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Frühe Neuzeit

O. Bauer: Fuggerzeitungen (1568–1605)

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Niels Grüne <niels.grueneuibk.ac.at>
Autor(en):
Titel:Zeitungen vor der Zeitung. Die Fuggerzeitungen (1568–1605) und das frühmoderne Nachrichtensystem
Reihe:Colloquia Augustana 28
Ort:Berlin
Verlag:Akademie Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-05-005158-1
Umfang/Preis:436 S.; € 89,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Flemming Schock, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
E-Mail: <flemming.schockmail.uni-goettingen.de>

Betagte medienhistorische Perspektiven werden derzeit gerne ins Wanken gebracht. So sieht die vorliegende Dissertation das Problem in der pauschal einseitigen Betonung der Frühen Neuzeit als Epoche der Druckmedien. Oswald Bauer mahnt zu Recht an, dass der Typus der handschriftlichen Zeitung als Vorstufe der späteren gedruckten Zeitungen und eben „weniger leicht zu fassende Medienprodukte“ (S. 22) in der Forschung chronisch unterbelichtet sind. Bauers zentrale Quelle, die so genannten Fuggerzeitungen der Augsburger Brüder Philipp Eduard und Octavian Secundus Fugger, sind eine der bekanntesten Sammlungen handgeschriebener Zeitungen. Der Autor selbst hat bereits in seiner Magisterarbeit zum Thema gearbeitet[1]; dennoch stuft er die bisherige Forschung weiter als lückenhaft und defizitär ein. Angesichts der einschüchternden Textmasse von rund 20.000 handschriftlichen Nachrichtenblättern in 27 Bänden wundert der relative Mangel quellenbasierte Aussagen gleichwohl nicht. Dass sich der Autor auf dieses Wagnis eingelassen hat, ist bereits grundsätzlich zu loben.

Bauer beschreibt das Profil der Fuggerzeitungen vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Nachrichtensystems – eben nicht des Mediensystems. Dass die publizistischen Medien des 16. Jahrhunderts damit weitgehend ausgeklammert werden, ist schade, aus arbeitsökonomischen Gründen jedoch nachvollziehbar. Im Kern geht es um die – für die Forschung alte – Frage nach dem medienpragmatischen ‚Sinn‘ der Informationssammlung: Waren die Fuggerzeitungen lediglich modische „Liebhaberei“ (S. 15) oder erzeugten sie für die Augsburger Unternehmer einen belegbaren ökonomischen Gebrauchsvorteil? Es ist ein Vorzug der weit ausgreifenden Arbeit, dass Bauer diese individuellen Perspektiven um exemplarische Befunde zu den Mechanismen des Brief- und Nachrichtenwesens allgemein ergänzt. In grundlegenden Abschnitten verfolgt er zunächst die „sukzessive Evolution der geschriebenen Zeitungen aus den Briefen“ (S. 33) und die entstehende Infrastruktur des Postwesens seit dem 15. Jahrhundert. Die skizzierten Rahmen- und Entstehungsbedingungen werden immer wieder zur Tätigkeit der Fugger in Beziehung gesetzt.

Die beiden folgenden Kapitel widmen sich der systematischen Charakterisierung des Quellenkorpus und nähern sich auf verschiedenen Ebenen den Motiven der beiden Augsburger Sammler. Bauer rekonstruiert die Überlieferungssituation der Bände, die Nachrichtendichte, die Frequenzen der Berichterstattung und die sprachliche Zusammensetzung der handgeschriebenen Zeitungen. Entlang der Berichte aus den Hauptnachrichtenorten wird plausibel, wie die Fugger „verschiedene Quellen anzapften, um möglichst umfassend über die Ereignisse informiert zu werden“ (S. 68). Vergleichend bezieht Bauer die Kopierbücher der Firma Fugger ein, die ausschließlich die geschäftliche Korrespondenz enthielten. Eine faszinierende Fülle an Einblicken in das zeitgenössische ‚Informationsmanagement‘ gelingt vor allem in den Abschnitten über die Korrespondenten der Fuggerzeitungen. Bauer macht anschaulich, wie die Brüder in die verfügbaren Informationsflüsse und Beziehungsnetzwerke optimierend einzugreifen versuchten, um „mit steter frischer communication [zu] continuieren“ (S. 122). Von der älteren Forschungsmeinung, die Fuggerzeitungen hätten primär geschäftlichen Zwecken gedient, setzt er sich hier dezidiert ab. Die „Verengung auf eine zweck- und nutzenorientierte Informationssammlung“ (S. 147) würde angesichts der vielfältigen Sammlerinteressen der Fugger-Brüder zu kurz greifen.

