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Mittelalterliche Geschichte

B. Laqua: Bruderschaften und Hospitäler

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Harald Müller <muellerhistinst.rwth-aachen.de>
Autor(en):
Titel:Bruderschaften und Hospitäler während des hohen Mittelalters. Kölner Befunde in westeuropäisch-vergleichender Perspektive
Reihe:Monographien zur Geschichte des Mittelalters 58
Ort:Stuttgart
Verlag:Anton Hiersemann
Jahr:
ISBN:978-3-7772-1105-3
Umfang/Preis:geb.; X, 516 S.; € 188,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Sabine von Heusinger, Historisches Institut, Universität zu Köln
E-Mail: <S.vonHeusingeruni-koeln.de>

Mit dem vorliegenden Band wurde Benjamin Laqua 2010 in Trier promoviert; er entstand im dortigen Umfeld des Sonderforschungsbereichs 600 „Fremdheit und Armut“ bei Alfred Haverkamp. Ziel der Studie ist „eine Zusammenführung der Hospital- und Bruderschaftsforschung“ (S. 13). Dazu „sollen auf der Mikroebene die Sozial- und Organisationsstrukturen, die Funktionen, Symbole und Repräsentationsformen von Bruderschaften und Hospitälern untersucht werden“ (S. 14). Auf der Makroebene sollen Personenverbände und ihr „Beitrag zur Initiierung und Institutionalisierung von Fürsorge- und Seelsorgeleistungen“ erforscht werden (ebd.). Benjamin Laqua bearbeitet sein Thema mit einem sehr breit gefächerten methodischen Zugriff: Er verfolgt sowohl religionsgeschichtliche als auch sozial- und wirtschaftsgeschichtliche sowie institutionen- und kulturgeschichtliche Fragestellungen für seine Studie. Diese wendet er in vier Fallstudien auf Köln an und vergleicht jeweils sein Teilergebnis, je nach Fragestellung, mit einer weiteren Stadt aus den benachbarten Städtelandschaften (Lüttich, Tongern oder Brüssel). Die Breite des Ansatzes macht die Lektüre des Buches nicht nur lohnend, sondern auch spannend; dass sich aus lokalgeschichtlicher Sicht dabei hin und wieder Ungenauigkeiten eingeschlichen haben, lässt sich schlicht nicht vermeiden, hat aber in aller Regel keine Auswirkungen auf das Gesamtergebnis.

Die Arbeit besteht aus vier großen inhaltlichen Kapiteln (Kap. II–V) und schließt mit einer deutschen (Kapitel VI) sowie einer englischen (Kapitel VII) Zusammenfassung. Der Band wird durch einen Anhang (Karten und Transkriptionen von Urkunden) und ein Register sinnvoll ergänzt. In der Einleitung gibt Laqua einen sehr differenzierten Überblick über Quellenlage und Forschungsstand, macht dabei auf bestehende Forschungslücken aufmerksam, erklärt seinen methodischen Ansatz und definiert zentrale Begriffe. Er geht von einem „weit gefassten Bruderschaftsbegriff“ aus (S. 5) und zählt zu Hospitälern sowohl „kleinere Armenhäuser und Pilgerhospize als auch multifunktionale Großeinrichtungen und Leprosorien“ (S. 9). Die Auswahl seiner Fallbeispiele und Untersuchungsorte begründet er ebenfalls gut nachvollziehbar in diesem Abschnitt (S. 15–20).

In Kapitel II untersucht Laqua das erzbischöfliche und domstiftische Umfeld, in dem Bruderschaften und Hospitäler entstehen konnten. Er setzt mit den Unterkünften für Almosenempfänger (sogenannte Matrikel) ein, die seit dem 6. Jahrhundert im Umfeld von Bischofs-, Pfarr- und Klosterkirchen als frühe Formen der Vergemeinschaftung entstanden. Im Umfeld von Kathedralkirchen bildeten sich ab dem 11. Jahrhundert bereits differenzierte bruderschaftliche Organisationsformen heraus. Am Fallbeispiel des Kölner Lupus-Hospitals zeigt Laqua die vielfältigen Verknüpfungen von Fürsorge und Seelsorge im Hochmittelalter. Lassen sich in Köln umfangreiche Einzelpräbenden und personelle Verflechtungen mit den klerikalen Funktionsträgern nachweisen, so fehlen diese in Lüttich. Ein Vergleich mit Tongern zeigt, dass sich die Vorschriften für das Bruderschaftslebens häufig an den Vorgaben für religiose Kommunitäten orientierten.

In Kapitel III fragt Laqua nach dem Beziehungsgeflecht zwischen benediktinischen Reformklöstern, Bruderschaften und Hospitälern. Die Klöster boten im 12. Jahrhundert Laien die Möglichkeit, sich an klerikale Einrichtungen anzubinden, um Memorial- und Fürsorgeleistungen in Anspruch zu nehmen. Die Klöster profitierten von diesen Verbindungen vor allem in Krisenzeiten in Form von finanziellen und administrativen Entlastungen, da die Hospitäler vor allem karitative Aufgaben übernehmen konnten. Der Vergleich mit dem Christophorus-Hospital und der Bruderschaft in Lüttich zeigte, dass es sich hier „nicht um eine als Stifter und Verwalter von außen wirkende [wie in Köln], sondern um eine im Inneren des Hospitals mit Pflege- und Verwaltungsaufgaben betraute Formation“ handelte (S. 208). In diesem Kapitel gibt Laqua auch einen ebenso knappen wie äußerst gelungenen Überblick über die Geschichte der Abtei Groß St. Martin (S. 127–135) und er untersucht prosopografisch die Laienbrüder der Kölner Bruderschaft, was für zukünftige stadtgeschichtliche Forschung interessant sein wird.

