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Zeitgeschichte (nach 1945)

C. Hatzky: Kubaner in Angola

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Kubaner in Angola. Süd-Süd-Kooperation und Bildungstransfer 1976-1991
Reihe:Studien zur Internationalen Geschichte 28
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-71286-5
Umfang/Preis:376 S.; € 64,80

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Adelheid Pichler, Universität Wien
E-Mail: <adelheid.pichlerunivie.ac.at>

Bis vor kurzem war die Anwesenheit der Kubaner in Angola einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit in erster Linie in ihrer politisch-militärischen Dimension bekannt. Zwischen 1974 und 1991 unterstütze Kuba als militärischer Verbündeter gemeinsam mit der Sowjetunion die angolanischen Unabhängigkeitsbewegung MPLA - Moviemento Popular la Libertação - gegen die rivalisierenden Unabhängigkeitsbewegungen UNITA [1] und FNLA [2]. Kuba entsandte in dieser Zeit 400.000 Soldaten und etwa 50.000 Zivilisten nach Angola (S. 173).

Christine Hatzky untersucht die zivile Kooperation zwischen Kuba und Angola und den damit einhergehenden Aufbau staatlicher Strukturen im postkolonialen Angola. Sie durchleuchtet die Süd-Süd-Kooperation im zivilen Bereich und schließt damit eine Forschungslücke, da eine fundierte Untersuchung zu den sozialen und interkulturellen Dimensionen dieses Wissenstransfers bisher ausgeblieben war. Das gut lesbare Buch bietet eine hilfreiche Übersicht von historischen Hintergründen und Entwicklungen dieser transatlantischen (militärischen und zivilen) Kooperation. Die Beschreibung des kubanischen Bildungssystems, seine Implementierung im Rahmen der kubanisch-angolanischen Süd-Süd-Bildungskooperation, sowie die Darstellung und Analyse persönlicher Erfahrungen der beteiligten Lehrer und Lehrerinnen machen diese Untersuchung zu einem wichtigen Arbeitsmittel nicht nur für regional und politisch interessierte Expertinnen und Spezialistinnen. Diese Studie behandelt Dimensionen nachhaltiger Entwicklung in Bürgerkriegsregionen und gesteht den beteiligten Lehrern und Ärzten eine alternative und differenzierte Beurteilung der Ereignisse zu, indem Erinnerungen an die Kriegstraumata den politischen Erfolgen gegenübergestellt werden.

Dem Erscheinen dieser Arbeit kommt eine wichtige Bedeutung zu, da es sich um ein gelungenes Beispiel für eine aktuelle und zugleich erste Generation von kritischen Arbeiten Kuba-zentrierter Geschichtswissenschaft handelt, die sich kritisch mit der Geschichte der Revolution und ihres Transfers befassen.

Die wissenschaftliche Literatur zum Thema ist durch politikwissenschaftliche Analysen mit Fokus auf die Rolle der Großmächte USA und Sowjetunion geprägt, während die kubanischen Kommentare durch Regimenähe gekennzeichnet sind und die sechzehn Jahre dauernde Präsenz kubanischer Militärs und Zivilisten in Angola als Erfolgsgeschichte der kubanischen Revolution auslegen. Die kubanische Regierung beansprucht für sich, wesentlich zum Niedergang des südafrikanischen Apartheidregimes beigetragen und die Unabhängigkeit Namibias ermöglicht zu haben (S. 329).

Christine Hatzky führt in exemplarischer Weise komplexe Verflechtungen globaler Geschichte vor und erschließt dank innovativer methodischer Herangehensweisen neue Quellen. Sie wählt einen historischen und mikrogeschichtlichen Zugang und bereichert die vorhandenen Quellen mit lokalen und regionalen Perspektiven.

