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Geschichte allgemein

C. von Collani: Von Jesuiten, Kaisern und Kanonen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Von Jesuiten, Kaisern und Kanonen. Europa und China - eine wechselvolle Geschichte
Ort:Darmstadt
Verlag:Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Jahr:
ISBN:978-3-534-25152-0
Umfang/Preis:195 S.; € 39,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Hajo Frölich, Freie Universität Berlin
E-Mail: <hajo.froelichfu-berlin.de>

Der Titel des Buches von Claudia von Collani ist Programm, und man ist versucht hinzuzufügen: leider. Denn so beeindruckend das Wissen über die Details des Kulturaustauschs zwischen Europa und China während des ersteren Früher Neuzeit ist, das die Privatdozentin am Institut für Missionswissenschaft der Universität Münster auf recht kleinem Raum ausbreitet, so wenig fügt es sich zu einem Ganzen.

Collanis These ist, dass die Zeit zwischen 1580 und 1780 den „Prototyp eines geglückten Kulturaustauschs“ (S. 12) darstelle, der maßgeblich von den Angehörigen der 1534 gegründeten Societas Jesu getragen worden sei. Diese Männer, die sich einer stark wissenschaftlich geprägten Eliten-Mission verschrieben hatten, hätten mithin einen „hervorragenden Platz als Mittler zwischen den Kulturen“ eingenommen (S. 13). Collanis Kulturbegriff ist dabei ein ganz klassischer, hochkultureller: Die Autorin beschränkt sich auf Wissenschaften, Künste, Kunsthandwerk, Technik, Philosophie und Religion. Den Untersuchungszeitraum unterteilt sie in drei Phasen, deren erste – die „frühe Jesuitenmission“ – von 1580 bis 1680 gedauert habe und vor allem Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Chinesische (und in geringerem Umfang andersherum) gebracht habe. Die zweite Phase fällt zusammen mit der Regierungszeit des Kangxi-Kaisers (1662-1722), der die wissenschaftliche Arbeit der Jesuiten am Hof in Peking mit großem Interesse bedachte und förderte. Die dritte Phase schließlich ist jene des langsamen Niedergangs der jesuitischen Mission nach dem päpstlichen Verbot der Teilnahme an den konfuzianischen Riten 1742, dem bereits verschiedene Einschränkungen der Missionsfreiheit durch den Kangxi-Kaiser zu Beginn des 18. Jahrhunderts vorangegangen waren.

Um die Bedeutung dieser insgesamt weitgehend friedlichen Epoche der Beziehungen zwischen China und Europa kontrastierend hervorzuheben, lässt Collani ganz zu Beginn Kaiser Wilhelm II. mit seiner berüchtigten „Hunnen-Rede“ anlässlich der Entsendung deutscher Soldaten zur Niederschlagung des „Boxer-Aufstands“ im Sommer 1900 zu Wort kommen: „Pardon wird nicht gegeben“.

Die folgenden zehn Kapitel sind dann ganz der besseren Zeit vor der Hochphase des europäischen Imperialismus gewidmet. Das erste Kapitel gibt eine grundlegende Einführung in „das“ chinesische Weltbild, die Reisewege zwischen China und Europa, die Rolle Portugals als Schutzmacht der frühen China-Mission im 16. Jahrhundert, sowie in die Geschichte des Jesuiten-Ordens.

Das zweite, vier Seiten kurze Kapitel springt dann etwas überraschend zurück zu den ersten Spuren des Christentums in China während der Tang-Dynastie (618-907). Es folgt ein weiteres kurzes Kapitel über die päpstlichen Gesandtschaften zu den mongolischen Khanen und Kaisern der mongolischen Yuan-Dynastie (1277-1367), die für Collani in zweifacher Hinsicht von Bedeutung sind. Zum einen bildet diese Zeit wiederum eine Kontrastfolie für ihre eigentliche Untersuchung, seien doch während der vergleichsweise spärlichen Kontakte der Yuan-Zeit auf beiden Seiten „eine Öffnung für den anderen und eine Integration von Ideen und Werten“ ausgeblieben (S. 37). Zum anderen habe die mongolische Eroberung Chinas mit geschätzten 50 Millionen Toten die technische und wissenschaftliche Überlegenheit gegenüber Europa zerstört und damit dem jesuitischen Wissenstransfer erst den Boden bereitet.