Die Stadt und ihre Bewohner rücken in Kapitel IV in den Mittelpunkt, wenn Laqua die Verflechtung der Gemeinde in den Blick nimmt. Damit können „differenzierte Aussagen zur Formierung und Verfestigung gemeindlicher Organisationsweisen im 12. und 13. Jahrhundert, zu deren Verquickung mit weiteren Gemeinschaftsformen und Herrschaftsträgern sowie zum Stellenwert institutionalisierter Fürsorge- und Seelsorgeleistungen“ (S. 211) herausgearbeitet werden. Am Beispiel des Heilig-Geist-Hospitals wird auch die Verbreitung dieses speziellen Patroziniums seit dem Hohen Mittelalter im nordalpinen Raum nachgezeichnet. In Köln nahmen gegen Ende des 13. Jahrhunderts Schöffen, Bürgermeister, Amtleute und vermutlich auch Ratsmitglieder Einfluss auf diese Einrichtung. Dieses Kapitel bietet einen Vergleich mit dem Brüsseler Heilig-Geist/St. Johannes-Hospital, das maßgeblich von Herzog Heinrich I. von Brabant gefördert wurde, der persönlich Einfluss auf die dortige Bruderschaftsordnung nahm.

Kapitel V konzentriert sich auf eine zentrale Krankheit des Mittelalters, für die erst entsprechende Fürsorgeeinrichtungen geschaffen werden mussten: Lepra. Das Kapitel beginnt mit einer umfassenden Reflexion über die Entstehung von westeuropäischen Leprosenhäusern und betont auch Wandlungs- und Umdeutungsprozesse im Umgang mit der Krankheit im Laufe des Mittelalters. Das Kölner Leprosorium St. Lazarus, auf dem Gelände des heutigen Melatenfriedhofs gelegen, vergleicht Laqua nicht nur mit dem Leprosorium Cornillon in Lüttich, sondern zieht auch immer wieder weitere Beispiele aus Frankreich heran. Viel früher als in Köln wurde in Lüttich das Leben im Hospital an monastischen Normen wie Besitzlosigkeit, Gehorsam und Buße ausgerichtet. Indem Hospitäler im Kirchenrecht als loci religiosi definiert wurden, gab es sowohl für Kleriker als auch für Laien neue Möglichkeiten, eine vita communis jenseits etablierter Orden zu führen. Sowohl in Köln als auch Lüttich umfassten seit der Mitte des 13. Jahrhunderts Leprosorien multifunktionale Sozialverbände, die Männer und Frauen, Gesunde und Kranke, Kleriker und Laien umfassen konnten. Neben den genannten Erträgen leistet die Studie auch einen Beitrag zur Familien- und Personenforschung im mittelalterlichen Köln, da einzelne Abschnitte auf einem prosopografischen Zugriff basieren und deutlich machen, wie städtische Eliten über Bruderschaften Einfluss auf Hospitäler nahmen.

Laqua hat sehr umfangreich ungedruckte Quellen für seine Studie herangezogen, aber auch das Verzeichnis an gedruckten Quellen und Sekundärliteratur zeugt von einer soliden und umsichtigen Arbeitsweise, die auch die internationale Forschung breit berücksichtigt. In Bezug auf die verwandte Sprache bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück: Lange Passagen sind sehr gut lesbar, aber vor allem in Einleitung und Schlussteil sowie in den Zusammenfassungen am Ende der einzelnen Kapitel wimmelt es nur so von „Transferprozessen“, „Konfigurationen“, „sozialen Abschließungsmodi“, „Ordnungsmodi“ etc. ohne erkennbaren Erkenntnismehrwert. Insgesamt ist es Benjamin Laqua gelungen, am Beispiel von Köln und benachbarten Städten bestehende Forschungslücken zu Hospitälern und Bruderschaften im Hochmittelalter überzeugend zu schließen. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Wandlungsprozesses, der im 12. und 13. Jahrhundert ganz maßgeblich den Umgang mit Armut und Armen prägte. Die Studie vergrößert auch unsere Kenntnis von den gleichzeitig stattfindenden Institutionalisierungsprozessen, die grundlegend das Fürsorgewesen und die Seelsorge innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft veränderten. Möge dieses Buch auch außerhalb Kölns viele Leser und Leserinnen finden!

ZitierweiseSabine von Heusinger: Rezension zu: Laqua, Benjamin: Bruderschaften und Hospitäler während des hohen Mittelalters. Kölner Befunde in westeuropäisch-vergleichender Perspektive. Stuttgart 2011, in: H-Soz-Kult, 24.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-063>.

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