Imperium(s)“ (S. 4).

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass sich Rinke der Kulturgeschichte mit ihrem Fokus auf Bildern, Stereotypen und Debatten verschreibt. Überzeugend zeigt er zum Beispiel anhand von Karikaturen, dass jene in den beiden Amerikas keineswegs isoliert voneinander entstanden, sondern sich im Gegenteil wechselseitig bedingten und konstituierten. Bei der Abgrenzung vom jeweils Anderen zwecks eigener Identitätsbildung und innerer Integration spielten konfessionelle und rassistische Vorurteile von Beginn an eine zentrale Rolle. Dieser Gegensatz war bereits in der Namensgebung des Doppelkontinentes angelegt, wie Rinke in einem begriffsgeschichtlichen Exkurs erläutert. Galt die Bezeichnung ‚Amerika‘ entgegen dem heutigen Sprachgebrauch bis Mitte des 19. Jahrhunderts in erster Linie für Mittel- und Südamerika, wurde mit der Neuschöpfung ‚Lateinamerika‘ auf „die Solidarität aller Amerikaner des Südens“ im Unterschied zu jenen angelsächsischen des Nordens abgehoben (S. 45). Dass rassistische und konfessionelle Vorbehalte den US-amerikanischen Missionsanspruch nicht nur legitimatorisch beförderten, sondern im Gegenteil dem Expansionsdrang auch abträglich sein konnten, zeigt das im US-Kongress gescheiterte Projekt der Annexion Mexikos 1846-48.

Mit der kulturgeschichtlichen Ausrichtung geht einher, dass auch eine Vielzahl nicht-staatlicher Akteure, wie Intellektuelle, Reisende und Exilanten, Abenteurer, zu Wort kommen. Dass diese über weite Strecken des behandelten Untersuchungszeitraums dennoch lediglich eine schmale Elite repräsentieren, ist wohl der Quellenlage geschuldet. Rezente geschichtswissenschaftliche Debatten über Expertenkultur und –wissen klingen an, wenn beispielsweise vom Anwerben US-amerikanischer Experten seitens verschiedener lateinamerikanischer Militärdiktaturen der 1970er- und 1980er-Jahre, allen voran der chilenischen, die Rede ist.

Schließlich versäumt es Rinke in seinem überaus gut lesbaren Werk nicht, auf jüngere Forschung zu Spezialthemen zu verweisen sowie noch offene Forschungsdesiderate klar zu benennen. Es bleibt zu hoffen, dass in künftigen Publikationen die in diesem – trotz seiner Kürze – grundlegenden Beitrag zur Geschichte Lateinamerikas und der USA gestellten Weichen weiter verfolgt werden.

Anmerkung:
[1] Vgl. Mrinalini Sinha, Colonial Masculinity. The ‚Manly Englishmen’ and the ‚Effeminate Bengali’ in the Late Nineteenth Century, New Delhi 1997.

ZitierweiseKatharina Schembs: Rezension zu: Rinke, Stefan: Lateinamerika und die USA. Von der Kolonialzeit bis heute. Darmstadt 2012, in: H-Soz-Kult, 10.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-103>.

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