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Nationalsozialismus

F. Heinen: NS-Ordensburgen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Marc Buggeln <mbuggelngmx.de>
Autor(en):
Titel:NS-Ordensburgen. Vogelsang, Sonthofen, Krösinsee
Ort:Berlin
Verlag:Christoph Links Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-86153-618-5
Umfang/Preis:216 S.; € 34,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Karola Fings, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln
E-Mail: <karola.fingsstadt-koeln.de>

Als im Frühjahr 1934 nahe der pommerschen Kleinstadt Falkenburg (polnisch Złocieniec) der Grundstein für die spätere „Ordensburg“ Krössinsee gelegt wurde, war dies der Auftakt für ein Projekt, das die symbolträchtigen Bauten der NS-Zeit etwa in Nürnberg („Reichsparteitagsgelände“) oder auf Rügen („KdF-Seebad“ Prora) um ein spezifisches Element ergänzen sollte. Im September 1934 folgte die Grundsteinlegung für die „Ordensburg“ Vogelsang in der Eifel, im Oktober 1934 der erste Spatenstich im bayerischen Sonthofen. Programmatisch hielt Dr. Robert Ley, als Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Chef der Deutschen Arbeitsfront für Entstehung und Konzeption gleichermaßen verantwortlich, 1937 fest: „Diese drei Burgen sind von Grund auf neu erbaut. Wo sie stehen, war vorher nichts. Ich wollte keine alten Burgen und Schlösser umbauen. Denn ich bin der Überzeugung, daß man diese neue, gewaltige Weltanschauung Adolf Hitlers nicht in alten, modrigen und verstaubten Gebäuden predigen und lehren kann. Genau so neu wie diese weltumstürzenden Gedanken sind, muß auch die Umgebung sein, in der diese Ideen den Menschen verkündet werden.“

Keine der drei NS-Ordensburgen wurde baulich je ganz fertig gestellt und auch der Lehrbetrieb – die Ausbildung von Nachwuchs für Führungspositionen in der NSDAP – nicht im geplanten Umfang durchgeführt. Mit der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches gelangten die NS-Bauten in die Obhut der Besatzungskräfte: Krössinsee wurde zunächst von sowjetischen, dann polnischen Streitkräften genutzt, in Sonthofen zog nach mehrjähriger Nutzung durch die US-Armee 1956 die Bundeswehr ein, während Vogelsang erst der britischen Armee als Truppenübungsplatz diente, bis das Areal 1950 an belgisches Militär übergeben wurde.

Diese Nachnutzung hatte durchaus auch erinnerungspolitische Folgen. Als militärische Sperrgebiete waren die Areale jahrzehntelang abgeschirmt, weshalb für die deutsche Öffentlichkeit keine dringende Notwendigkeit bestand, sich mit der Geschichte der NS-Ordensburgen zu befassen.[1] Zugleich blieben die Anlagen, auch wenn sie mit Um- und Erweiterungsbauten und Truppenübungen durch die militärische Nutzung überformt wurden, in einem bemerkenswerten Ausmaß erhalten. Der Dornröschenschlaf endete schlagartig mit der Ankündigung der belgischen Streitkräfte im Jahr 2001, das „Camp Vogelsang“ aufgeben zu wollen, was mit der offiziellen Übergabe des Geländes an die Bundesregierung am 1. Januar 2006 auch tatsächlich eintrat. Nun standen Region, Land und Bund in der Verantwortung für das historisch kontaminierte Gelände.

Franz Albert Heinen begleitete diesen Prozess als Journalist und engagierter Bürger aus der Region von Anfang an. Sein Buch „NS-Ordensburgen“ ist seit einer ersten Veröffentlichung im Jahr 2002 nun schon seine vierte Publikation zu diesem Thema. Anders als bei den vorherigen Bänden bezieht er alle drei realisierten „Ordensburgen“ – eine vierte in Marienburg war geplant – ausführlicher in die Betrachtung mit ein. In einer knappen Einleitung skizziert Heinen die Vorstellungen Leys und anderer führender NS-Ideologen von der NSDAP als einem „Orden“, dessen Mitglieder diesem in unbedingtem Gehorsam angehörten. Die pseudoreligiöse Prägung und der Rückbezug auf den mittelalterlichen Deutschen Orden beschreibt Heinen als Voraussetzung für die mythische Aufladung der ab Ende 1935 als „Ordensburgen“ bezeichneten Schulungsstätten der NSDAP. Ausführlicher widmet er sich im nächsten Abschnitt der Baugeschichte der Anlagen, die von den Architekten Clemens Klotz (1886-1969) und Hermann Giesler (1898-1987) verantwortet wurden. Alle drei Bauensembles zeugen, von Heinen durch zahlreiche zeitgenössische Fotografien unterstrichen, von dem Herrschaftsanspruch der NSDAP. Vogelsang als die größte und fast vollständig erhaltene Herrschafts- und Landschaftsarchitektur des NS-Staates wird dabei zu Recht ausführlicher geschildert. Eine architektur- und kunstgeschichtliche Betrachtung unterbleibt jedoch, was bedauerlich ist, denn die bereits 1988 von Ruth Schmitz-Ehmke[2] herausgestellten Stilelemente – etwa die Anklänge an den spätwilhelminischen Monumentalstil, barockisierende Terrassenanlagen in Verbindung mit Heimatschutzarchitektur – sowie die Skulpturen und Reliefs sind durchaus erhellend für die Wirkungsabsicht der Bauherren und die Wirkung der NS-Ordensburgen bis heute.

