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Geschichte allgemein

H. Schmidt-Bachem: Aus Papier

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ralf Ahrens <ahrenszzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Aus Papier. Eine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland
Ort:Berlin
Verlag:de Gruyter
Jahr:
ISBN:978-3-11-023607-1
Bemerkungen:50 schw.-w. Abb.
Umfang/Preis:984 S.; € 159,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Swen Steinberg, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden
E-Mail: <swen.steinbergtu-dresden.de>

Die Entwicklung der Papier verarbeitenden Industrie setzte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der maschinellen Herstellung einzelner, stark nachgefragter Massenkonsumartikel wie Spielkarten oder Papierblumen ein. Die breite industrielle Entwicklung dieses Segments der Papierwirtschaft begann aber erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts und erlebte mit dem verstärkten Massenkonsum von Kunststoffen nach dem Zweiten Weltkrieg eine partielle Neuausrichtung. Diesen Prozess in seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung nachzuzeichnen ist das Ziel der Studie von Heinz Schmidt-Bachem, die auf den ersten Blick auch im Verhältnis von Thema und bedrucktem Papier regelrecht ‚ausgewogen‘ erscheint.

Die Geschichte der Papierindustrie konzentrierte sich bislang vor allem auf die Papierherstellung, obwohl diese im 19. Jahrhundert wie auch in der Gegenwart hinsichtlich des Gesamtumsatzes und der Beschäftigungszahlen an dritter Stelle der Papierwirtschaft stand und steht; vor ihr rangierten stets die Druckindustrie und eben die Papier verarbeitende Industrie. Grund für die bislang fehlende Gesamtdarstellung dieses Industriezweiges ist erstens seine heterogene Produktpalette, die eine systematische Erfassung erschwert. Zweitens war die Papierverarbeitung, die zumeist in kleinen und mittleren Unternehmen stattfand, durch „Mischproduktion“ (S. 17) gekennzeichnet – entsprechende Unternehmen konzentrierten sich nicht nur auf die Verarbeitung von Papier, sondern arbeiteten auch im Bereich Buchbinderei und/oder wiesen Überschneidungen zur Druckindustrie auf. Drittens schließlich – Heinz Schmidt-Bachem weist in seiner Einleitung ausführlich darauf hin – spielten hier Aspekte der Alltagskultur und ihrer wissenschaftlichen Würdigung eine Rolle, handelte es sich bei den Produkten der Papier verarbeitenden Industrie doch um „Nutz-, Wegwerf- und Massenprodukte“, die lange Zeit als wertlos oder „banal/trivial“ (S. 8f.) angesehen wurden. Jenseits der hier zu besprechenden Studie hatte der Autor erheblichen Anteil an der ‚Sicherung‘ dieses Produkt- und Konsumsegmentes: Über Jahrzehnte trug Schmidt-Bachem, neben anderen Papierwaren, eine Papier- und Plastiktütensammlung mit zehntausenden von Exemplaren zusammen, die 1995 in Düren als „Portable Art Museum“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.[1]

Diese Wahrnehmungen führten in der Wirtschaftsgeschichte dazu, dass die Papier verarbeitende Industrie zu einem eher diffusen „Sammelbegriff“ für eine „Summe von Einzelproduktionen“ (S. 6) wurde, nie eine gesonderte Fachgruppe bildete und beispielsweise 1919 im Wirtschaftlichen Ausschuss des Reichsinnenministeriums keinen eigenen Vertreter hatte – auch hier dominierte die Papierherstellung. Eine Folge war, dass sich auch die in Deutschland früh etablierte Papiergeschichtsforschung auf Aspekte der Papiermacherei oder auf die Wasserzeichenkunde konzentrierte, jüngere Arbeiten zur Papier verarbeitenden Industrie liegen dagegen kaum vor. Unter dem Wenigen, auf das zurückgegriffen werden kann, sind wiederum die Arbeiten Heinz Schmidt-Bachems zu nennen: Seine 2001 publizierte Dissertation, die 2008/09 in einer Erweiterung erschien[2], bildete eine wesentliche Grundlage des hier besprochenen Buches – Auszüge und Erweiterungen beider Arbeiten finden sich in Teilkapiteln von „Aus Papier“ und wurden auch als solche gekennzeichnet.

Die Arbeit besteht aus zwei inhaltlich voneinander getrennten Teilen: Einem etwa 330 Seiten umfassenden, eher chronologisch angelegtem Abschnitt zur Entwicklung der Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert sowie einem mehr als 500 Seiten umfassenden, enzyklopädisch orientierten Teil, der alphabetisch 19 Produktbereiche vorstellt und einen ersten, wenn auch in sich nicht immer vollständig nachvollziehbaren Ordnungsvorschlag für den heterogenen Gegenstand macht. In beiden Abschnitten finden sich Kurzbiogramme zahlreicher Firmen und Protagonisten der Branche, die ‚das Abstrakte‘ des Produktes mit dem ‚konkreten‘ unternehmerischen Handeln zu verbinden suchen. Allerdings ist auch hier das konzeptuelle Muster nicht immer klar erkennbar.