Mit dem vierten Kapitel erreicht das Buch dann die Anfänge der jesuitischen China-Mission. Deren Erfolg sieht Collani in der vom Jesuiten Alessandro Valignano (1539-1606) entwickelten Akkomodationsmethode begründet, die sich durch Eliten-Mission, indirekte Mission durch Wissenschaft und Technik, Offenheit gegenüber chinesischen Werten, die Überzeugungskraft von Büchern sowie die Integration des klassischen Konfuzianismus als Monotheismus ausgezeichnet habe. Wie diese einzelnen Elemente in die Praxis umgesetzt wurden, verdeutlicht Collani in diesem sowie den folgenden vier Kapiteln mit großer Detailkenntnis und Anschaulichkeit. Das Beispiel des wohl berühmtesten der Missionare, Matteo Ricci (1552-1610), zeigt anhand des 19 Jahre dauernden Weges des 1582 in der portugiesischen Kolonie Macao gelandeten Italieners bis an den Kaiserhof in Peking die Bedeutung der Akkomodation in Kleidung, Sprache und Auftreten; die Wichtigkeit der indirekten Mission in Form von Weltkarten, Büchern, Uhren oder Musikinstrumenten; und die Rolle persönlicher Freundschaften zu chinesischen Gelehrten und Beamten. Dabei verschweigt Collani nicht den im Vergleich zum Aufwand geringen Ertrag der Akkomodation: Die wenigsten der anvisierten Gelehrten ließen sich tatsächlich taufen.

Die Nachfolger Riccis waren ebenfalls mehr als Wissenschaftler, und vor allem als kaiserliche Astronomen zur korrekten Kalenderberechnung, denn als religiöse Lehrer beliebt. Traten sie hingegen an anderen Orten des Reiches mit ihren Bekehrungsversuchen offensiver auf, kam es zu lokalen Ausschreitungen und Festnahmen.

Das Hauptaugenmerk Collanis gilt denn auch bis zum Ende des siebten Kapitels den Büchern (übersetzten und selbst verfassten) und praktischen Arbeiten der Missionare auf so unterschiedlichen Gebieten wie Waffentechnik, Medizin, Musik, Astronomie, Mathematik, Hydraulik, Malerei und Architektur. Hier ist die Quellenkenntnis Collanis wiederum beeindruckend, und sie zieht neben publiziertem Material auch die Briefe der Jesuiten aus dem Archivum Romanum Societatis Jesu heran, was interessante Einblicke in den missionarisch-wissenschaftlichen Alltag am Hof in Peking erlaubt. Zugleich webt die Autorin immer wieder Abschnitte zum historischen Hintergrund in China ein. Diese mittleren Kapitel sind die stärksten des Buches.

Die Gewinnung von Konvertiten rückt wie oben gesagt erst am Ende des siebten Kapitels (S. 126) wieder in den Vordergrund, wo der Leser erfährt, dass sich während aller wissenschaftlichen Arbeit in Peking das (katholische) Christentum zu einer „Religion des niederen Volkes“ mit bis zu 300.000 Angehörigen (von 125 Millionen Einwohnern) entwickelt hatte.

Erneut überraschend wartet dann das achte Kapitel, keine vierzig Seiten vor Ende des Buches, mit einer Einführung in die chinesischen Philosophien und Religionen auf, widmet sich den chinesischen Übersetzungen des christlichen Gottesbegriffs und wiederholt weitgehend vorherige (S. 104-110) Ausführungen zum Ritenstreit (S. 139-141).