Der Baugeschichte folgt ein kurzes Kapitel zur Nutzung der „Ordensburgen“ als Schaubühnen des Regimes. Heinen kann zeigen, dass die Anlagen in weit größerem Umfang als bislang vermutet als repräsentative Kulissen für Empfänge politischer Leiter und internationaler Gäste sowie als Tagungsorte für Tausende Funktionäre der NSDAP und ihrer Gliederungen dienten. Daran schließt eine Übersicht über das Personal an, das – von der Küche bis zu Kommandantur, Intendantur und Wache – den Betrieb der „Ordensburgen“ versah und von Heinen fragwürdig als „Kommune Ordensburg“ übertitelt wird. Erst danach erfährt man etwas über die „Junker“, von denen ab 1936 je 500 mindestens 25 Jahre alte, bereits mit der NSDAP verbundene Männer für jeweils einjährige Lehrgänge an jeder der „Ordensburgen“ vorgesehen waren. Heinen beschreibt die Auswahl und Herkunft der „Junker“, den Tagesablauf, die Inhalte der Schulungen, die herausragende Bedeutung des Sports und ihre Aufmärsche in der Region oder etwa auf den „Reichsparteitagen“. Auch führt er einige der parteiinternen Kritiker an, die beispielsweise auf den Widerspruch zwischen elitärem Anspruch und Auftreten der „Junker“ und deren dürftigen intellektuellen und praktischen Fähigkeiten abheben.

Mit Kriegsbeginn war die Zweckbestimmung der NS-Ordensburgen faktisch beendet. Die Lehrgänge brachen ab, und die Anlagen wurden, wie schon Sonthofen von Beginn an, mit Adolf-Hitler-Schülern belegt. Dem Einsatz der um 2.000 „Junker“ zählenden Ordensburg-Männer im Vernichtungskrieg – in Polen, im Dienste Alfred Rosenbergs und als „Gebietskommissare“ in den „Reichskommissariaten Ukraine“ und „Ostland“ – ist ein Kapitel gewidmet, das die Nachkriegsermittlungen gegen einige von ihnen einschließt. Mit einer vergleichsweise ausführlichen Schilderung der Adolf-Hitler-Schulen wird Heinen einem vielfach in seinem Stellenwert für die „Ordensburgen“ nicht hinreichend beachteten Aspekt durchaus gerecht. Ein Exkurs über die am Chiemsee geplante „Hohe Schule der NSDAP“ zeigt, wie der Höhepunkt der parteilichen Ausbildung hätte aussehen sollen. Kapitel über die Nutzung der Ordensburgen während des Krieges sowie die Nachkriegsgeschichte inklusive der organisierten Erinnerungsgemeinschaft der „Junker“ in der Bundesrepublik schließen den Band ab.

Franz Albert Heinen gibt mit seinem Band einen weitgehend soliden und anschaulichen Überblick über die Ordensburgen, kann aber, wie bereits an anderer Stelle kritisiert wurde[3], dem Anspruch an eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung nicht genügen. Die Beziehungsgeflechte innerhalb der Regionen bleiben als Thema ausgespart, eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Lehrpersonal und der Frage, welchen Stellenwert die Formierung der „Junker“ in den Ordensburgen bei deren verbrecherischen Aktivitäten im Vernichtungskrieg tatsächlich gehabt hat, unterbleiben; seine Urteile fallen daher oft pauschal und widersprüchlich aus. Dabei sind auf zwei Tagungen in Bonn (2004) und Vogelsang (2009) und in einer Magisterarbeit erste wissenschaftliche Schneisen geschlagen worden.[4] Ein kritischerer Umgang mit den schriftlichen Quellen hätte dem Band ebenfalls gut getan. Besonders zu bedauern ist die fehlende Auseinandersetzung mit den Fotografien, die in hoher Anzahl versammelt sind, dabei aber als Quelle nicht ernst genommen werden, weshalb die Selbstinszenierung des Regimes einer kritischen Analyse entgeht.

