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Zeitgeschichte (nach 1945)

G.R. Mittler: Geschichte im Schatten der Mauer

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Geschichte im Schatten der Mauer. Die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft und die deutsche Frage 1961-1989
Reihe:Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-506-77214-5
Umfang/Preis:432 S., 23 Farbabb.; € 58,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Marion Detjen, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <marion.detjengmx.net>

Trotz ihrer angeblichen Lösung durch die Wiedervereinigung von 1990 erzeugt die „deutsche Frage“ noch heute Erschöpfung und Ratlosigkeit. Umso wünschenswerter ist eine Historisierung ihrer vieldeutigen Verwendungsweisen, gerade auch in der Geschichtswissenschaft selbst. In seiner jetzt als Buch erschienenen Heidelberger Dissertation will Günther R. Mittler mit einem Längsschnitt von 1961 bis 1989 untersuchen, welche Wechselbeziehungen zwischen der Teildisziplin Zeitgeschichte und dem politisch-historisch besonders brisanten Themen- und Problemkomplex der „deutschen Frage“ ausgemacht werden können. Dabei stellt sich schon in der Einleitung heraus, dass dieser Zugang der „deutschen Frage“ an Vagheit nicht nachsteht. Es geht dem Autor nicht um eine Dekonstruktion des fachwissenschaftlichen Gebrauchs dieser Floskel. Es geht ihm auch nicht um die Auswirkungen der deutschen Teilung auf die Institutionalisierungsprozesse, die Netzwerke, die Themenfindungen der sich gerade erst etablierenden zeithistorischen Disziplin. Der Konstruktionscharakter der „deutschen Frage“, die durchgängig ohne Anführungsstriche genannt wird, und ihrer zeit- und kontextabhängigen inhaltlichen Auffüllungen bleibt unberücksichtigt. Die Untersuchung reduziert sich letztlich auf den Teilaspekt, wie sich die Historiker und zeitgeschichtlich arbeitenden Politologen zur Oder-Neiße-Grenze, zum Wiedervereinigungsziel und zur Existenz der DDR positionierten und welchem „Deutschlandbild“ sie dabei Geltung verschaffen wollten.

Die Quellen sind zunächst die Publikationen der Wissenschaftler, und zwar sowohl die „relevanten Stellungnahmen“ (S. 23) in der Publizistik als auch die Überblicksdarstellungen mit ihren Narrativen der nachkriegsdeutschen Entwicklung. Weiterhin ausgewertet hat der Autor, mit Anspruch auf Vollständigkeit für den Untersuchungszeitraum und großem Fleiß, die Schulgeschichtsbücher, historischen Atlanten, die Berichte über Historikertage, die Tätigkeitsberichte der drei großen Forschungsförderungsinstitutionen, die Inhaltsverzeichnisse von fünf führenden zeitgeschichtlichen Zeitschriften und die Vorlesungsverzeichnisse eines guten Dutzend Historischer Seminare. Bis auf einige wenige Briefe hat er allerdings die Nachlässe der Historiker unberücksichtigt gelassen; über deren Erfahrungswelten kann er deshalb nur Vermutungen anstellen.

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel, von denen sich jedes knapp einem Jahrzehnt widmet. Die Zäsurensetzung (1961, 1969, 1978, 1990) verdankt sich den Konjunkturen der „deutschen Frage“ im zeitgeschichtlichen Diskurs. Jedes Hauptkapitel hat mehrere Unterkapitel, die allerdings keinen analytischen Kategorien folgen, sondern den Genres der Quellen, die sie behandeln: also für jedes Jahrzehnt die deutsche Frage in der Historiographie und in den publizistischen „Stellungnahmen“, im Schulgeschichtsbuch, in den Atlanten sowie in der „geschichtswissenschaftlichen Forschung und Lehre“. Diese Quellen werden dann, in den Unterkapiteln jeweils wieder einer Chronologie folgend, eine nach der anderen abgearbeitet und auf ihren deutschlandpolitischen Gehalt hin befragt. Das Gefundene wird durch thesenhafte Behauptungen miteinander verknüpft.