Im ersten Kapitel werden die ideologischen und pragmatischen Ziele der postkolonialen Bildungsreform Angolas beschrieben. Angola proklamierte im November 1975 seine Unabhängigkeit von Portugal. Nach einem der längsten und blutigsten Kolonialkriege Afrikas hatte die sozialistische Befreiungsbewegung MPLA die Macht über die ehemalige Kolonie übernommen. Im Schatten des Kalten Krieges folgte eine umfassende militärische und zivile Kooperation mit Kuba und der Sowjetunion. Die zivile Kooperation zwischen Kuba und Angola legte den Grundstein für den Aufbau staatlicher Strukturen im postkolonialen Angola und war zusammen mit dem Militäreinsatz der kubanischen Truppen entscheidend für den Ausbau der Vormacht der MPLA. Die Studie demonstriert, wie neben den Aufbau eines landesweiten, staatlichen Bildungssystems auch „Herrschaftswissen“ von Kuba nach Angola transferiert werden sollte (S. 15) und wie dieses nach Ende des Bürgerkrieges zum Machterhalt der MPLA beigetragen hat.

In einen weiteren Kapitel arbeitet die Autorin sehr unterschiedliche Ebenen der Süd-Süd-Kooperation heraus: Strukturelle Rahmenbedingungen zum zivilen Wiederaufbau im Bildungsbereich werden ebenso vermittelt, wie Strategien und Motivationen der beteiligten Lehrer und Schüler. Innovativ ist auch die gewählte methodologische Herangehensweise. Hatzky arbeitet mit biographischen Interviews, um soziale Interaktionen und interkulturellen Begegnungen zu beschreiben. So gelingt es ihr, individuelle Erfahrungen und Erlebnisse beider Partner sichtbar zu machen. Damit ist eine weitere Qualität dieser Untersuchung klar erkennbar. Durch diese multiperspektivische Methodik wird die vorhandene Literatur zum Thema um Informationen zur Rolle lokaler Akteure als wichtige Informationsträger ergänzt. Christine Hatzky trägt exemplarisch und innovativ zu einer Neuinterpretation der Süd-Süd-Kooperation Kuba-Angola bei. Speziell die Fachdiskussionen über Nachhaltigkeit von Bildungsoffensiven in der Entwicklungszusammenarbeit erhalten durch diese Studie neue empirische Grundlagen.

So konnte gezeigt werden, dass die kubanische Seite weder auf Geheiß, noch als Stellvertreter des „Großen Bruders“ Sowjetunion in Angola agierte, sondern durchaus eigenmächtige Ziele mit dem „solidarischen Bildungsexport“, oder – in den Worten von M. Zeuske – mit dem „Revolutionsexport“ (S. 6) verband.

Über den bisherigen Forschungsstand deutlich hinausweisend, wird durch die gewählte Süd-Süd-Perspektive und durch den Fokus auf die zivile Kooperation und ihre Mechanismen die Bedeutung der Großmächte des Kalten Krieges für die Unabhängigkeit Angolas deutlich relativiert. Im Gegensatz zu allen bisherigen Perspektiven auf die postkoloniale Entwicklung Angolas wurde gezeigt, dass beide Regierungen im Rahmen dieser Kooperationen eigene (macht)politische Interessen verfolgten: Entscheidend für die Beurteilung der Interaktion zwischen den beiden Regierungen ist der Sachverhalt der Finanzierung des zivilen Einsatzes durch die angolanische Regierung. Hatzky beschreibt den dadurch gewonnen Handlungsspielraum der Angolaner, die in dieser Perspektive keinesfalls nur „Empfänger“ solidarischer Hilfe waren, sondern Handlungsspielräume definierten und Forderungen stellten. Der finanzielle Aspekt verdeutlicht außerdem, dass die kubanische Regierung finanziell profitierte (S. 325).