Zu den Stärken Heinens zählt nicht die wissenschaftliche Expertise, sondern sein in dem Band nun gut dokumentiertes langjähriges Sammeln, Nachforschen und Publizieren. Damit hat er der wissenschaftlichen und erinnerungspolitischen Auseinandersetzung um die NS-Ordensburgen einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen. Als einer der ersten sicherte er umfangreiche fotografische Nachlässe zu Vogelsang, sorgte sich um die archivalische Hinterlassenschaft der Belgier, suchte Zeitzeugen auf, beschaffte die „Burgzeitschriften“ – Material, das er inzwischen dem im Entstehen begriffenen Archiv in Vogelsang übergeben hat. Früh breitete er seine Ergebnisse auf einer Internetplattform aus, so dass die bis dahin kursierende, oftmals graue, an die Haltung von Landserheften anmutende Literatur mit ihrem heroisierenden und mystifizierenden Geschichtsbild einen Kontrapunkt fand. Zu einem Zeitpunkt, als in der Eifel noch darüber phantasiert wurde, welche Investoren man für den Wirtschaftsstandort Vogelsang begeistern könne, setzte Heinen 2007 mit einer Untersuchung über den „Osteinsatz“ der Ordensburg-Mannschaften einen starken Akzent.[5] Erstmals wurde – dabei auf jüngere Studien zur NS-Vernichtungspolitik wie die von Wendy Lower zurückgreifend – der Topos des „Scheiterns“ einer kuriosen und kultischen Randerscheinung des NS-Regimes erschüttert, indem die „Junker“ in einen direkten Zusammenhang mit dem Vernichtungskrieg gestellt wurden. Der Blick auf den historischen Ort Vogelsang und seine zukünftige Ausgestaltung wurde damit nachhaltig und unumkehrbar verändert. Für seine Leistung als engagierter Streiter für einen verantwortungsbewussten Umgang mit den Überresten der NS-Hinterlassenschaft ist Franz Albert Heinen am 1. Februar 2012 von der in der Eifel ansässigen „Konejung Stiftung: Kultur“ ausgezeichnet worden. Es bleibt zu wünschen, dass die vielen Fragen, die sein Buch aufwirft, von der Forschung aufgegriffen werden.

Anmerkungen:
[1] Nicht von ungefähr blieb ein erster wegweisender Beitrag ohne Resonanz. Vgl. Harald Scholtz, Die „NS-Ordensburgen“, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 15 (1967), S. 269-298.
[2] Ruth Schmitz-Ehmke, Die Ordensburg Vogelsang. Architektur, Bauplastik, Ausstattung, Köln 1988.
[3] Claire Keruzec, Rezension von: Franz Albert Heinen: NS-Ordensburgen. Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee, Berlin: Christoph Links Verlag 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10, 15.10.2011, <www.sehepunkte.de/2011/10/20055.html> (30.01.2012); Armin Nolzen, Franz Albert Heinen: NS-Ordensburgen. Vogelsang, Sonthofen, Krössinsee, Berlin 2011, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011), 7/8, S. 686-688.
[4] Paul Ciupke / Franz-Josef Jelich (Hrsg.), Weltanschauliche Erziehung in Ordensburgen des Nationalsozialismus. Zur Geschichte und Zukunft der Ordensburg Vogelsang, Essen 2006; vogelsang ip (Hrsg.), „Fackelträger der Nation“. Elitebildung in den NS-Ordensburgen, Köln 2010; Stefan Becker, „Elite“ ohne Substanz oder „Auslese“ mit Führungsqualitäten? Die Formierung künftiger „Politischer Leiter“ auf der NS-Ordensburg Vogelsang, Magisterarbeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 2009.
[5] Franz Albert Heinen, Gottlos, schamlos, gewissenlos. Zum Osteinsatz der Ordensburg-Mannschaften, Düsseldorf 2007.

ZitierweiseKarola Fings: Rezension zu: Heinen, Franz Albert: NS-Ordensburgen. Vogelsang, Sonthofen, Krösinsee. Berlin 2011, in: H-Soz-Kult, 08.03.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-166>.

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