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Theoretische und methodische Fragen

L. Abrams: Oral History Theory

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Andreas Eckert <andreas.eckertasa.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Oral History Theory
Ort:New York
Verlag:Routledge
Jahr:
ISBN:978-0-415-42755-5
Umfang/Preis:216 S.; € 22,99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jan Dunzendorfer, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <jan.dunzendorferhu-berlin.de>

Oral History – im Deutschen vielleicht noch am besten mit dem Begriff der „mündlich erfragten Geschichte“ (Herwart Vorländer) umschrieben – hat ihr Profil als hermeneutisches Verfahren der Geschichtswissenschaften in einer langen Auseinandersetzung mit zum Teil grundlegenden Kritikpunkten geschärft. Die Methode, Erinnerungen von Zeitzeugen mit Hilfe von Interviews als historische Quellen zu sichern, die dann weiteren Analysen offen stehen, ist auf allen denkbaren Ebenen in Frage gestellt worden. Die aktive Teilhabe der Historiker an der Produktion der Quellen stand dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Glaubwürdigkeit von Informationen, die auf Erinnerungen basieren. Aus diesen Zusammenhängen ist eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit einer Vielfalt von Theorien erwachsen, in die Lynn Abrams mit ihrem Buch „Oral History Theory“ eine handliche und gut strukturierte Einführung gibt.

Abrams hat vor ihren Hauptteil ein Kapitel gesetzt, in dem sie die Oral History als profilierte Wissenschaftstechnik herausstellt und Charakteristika markiert, in denen sich die Quellen der Oral History grundlegend von anderen historischen Quellen unterscheiden: Die Quellen sind gesprochen, erzählt, aufgeführt, ausdrücklich subjektiv, erinnert, wandelbar und sie entstehen aus einer aktiven Zusammenarbeit von Fragenden und Befragten. Abrams baut in diesem Kapitel aus, was sie in ihrer Einleitung bereits angesprochen hat, und was dann im Hauptteil noch einmal zur Sprache kommt. Dieses Kapitel hätte also in der Einleitung und im nachfolgenden Hauptteil aufgehen können, doch vielleicht muss man sich gelegentlich auch wiederholen, um einen Punkt besonders deutlich zu machen.

Oral History ist eine auf das Interview ausgerichtete Wissenschaftstechnik und sie generiert ihre Quellen in einem dialogischen, relationalen, diskursiven und kreativen Akt. In diesem Rahmen ist eine Reihe von theoretischen Schlüsselbegriffen entstanden, die den Leser durch das Buch lenken. Abrams zentrale Kapitel befassen sich mit den Dimensionen des Selbst, (Inter)Subjektivität, Erinnerung und Gedächtnis, Erzählstruktur und Performanz sowie mit der Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Macht und Ermächtigung. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen zentralen Konstituenten der mündlich erfragten Geschichte soll es ermöglichen, Verbindungen zu ziehen von individueller Erzählung zu genereller Erfahrung, von persönlichen zu allgemeinen Erlebnissen, von der Vergangenheit zur Gegenwart; so der Anspruch der Autorin an die Theorie (S. 16).

In ihrem Hauptteil macht Abrams von Anfang an deutlich, wie zentral die Figur der Erzähler für die Interpretation der erfragten Informationen ist. Die Befragten erzählen ihre Geschichte für gewöhnlich mit der Absicht, eine persönliche Vergangenheit zu präsentieren, die vor dem Hintergrund kulturell anerkannter Werte sowohl von ihnen selbst als auch von einem Publikum nachzuvollziehen ist. Diese im Interview reproduzierte Vergangenheit steht demnach in einem engen Verhältnis zur persönlichen Identität der Befragten. Mit anderen Worten: Die Chronologie einer Erzählung orientiert sich an den Protagonisten, diese positionieren sich in Relation zu ihrer Umwelt und ihre Darstellungen der Vergangenheit folgen einem Konzept von Kohärenz und Sinnhaftigkeit. Auch die historische Authentizität ist einer subjektiven Auswahl unterworfen, die vor allem der Selbstdarstellung der Erzähler folgt. Abrams betont die Notwendigkeit, sich mit grundsätzlichen Theorien zur Subjektivität zu beschäftigen, denn erst die Anerkennung der temporären Konstruktion von persönlicher Identität zwischen erlebter Vergangenheit und bestehenden kulturellen Diskursen ermögliche, diese individuellen Geschichten in einen größeren historischen Rahmen stellen zu können.

Doch beinhaltet ein Oral-History-Interview eine dreifache Kommunikation. Die Befragten müssen sich in ihren Erzählungen nicht nur mit sich selbst und den diskursiven Rahmenbedingungen auseinandersetzten, sondern auch mit den wissenschaftlichen Interviewern. Intersubjektivität ist das Stichwort, mit dem die Autorin herausstellt, dass die erfragte Geschichte sowohl durch die konkreten Beziehungen zwischen den beteiligten Personen im Gespräch geformt wird, als auch durch die Tatsache, dass die Geschichte für ein Publikum erzählt wird. Es ist Abrams wichtig, dass diese intersubjektiven Beziehungen in einem Interview anerkannt werden und dass die Fragenden reflektieren, welchen Einfluss ihre spezifische Person auf die Ergebnisse haben könnte.

