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S. Dosenrode (Hrsg.): Freedom of the Press

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Titel:Freedom of the Press. On Censorship, Self-censorship, and Press Ethics
Herausgeber:Dosenrode, Søren
Ort:Baden-Baden
Verlag:Nomos Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8329-5184-9
Umfang/Preis:203 S.; € 34,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Inge Marszolek, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung, Universität Bremen
E-Mail: <marszuni-bremen.de>

Der vorliegende Sammelband wurde von Søren Dosenrode, dem Direktor des Kaj Munk Research Center an der Aalborg Universität, herausgegeben. Er enthält die Vorträge eines jährlich zu Ehren von Kaj Munk – ein Journalist, Schriftsteller und Priester, der 1944 von der nationalsozialistischen Schutzstaffel (SS) ermordet wurde – stattfindenden Seminars. Der Workshop hatte im Jahr 2007 das Thema: „From Munk to Mohammed“.

Der Band ist geteilt in vier Sektionen: Die erste widmet sich, nach einer Einleitung von Dosenrode, der Person und der Bedeutung von Kaj Munk. Die zweite, mit dem Titel „The Press under Strain“ enthält drei Artikel zur Geschichte der Presse unter dem Nationalsozialismus, und zwar in Deutschland (Beate Schneider), in Dänemark (Palle Rolslyng-Jensen) und Norwegen (Rune Ottosen), einen zur Presse in Osteuropa (Peter Schiwy) sowie einen weiteren zur Presse in der Türkei (Yusuf Kanli). Die dritte Sektion hat den Titel „Religion, Politics and the Press“ und verhandelt die Reaktionen auf die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Großbritannien und Pakistan. Ferner abgedruckt ist ein Artikel aus „Jyllands-Posten“, der eine Podiumsdiskussion, die die dänische Tageszeitung anlässlich der Reaktionen auf den Abdruck veranstaltet hat, beinhaltet. Aus nicht ganz erklärlichen Gründen gehört zu der Sektion auch ein Artikel über Radio Free Europe (RFE) von Arch Puddington. Jesper Stömbäck diskutiert abschließend die Gefährdung des „Gesellschaftsvertrags“ zwischen Medien und Demokratie sowohl aus demokratietheoretischer Sicht als auch aus medienethischer Perspektive.

Der Band stellt die Rezensentin vor einige Probleme: Das Thema der Zensur und Selbstzensur der Presse ist zweifellos von großer Bedeutung und wie der Herausgeber feststellt, ist dies im europäischen Raum recht wenig erforscht. So scheint es in den Kommunikationswissenschaften diesbezüglich eine Leerstelle zu geben. Das gilt auch für eine historische Perspektive. Insofern kann es nur begrüßenswert sein, wenn hierzu eine Publikation erscheint. Doch hinterlässt die Lektüre des Bandes einen zwiespältigen Eindruck: Zum einen sind offenbar die auf dem Seminar gehaltenen Beiträge relativ unverändert abgedruckt; sie sind von sehr unterschiedlicher Länge, zum Teil nicht mehr als fünf Seiten. Die jeweiligen Autoren geben also oft nur einen äußerst kursorischen Überblick zum Thema. So beschränkt sich Peter Schiwy in seinem Artikel zur Presse in Osteuropa auf einige Beispiele aus der ehemaligen Sowjetunion und der DDR, es fehlen alle anderen Länder des Ostblocks ebenso wie Bemerkungen zu Veränderungen in dieser doch recht langen Periode von 1949 bis 1989. Ferner beziehen sich die Autoren ausschließlich auf die Printpresse, mit einer Ausnahme, in der das Radio in den Blick genommen wird. Dass es sich immer um Medienensembles handelt, wird nur selten erwähnt – unter anderem in dem Text von Roslyng- Jensen zur dänischen Presse unter deutscher Besatzung. Er stellt das Mediensystem in Dänemark in dieser Zeit vor und zeigt, ebenso wie Rune Ottosen über Norwegen, dass es den Journalisten und Herausgebern gelang, Handlungsspielräume zu nutzen und zu verschieben.

Ein weiteres Problem des Buches scheint darin zu bestehen, dass die Autoren sowohl aus der Wissenschaft wie aus der Praxis kommen. Das kann sehr bereichernd sein, allerdings wäre es wohl besser gewesen, wenn diese unterschiedlichen Zugänge deutlich würden bzw. in der Einleitung aufgefangen worden wären. So ist einer der für mich eindrucksvollsten Artikel von dem Chefredakteur der „Turkish Daily News“ geschrieben, Yusuf Kanli. Kanli, der seinen Beitrag mit „Walking on a Knife’s Edge“ überschrieben hat, zeigt, in welche Gefahr sich Journalisten, die sich kritisch zur Regierung äußern, begeben. Er verdeutlicht ebenfalls, wie sehr die Auslegung oder auch Aushandlung dessen, was unter übler Nachrede und Verleumdung – so die gesetzliche Grundlage – zu verstehen ist, der Willkür der Gerichte und der Politik unterliegt. Und er beschreibt die Gefährdung der Demokratie, wenn die Freiheit der Presse nicht gegeben ist. Der Beitrag endet mit den 61 Namen von ermordeten türkischen Journalisten. Dagegen steht der Beitrag von Arch Puddington, der die Geschichte von Radio Free Europe als Triumphgeschichte erzählt. Puddington, der selbst bureau manager bei RFE war, kommt zu dem Schluss, dass RFE die wichtigste Waffe der USA bzw. der Demokratie im Kalten Krieg war und entscheidend verantwortlich gewesen sei für den friedlichen Zusammenbruch des Kommunismus. Der Beitrag zeigt deutlich, wie notwendig eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Senders wäre.

