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Geschichte allgemein

F. Kolland u.a. (Hrsg.): Soziologie der globalen Gesellschaft

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Titel:Soziologie der globalen Gesellschaft. Eine Einführung
Herausgeber:Kolland, Franz; Dannecker, Petra; Suter, Christian; Gächter, August
Ort:Wien
Verlag:Mandelbaum Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-85476-311-6
Umfang/Preis:384 S.; € 16,80

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Nancy Scharpff, Universität Leipzig
E-Mail: <scharpffuni-leipzig.de>

Ein Einführungsband in eine „Soziologie der globalen Gesellschaft“ lässt einen Überblick über die Möglichkeiten und Varianten soziologischen Zugriffs auf eine sich gegenwärtig grundlegend verändernde soziale Realität erwarten. Zugleich verspricht er damit auch wesentliche Einblicke in und Annäherungen an ein gerade mit dem Globalisierungsdiskurs und Globalisierungsprozessen zunehmend in Bedrängnis geratenes Konzept: die Gesellschaft. Insofern wirft bereits der Titel des Bandes die Fragen auf, wie man – nunmehr – auf das Entstehen oder gar Vorhandensein einer globalen Gesellschaft schließen kann und welchen Beitrag, welche Antwort eine Soziologie zu leisten vermag, deren vermeintlich zentrales Untersuchungsobjekt sich in Form der (National )Gesellschaft zu verflüchtigen droht.[1]

Die vorliegende Einführung, die in einer vom Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik herausgegebenen Reihe erschienen ist, weiß diese Fragen nur bedingt, zum Teil doch eher unbefriedigend zu beantworten. Dies mag zum einen daran liegen, dass die Herausgeberin und die Herausgeber es in ihrer Einleitung (S. 7–12) vernachlässigen, das Konzept einer globalen Gesellschaft eingehender zu erläutern. Zwar rekurrieren sie auf den Begriff der Weltgesellschaft, die sie als multizentrische verstanden wissen wollen (S. 8). Wie hingegen der Zugang zu dieser Weltgesellschaft systematisch erschlossen werden kann, gerät in ihren skizzenartigen Ausführungen zu kurz und zu einseitig. Der Versuch, über einen methodologischen _Trans_nationalismus eine „transnationale Soziologie“ zu lancieren, gereicht lediglich dazu, den Fokus auf solche Vergesellschaftungsprozesse jenseits des Nationalstaats zu legen, von denen angenommen wird, dass sie mit einer Relativierung nationalstaatlicher Strukturen verbunden sind. (ebd.)

Ein anderer wesentlicher Punkt ist sicherlich der Sammelbandcharakter, der den Einstieg in die Debatte um Weltgesellschaft oder (Welt )Vergesellschaftungen für die weniger vorinformierten Leserinnen und Leser erschweren dürfte. Der Band vereint in zwölf Beiträgen, die mehrheitlich einen entwicklungssoziologischen Grundton aufweisen, eine Vielzahl von speziellen Soziologien: von einer Soziologie sozialer Ungleichheit über Bevölkerungs und Migrationssoziologie, politische Soziologie und Religion bis hin zur Organisationssoziologie mit Beiträgen zu internationalen Netzwerken oder auch zur Entwicklungszusammenarbeit. Den einzelnen Beiträgen kann dabei an sich ein hoher Einführungswert attestiert werden: Die meisten beginnen – auf das jeweilige Thema bezogen – mit einer kurzen Darstellung klassischer modernisierungs- und entwicklungstheoretischer Ansätze, geben daraufhin den aktuellen Forschungsstand entlang vorliegender empirischer Ergebnisse und theoretischer Weiterentwicklungen wieder und werden durch abschließende Betrachtungen und eigene Überlegungen der Autorinnen und Autoren vervollständigt. Neben der verwendeten werden zusätzlich als Basisliteratur drei bis fünf Referenzwerke angeführt. Für eine Einführung in jeweils einen der genannten Themenbereiche mit explizit transnationalem Bezug sind die einzelnen Beiträge somit durchaus geeignet.