Für die praktische Anwendung von Theorien des Selbst und der (Inter)Subjektivität in der Oral History benennt Abrams drei Schritte: Zuerst verlangt sie von den Interviewern Zuhören zu lernen, um den Fokus vom Fragen nach Informationen hin zur Interaktion zu verschieben und damit die subjektiven Positionen der Erzähler in den Blick zu nehmen. Des Weiteren ist ihr wichtig, sich auf die diskursiven Konstruktionen zu konzentrieren, die den Erzählern zugänglich sind. Und zuletzt sollte die Aufmerksamkeit den sozialen Interaktionen gelten, die im Interview selbst eine Rolle spielen.

Ob unter der Überschrift von Erinnerung, Narration oder Performanz, die grundlegenden Forderungen von Abrams bleiben alle Kapitel des Hauptteils hindurch die gleichen: Die Grundlage der Oral History sind Erzählungen, die auf Erinnerungen basieren. Welche Zugänge man auch wählt, immer werden Bilder, Geschichten und Emotionen vergangenen Lebens vorgetragen, sie sind subjektiv neu geordnet und im größeren Rahmen eines aktuellen sozialen und kulturellen Kontextes platziert. Theorien des Gedächtnisses, der Narration oder der Performanz sind interdisziplinär ausdifferenzierte Werkzeuge, die inhaltliche wie formale Strukturen letztlich mit einem Ziel in den Blick nehmen: Die nicht statische Entität der erfragten Geschichte in ihrer komplexen Zusammensetzung zwischen individueller Identität, prägenden Diskursen und aktiver Beteiligung der Historiker zu erfassen und gewinnbringend für eine geschriebene Geschichte einzusetzen.

Die Beschäftigung mit den Theorien der Erinnerung, der Narration und der Performanz hat in der Oral History vor allem eine Verschiebung der Interessenschwerpunkte bewirkt. Im Zentrum steht nicht mehr die Erinnerung als Zwischenlager historischer Fakten, sondern die Art und Weise ihrer Präsentation, die Darstellung der erlebten Vergangenheit, sie erst führt in der Analyse zu einem Bild der Geschichte (S. 99). Das hat auch Einfluss auf die Form der Interviews: Das bei der Jagd nach historischen Informationen so beliebte Frage-Antwort-Raster ist einem Erzählen von Lebensgeschichten gewichen. Das neue Format und seine Analysewerkzeuge bedingen sich gegenseitig.

In ihrem sehr interessanten Schlusskapitel setzt sich Abrams mit der Wissenschaftsgeschichte der Oral History auseinander. Unter den Schlagworten von Macht und Ermächtigung verfolgt sie in einem Dreischritt die Entwicklung der Oral History als eine nicht zuletzt politische Wissenschaftstechnik, die mit der Intention geschaffen wurde, den stummen Zeugen der Geschichte eine Stimme zu geben: Arbeiter, Frauen, Verfolgte des Holocaust und African Americans wurden seit den 1940er-Jahren im großen Stil interviewt. Diese bis dahin marginalisierten Gruppen der Geschichtsschreibung sollten auf diesem Weg für sich selbst sprechen dürfen. Als einen zweiten Entwicklungsschritt beschreibt Abrams die kritische Auseinandersetzung innerhalb der Oral History mit ihren eigenen politischen Ansprüchen und den Konzepten von Ermächtigung, und in einem dritten Schritt stellt sie einen Konsens vor: Von einer Fürsprache oder auch einer Anwaltschaft für Gruppen am Rande einer Geschichtsschreibung zu sprechen, würde deutlicher zwischen Quelle und Interpretation unterscheiden und die jeweiligen Positionen und Möglichkeiten von Erzählern und Historikern kennzeichnen.

Das Buch ist in acht Kapitel untergliedert, eine Reihe von Schlagworten und kurzen Überschriften strukturieren diese auf wenigstens zwei weiteren Ebenen. Alle Kapitel im Hauptteil folgen demselben strengen Schema mit einer Einleitung, einem allgemeinen Theorieteil zum jeweiligen Schlüsselwort, gefolgt von einer Anpassung der Theorie an die Oral History, einem Versuch der praktischen Umsetzung der Theorien und der Conclusio. Weiterhin bietet „Oral History Theory“ neben dem obligatorischen Fußnotenapparat ein dünnes Glossar, eine der Gliederung des Buches folgende gute Auswahlbibliographie und einen Index. Abrams eigenen Forschungsschwerpunkte liegen auf der Arbeiter- und Geschlechtergeschichte und in der Tradition dieser wissenschaftlichen Orientierungen setzt sie sich schon seit geraumer Zeit mit Oral History auseinander. Ihr fachkundiger und weitreichender Einblick in die Theorienwelt der Oral History ist für Historiker sowie Vertreter anderer Disziplinen konzipiert, die Interviews schon als Arbeitsinstrument nutzen und Zugang zur Interpretation ihres generierten Materials suchen. Es bietet explizit keinen Einstieg in die praktischen Techniken von Oral History (S. 3). Nichtsdestotrotz legt Abrams Wert darauf, dass die Ergebnisse einer Oral History nicht unabhängig vom Prozess des Interviews gelesen werden können. In diesem Sinne sensibilisiert Abrams gelungener Theorieüberblick die Leser am Ende doch noch für die Praxis der Oral History.

ZitierweiseJan Dunzendorfer: Rezension zu: Abrams, Lynn: Oral History Theory. New York 2010, in: H-Soz-u-Kult, 20.04.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-057>.

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