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Geschichte allgemein

M. Häberlein u.a. (Hrsg.): Sprachgrenzen - Sprachkontakte - kulturelle V

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Titel:Sprachgrenzen - Sprachkontakte - kulturelle Vermittler. Kommunikation zwischen Europäern und Außereuropäern (16.-20. Jahrhundert)
Reihe:Beiträge zur Europäischen Überseegeschichte 97
Herausgeber:Häberlein, Mark; Keese, Alexander
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-515-09779-6
Umfang/Preis:421 S.; € 62,00

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Timo Schulz, Universität Rostock
E-Mail: <timo.schulzuni-rostock.de>

Der hier vorgestellte Band schließt an aktuelle Forschungen zu Kulturkontakten zwischen Europäern und Nichteuropäern an. Einleitend betrachtet er die Kontaktzonen der Amerikas, Asiens und Afrikas und betont darin die stets privilegierte Position der europäischen Partner. Die theoretisch eher enthaltsamen Beiträge befassen sich in vier thematischen Abschnitten mit Problemen der sprachlichen Verständigung sowie deren Auswirkungen auf Institutionen und Akteure. Dabei handelt es sich überwiegend um historische, teils aber auch philologische Fallstudien, die anlässlich der Jahrestagung der Gesellschaft für Überseegeschichte an der Universität Bamberg im Mai 2008 diskutiert wurden.[1]

Der erste Themenabschnitt untersucht „Frühneuzeitliche Missionare als Linguisten und kulturelle Vermittler“ und wird von Renate Dürr eröffnet, die anhand des ersten Guaraní-Wörterbuchs auf die sehr zentrale Problematik der Übertragbarkeit abstrakter Konzepte in nichteuropäische Denkweisen und Sprachen aufmerksam macht: Sprachen seien mitnichten universell, resümiert sie die Erkenntnis der Missionare, sondern müssten auch kulturimmanente Inhalte berücksichtigen und folglich in einem Nachdenken über den Wert nichteuropäischer Sprachen für die christliche Mission münden. Ausgangspunkt einer solchen Neubewertung wären die Grammatikkenntnisse der Europäer, die sie durch das Systematisieren ihrer eigenen Nationalsprachen ab etwa 1500 gewannen – Kenntnisse, die letztlich in Wissensbeständen über nichteuropäische Sprachen mündeten, die andernfalls im kolonialen Kulturimperialismus verloren gegangen wären. Weiterführend rückt hier die kontaktinduzierte Identitätsproblematik in den Fokus: Christian Windler beleuchtet die dilemmatische Situation europäischer Missionare in Persien, die in der christlichen Konfession einerseits und in einer starken soziokulturellen Integration vor Ort andererseits gründete und damit eine Bedrohung kultureller Integrität darstellte. Susanne Lachenichts Panorama über die Entstehung der eigenwilligen Multikulturalität Französisch-Kanadas beleuchtet indes eine eher souveräne, teils wehrhafte Einstellung zur Identitätsfrage: Quellen deuten hier auf einen Trend zur Wahrnehmung der First Nations als „‚Leitkultur’“, da diese im Gegensatz zur Kolonialgesellschaft „Freiheit und […] Leichtigkeit“ (S. 102) geboten habe. Doch „[trotz] berechtigter Skepsis gegenüber übertrieben wirkenden zeitgenössischen Beschreibungen einer ‚Amerindianisierung’ französischer Kolonisten“ (S. 103), spiegele sich dieser Umstand dennoch in der heutigen Kulturdiversität Kanadas. Mark Meuweses komparative Studie zur protestantischen Mission in den niederländischen Kolonien Brasiliens und Taiwans fokussiert wiederum die Perspektive der Kolonisierten und kritisiert in diesem Zusammenhang den Konversionsbegriff. Dieser impliziere eine vollständige Übernahme eines Glaubenssystems und hinterließe angesichts einer belegten hohen Beteiligung der Lokalbevölkerung am missionarischen Bildungsprogramm einen falschen Eindruck hinsichtlich der Lernmotivation: Meuwese argumentiert, dass die lokale Bevölkerung die Mission eher ausgenutzt habe, um sich opportun in die sich drastisch verändernde Kolonialgesellschaft einzufügen und so ihre kulturelle Autonomie zu schützen, nicht aber, um aus genuiner Überzeugung heraus zum Christentum zu konvertieren.