Zwei weitere Kapitel adressieren erneut allgemeinere Aspekte des Nachrichtenwesens: Bauer plausibilisiert die These, dass die ältere italienische Nachrichtenkommunikation sich allmählich nach Nordeuropa verbreitete und dass den Fuggerzeitungen in diesem Prozess eine „Vermittlerrolle“ (S. 149) zukam. Der Erkenntniswert wäre ohne das etwas bemühte Kulturtransfer-Paradigma hier allerdings nicht geringer ausgefallen. Ein anschließender Punkt behandelt auf verschiedenen Ebenen das „Bild der Medienöffentlichkeit der geschriebenen Zeitungen“ (S. 159) – einer Öffentlichkeit, die schon deswegen elitär blieb, da handschriftliche Zeitungen noch rund fünf Mal mehr kosteten als ihre gedruckten Pendants. Mit Blick auf die Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit der zeitgenössischen Versandwege kritisiert der Autor darauf einmal mehr ältere Forschungsmeinungen – etwa die der vermeintlich kurzen Beförderungszeiten der Post. Entlang verschiedener Quellenbelege macht Bauer im Ganzen deutlich, wie minutiös die Fugger-Brüder über alle Kanäle der zeitgenössischen Infrastruktur wachten.

Erst die zweite Hälfte des Buches widmet sich der eigentlichen Inhaltsanalyse der Fuggerzeitungen. Bauer systematisiert anhand von begründeten Stichproben (insgesamt 900 Nachrichten) und Zeitabschnitten die Masse der überlieferten Nachrichten nach thematischen Kategorien. Die Komplexe Gewalt und Krieg dominieren quantitativ deutlich, allerdings kann Bauer – einmal mehr in Abgrenzung von älterer Forschung – belegen, dass der Anteil wirtschaftlicher Inhalte geradezu marginal ist. Das folgende und längste Kapitel schlägt durch Fallstudien exemplarische Schneisen in die extrem sperrige und inhomogene Nachrichtenmasse. Bauer analysiert die Mechanismen und Qualität der Berichterstattung in den Fuggerzeitungen am Beispiel von fünf (Medien-)Ereignissen, die – wie die kuriose Karriere des Goldmachers Marco Bragadino zeigt – nicht nur genuin politisch waren. Bauer weist nach, dass die Berichterstattung im Ganzen sehr aktuell, präzise und verlässlich war. Auch hier bleibt allerdings einzuräumen, dass eine „geschäftliche Relevanz der Informationen“ (S. 344) nur in Ausnahmefällen angenommen werden kann.

Ein letztes Kapitel weitet den Blick über die Fuggerzeitungen hinaus auf ähnliche Zeitungssammlungen. Die komparative Perspektive beschränkt sich zwar auf eine kursorische Analyse und entsprechende Textvergleiche; sie ist aber insofern erheblich, als Bauer die vermeintliche Exzeptionalität der Fuggerschen Quelle im Licht ähnlicher Konvolute ein wenig relativiert. Die vielfältigen und teils frappierenden inhaltlichen Übereinstimmungen mit anderen Sammlungen würden vielmehr den „‚paneuropäischen‘ Charakter“ (S. 367) handgeschriebener Zeitungsmedien belegen. Eine detaillierte übergreifende Geschichte der europäischen „Zeitungen vor der Zeitung“ bleibt hier noch zu schreiben.

Im Ganzen gelingt Bauer eine beeindruckend materialreiche und sorgfältig gearbeitete Studie. Sie zeigt die Fugger-Brüder als moderne ‚Informationsmanager‘ ihrer Zeit, die das handgeschriebene Zeitungsmedium effizient nutzten und seine Verbreitung in Nordeuropa forciert haben dürften. Zweifellos stellt die Arbeit die Forschung zu den Fuggerzeitungen auf eine neue, konsequent quellenfundierte Basis. Es bleiben kleinere Einwände: Nicht selten verliert sich die Darstellung in ihrer sicherlich faszinierenden Fülle an Einzelbefunden und der Dichte an Fußnotenexkursen. Die Argumentation hätte gestrafft und einige Aspekte in Aufsätze ausgelagert werden können; etliche Wiederholungen fallen ebenso auf wie die zuweilen gezwungenen Theoriediskussionen. Ein Fragezeichen bleibt auch mit Blick auf das wesentliche ‚Wieso‘ der Nachrichtensammlung: am Ende doch vor allem Symptom zeittypischer Sammelleidenschaft? Über begründete und differenzierte Spekulationen wird wohl nicht hinauszukommen sein, der Charakter als ‚Handlungswissen‘ bleibt zumindest fraglich. Dennoch ist Bauers Studie richtungsweisend und ein Fundus für zukünftige Arbeiten zum Thema – die auch aktuell bereits geleistet werden. So widmet sich von 2011 bis 2014 ein Projekt an der Universität Wien einer digitalen Edition der Quelle.[2]

Anmerkungen:
[1] Oswald Bauer, Pasquille in den Fuggerzeitungen. Spott- und Schmähgedichte zwischen Polemik und Kritik (1568–1605), Wien 2008.
[2] „Die Fuggerzeitungen. Ein frühneuzeitliches Informationsmedium und seine Erschließung“: <www.univie.ac.at/fuggerzeitungen> (27.12.2012).

ZitierweiseFlemming Schock: Rezension zu: Bauer, Oswald: Zeitungen vor der Zeitung. Die Fuggerzeitungen (1568–1605) und das frühmoderne Nachrichtensystem. Berlin 2011, in: H-Soz-u-Kult, 08.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-011>.

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