Es mag ferner zunächst auch sinnvoll erscheinen, eine transnationale Soziologie gerade durch eine Zusammenschau und am Beispiel dieser verschiedenen Themengebiete entwickeln und dabei das „Bild einer globalen Sozialstruktur“ entlang von Konvergenz und Differenzierungsprozessen nachzeichnen zu wollen (ebd.). Jedoch dürfte sich für die Leserschaft nach Lektüre der einzelnen Beiträge immer noch die Frage stellen, welche (welt )gesellschaftlichen Implikationen aus den jeweils erörterten Entwicklungstendenzen, aus einer wie auch immer gearteten globalen Sozialstruktur, letztlich abgeleitet werden können. Zu den Beiträgern, die sich einer solchen Sozialstrukturanalyse am ehesten zuordnen lassen, gehört zum Beispiel Christian Suter (S. 50–76). Er thematisiert (wachsende) Einkommensungleichheiten und verweist auf ihre nunmehr stärker zwischen statt innerstaatliche Dimension. Daniel Künzler (S. 209–234) wiederum bereichert die Debatte mit seiner Diagnose einer „potemkinschen Bildungskonvergenz“, wohingegen Gerald Faschingeder (S. 327–354) sich des Gegenstandes der Religion als transkulturelles, globales Phänomen annimmt, welches weder durch eine vom „Westen“ oder von Westeuropa ausgehende Säkularisierung gekennzeichnet ist noch auf eine Konvergenz im Sinne einer Angleichung oder neuerlichen Dominanz ganz bestimmter religiöser Strömungen hindeutet.

Während die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren es vermeidet, auf Basis ihrer Ergebnisse explizit Rückschlüsse auf eine globale Gesellschaft zu ziehen, ist es der vorangehende Beitrag des Mitherausgebers Franz Kolland (S. 13–49), der zumindest in Ansätzen leistet, was die Einleitung dieses Einführungsbandes nicht vermag. Kolland führt in die „Grundlagen einer Soziologie der Globalisierung“ ein, was, sofern die Rede von einer globalen oder Weltgesellschaft ist, als unerlässlich betrachtet werden kann. Weltgesellschaft versteht er dabei als Realität sui generis, die sich als (Welt )Vergesellschaftungsprozess begreifen und beobachten lässt (S. 37). Vielfalt ist, anknüpfend an die „multiple modernities“ Ansätze, ein wesentliches ihrer Charakteristika. Mit Blick auf die in diesem Band dargelegte globale Sozialstrukturanalyse muss entsprechend geschlussfolgert werden, dass jedes der in ihrem Rahmen vorgelegten Ergebnisse, ob dieses nun auf konvergente oder divergente Entwicklungen hinweist, einen Mosaikstein im Bausatz der Weltgesellschaft darstellt.

Der Konnex zwischen Soziologie und Gesellschaft wird in einer solchen Betrachtung besonders darin deutlich, dass (Welt )Gesellschaft schlichtweg das ist, was Soziologinnen und Soziologen vornweg als eine solche bezeichnen, definieren und untersuchen; sei diese nun in einem nationalen Bezugsrahmen oder aber global betrachtet. Ob man mit einer solchen Herangehensweise einverstanden ist, bleibt letztlich eine Frage der theoretischen Verortung und liegt im Auge der soziologischen Betrachterin und des Betrachters. Dessen ungeachtet liefert diese Herangehensweise zumindest ein wenig Orientierung, einen expliziten Anhaltspunkt, für die Lektüre und für mögliche Interpretationen der hier versammelten Beiträge. Zudem werden die Leserinnen und Leser von Kolland ferner darauf hingewiesen (ebd.: 38f.), dass ein transnationaler nicht immer zwingend der geeignete Fokus für eine Analyse sein muss; anders, als es der in der Einleitung dargelegte Entwurf eines methodologischen Transnationalismus und die dominant globale Perspektive in diesem Band deutlich werden lassen.