Im zweiten Themenbereich, “Die Vielfalt kultureller Vermittler“, untersucht Herausgeber Mark Häberlein in vier Fallbeispielen die soziokulturellen Hintergründe, aus denen die cultural brokers der atlantischen Welt hervorgingen. Er ergründet darüber hinaus Wirkebenen wie Gender, Ethnizität oder Literalität und stellt eine Typologie für kulturelle Vermittler zur Diskussion. Eine erste Herausforderung für ein solches Modell, das einzelne Figuren der Kolonialgeschichte kategorisiert, wäre wohl der sehr lesenswerte Beitrag von Beatrix Heintze, denn dieser befasst sich mit dem Wirken einer ganzen Personengruppe im 19. Jahrhundert, den sogenannten Ambakisten; einer lusoafrikanischen Bevölkerungsgruppe im Gebiet des heutigen Angola, die durch ihre Doppelidentität als europäisierte Afrikaner erheblichen und bisher unbeachteten Einfluss auf Expeditionsberichte sowie die Ausbildung von Infrastrukturen und Verbreitung von Objekten, Waren und Informationen hatten. Heintze stellt heraus, dass das Narrativ der Neuentdeckung des „‚dunklen’ Kontinents […] und dessen ‚unberührte[m]’ Innere[n]“ (S. 213) dazu neigt, „‚traditionelle’ Strukturen“ als statisch und von der „‚Moderne’“ überwunden darzustellen, dabei aber ausblendet, dass sie diese „nicht einfach ersetzt, sondern in vielfältiger, sehr differenzierter Weise transformiert […] [und somit] zu einem untrennbaren Bestandteil [ihrer selbst macht]. [Involvierte] Afrikaner und Luso-Afrikaner waren keineswegs Opfer dieser Prozesse, sondern gestalteten sie in aktiver, innovativer Weise mit.“ (S. 222)

Im dritten Abschnitt – „Verwissenschaftlichung von Sprache: Sprachenpolitik und Kolonialherrschaft im 19. und 20. Jahrhundert“ – führt Markus Messling in einem der wenigen diskursorientierten Aufsätze des Bandes in die „vergessene Selbstkritik der noch jungen europäischen Wissenschaftsdisziplin [der Philologie] im Umgang mit dem Erbe außereuropäischer Sprachmaterialien“ (S. 251) ein. In Äußerungen Jean-Pierre Abel-Rémusats, Eugène Jacquets und Wilhelm von Humboldts entdeckt er ein Problembewusstsein, das rund 150 Jahre vor Saids Orientalism die „Diskurshoheit eurozentristischer Repräsentationsmuster“ (S. 260) hinterfragt – im Falle der Philologie also das unüberwindbare Deskriptionsprimat des Lateinischen. Verglichen mit anderen europäischen Mächten erscheint dieser Aspekt für das kurzlebige deutsche Kolonialreich in einem besonderen Licht: Armin Owzar zeigt hieran anknüpfend, dass Swahili, die meist gelehrte Sprache am 1887 gegründeten Berliner Seminar für Orientalische Sprachen, das Deutsche in den ostafrikanischen Kolonien nahezu vollständig als überregionale Verkehrssprache ersetzen konnte. Wirksam konturiert er hierfür die sprachpolitischen Debatten zwischen Kolonialrat und Missionswissenschaftlern sowie ihre Konsequenzen für die Verbreitung des Swahili und akzentuiert dabei besonders die Strategiepolemik, die sich in Anbetracht islamischer und britischer Konkurrenz entspann. Auch wenn für das deutsche Kolonialreich damit zunächst weniger offensichtlich, so ist Sprache spätestens seit dem modernen Nationengedanken fester Bestandteil dessen ideologischer Diskurse. Unter der Fragestellung, ob die Sowjetunion das Produkt linguistischer und kultureller Diskurse oder ein „Product of Power“ (S. 325 f.) ist, vertritt Dmitry Shlapentokh die These, dass nationale Identitätsideologien häufig die einende Wirkung von ausgeübter Macht verdecken würden. Im Gegensatz zum Zarenreich, für das die „importance of force“ (S. 326) immanent gewesen sei, versuche der Eurasismus des 20. Jahrhunderts neben unbedingter Betonung der Differenz zu Europa, das sowjetrussischen Identitätsnarrativ in kultureller, linguistischer, moralischer und quasibiologischer Eintracht zu sehen. Den Zerfall der Sowjetunion 1991, so konstatiert Shlapentokhs provokanter Beitrag, könne dieser Gedanke ursächlich jedoch nicht erklären, denn die Gründe dafür lägen nicht allein in den „intricacies of linguistic or cultural discourse“, sondern vielmehr im Widerwillen der Eliten „to employ […][the same] efficient and brutal use of force that saved the other ‚Eurasian’ empire – China – from following the same road [of doom] in 1989“ (324).