Ausgangspunkt für die industrielle Papierverarbeitung zu Massenkonsumprodukten war die Herstellung von Briefumschlägen, Tüten und Kartonagen zur Verpackung, deren Beginn mit der Entwicklung neuer Drucktechniken wie auch eines entsprechenden Maschinenbaus zusammenfällt. Dies wird, neben der wirtschaftspolitischen Verortung der Industrie, im ersten Teil detailreich vorgestellt, wobei auch die Zeit des Nationalsozialismus umfassend behandelt wird. Jenseits der Chronologie, die die Zeit nach 1945 einschließt und mit dem Versuch einer allgemeinen Beschreibung der disparaten Branche endet, finden sich im ersten Teil auch Kapitel zur Sozialgeschichte der Papier verarbeitenden Industrie – etwa zur trotz der Entwicklung maschinell-industrieller Fertigungstechniken lange Zeit dominanten und zumeist von Frauen und Kindern verrichteten Hand- und Heimarbeit, zu den sozialen Verhältnissen in der Industrie allgemein sowie zur Gefängnis- oder Armenhausarbeit. Daran anschließend werden im zweiten Teil des Buches einzelne Produktgruppen und zugehörige Artikel vorgestellt – angefangen bei Ansichtskarten, Briefumschlägen, Buntpapier und Büroartikeln über Geschäftsbücher, Kalender und sogenannte Luxuspapiere bis hin zu Papiergarn, Tapeten oder Zigarettenpapier. Einen besonderen Schwerpunkt bildet das fast 100-seitige Kapitel zu Tragetaschen, in dem auch die Weiterentwicklung der Branche deutlich gemacht wird: Schon in den 1930er-Jahren wurden in der Papier verarbeitenden Industrie Polyethylen-Folien verwendet, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Form der „Plastiktüte“ einen regelrechten Siegeszug antraten.

Leider bleibt es aufgrund der Quellengrundlage oftmals bei der Präsentation sprunghaft oder wenig hinterfragt wirkender Informationen – der Abriss über Luftschlangen etwa endet 1902 so abrupt wie kommentarlos und setzt dann 1927 bzw. 1937 wieder ein. Generell ist die Literatur- und Quellenbasis das wesentlichste Monitum an der Arbeit, das sich auch im äußerst unglücklich konzipierten Literatur- und Quellenverzeichnis wiederspiegelt: Den ‚Sammler‘ hat offenbar die scheinbare Unüberschaubarkeit seines Gegenstandes regelrecht übermannt, eine klarer zugespitzte Fragestellung hätte diese Klippe des ‚Alles erzählen Wollens‘ problemlos umschifft. Und nicht selten scheint er sich mit „Zufallsfunden“ (S. 13, 17) oder zeitgenössischer Literatur – angefangen bei den Eigenpublikationen von Unternehmen oder Branchenzeitschriften – begnügt zu haben. Nicht zuletzt deswegen wirken einzelne Abschnitte wie etwa jener zur Papierverarbeitung in der DDR lückenhaft, da hier – wie auch bei vielen anderen Themen – die vorliegende Forschungsliteratur zur DDR-Wirtschaftsgeschichte nicht einbezogen wurde. Stattdessen greift der Autor ‚unbefangen‘ auf ideologisch eingefärbte DDR-Literatur der 1970er-Jahre zurück; ganz abgesehen von in Staatsarchiven wie auch regionalen Wirtschaftsarchiven sehr wohl vorhandenem Quellenmaterial. Dieses Defizit offenbart sich leider an zahlreichen Stellen des Buches – bis hin zu dem Umstand, dass etwa der zehnseitigen Darstellung der Efka-Werke in Trossingen und des Unternehmers Fritz Kiehn eine deutlich umfangreichere wissenschaftliche Biografie zugrunde liegt; hier wird also lediglich verkürzt bereits Bekanntes referiert.[3]

Insofern handelt es sich bei Heinz Schmidt-Bachems Arbeit um eine detailreich erzählte Überblicksgeschichte. Mehr noch aber ist sie eine Sammlung zur Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland, der weniger als Kultur- oder Wirtschaftsgeschichte, sondern eher als Nachschlagewerk (mit abschreckendem Preis) der langfristige Bestand gesichert ist: Dies gewährleisten vor allem der zweite, enzyklopädische Teil des Buches mit seiner Geschichte einzelner Produkte und Innovationen, die zahlreichen Unternehmensbiogramme und schließlich die dankenswerterweise beigegebenen, umfassenden Register. Diese hier erstmals in einer so dichten Sammlung vorgelegten Daten können ohne Frage „Ausgangspunkt für weitere Forschungen“ (S. 3) sein – der Arbeit, die sich der 2011 verstorbene Heinz Schmidt-Bachem damit gemacht hat, ist dies in jedem Fall zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Heinz Schmidt-Bachem, portable art. Eine Sammlung stellt sich vor, in: inform. Museen im Rheinland 3 (1997), S. 32–33.
[2] Vgl. Ders., Tüten, Beutel, Tragetaschen – Zur Geschichte der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie in Deutschland, Münster 2001; ders., Beiträge zur Industriegeschichte der Papier-, Pappen- und Folien-Verarbeitung in Deutschland. Quellen, Recherchen, Dokumente, Materialien, Düren 2009.
[3] Vgl. Hartmut Berghoff / Cornelia Rauh-Kühne, Fritz K. Ein deutsches Leben im zwanzigsten Jahrhundert, München 2000.

ZitierweiseSwen Steinberg: Rezension zu: Schmidt-Bachem, Heinz: Aus Papier. Eine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland. Berlin 2011, in: H-Soz-Kult, 05.12.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-185>.

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