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Theoretische und methodische Fragen

M. Kroß u.a. (Hrsg.): Metapherngeschichten

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Jordan <jordanndb.badw.de>
Titel:Metapherngeschichten. Perspektiven einer Theorie der Unbegrifflichkeit
Herausgeber:Kroß, Matthias; Zill, Rüdiger
Ort:Berlin
Verlag:Parerga Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-93726-295-6
Umfang/Preis:259 S.; € 28,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Rieke Schäfer, Hamburg
E-Mail: <rieke-schaeferonline.de>

Nachdem sich die Wege von Begriffs- und Metapherngeschichte in den 1960er-Jahren trennten, wächst in den letzten Jahren das Interesse an einem Dialog.[1] Die von Matthias Kroß und Rüdiger Zill herausgegebene Sammlung „Metapherngeschichten“ mit ihren acht theoretischen und exemplarischen metapherngeschichtlichen Studien versteht sich genau an diesem Kreuzungspunkt (S. 7). Ein erstes Leitmotiv des Bandes stellt das Verhältnis zwischen Metaphern und Begriffen dar. Die meisten Beiträge verteidigen diese Unterscheidung gegen ihre Nivellierung in manchen zeitgenössischen Metapherntheorien (besonders Petra Gehring und Philipp Stoellger) und argumentieren dafür, den Unterschied von Begriff und Metapher am historischen Einzelfall aus der Spannung zu entwickeln, die eine metaphorische Äußerung auszeichne (Petra Gehring, Eva Johach, Philipp Stoellger). Während hauptsächlich Übergänge vom Begriff zur Metapher betrachtet werden, thematisiert Paul Ziches Analyse menschlicher Selbstmodelle auch die Übergänge von Metapher zu Begriff. Mit der These, dass sogenannte metaphorische ‚Homomodelle‘ ihrer Naturalisierung strukturell widerständen und somit „Fälle irreduzibler Metaphorizität“ (S. 212) lieferten, formuliert er dabei einen Kontrapunkt zur konsequenten Historisierung des Verhältnisses von Metapher und Begriff.

Aus diesem Spannungsfeld entsteht eine weitere Frage, die die „Metapherngeschichten“ durchzieht: Welcher Stellenwert kommt der Metaphorologie von Hans Blumenberg in einer begriffsgeschichtlich anschlussfähigen Praxis der Metapherngeschichte zu? Eva Johach eruiert in ihrem Beitrag das wissenschaftsgeschichtliche Interesse von Metaphern. Die Metaphorologie könne die Wissenschaftsgeschichte als Expertin für begriffliche Übergänge zwischen Wissenschafts- und Alltagssprache einerseits sowie zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Diskursen andererseits bereichern. Denn metaphorisch gebrauchte Begriffe behielten aufgrund ihres assoziativen Reichtums auch nach einer zwischenzeitlichen Bedeutungsfixierung innerhalb einer Wissenschaftssprache ein metaphorisches Aktivierungspotential und hätten ihre „(inter-)diskursive Wirksamkeit gerade diesem zu verdanken“ (S. 97).

Ein solches Erkenntnisinteresse bedeutet im Verhältnis zu Blumenberg freilich, den disziplinären Fokus auf philosophische Metaphern und den funktionalen Fokus auf absolute Metaphern zu überwinden. Der Beitrag von Ernst Müller, der ebenfalls an der Rolle von Metaphern in interdisziplinären Wissenstransfers interessiert ist, zeigt, dass mit einem solchen Schritt auch die philosophiegeschichtliche Selbstverortung der Metaphorologie und ihr Verhältnis zu einer antirationalistischen Traditionslinie auf die Tagesordnung gelangt. In einer Rekonstruktion der Metapherntheorie Johann Heinrich Lamberts geht es Müller um den Nachweis, dass auch innerhalb einer rationalistischen Philosophie eine fruchtbare Auseinandersetzung mit Metaphern möglich sei.

Diese Frage nach Selbstverortung erfährt im Band unterschiedliche Antworten, die jeweils in der Haltung der Autorinnen und Autoren zur Metapher sichtbar werden, wie exemplarisch aufgezeigt werden soll. Petra Gehrings Kritik des „metapherntheoretischen Visualismus“ wendet sich gegen eine typische Weise, in der innerhalb der Metapherntheorie die Unterscheidung zwischen Begriff und Metapher gedacht werde: Die gebräuchliche Rede vom ‚Sprachbild‘, die die vermeintlich unmittelbare Anschaulichkeit von metaphorischen Äußerungen in einen Gegensatz zu begrifflicher Abstraktion stelle. Diese Vorstellung weite, wie Gehring überzeugend darlegt, nicht nur den Begriff der Metapher inflationär aus, sondern sei auch durch der Einführung einer gegenstandsrealistischen Referenz unterkomplex. Während Gehring ihre Position in der Kritik einer Metapher der Metapher gewinnt, entwickelt Philipp Stoellger seine Position mit einer Metapher der Metapher. Der Autor untersucht, wie das ‚Ereignis‘ bei Derrida selbst eine Metapher ist; wie es dann in zwölf Paradigmen zum Ausgangspunkt erneuter Metaphorisierungen wird, und wie diese Metaphorisierungen in einer performativen Selbstbestätigung dann wiederum ein Ereignis darstellen.