Der letzte Themenabschnitt des Bandes behandelt Phänomene des Sprachwandels und -zerfalls von Kontakt- und Verkehrsprachen. Maria Johanna Schouten beginnt hier mit einem Kurzporträt über die anfängliche Prosperität des Portugiesischen und den späteren Triumph des Malaiischen als primäre Kontaktsprache auf dem südostasiatischen Archipel, betont aber, dass letztere trotz ihres ‚Sieges’ von außen stets als eine der europäischen Kulturkomplexität unzureichende Sprache wahrgenommen wurde – ganz anders als in der deutschen Kolonie im guatemaltekischen Alta Verapaz, für die Michaela Schmölz-Häberlein eher einvernehmliche Sprachbeziehungen konstatiert. Die wenigen Kaffeebauern, die das Land ab 1870 offenbar mit Respekt und Interesse für die Lokalkultur wirtschaftlich erschlossen, führten oft Ehen mit Maya-Frauen und erlernten, da die Region kaum ‚hispanisiert’ war, deren Sprache Kekchí. Aus den als sehr harmonisch geschilderten Verhältnissen hätte sich nunmehr ein generationenübergreifendes Netzwerk gebildet, in dem Ehefrauen und Kinder die kulturellen Bindeglieder zwischen Maya und Deutschen stellten.[2] Dass Sprachkontakte wiederholt zugunsten nichteuropäischer Sprachen ausfielen, ist nicht zuletzt häufig dem ideologischen, epistemologischen oder wirtschaftsstrategischen Opportunismus der Europäer geschuldet. Dass im Gegensatz dazu aber auch vor allem kleine Sprachgemeinden durch Kontakte ausstarben, zeigt der abschließende und aufschlussreiche Aufsatz von Swinta Danielsen und Katja Hannß, der die Situation des sterbenden Baure in Nordbolivien einfängt und mit dem bereits ausgestorbenen Uchumataqu vergleicht. Vor allem zwei Aspekte dieser Studie pointieren den gesamten Band: Zum einen erinnert das Uchumataqu, welches in präkolumbianischer Zeit zunächst durch das Aymara bedrängt wurde, daran, dass Sprachkontakte nicht ausschließlich zwischen Europäern und Nichteuropäern stattfanden. Zum anderen sehen wir Markus Messlings Beitrag in dem hier sehr deutlich werdenden Missverhältnis von missionarischen Bemühungen, Sprache anhand von lateinischen Grammatikkategorien zu beschreiben, und den tatsächlichen Bedürfnissen des Baure, welches ohne Tempussystem auskommt, illustriert – ein mehrfach verschränkter Umstand, da konzeptionelle Zeitlichkeit Grundlage des europäischen historischen Denkens (und Sprechens) ist, welches wiederum in seinem universellen Anspruch seine Anderen erschuf, indem es allem das Antike zum Maßstab machte.[3]

Mark Häberlein und Alexander Keese legen einen variantenreichen Band von großer empirischer Breite vor, der sich durch enorme Akribie in der Aufarbeitung von Quellenmaterial auszeichnet. Er bietet einen facettenreichen Überblick über globale Sprachkontakte der Kolonialgeschichte, ohne sich dabei regional einseitig zu erschöpfen, und stellt damit eine reichhaltige Sekundärquelle dar. Dennoch könnte die Interdisziplinarität, in die sich der Band durch sein Thema einschreibt, konsequenter auf allen Ebenen durchgesetzt sein. Spezifischere linguistische und kulturwissenschaftliche Referenzen würden manche Beiträge in ihren Ansätzen unterstützen und zusätzlich exponieren: zur Alphabetisierung von oralen Gesellschaften bzw. zur Rolle der Schriftlichkeit bei der Missionierung etwa könnten Verweise auf die Arbeiten Walter Ongs, Jack Goodys und auch Marshall McLuhans durchaus bereichernde Erkenntnisse bringen; für die Kolonisierung der Amerikas wiederum wären Bezüge zu Nebrijas Grammatik und deren Bedeutung für das Imperium Spaniens erhellend [4]; und bedauerlicherweise bleibt das reichhaltige Theorieangebot der Postcolonial Studies mit Ausnahme einiger Fußnoten und der Konzepte der culural brokers und des middle ground ungenutzt. Der Band deutet mitunter auch die Schwierigkeit einer einheitlichen Terminologie an, die sich nicht in semantisch aufgeladenen oder unscharfen Verflechtungen verfängt: Indigene, Indígenas, Indianer, First Nations, Natives, aboriginal peoples – Bezeichnungen, die oft der Region und Quellensprache angepasst, aber nicht immer unproblematisch sind. Mark Häberleins kritische Selbstreflexion über die eigene Terminologie (S. 177) unterstreicht den wissenschaftlichen Wert dieses Beitrags zur linguistischen Dimension von Kulturkontakten in der Neuzeit, hätte jedoch als Teil der Einleitung größere Wirkung.

Anmerkungen:
[1] Aus Gründen des Textumfangs können nicht alle Beiträge berücksichtigt werden, was jedoch keinerlei qualitative Urteile implizieren möchte. Erwähnt werden konnten hier nicht die Arbeiten von Almut Steinbach, Michael Müller, Miorita Ulrich, Felix Hinz, Andreas Weber und Jürgen G. Nagel.
[2] Ähnlich wie in Deutsch-Ostafrika setze sich also auch hier keine Macht betonende Germanophonie durch – Zufall oder Eigenheit des deutschen Kolonialismus’?
[3] Johannes Fabian, Time and the Other. How Anthropology Makes Its Object, New York 2002 (1983).
[4] Georg Bossong, Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie in der Romania. Von den Anfängen bis zu August Wilhelm Schlegel, Tübingen 1990.

ZitierweiseTimo Schulz: Rezension zu: Häberlein, Mark; Keese, Alexander (Hrsg.): Sprachgrenzen - Sprachkontakte - kulturelle Vermittler. Kommunikation zwischen Europäern und Außereuropäern (16.-20. Jahrhundert). Stuttgart 2010, in: H-Soz-Kult, 18.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=16211>.

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