Die Relevanz dieses Kritikpunkts tritt zum Beispiel besonders bei Rüdiger Korff und Valeska Pailin Korff (S. 235–262) zutage. Ihr Beitrag kann ähnlich wie der von Barbara Rohregger (S. 294–326) oder auch Wolfgang Hein (S. 174–208) zu jenen Ansätzen gezählt werden, die Vergesellschaftungsprozesse vermittels einer Verbindung akteur und institutionentheoretischer Perspektiven untersuchen und dabei die Verschränkung verschiedener sozialer Handlungsebenen herausarbeiten. Im Mittelpunkt dieser Beiträge stehen vordergründig Normbildungsprozesse auf globaler Ebene, die etwa von lokalen Gruppen und daraus hervorgehenden sozialen Bewegungen wie auch internationalen Organisationen getragen, in konfliktiven Auseinandersetzungen verhandelt und auf internationaler Ebene institutionalisiert werden. Zugleich verweisen dabei die genannten Autorinnen und Autoren, manche explizit, andere implizit, auf die Bedeutung des Nationalstaats. Nach wie vor stellt dieser letztlich einen bedeutenden Garanten und eine entscheidende Ebene der institutionellen Rückverankerung internationaler Normen dar. Wenngleich sich infolgedessen zum einen die internationale als immer bedeutendere soziale Handlungsebene hervortut und dabei nationale Grenzen überschreitende Interaktionen und soziale Beziehungen auf eine Relativierung nationalstaatlicher Strukturen und Souveränität hindeuten, manifestiert sich die Widersprüchlichkeit damit verbundener Vergesellschaftungsprozesse zum anderen also zugleich auch in der keineswegs nur schwindenden Bedeutung des nationalen Bezugsrahmens.[2] Vielleicht mag gerade auch dies in besonderer Weise einen Sachverhalt darstellen, aus dem eine transnationale Soziologie schließlich ihre Daseinsberechtigung bezieht, die als Gesellschaftsanalyse neben transnationalen Vorgängen und der globalen Ebene auch andere relevante Ebenen mit zu berücksichtigen hat.[3]

Anhaltspunkte dafür und mitunter gute Ansätze finden sich in den Beiträgen dieses Bandes. Diesen wäre es zugute gekommen, hätten Herausgeberin und Herausgeber schon in ihrer Einleitung einen größeren Wert auch auf theoretische Tiefe gelegt und dabei einen konzeptionellen Rahmen entwickelt, in dem die Beiträge hätten verortet werden können und in dem sich die jeweils dargestellten Zugänge zu Weltgesellschaft systematisieren ließen. Ohne diesen Rahmen steht hingegen zu erwarten, dass Leserinnen und Leser, denen kein Vorwissen abverlangt wird, relativ orientierungslos durch die verschiedenen Vergesellschaftungsprozesse hindurch steuern; ein Umstand, der allein durch das griffige Taschenbuchformat und die aufgrund der hohen sprachlichen Qualität leicht zu lesenden Beiträge nicht wett gemacht werden kann.

Anmerkungen:
[1] Diskutiert zum Beispiel bei John Urry, Sociology beyond Societies, London 2000. Für eine kurze Einführung vgl. auch Helmuth Berking, Globalisierung, in: Nina Baur / Hermann Korte / Martina Löw / Markus Schroer (Hrsg.), Handbuch Soziologie, Wiesbaden 2008, S. 117–137.
[2] Vgl. hierzu Saskia Sassen, Das Paradox des Nationalen, Frankfurt am Main 2008.
[3] Zu empfehlen ist hier zum Beispiel, wenngleich mit Bezug zum europäischen Integrationsprozess: Martin Heidenreich (Hrsg.), Die Europäisierung sozialer Ungleichheit. Zur transnationalen Klassen und Sozialstrukturanalyse, Frankfurt am Main 2006.

ZitierweiseNancy Scharpff: Rezension zu: Kolland, Franz; Dannecker, Petra; Suter, Christian; Gächter, August (Hrsg.): Soziologie der globalen Gesellschaft. Eine Einführung. Wien 2010, in: H-Soz-Kult, 02.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=16478>.

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