Nach einer kurzen, den Forschungsstand, die Methoden- und Quellenprobleme nur oberflächlich streifenden Einleitung beginnt die Darstellung mit der Vorgeschichte der 1950er-Jahre: Golo Manns „Deutsche Geschichte“ von 1958 wird als eine Ausnahmeerscheinung in einer Nachkriegshistoriographie gezeigt, deren Vertreter „einen aus der Geschichte abgeleiteten Mythos von der deutschen Nation“ verbreitet und sich „als Verfechter der deutschen Einheit“ präsentiert hätten (S. 28). Die „patriotische Aufgeregtheit“ der Zunft wird mit der zeitlichen Nähe zu 1945 erklärt, die „bei einigen Autoren eher für Polemiken und nationalapologetische Besinnungschriften denn für sachliche Wissenschaft“ gesorgt habe (S. 32). Vor dem Hintergrund des Befundes, dass in den historischen Atlanten und in der Geschichtsdidaktik auch der 1960er-Jahre an einem Deutschland in den Grenzen von 1937 festgehalten wurde, die „mental map“ der Historiker also weiterhin dem älteren Deutschlandbild folgte, werden die 1960er-Jahre als Zeit des Übergangs geschildert, in der die Historiker nur mühselig „den Pfad lang gehegter Illusionen zu verlassen“ und „realistischere Wege zu beschreiten“ begannen (S. 64). Wieder ist Golo Mann der Gewährsmann dafür, wie der deutschland- und ostpolitische Realismus idealerweise auszusehen hatte. Auch Thilo Vogelsang, Albrecht Timm und Hans-Peter Schwarz finden Gnade, während Ritter, Schieder, Conze und Co. dem Autor „seltsam starr erscheinen“ (S. 65), auch wenn sich Abstufungen in dem Maße feststellen lassen, wie sie die deutsche Frage europäisch verstanden. Die Fischer-Kontroverse wird kurz gestreift, in ihrer Wichtigkeit für die deutschlandpolitische Selbstverständigung der Historiker aber nur angedeutet. Interessant ist in den folgenden Teilkapiteln zu den 1960er-Jahren die Feststellung, dass in den Schulbüchern deutlich weniger Rekurs auf die deutsche Nation genommen wurde als in der geschichtswissenschaftlichen Publizistik. Die Gründe vermutet der Autor in der Orientierungslosigkeit des Schulfachs Geschichte, das eine nachwachsende Generation nicht mehr mit den Deutungen der älteren Generationen befriedigen konnte. Auch die Diskrepanz, dass die „Deutschlandproblematik“ auf Historikertagen, in der Forschungsförderung und in den wissenschaftlichen Zeitschriften kaum eine Rolle spielte, in der universitären Lehre hingegen sehr wohl, ist ein interessanter Befund. Dass die Beschäftigung mit dem deutschen Nationalstaat und die Sonderwegs-Geschichtsschreibung der „45er“-Generation deren deutschlandpolitische Abstinenz in den 1960er-Jahren kompensiert haben könnten, wird als Vermutung angedeutet, aber wiederum nicht analysiert.

Das zweite Hauptkapitel „Geschichtswissenschaft im Zeichen der Neuen Ostpolitik – Die Abkehr von der gesamtdeutschen Illusion (1969–1978)“ führt zunächst Beiträge von zwei Hand voll Historikern unterschiedlicher Lager zwischen 1968 und 1973 an, die eine Verschiebung der „mental map“ unter Verzicht auf die Oder-Neiße-Gebiete und einen Verlust der Orientierungsfunktion des Deutschen Reiches nahelegen. Mittler interpretiert dies als Stellungnahmen zugunsten der Neuen Ostpolitik. Erst die von Hans Mommsen und Karl Dietrich Bracher initiierte, von 203 Geschichts- und Politikwissenschaftlern unterzeichnete „Erklärung zur Ostpolitik“ vom 15. April 1972 habe aber die bis dahin vorherrschende Deutungshegemonie der konservativen Historiker beendet, einen Schulterschluss zwischen Wissenschaftlern aller Couleur „gegen den so lange verfochtenen nationalistischen Patriotismus“ bewirkt (S. 137) und zudem ein neues Selbstverständnis der Historiker als politisch engagierte Bürger geschaffen. Dabei werden auch die Argumente der Gegner der Erklärung referiert, die sich gerade nicht auf deutschnationalen Patriotismus beriefen, sondern auf die ihrer Ansicht nach von der Erklärung vernachlässigte Westbindung und Selbstanerkennung der Bundesrepublik. Die normativen Maßstäbe der Arbeit erlauben es jedoch nicht, beispielsweise die von Hans-Peter Schwarz mit seiner Dissertation 1966 vollzogene, im Kapitel zuvor noch gelobte Abkehr vom nationalen Paradigma und Schwarz’ nun kritisierte Gegnerschaft zu der „Erklärung zur Ostpolitik“ in einen Interpretationszusammenhang zu bringen. Im Bereich des Schulbuchs konstatiert der Autor ebenfalls, dass in den 1970er-Jahren „das Deutungsmonopol der Wiedervereinigungsapologeten“ (S. 153) einer Pluralisierung der Geschichtsbilder Platz gemacht habe. Interessant ist der Befund, dass sich die Situation der 1960er-Jahre – deutschlandpolitische Abstinenz in der Forschung, deutschlandpolitische Präsenz in der Lehre, aber auch dort Abwesenheit DDR-spezifischer Themen – in den 1970er-Jahren fortsetzte.