Der Sammelband gewinnt seine Aktualität nicht zuletzt aus dem Umstand, dass an seinem Exempel Hans Ulrich Gumbrechts These diskutiert werden kann, der zufolge die Reintegration von Metaphorologie und Begriffsgeschichte letzterer zu selbstreflexiver Einsicht in die eigenen Grenzen verhelfen könne.[2] Denn das Bemühen um Selbstreflexivität kann ein Organisationsprinzip des Bandes genannt werden: Die einzelnen exemplarischen Metapherngeschichten behandeln jeweils solche Metaphern, die auch für das Verständnis der Metapher selbst relevant sind: ‚Boden‘, ‚Tiefe‘, und ‚Reise‘. Rüdiger Zill verfolgt die Belebung der philosophiegeschichtlich vielfach schwachen Bodenmetapher in Husserls Erfahrungsbegriff und Heideggers Verwendung des Ausdrucks ‚Bodenlosigkeit‘, um letzteren dann in einem Rekurs auf seine Verwendung durch Vilem Flusser selbst für die erkenntnistheoretische Funktion der Metapher aufzugreifen: Ihre Produktivität für die menschliche Erkenntnis schöpfe die Metapher gerade daraus, dass sie sich vom ‚Boden‘ ihres Herkunftskontexts entferne.

‚Tiefe‘, so der Ausgangspunkt des Beitrages von Matthias Kroß, habe immer eine ‚Leitmetapher‘ für das Selbstverständnis der Philosophie dargestellt. Kroß beobachtet in seiner Diskussion von Kant, Blumenberg und Heidegger vor allem zwei typische Gebrauchsmuster: Eine rationalistische Verwendungsweise fasse ‚Tiefe‘ als messbare Größe auf und benutze die Metapher damit als Weg zu ihrer Überführung in begriffliche Klarheit. In einer anti-rationalistische Verwendungsweise, in der Tiefe als nicht-messbare Größe vorgestellt wird, wird die begriffliche Unschärfe der ‚Tiefe‘ dagegen bewusst gewahrt und eingesetzt. Die Reise als „epistemische Metapher par excellence“ (S. 198), so Christine Schildknecht, diente in der Philosophiegeschichte dazu, die Gewinnung von Wissen aus der Spannung von Vertrautem und Unbekanntem darzustellen und zu legitimieren. Die Werke von Petrarca, Schopenhauer, Wittgenstein und Herder zeigten dabei, wie mit der Reisemetapher gerade das analogische Denken gegenüber propositionalen Erkenntnisformen aufgewertet werde. Montaigne und Descartes avancierten daneben mit der Reisemetapher den erkenntnistheoretischen Status des Subjekts.

Wenn die reflexive Anlage des Bandes zunächst besticht, so wirkt sie sich in mindestens zwei Hinsichten auch nachteilig auf dessen Anschlussfähigkeit an die Begriffsgeschichte aus. Viele Beiträge schreiben bewusst in der Metapher; manche lesen sich gar im Gestus der Verteidigung einer bestimmten Metapher. Sicherlich hat die Metapherngeschichte das Potential, die Begriffsgeschichte vor überhöhten Objektivitätsansprüchen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit menschlicher Sprache zu bewahren – sehr fraglich bleibt aber, bis zu welchem Grad die Kreativität in der Haltung dem eigenen Gegenstand über reichen darf, wenn sie dieses Erinnerungszeichen der Bescheidenheit auch einlösen möchte.

Weiterhin führt das Interesse an Metaphern für Metaphern mit sich, dass der Band in seinen exemplarischen Studien das ist, was den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ als „Gipfelwanderung“ vorgeworfen wurde: Während die theoretischen Beiträge zwar durchaus andere Horizonte aufscheinen lassen, stützen sich die exemplarischen Metapherngeschichten im zweiten Teil des Bandes allzu exklusiv auf das philosophische Diskursgenre. Das ist nicht nur für die mögliche Anschlussfähigkeit an die Historische Semantik nachteilig, die ihren Anspruch, eine Geschichte allgemeiner Vorstellungen zu sein, inzwischen methodisch in Ansätze umzusetzen vermochte, die die Untersuchung von Alltagssprache systematisch mit einbeziehen. Auch wenn man mit vielen Beiträgen des Bandes selbst annimmt, dass auch philosophische Metaphern stets Alltagsvorstellungen mit einbringen (so besonders Rüdiger Zill, S. 112), dann darf eine historische Analyse diese Alltagsvorstellung nicht mit dem common sense des Interpreten füllen, sondern muss auch den Bedeutungsraum eines ‚Metaphernfokus‘ wie Reise, Tiefe oder Boden konsequent historisieren. Insgesamt aber kommt dem Band der Verdienst zu, durch einen anregenden Dialog von Metapherntheorie und einzelnen Metapherngeschichten eine aktuelle geisteswissenschaftliche Methodendiskussion aufzugreifen, und die Agenda ihrer zukünftigen Weiterführung zu präzisieren.

Anmerkungen:
[1] Besonders Hans Erich Bödeker (Hrsg.), Begriffsgeschichte, Diskursgeschichte, Metapherngeschichte, Göttingen 2002; Hans Ulrich Gumbrecht, Pyramiden des Geistes, in: Dimensionen und Grenzen der Begriffsgeschichte, München 2006, S. 7ff. sowie die anschließende Debatte zwischen Gumbrecht und Carsten Dutt in den Heftnummern eins und drei der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ im Jahr 2007; Frank Beck Lassen, ‚Metaphorically Speaking‘ – Begriffsgeschichte and Hans Blumenberg’s Metaphorologie, in: Ricardo Pozzo / Marco Sgarbi (Hrsg.), Eine Typologie der Formen der Begriffsgeschichte, Hamburg 2010, S. 53-70.
[2] Gumbrecht, Pyramiden des Geistes.

ZitierweiseRieke Trimcev: Rezension zu: Kroß, Matthias; Zill, Rüdiger (Hrsg.): Metapherngeschichten. Perspektiven einer Theorie der Unbegrifflichkeit. Berlin 2011, in: H-Soz-Kult, 06.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-078>.

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