Im neunten Kapitel richtet Collani ihren Fokus von den Aktivitäten der Jesuiten in China weg und hin zu ihrer kulturellen Mittler-Rolle in Europa. Der Abschnitt „Bücher über China“ stellt eben diese in großer Zahl knapp vor, danach folgt die Autorin den Rückwirkungen der jesuitischen Kulturvermittlung auf die europäische Philosophie, Theologie und die Anfänge der europäischen Sinologie.

Den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, ist Ziel des knappen Schlusskapitels. Aller zeitgenössischen, chinesischen wie europäischen Kritik zum Trotz sieht Collani ihre Ausgangsthese vom fruchtbaren Kulturaustausch zwischen „in etwa gleichwertigen Partnern“ bestätigt. Hier nimmt die Autorin mit Urs Bitterlis 1986 erschienenem Buch auch erstmals direkt auf eine theoretische Schrift Bezug.[1] Man könnte die These von den gleichwertigen Partnern sicher anzweifeln angesichts der Tatsache, dass es sich bei den Jesuiten um Gäste (nicht die einzigen) am Hof eines sich selbst als universell verstehenden, multiethnischen Imperiums handelte. Zumindest kirchengeschichtlich enggeführt erscheint auch Collanis abschließende Spekulation: „Hätte man die Chinamission im 18. Jahrhundert weiter unter chinesischer Kontrolle belassen und nicht versucht, [durch das Ritenverbot] die Kontrolle an sich zu reißen, so wäre es möglicherweise nicht zu einem eher kurzzeitigen Kulturaustausch gekommen, sondern zu einer chinesischen Kirche, welche die chinesische Gesellschaft und schließlich die Kultur Europas verändert hätte […]“ (S. 166). Hier blendet Collani politische und vor allem wirtschaftliche Faktoren vollkommen aus, die für die Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts doch sehr wichtig werden sollten.

Leider: Collanis Buch fehlt eine klare Struktur. Das liegt auch daran, dass sie weniger eine Frage beantworten denn vielmehr eine Epoche und deren reiche Überlieferung darlegen will. Dem entspricht der weitgehende Verzicht auf theoretische und methodische Überlegungen sowie auf eine Einordnung in den Forschungsstand. Vieles davon lässt sich aus den Endnoten rekonstruieren. Hier findet sich auch David Mungellos 1999 erstmals erschienene, lesenswerte Darstellung der nämlichen Epoche.[2] Manches Einschlägige bleibt hingegen außen vor: Jürgen Osterhammel hat sich, teils auf Urs Bitterlis Typologie der Kulturkontakte aufbauend, in sehr systematischer Weise mit den Themen des zu rezensierenden Buches auseinandergesetzt (wenn auch mehr mit der späteren Zeit), und zum für Collani zentralen Begriff des kulturellen Mittlers existiert ebenfalls eine Literatur.[3] Zuletzt hätte ein Lektorat die Wiederholungen, die bisweilen holprige Sprache und manchen unpassenden Ausdruck (in China trafen die Missionare „auf einen Mischmasch von Religionen […].“, S. 130) zu vermeiden geholfen. All dies hätte die Erkenntnisse, die Claudia von Collani aus ihrem zweifelsohne reichhaltigen Material gezogen hat, noch deutlicher hervortreten lassen. Der Hinweis, das Buch erhebe „weder Anspruch auf […] Objektivität noch Anspruch auf Vollständigkeit“ (S. 16), erübrigt sich ohnehin immer.

Anmerkungen:
[1] Urs Bitterli, Alte Welt – Neue Welt. Formen des Formen des europäisch-überseeischen Kulturkontakts vom 15. bis zum 18.Jahrhundert, München 1986.
[2] David Mungello, The Great Encounter of China and the West, Lanham 1999.
[3] Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18.Jahrhundert, München 1998; ders., Kulturelle Grenzen in der Expansion Europas, in: Saeculum 46 (1995), S. 101-138.

ZitierweiseHajo Frölich: Rezension zu: von Collani, Claudia: Von Jesuiten, Kaisern und Kanonen. Europa und China - eine wechselvolle Geschichte. Darmstadt 2012, in: H-Soz-Kult, 04.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=18139>.

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