Im dritten Hauptkapitel „Geschichtswissenschaft im Zeichen der konservativen Wende – zwischen gesamtdeutscher und bundesrepublikanischer Nation (1978–1989)“ bemerkt Mittler zunächst, dass die historischen Atlanten, mit Ausnahme des „dtv-Atlas zur Weltgeschichte“, auch in den 1980er-Jahren mit ihren Darstellungen Deutschlands noch „Gralshüter des Reichsgedankens“ gewesen seien (S. 182). Die „Rückkehr der deutschen Frage“ verdankte sich allerdings weniger konservativen Revisionisten wie Hellmut Diwald als einem neuen Bedürfnis nach nationaler Identitätsbestimmung, das auch von Stimmen aus der DDR befeuert wurde und mit einem sich wandelnden Geschichtsverständnis einherging. Der Beschluss der Kultusministerkonferenz vom November 1978 zur „Deutschen Frage im Unterricht“ habe „ein geistiges Umfeld geschaffen“ (S. 191), in dem ein breites Spektrum deutschland- und identitätspolitischer Konzeptionierungen sowie historiographischer Darstellungen deutscher Geschichte möglich wurde. Das größte Verdienst von Mittlers Arbeit liegt zweifellos in der (allerdings unsystematischen und additiven) Auffächerung all der Deutschland-Narrative und Deutschland-Bilder, die die gut zwei Dutzend prägenden Zeithistoriker der 1980er-Jahre entwickelten. Dies lässt die Pluralisierung spürbar werden, die die Geschichtswissenschaft damals erlebt hat. In der Forschungsförderung und auf den Historikertagen blieben DDR-Themen und Themen zur „Deutschlandproblematik“ weiterhin zahlenmäßig unterrepräsentiert – trotz der Einrichtung des „Arbeitsbereichs Geschichte und Politik der DDR“ an der Universität Mannheim 1981, und obwohl nun auch vereinzelt die Stimmen ostdeutscher Historiker gehört wurden.

Das Schlusskapitel beginnt mit der These, dass die Historiker den aktuellen Entwicklungen immer nur hinterhergehinkt seien und als „deutschlandpolitische Reflexhistoriker“ lediglich eine „Hilfswissenschaft der offiziellen Deutschlandpolitik“ gebildet hätten (S. 253, beide Zitate im Buch kursiv). Dann stellt Mittler einige Vermutungen zu den Gründen der Enthaltsamkeit der Zeitgeschichte gegenüber deutschlandpolitischen Themen und der DDR-Geschichte an, hinterfragt die Rolle generationeller Zugehörigkeit und biographischer Herkunft und kritisiert die Besserwisserei der konservativen Historiker nach 1990. Zum Schluss empfiehlt der Autor der Zeitgeschichtsforschung, ihre politischen Einflussmöglichkeiten mit mehr Eigeninitiative als bisher zu nutzen, um nun „die neue deutsche Frage zu lösen, nämlich nach der verwirklichten staatlichen, endlich auch die innere Einheit der Deutschen herzustellen“ (S. 262).

Als Literatur- und Quellenbericht ist das Buch durchaus nützlich, aber zum besseren Verständnis der deutschlandpolitischen Rolle der Historiker trägt es wenig bei. Die Abwesenheit analytischer Kategorien hat zur Folge, dass der Autor im Diskursgefängnis der „deutschen Frage“ der 1970er- und 1980er-Jahre gefangen bleibt. Jede „Stellungnahme“ und jede historiographische Darstellung wird an der Elle gemessen, ob sie „illusionär“, „starr“ und „unversöhnlich“ am Ziel der staatlichen Wiedervereinigung und an den Grenzen von 1937 festhielt oder „realistisch“, „feinfühlig“ und „pragmatisch“ das Faktum der deutschen Teilung anerkannte. Dieser zwanghafte Bewertungsmodus verhindert eine konsequente Historisierung.

ZitierweiseMarion Detjen: Rezension zu: Mittler, Günther R.: Geschichte im Schatten der Mauer. Die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft und die deutsche Frage 1961-1989. Paderborn 2012, in: H-Soz-u-Kult, 21.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-174>.

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