Eine der wenigen Schwächen dieser Arbeit besteht vielleicht darin, dass der Wirkung von Bildung und Bildungsprozessen für Individuen nur in wenigen Fallbeispielen nachgegangen werden konnte und diese erst im Schlussfazit angedeutet wird. Da sich der Band ansonsten durch eine hohe Materialdichte auszeichnet, kann die Untersuchung trotzdem wichtige Hintergrundinformationen zu dieser für Entwicklungsdiskurse relevanten Frage liefern. Dasselbe gilt sicherlich auch für Fragen des nachhaltigen Wirkungspotentials von Bildung für Gesellschaften und für die Chancen staatlich organisierter Bildungsoffensiven in Bürgerkriegsszenarien. Die Autorin präsentiert eine Vielzahl sehr differenzierter Einblicke in die konkrete Umsetzung des ehrgeizigen Kooperationsprogramms und zeigt die Hürden und Gefahren für die zivilen kubanischen Rekruten in Angola. Die kubanischen Lehrer und ihre Schüler waren, bedingt durch den internen Krieg, ständig in Lebensgefahr. Ihre Unterkünfte stellten Ziele für Attentate durch Truppen der UNITA dar. Durch die Identifizierung der kubanischen Lehrer mit der MPLA kam es immer wieder zur Ablehnung und Behinderung ihrer pädagogischen Vorhaben usw.

Die personenzentrierte Methode der Autorin legt die emotionalen Dimensionen dieser interkulturellen Begegnung zwischen Kubanern und Angolanern frei. Auf Basis der Zeitzeugen- Interviews gelingt es der Autorin, die offizielle Propaganda seitens der kubanischen Regierung zur Rekrutierung und die tatsächlichen individuelle Motivationen der Beteiligten einander gegenüberzustellen. Im Gegensatz zu der behaupteten revolutionären Überzeugung als alleiniger Motivation, wird deutlich, dass von Seiten der Regierung noch mit anderen Anreizen – etwa beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten – geworben wurde. Desweiteren werden Versäumnisse der kubanischen Regierung benannt, die bisher in den Berichten der kubanischen Kommentatoren unberücksichtigt blieben: Viele der Aufbauhelfer waren nicht auf die Kriegssituation vorbereitet und kehrten traumatisiert nach Kuba zurück. Die negativen Belastungen und Überforderungen finden in den kubanischen Archiven und Erinnerungsritualen zum Angola-Einsatz bis heute leider keine Erwähnung (S. 326). Ungeachtet dessen betont die kubanische Regierung den Erfolg ihres Einsatzes. So fällt Hatzkys erste Bilanz dieser militärisch-zivilen Kooperation ambivalent aus: Obwohl in der Bürgerkriegssituation oft die Zerstörung dessen folgte, was als kleiner struktureller Fortschritt aufgebaut werden konnte, gelang es der MPLA von der Verstaatlichung zu profitieren, indem sie sich die Monopole über die Finanzwirtschaft und die Kontrolle der Ölproduktion sichern konnte. Damit konnten die Staatseinnahmen bestritten werden, und der Krieg auch nach Abzug der südafrikanischen und kubanischen Truppen nach 1988 (Vertrag von New York) finanziert werden. Die positiven Resultate dieses frühen Beispiels für kubanischen „Revolutionsexport“ (Zeuske, in Hatzky, S. 6) umfassen eine Stärkung staatlicher Strukturen in der Administration und den Aufbau infrastruktureller Modernisierungsmaßnahmen und sozialer Programme. Darauf aufbauend, gewinnen kubanische „Revolutionsexporte“ bis heute an Professionalisierung und Ökonomisierung und wurden zu einem wichtigen Symbol kubanischer Außenpolitik und zu einer wichtigen Quelle staatlicher Wirtschaftseinnahmen.

Anmerkungen:
[1] União National para a Independencia Total de Angola, Nationale Union für die Unabhängigkeit Angolas.
[2] Frente national para la Libertação.

ZitierweiseAdelheid Pichler: Rezension zu: Hatzky, Christine: Kubaner in Angola. Süd-Süd-Kooperation und Bildungstransfer 1976-1991. München 2012, in: H-Soz-Kult, 28.02.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=18095>.

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