Ein Kritikpunkt ist ferner, dass oftmals das Thema des Bandes – Zensur und Selbstzensur – in den einzelnen Artikeln nicht aufgegriffen wird. Häufig geht es ausschließlich um die Eingriffe des Staates, nicht um die auch in diktatorischen Regimen bestehenden Handlungsspielräume. Ein Beispiel ist der Beitrag von Beate Schneider, die zudem neuere historiografische Literatur nicht bzw. kaum rezipiert.[1] Zwar verweist Schneider darauf, dass etwa die „Frankfurter Zeitung“ und die katholische Zeitung „Hochland“ gewissermaßen Handlungsspielräume nutzten. Allerdings wäre vor allem in Bezug auf die „Frankfurter Zeitung“ deutlich zu machen, dass zum Beispiel antisemitische Artikel durchaus ihren Platz hatten. Auch wäre am deutschen Fall zu diskutieren, inwieweit gerade die Lokalzeitungen mit zur Etablierung der NS-Volksgemeinschaft beitrugen – und zwar sowohl deren „schönen Schein“, als auch dessen rassistische Seite transportierten. Es geht ja nicht nur um Selbstzensur, sondern auch um aktive Unterstützung und Legitimierung von Herrschaft.

Eigentlicher Kern des Bandes ist Sektion drei. Die Beiträge diskutieren am Beispiel der Reaktionen auf die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen die Grenzen der Pressefreiheit durch den Respekt vor religiösen Praktiken und Überzeugungen. In zwei Artikeln wenden sich die Verfasser dem britischen Beispiel zu: Anders Raahauge und Julian Petley verweisen auf den Schriftsteller Salman Rushdie, beide vertreten die Meinung, dass gerade in Zeiten des Neoliberalismus die Meinungsfreiheit ein sehr kostbares Gut sei. Wirksamer Schutz der Freiheit sei es, jene, die sich in der Gesellschaft an den Rand gedrängt fühlten oder sich befinden, in die Lage zu versetzen, ihre Meinung kundzutun. Dann, so ihre Hoffnung, würde der Ruf nach Zensur geringer werden. Elisabeth Eide zeigt in ihrem informativen Artikel, dass die Reaktion in Pakistan längst nicht so homogen war, wie es im „Westen“ dargestellt wurde. Tatsächlich gab es neben dem Diskurs der Empörung über die Karikaturen auch englische und dänische Pressestimmen, die die pakistanische Diaspora und den Mehrheitsgesellschaften thematisierten. Zugleich wurden diese Diskurse in bereits existierende Diskurse zur Diaspora, zu Europa und Amerika eingebettet. In ihnen spiegeln sich, so Eide, Aushandlungen, in welche Richtung die Gesellschaft und Politik Pakistans sich verändern sollten.

In seinem anregenden abschließenden Beitrag diskutiert Strömbäck nicht nur die Interdependenzen von Demokratiemodellen mit der Rolle der Medien, sondern setzt sich auch kritisch mit der Entwicklung zur hegemonialen Bedeutung der populistischen Medien auseinander. Diese Medien, die sich mit einem weiten Verständnis von öffentlichem Interesse legitimierten, würden letztlich den Gesellschaftskontrakt zwischen Gesellschaft und Medien gefährden – und zwar sowohl hinsichtlich der Verfasstheit der Demokratie als auch der Öffentlichkeit, nämlich dann, wenn Politiker wie Bürger sich der Veröffentlichungsflut verweigerten. Daher, so sein Resümee, müssten die Medien sich die Freiheit der Berichterstattung immer wieder „verdienen“, nämlich in dem sie ihrerseits den Gesellschaftskontrakt neu füllten.

Nach der Lektüre des Bandes ergeben sich weitere Fragen: Was bedeutet „Freedom of the Press“ in der digitalen Medienwelt? Welche Strategien von Behauptung und Selbstzensur werden entwickelt? Welche Anpassungs- und Zustimmungskanäle werden genutzt? Welche Transformationsprozesse sind in Osteuropa nach 1989 zu beschreiben, welche nationalen Unterschiede gab es? Artikel wie der von Elisabeth Eide und Yusuf Kanli zeigen, wie bereichernd und notwendig der transkulturelle Blick ist.

Anmerkung:
[1] Jeffrey Herf, The Jewish Enemy. Nazi-Propaganda during World War II and the Holocaust, Cambridge 2006.

ZitierweiseInge Marszolek: Rezension zu: Dosenrode, Søren (Hrsg.): Freedom of the Press. On Censorship, Self-censorship, and Press Ethics. Baden-Baden 2010, in: H-Soz-u-Kult, 11.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-034>.

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